Mit persönlicher Empfehlung von Florian Stiehler: Jasper Fforde – Der Fall Jane Eyre
Als mich der erste Hunger heute gefühlt mittags von der Tastatur auf die Armbanduhr blicken ließ, hatte ich unwillkürlich den Eindruck, Zeitdiebe müssten mir Stunden meiner Tageszeit geraubt haben, um sie in kleinen grauen Zigarren rauchreich zu verpaffen. Es war 15:30 Uhr. Und es geht augenscheinlich nicht nur mir so: Nur Minuten später wünschte sich mein Kollege vom Schreibtisch gegenüber eine Woche Extra-Zeit nur für sich allein, um endlich einmal alle angestaute Arbeit erledigen zu können. Bei uns anderen solle die Zeit in dieser Woche stehen bleiben. Eine traumhafte Idee für eine Bestellung beim Universum finde ich. Denn ich hetzte nur so durch meine Tage, immer auf der Flucht vor dem großen Zeiger.
Und all die schönen Dinge des Lebens kommen viel zu kurz. So auch das Lesen. – Oh weh, das sagt selbst die Buchbloggerin. – Schenke ich meiner Eimsbüttler Buchhändlerin Glauben, werden 70 Prozent aller gekauften Bücher nie gelesen. Ich wage nicht es an meinen Regalreihen nachzurechnen. Die großen Verlage, sagt meine Buchhändlerin, könnten unbesorgt die Hälfte ihrer Klappentexter entlassen. Denn das Gros der Bücherkäufer nimmt sich nicht einmal die Zeit, die kurzen Handlungszusammenfassungen zu lesen. Die meisten kaufen schlicht nach Gefallen des Covers. Das schafft Arbeitsplätze für Grafiker und bringt mich zum Nachdenken. 
Und ich beschließe, dieser Blog muss wirtschaftlicher werden. Ich kann nicht alles ganz allein lesen und erfinde eine neue Rubrik: „Mit persönlicher Empfehlung“. In Zukunft lesen die Leser hier mit und empfehlen Lesenswertes mit kurzer Inhaltsangabe und persönlicher Begründung.
Den Anfang macht Kristina (33), Opernregisseurin und Stadtführerin aus München. Kristina liest eigentlich alles, was ihr unter die Finger kommt – derzeit arbeitsbedingt vor allem Sachbücher zum Thema München. Sie empfiehlt Rot von Uwe Timm, die Geschichte des ehemaligen Achtundsechzigers, Jazzkritikers und Beerdigungsredners Thomas Linde, der soeben von einem Auto überfahrenen wurde und in der kurzen Zeitspanne zwischen Leben und Tod von den letzten Tagen und Wochen seines Lebens berichtet, von der Liebe, von seiner um zwanzig Jahre jüngeren Geliebten, von Revolution und dem Scheitern von Lebensträumen.
Kristina empfiehlt Rot, „weil es wie ein gutes Musikstück geschrieben ist und scheinbare Widersprüche in sich vereint: eine klare Struktur voller erzählerischer Verschlingungen; eine sachliche Sprache voller Dynamik; Leidenschaft und Poesie. Und nebenbei wird auch noch eine spannende Geschichte erzählt…“
mehr LesenWäre es nicht so absurd, käme es mir fast lustig vor. Und zugegeben beim Lesen des Spiegel-Artikels „Deutschland – ein Ökomärchen“ musste ich einige Male lauthals auflachen. Und das obwohl mir Autor Alexander Neubacher in seinem Essay eigentlich genau das erzählt, was ich nicht hören möchte: Meinen kleinen, alltäglichen Beitrag zum Thema Umweltschutz kann ich getrost in die Tonne treten, der bewirkt herzlich wenig. Und wir Deutschen sind meilenweit davon entfernt, besonders umweltbewusst zu leben, selbst die Grünsten unter uns.
