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Logo_dbp_13_RGBAm Mittwoch gab die Jury des Deutschen Buchpreises die diesjährige Shortlist bekannt und setzte mit ihrer ambitionierten Auslese zugleich ein Statement. Kritikern, die dem Preis zuletzt vorgeworfen hatten, zum Populärliteratur-PR-Spektakel zu verkommen, sollte angesichts dieser Top Sechs die Häme im Halse stecken bleiben. Die Feuilletons jedenfalls attestierten der Jury Unabhängigkeit und Mut zur Nische.

„Der Buchpreis fährt mit Begeisterung zur Hölle“, so Richard Kämmerlings in der Welt. „Eine literarisch höchst anspruchsvolle Shortlist“, nennt die FAZ die Finalisten. „Unter den sechs Kandidaten ist kein Buch, das sich einfach so ,weglesen‘ lässt.“ „S wie Sensation, Ü wie Überraschung“, titelte Spiegel Online in Anlehnung an Daniel Kehlmanns neuen Roman „F“, der es überraschend nicht auf die Shortlist geschafft hatte.

Ebenso wenig wie Uwe Timms ,Vogelweide‘, Thomas Glavinics ,Das größere Wunder‘ oder Norbert Gstreins ,Eine Ahnung vom Anfang‘. Dafür setzten sich Überraschungskandidaten wie Monika Zeiner mit ihrem bereits im Frühjahr erschienenen ,Die Ordnung der Sterne über Como‘ durch oder der kommerziell bisher verhalten erfolgreiche Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl mit seiner düsteren Science Fiction Vision ,Nichts von Euch auf Erden‘.

Short List Buchpreis 2013Düster ist ohnehin ein passendes Stichwort für die diesjährige Shortlist, deren Themenwelten alles andere als optimistisch wirken: Die Frauen versetzen sich in Männer, die Männer ins Weltgeschehen. Und auf Frauentode – vorzugsweise Selbstmorde – trifft man in auffälliger Häufung. Die Gelisteten scheinen es bitter nötig zu haben, durch ihr Vorrücken auch in den nächsten Wochen noch weiter im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen.

Und während ich noch überlege, welchen der sechs Shortlist-Schinken ich mir in den nächsten Wochen bis zur Preisverleihung – zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, am 7. Oktober 2013 – vornehme, sticht mir eine Neuerung ins Auge, die ich spontan viel spannender finde, als alle Nominierten, die Buchpreis-App.

Buchpreis AppDie Idee ist einfach, die App stellt alle Preisträger und Nominierten der Longlists und Shortlists von 2008 bis heute mit Kurzbiographie, Lese- und Hörprobe vor, ist verlinkt zu den Websites der Verlage und findet überdies mittels Smart Phone Ortungssystem die umliegenden Buchhandlungen. Nix ausgefallenes also und doch zeigt sie mir glasklar, wie ich mir Buch-PR in Zukunft wünsche:

Bislang flattern Monat für Monat die PR-Newsletter der Verlage in mein E-Mail-Postfach. Bin ich fleißig, lese ich mich durch seitenlange Texte, gelange via Link auf die Verlagswebsites und durch unzählig geöffnete Fenster zurück zum Ausgangpunkt. Umständlich, wenn man wie ich solche News bevorzugt in der U-Bahn auf dem Smart Phone liest. Langwierig obendrein. Und bei aller Lesefreude, die mir auch die ,Mediennutzung to go‘ nicht geraubt hat, sehr textlastig.

Wie praktisch wäre es da, für jeden Verlag eine übersichtliche mobile Applikation auf dem Smart Phone zu haben und für jedes vorgestellte Buch die Option der Lese- oder Hörprobe. Oder noch besser eine Buch-PR-App für alle monatlichen Neuerscheinungen. Ein Blick in den App Store verrät jedoch, die hübsche Vision bleibt vorerst ein Traum. Bleibt mir nur, den Verantwortlichen, Verlagen und Literatur-Agenten, aufmunternd zuzurufen: Das wär doch eine feine Idee fürs Weihnachtsgeschäft!