Zunächst klingt es absurd, aber Neubacher macht mir schnell plausibel, warum zum Beispiel die deutsche Mülltrennung am Ende wertlos und verschwendete Liebesmüh ist. Wenn das duale System nämlich nur 36 Prozent des Plastikmülls „wertstofflich verwerten“ muss, die Müllfirma hingegen mit dem Rest verfahren kann, wie sie will und voraussichtlich den Weg wählen wird, mit dem sie das meiste Geld verdient, wird eben trotz all unseres Mülltrennungs-Engagements 64 Prozent des deutschen Plastikmülls verbrannt.
Ein ebenso verqueres Beispiel ist die neue Energiesparleuchte, die EU-weit seit kurzem unsere alte Glühbirne ersetzen soll. Die verbraucht zwar deutlich weniger Strom als ihre Vorgängerin, dafür stecken in jeder einzelnen Sparleuchte fünf Milligramm Quecksilber und machen diese damit zu einem Fall für die Sondermülldeponie. Eine Nürnberger Entsorgungsfirma hat extra eine Maschine erfunden, die jede einzelne Birne vorsichtig aufsägt, den Leuchtstoff samt Quecksilber absaugt, das Gemisch luftdicht in Tüten verpackt, per LKW in den Harz fährt und dort in einem Salzbergwerk tief unter der Erde endlagert. Ein absurdes Szenario – vom Gesundheitsrisiko zerbrochener Birnen und der Umweltbelastung bei der Herstellung der Leuchten gar nicht zu sprechen.
Doch Spiegel-Redakteur und Träger des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises Alexander Neubacher kennt noch beunruhigend viele weitere Szenarien dieser Coloeur: Das Elektroauto, das mit herkömmlichem Strom betrieben mehr CO2 freisetzt, als ein Benzinfahrzeug. Und das Dosenpfand, das ausgerechnet die umweltfreundliche Mehrwegflasche aus dem Handel drängt, sind nur zwei Beispiele. Die Dinge sind eben manchmal komplizierter, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, so Neubacher abschließend. Da muss ich ihm zweifelsohne Recht geben. Und weil mich sein Artikel tatsächlich nachdenklich gestimmt hat, beschließe ich, sein neues Buch zu bestellen. „Ökofimmel – Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten“, ist gestern bei Random House erschienen.
mehr LesenVor einem Jahr, am 11. März 2011, erschütterte das gewaltige Tohoku-Erdbeben Japan und löste die Havarie des Atomkraftwerkes Fukushima aus. Und auch wenn sich das Beben aus meiner Perspektive am anderen Ende der Welt ereignete, erschütterte es doch auch meine Welt hier beträchtlich. Wochenlang verfolgte ich die Medienberichte über den Störfall und erlebte zugleich, wie ein ganzes Land energiepolitisch von einem auf den anderen Tag umdachte. Andererseits lernte ich in diesen Tagen viel von einer nachdenklichen, jungen Frau aus Tokio.
Mein Freund Tim, Journalist in Berlin, erzählte mir bereits am 11. März von seiner Bekannten aus Studientagen: Yuko, die so gut zeichnen kann. Als Tim die Nachrichten über das Erdbeben in Japan las, machte er sich Sorgen um Yuko und schrieb ihr über Facebook eine Nachricht. Yuko antwortete. Es ging ihr gut, aber sie hatte Redebedarf und erzählte Tim viel mehr als erwartet. Und plötzlich hatte „Fukushima“ oder „3/11“, wie wir heute schlicht sagen, für Tim eine ganz neue Facette angenommen.
Tim berichtete einem Redakteur des SZ-Magazins von seiner japanischen Freundin. Und innerhalb von Stunden war die Idee zum „Tagebuch aus Tokio“ geboren, das bereits einen Tag später erstmals online auf www.sz-magazine.de erschien: Yuko schrieb und zeichnete ihre alltäglichen Erlebnisse und Gedanken und schickte sie an Tim. Tim übertrug die Texte ins Deutsche und bereitete sie für die Online-Ausgabe des SZ-Magazins auf. Und nicht nur unsere Freunde und Bekannten bewunderten die Zeichnungen und lasen die Texte der jungen Frau aus Tokio von da an regelmäßig. Die Resonanz war beeindruckend.
Aber Yukos Tagebuch schaffte auch etwas, was kein Zeitungsartikel oder Fernsehbericht mit neuen Zahlen, Daten, Fakten über die katastrophale Lage in Japan erreichen konnte. Es zeigte die Innenansicht einer japanischen Seele. Denn Yuko schrieb ihre Gedanken und Gefühle sehr offen und emotional nieder. Und die junge Frau verordnete sich spürbar, trotz all der Zerstörung und Angst um sie herum möglichst normal weiterzuleben.
So schrieb Yuko am 15. März: „Wir machen uns Mut, denn wir müssen uns Mut machen.“. Am 25. März traf Yuko sich erstmals wieder im Junge-Leute-Viertel Tokios mit ihren Freundinnen, den „Power Generation Girls“. Am 8. April rüttelte sich Yuko selbst auf: „Ich sollte nur noch einmal täglich Nachrichten lesen. Sonst werde ich noch ein richtiger Disasterholic. Ich sollte mir vor allem meine eigene Realität wieder stärker ins Bewusstsein rufen: Meine Wohnung ist sicher. Kein einziges Weinglas ist zu Bruch gegangen. Alle meine Freunde leben noch. Meine komplette Familie ebenso. Selbst meinen Job habe ich noch. Also mach Dich mal locker Yuko. Alles locker..“
Durch Yuko erlebte auch Tim die Wochen und Monate nach der Katastrophe von Fukushima viel intensiver. Und er fand in Yuko eine Vertraute. „Unsere Freundschaft ist heute viel enger als früher, wir haben uns noch einmal neu kennengelernt“, erzählt er. Ein besonders Erlebnis aus dieser Zeit hatte er in einem Telefonat mit seinem Vater: Der politisch Konservative, der stets für Atomenergie eingetreten war, zeigte sich im Telefonat mit seinem Sohn so entsetzt über die Vorfälle in Japan, dass er plötzlich all seine Prinzipien über Bord warf und eingestand: Atomkraft ist wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Tim war beeindruckt.
Zum Jahrestag der Katastrophe, bringt der Hamburger Carlsen Verlag Yukos und Tims Tagesbuch jetzt erstmals in Buchform heraus. Und am vergangenen Samstag Abend stellten Yuko und Tim „3/11 – Tagebuch nach Fukushima“ in der sympathischen Hamburger Comic-Buchhandlung Strips&Stories vor. Und es zeigte sich, das Thema Fukushima ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber eine so emotionale Innenansicht der Ereignisse von 2011 gibt es nur einmal.
Ausschnitt aus der Lesung von Tim und Yuko am 10. März 2012 im Strips&Stories, Hamburg
Weitere Lesetermine mit Yuko und Tim: Dienstag, 13. März, 20 Uhr: Berlin, Café Dresden, Dresdner Straße 19 und Samstag, 17. März, 11 Uhr: Leipziger Buchmesse, Messe Leipzig, Comic-Forum Schwarzes Sofa, Halle 2, Stand H601
mehr LesenDO! Kurz vor dem Wochenende ist mir noch eine lesenswert leichte Lektüre auf den Schreibtisch geflattert: Das neue Lifestyle- und Einrichtungs-Magazinchen Couch. Die kleine Schwester von Schöner Wohnen aus der Zeitschriftenfamilie Gruner und Jahr sieht ein bisschen aus wie die Glamour für Wohnstyling. Und beim Durchblättern und Hineinlesen zeigt sich, sie macht ebenso viel Spaß. Das handliche
Magazinchen (im Pocket-Format) liest sich wie ein niedlich kommentierter Ikea-Katalog gespickt mit praktischen Tipps, Home-Storys und Designerportraits, ist schick bebildert und somit die Art leichte Lektüre, die man herzlich gerne Wintersonntags mit auf die Couch nimmt. DON’T! Deutlich weniger begeistert hat mich leider die aktuelle Ausgabe des Prinz. Das Stadtmagazin habe ich seit geschätzten 15 Jahren abonniert. Heute habe ich gekündigt. Seit dem letzten Relaunch ist der Prinz nur noch ein Abklatsch seiner selbst. Die Grafikabteilung wurde augenscheinlich komplett wegrationalisiert, von durchdachtem Layout keine Spur. Die Themen der Februar-Ausgabe sind allesamt nicht neu. – Wie oft habe ich in den letzten Jahren den
großen Fitness-Studio-Test gelesen? – Aktuelle Reportagen oder Geschichten aus den Städten fehlen ganz, statt dessen versucht der Verlag den Verkauf jetzt mit Rabatt-Coupons anzukurbeln. Und die Kurzbesprechungen aus den Standardkategorien Gastro, Film, Musik, Shopping und Nightlife sind zwar oft treffend, aber in Zeiten des Internet leider wahrlich den Kauf einer Zeitschrift nicht wert. – Schade um den Prinz!
Vor ein paar Jahren schrieb ein britischer Musiker Schlagzeilen, weil er im Internet seine Seele verkaufen wollte. 25.000 Pfund wollte der arbeitslose Dante Knoxx für eine Beteiligung an seinem Innersten und etwaigen künftigen finanziellen Erfolgen haben. Das Online-Auktionshaus Ebay stoppte die Versteigerung, weil sie gegen die Richtlinien verstoße. Dante Knoxx blieb auf seiner Seele sitzen.
Beim Lesen dieser Episode muss ich unwillkürlich schmunzeln, obwohl eine verkaufte Seele eine ernste Angelegenheit ist. Für Dante Knoxx stand immerhin der eigene Lebensunterhalt auf dem Spiel. Da haben andere schon für deutlich weniger Einsatz Geschäfte mit dem Teufel gemacht. Denn in der Praxis erweist es sich als gar nicht so leicht, stets moralisch integer zu handeln.
In einer Zeit, in der sich alles um Profit dreht, und selbst Krankenpflege wirtschaftlich sein muss, um noch finanzierbar zu sein, ist das Thema aktueller den je. Tagtäglich müssen wir uns fragen, ob wir es uns überhaupt leisten können, unseren Prinzipien treu zu bleiben oder ob wir längst den Pakt mit dem Teufel geschlossen haben.
Wieder einmal erweist sich Goethe als erschreckend zeitlos. Denn er war es ja, der bereits vor 204 Jahren den Verkauf der Seele thematisierte, als er aus der Geschichte des historischen Doktor Faustus das bedeutendste Drama der deutschen Literatur schuf: Die Tragödie des gescheiterten Wissenschaftlers Johann Faust, der für ein bisschen Lust und Lebensfreude seine Seele an den Teufel, in Gestalt des imposanten Mephistopheles, verschacherte. Um die Lektüre von Goethes Faust kommt bis heute kein Abiturient herum.
Ob Alexander Sukurovs neueste Verfilmung, die heute in die deutschen Kinos kommt, das Zeug zum Lehrmaterial an Schulen hat, ist fraglich. Vermutlich werden auch unsere Enkel noch die obligatorische Peter Gorski-Verfilmung mit Will Quadflieg und Gustaf Gründgens im Deutschunterricht zu sehen bekommen.
Denn Sukorov hat Goethes Drama äußerst frei interpretiert. Hier ist Faust kein unbedarfter alter Mann, der seinen Verstand über Bord wirft und in eine Falle tappt. Sukurov konzipierte Faust als vierten Teil einer Tetralogogie über die Macht und das Böse. Auf Filme über Adolf Hitler, Wladimir Lenin und Kaiser Hirohito ließ er die Geschichte des Machtmenschen Faust folgen. Mit den historischen Machthabern hat Sukorovs Faust das Gefühl des eigenen Unglücks gemeinsam, aus dem das Böse erwächst.
Als barockes Karnevalsstück hat Sukurov sein Sujet inszeniert. Hauptsächlich mit deutschen Schauspielern und in deutscher Sprache gedreht, hat seine zweieinhalb Stunden lange Adaption von Goethes Drama rund zehn Millionen Euro gekostet. Damit zählt Faust zu den aufwändigsten Filmproduktionen in Russlands Kinogeschichte. Sukorov sprach sogar bei Vladimir Putin vor, um den Film zu finanzieren. In ihm entdeckte Sukurov nach eigener Aussage einen Fan der deutschen Literatur. Putin soll acht Millionen beigesteuert haben.
Und das Ergebnis? – Die Kritiker sind geteilter Meinung: „Das Opus ist von einer Überladenheit, mit der einen die Polizei von Venedig über keine Brücke lassen würde“, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Die ARD nennt den Film „exzentrisches Poem, Höllentrip und grandiose Kunstanstrengung zugleich“. Deutschlandradio spricht von einem „betörenden Filmkunstwerk“. Und die 3sat Kinoredaktion fühlt sich gar an Stan Laurel und Oliver Hardy erinnert.
Aber ob Kitsch oder Kunst, Fakt ist, Faust gewann bei den Filmfestspielen in Venedig den goldenen Löwen. Denn, so schloss Darren Aronofsky („Black Swan“, „The Wrestler“), Jurypräsident der Filmfestspiele von Venedig seine Laudatio, „es gibt Filme, die dich zum Träumen, zum Weinen, Lachen und Nachdenken bringen, und es gibt Filme, die dein Leben für immer verändern. Dies ist einer dieser Filme“ – vielleicht auch, weil Sukurovs Faust recht gut als Knoten im Taschentuch der Prinzipientreue taugt.
mehr Lesen„Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden“, schrieb Theodor Adorno 1959 in seiner Theorie der Halbbildung. Und auch wenn der Frankfurter Soziologe und Philosoph damit wohl eigentlich auf den Verfall der Bildung hinweisen wollte, skizzierte er mit dieser Zeile zugleich auch einen Trend, der bis heute andauert.
Spätestens vor drei Monaten, als ein mir bis dahin gänzlich unbekannter Schwede den Nobelpreis für Literatur gewann, begriff das auch ich. Tomas Tranströmer gewann den Preis für sein Lebenswerk, 12 Gedichtbände. Tranströmer ist Lyriker. Und das ist womöglich auch der Grund, warum zumindest ich nie zuvor von ihm gehört hatte. Denn Lyrik ist in Deutschland heute mehr denn je Nische. Und das obwohl, wie die Feuilletonisten jubilieren, die junge deutsche Lyrikszene hochkarätig besetzt ist.
Ehrlich gesagt, wirklich intensiv habe ich mich zuletzt im Deutschunterricht mit Lyrik befasst. Mit den unterschiedlichen Dichtern der unterschiedlichen Epochen und das zugegeben mit sehr unterschiedlichem Interesse. Aber so mühsam ich auch in der Abiturvorbereitung barocke Sonette seziert habe, so begeistert habe ich später Gottfried Benn, Erich Kästner, Paul Celan und Christian Morgenstern auswendig gelernt.
Und ebenso wie es mir mit der neueren deutschen Prosa erging, erlebte ich die Lyrik: Je moderner, desto ansprechender. Robert Gernhardt habe ich verschlungen. Doch dann veränderte der Zeitgeist die Gedichte. Und die alte Regel galt nicht mehr. Plötzlich war es umgekehrt: Je zeitgenössischer ein Gedicht, desto schwerer der Zugang. Und ich verlor die Lyrik aus den Augen.
Denn ich hatte die gelenken Reime Erich Kästners, die charmant die Tragik des Lebens auf den Punkt dichteten, wirklich gemocht. Ich hatte mich für Christian Morgensterns scheinbar naive Parabeln in Reimform begeistert. Und ich kam mir plötzlich altbacken vor, wenn ich meine lyrischen Jugendidole mit zeitgenössischen Dichtern verglich.
Die großen deutschen Gegenwartslyriker, so lese ich, heißen inzwischen Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb, Michael Lentz. Die jungen Lyriker der Stunde Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann und Uljana Wolf u.a. Allesamt sind sie mir unbekannt. Ich lese ich ihre Gedichte und finde ich sie anstrengend. Ich verstehe sie nicht beim ersten Lesen. Und ihr Stil ermuntert mich nicht, es noch einmal zu versuchen. Ich wende mich ab. Ein imaginäres Vorhängeschloss verschließt mir den Zugang zur zeitgenössischen Dichtung.
Und nun? Vielleicht sehe ich mich erst einmal in der Musik nach Lyrik um? So abwegig ist das nicht. Immerhin galt Bob Dylan im vergangenen Oktober laut Ranking der Wettagentur Ladbrokes eine Woche lang als Favorit für den Literaturnobelpreis. Ob Bob Dylan tatsächlich zur Diskussion stand oder die Meldung nur eine Wettbüro-Ente war, weiß wohl nur das Stockholmer Nobelpreis-Kommitee zu beantworten. Ich mache derweil bei der Durchsicht meiner Buchmessen-Mitbringsel eine Entdeckung:
Dass Musik der Schlüssel zu moderner Lyrik sein kann, dachte sich nämlich auch die junge und schon vielfach preisgekrönte Lyrikerin Ulrike Almut Sandig und vertonte ihre Gedichte (in Zusammenarbeit mit Marlen Pelny) in stimmungsvollem Sprechgesang mit Gitarrenbegleitung. Rhythmisch, aber auf eigenwillige Weise die natürliche Satzbetonung aushebelnd, gelingt es ihr zugleich die zentralen Aussagen ihrer Texte hervorzuheben und mich für ihre Texte gewinnen. Ich folgte ihr scheinbar mühelos in eine zugegeben sehr phantastische Welt.
Merkwürdig, dass der Musik so leicht gelingt, was gerade noch unerreichbar schien. Aber wie es scheint, funktioniert das Konzept nicht nur in diesem Fall. Zahlreiche Verlage werben bei genauerem Hinsehen mit Lyrikvertonungen. Denn so wenig lyrikaffin wie ich ist die Mehrheit der Deutschen. So ist für viele Verlage die Aufnahme von Gedichtbänden junger Lyriker in ihr Programm eine riskante Angelegenheit. Eine Auflage von 200 bis 300 Exemplaren ist scheinbar geradezu rekordverdächtig. Dementsprechend dankbar wird jede erfolgsversprechende Vermarktungsidee aufgegriffen.
Hier schließt sich der Teufelskreis. Nische ist Luxus für Elitäre. Und lebten wir nicht in einer Welt der digitalen Verbreitung, des Print on demand und der elektronischen Vertriebswegverkürzung, könnte sich der Literaturbetrieb womöglich bald keine Lyriker mehr leisten. Schon aus diesem Grund gelobe ich Besserung. Ich versuche es wieder mit der Lyrik.
Ulrike Almut Sandig derweil freut sich über das positive Echo ihrer jüngsten CD und sagt, sie schreibe ihre Gedichte natürlich nicht auf die Vertonung hin. „Es gibt Gedichte, die leben hundertprozentig von einer gewissen Stille, die kann man gar nicht vertonen.“ – Junge Fans hat die sympathische Leipzigerin, die bereits 2006 den renommierten Meraner Lyrikpreis gewonnen hat, mit ihrer Bühnenperformance dennoch hinzugewonnen, so auch mich. (Nächste Termine von Ulrike Almut Sandig) Ermutigt sehe ich mich nach einer Tranströmer Vertonung um.
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Geldgeilheit. Ignoranz. Kulturimperialismus. Was sonst kann die Erklärung sein für eine Neuverfilmung von Stieg Larssons Roman Verblendung?
Nein, Hollywood ist nicht an der Kunst interessiert. Sondern am Geld. Das ist kein Geheimnis. Hollywood dreht Filme, die den Menschen unterhalten. Die ihn selten zum Nachdenken zwingen. Die es ihm leicht machen, weil er (Du, Ich) sich leicht fühlen will. Und einen Film zu produzieren ist weder billig noch leicht.
Es ist ein kalkuliertes Risiko, und das will minimiert werden. Je mehr man es dann minimiert – indem Rollen mit berühmten und teuren Schauspielern besetzt werden und die Special-Effects-Abteilung mit Eyecandy um sich schmeißt –, desto teurer wird ein Film. Und desto höher ist dann wieder das Risiko und desto mehr muss dieses anschließend minimiert werden. Paradox, oder?
Aber wäre es nicht auch lächerlich, Hollywood diesen Mechanismus ausgerechnet jetzt vorzuwerfen? Nur weil es so offensichtlich ist, und die US-Neuverfilmung von Stieg Larrsons Millennium-Trilogie anläuft, bevor das Filmblut von „Vergebung“ getrocknet ist? Schießlich wurde der Thriller um den investigativen Journalisten Mikael Blomkvist und die taffe Hackerin Lisbeth Salander wurde erst 2009 verfilmt.
Der Regisseur damals hieß Niels Arden Oplev. Heute ist es der anerkannte Stilist David Fincher, bekannt für „Fight Club“ oder „The Social Network“. Blomkvist wurde in der skandinavischen Version von einem Schauspieler namens Michael Nyqvist gespielt. Der neue Reporter ist James Bond alias Daniel Craig. Das meine ich mit Risiko minimieren.
Die Story bleibt übrigens nahezu unverändert: Das millardenschwere Oberhaupt einer schwedischen Industriellenfamilie beauftragt Blomkvist mit der Suche nach seiner vor Jahrzehnten verschwundenen Nichte. Hilfe erhält er von der inselbegabten Hackern Lisbeth, die sich zudem gegen ihren perversen Vormund wehren muss.
Und jetzt könnte man ansetzen, dass der Film längst nicht so gut sei wie das Original. Dass man sowieso innerhalb so kurzer Zeit keine neue Version des Filmes brauche. Es sei ja schon alles erzählt, und zwar bereits zweifach. Aber das ist auch ein klein wenig elitär. Denn der Film wurde für ein vorwiegend amerikanisches Publikum gedreht, und die Amis mögen nun mal keine Untertitel lesen.
Den Film nicht zu drehen, aus Prinzip, weil man das nicht macht, weil man sich selbst in das grelle Scheinwerferlicht der Kulturkritik stellt, als Plagiator, hieße den Stoff den vermeintlich Ignoranten vorzuenthalten. Und das wäre fast noch ignoranter.
Zumal der Film alles andere als schlecht ist. Die relativ unbekannte Schauspielerin Rooney Mara macht ihre Sache als Lisbeth Salander gut. Selbst Daniel Craig ist im Prinzip keine Fehlbesetzung – auch wenn er für einen investigativen Stubenhocker, der zu viel trinkt und zu viel raucht, zu viele Muskeln hat. David Fincher erweist sich abermals als guter Regisseur, der in unaufdringlichen Bildern und typisch schwedischen Settings versucht, den Film europäisch aussehen zu lassen. Und tatsächlich schafft er das auch. „Verblendung“ unterscheidet sich gar nicht so sehr von „Verblendung“.
Wer die skandinavischen Filme schon gesehen hat, muss den neuen amerikanischen also nicht unbedingt gesehen haben. Wer hingegen noch ganz unbedarft ist, dem sei die Geschichte ans Herz gelegt. In welcher Version auch immer. An besten natürlich in der Geschriebenen.
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Platz 1. Nino Haratischwili, Juja: Eine Geschichte über die Bedeutung von Geschichten. Herausragend geschrieben.
Platz 2. Maxim Gorki, Kinder der Sonne: Zwei Wissenschaftler, ein Künstler, eine Kranke, ein Tierarzt, eine reiche Witwe und ein Hausmeister begegnen sich täglich und tauschen sich aus. Dabei kreisen sie um einander, um Liebe, Politik und den Sinn des Lebens, sind idealistisch und desillusionioniert – damals wie heute von bestürzender Aktualität.
Platz 3. Mohsin Hamid, Der Fundamentalist, der keiner sein wollte: Auf einem Platz in Lahore trifft ein Pakistani auf einen amerikanischen Reisenden und lädt ihn auf einen Tee ein. Es folgt eine einseitige Konversation mit ungewissem Ende. Klingt banal, aber was Hamid daraus macht ist sehr beeindruckend. Extrem geschickter Spannungsaufbau (anfangs merkt man es kaum), wunderbare Sprache und ein grandioses Ende, was dazu verführt das Buch gleich wieder zu lesen.
Platz 4. Tschingis Aimatow, Dshamilja: Wunderschöne Liebesgeschichte um eine selbstbewusste Frau.
Platz 5. Jörg Maurer, Niedertracht, das Hörbuch vom Autor gelesen: Sehr schöner Alpenkrimi mit viel Lokalkolorit, abgründiger, aber nicht zu gewalttätiger Handlung, glänzend vom Autor in den verschiedenen Idiomen des Alpenraumes gesprochen.
Platz 6. Haruki Murakami, 1Q84: Der wahrscheinlich populärste, weil westlichste japanische Autor der Gegenwart ist ein Meister der Verschmelzung von Alltagsbeschreibungen und phantastischer Literatur. Und weil er es außerdem schafft, uns seine liebenswerten Charaktere nahe zu bringen, gehören die drei Bände von 1Q84 auf jede Lesenswertliste.
Platz 7. Dieter Baake, Jugend und Jugendkulturen: Lesenswertes Sachbuch eines deutschen Wissenschaftlers und Professors für Pädagogik über Ursprünge und Inhalte von Jugendkulturen vom Beatnik bis zum Raver.
Platz 8. Fabio Volo, Noch ein Tag und eine Nacht: Romantische Lovestory vor der Kulisse Manhattans. Sehr anrührend ohne kitschig zu sein. In einer Nacht verschlungen!
Platz 9. Anton Tschechow, Onkel Wanja: Pointierte Szenen aus einem trostlos gewordenen Landleben. Onkel Wanja hat sein Leben lang rechtschaffen gearbeitet und ein Landgut verwaltet, dessen Erträge er nicht eingenommen hat. Als er erkennt, dass der Eigentümer nicht das intellektuelle und integere Vorbild ist, was er vorgab zu sein, resigniert er und verfällt dem Alkohol.
Platz 10. Elfriede Jelinek, Der kleine Niko: „Es hat alles aufgehört. Da hört sich ja alles auf! Nein, nein, es hat schon aufgehört. Haben Sie das denn nicht gemerkt? Merken Sie sich, dass alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht“, schreibt Elfriede Jelinkek und meint damit die Pressefreiheit im Allgemeinen, die Unabhängigkeit des ORF im Besonderen und sieht nebenbei bereits das Ende der Sozialdemokratie voraus. „Die Sozialdemokratie als Maßschneiderei für Karrieren, so endet sie.“ Damit reagiert die österreichische Literaturnobelpreisträgerin auf die angekündigte Einsetzung des 25-jährigen Niko Pelinka – Sohn eines Chefredakteurs, Neffe eines Politikwissenschaftlers und quasi von klein auf SPÖ-Mitglied – als Büroleiter des ORF Generaldirektors Alexander Wrabetz. „Dieses Unternehmen wurde gegründet, damit uns die Wahrheit gesagt werden soll, aber wie geht das zusammen, die Wahrheit und das, was da ist?“, wundert sich Jelinek über das Vorgehen in der ORF-Generaldirektion und setzt diese mit einer Parteizentrale gleich. – Lesenswert, wenn auch nicht immer leicht zu lesen, aber zornig und sprachlich auf den Punkt.
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