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Foto: Rowohlt Verlag

Foto: Rowohlt Verlag

„‚Middlesex‘ ist ein unerhört wunderbarer Roman“, schreibt Jonathan Franzen über Jeffrey Eugenides‘ Pulitzer-Preis gekröntes Buch aus dem Jahr 2003. Freilich ist Franzen ein guter Freund von Eugenides. Und  ‚Middlesex‘ wird überdies eine große Nähe in Aufbau, Struktur und Erzählperspektive  zu Franzens  ‚Die Korrekturen‘ nachgesagt. Aber so parteiisch Franzen auch sein mag, er zählt auch zu den großen Schreibern der US-amerikanischen Gegenwart. Und ich persönlich kann ihm nur sehr enthusiastisch zustimmen, ‚Middlesex‘ – die Geschichte dreier Generationen einer griechischen Einwandererfamilie, zugleich Zeitgeschichte in Kleinasien und den USA der 1920er bis 1980er Jahre, erzählt von der fiktiven pseudohermaphroditen Hauptfigur Calliope, genannt Cal(lie) und ihrem Umgang mit der eigenen Intersexualität – ist ein unerhört wunderbares Buch.

In gewisser Weise bin ich sicher ebenfalls parteiisch: Fand ich in ‚Middlesex‘ doch eine sehr eindrückliche Beschreibung von Smyrna, der Geburtsstadt meines Großvaters zu der Zeit als er dort lebte. Sind die Themen Einwanderung und Assimilation auch in meiner Familiengeschichte präsent gewesen. Konnte ich die Gedanken, Hoffnungen und Sorgen von Cal(lie)s Großmüttern Desdemona und ihrer Sourmelina während ihrer Schwangerschaften ebenso wie die große Unsicherheit Cal(lie)s in der Pubertät so gut nachempfinden. Und neige ich überhaupt dazu, Protagonisten, mit denen ich bereitwillig mehr als 700 Seiten durch Höhen und Tiefen gekraxelt bin, zu meinem innersten Seelenverwandtschaftskreis zu erheben.

So erging es mir mit Desdemona als Zeitzeugin der Kindheit meines Großvaters und großen Romantikerin in Eugenides’ Roman, die sich zweimal trotz aller Bauchschmerzen und Alpträume für die Liebe und gegen die Vernunft entschieden hat und dennoch ihr Leben lang mit dieser Schuld ringt. Und so erging es mir ebenfalls mit Cal(lie), deren Metarmorphose, mich tatsählich zu Tränen gerührt hat, obwohl ich zugeben muss, dass so manche Kritikerstimme nicht ganz zu Unrecht, eine mangelnde Tiefe oder Selbstreflexion in ihrer Darstellung anmahnt.

Ulrich Greiner nimmt Eugenides’ Hauptfigur das persönliche Drama nicht ab: „Wir glauben nämlich nicht, dass Cal wirklich unter seinem Anderssein leidet. Allzu fidel hat er uns über die steilen Pfade und schnellen Straßen seiner Geschichte vorangetrieben. Und das liegt eben daran, dass ihm die Dialektik fehlt. Sie entsteht, weil die Verhältnisse ewig unvollkommen, nämlich halbiert sind. Cal aber ist schon selber die (wenn auch kurios mangelhafte) Einheit, deren zugehörige, verfehlte Hälfte nicht gedacht werden kann. Selbst wenn wir den verstörenden Befund zwischen seinen Beinen, der uns ausführlich geschildert wird, für einen Augenblick vergessen, erscheint er uns nie als Opfer eines tragischen Geschicks, sondern als genügsamer und zugleich optimistischer Schmied seines Glücks.“

Eine mögliche Erklärung für diese Beobachtung liefert Greiner sogleich selbst: Der „Einsatz des allwissenden gottähnlichen Erzählers“ offenbare, dass dieser zwar „überall dabei, nur nicht recht bei sich selber“ sei, „aber das ist verständlich, denn wie soll er sich finden in einer Welt, die alles bipolar ordnet und mit dem Dazwischen nicht umgehen kann.“ Unzufrieden ist er jedoch wieder mit dem Umfang von Eugenides’ Roman und steht damit nicht allein: Stephan Draft schreibt im Stern: Neun Jahre hat Eugenides an seinem Roman gearbeitet, und wohl deshalb finden sich reichlich Absätze, aus denen man ausgewachsene Romane stricken könnte.“ Ulrich Greiner setzt noch einen drauf: „Der Roman könnte ebenso gut doppelt wie halb so dick sein, es würde ihm weder schaden noch nützen.“ 

Hubert Spiegel sieht das anders, aus seiner Sicht ist Eugenides’ Historienschau geglückt und schadet dem Fluss der Handlung ganz und gar nicht. Und er weiß auch, wie Eugenides das geschafft hat: „Damit der Roman über der Fülle seiner Gegenstände nicht aus allen Nähten platzt und der Leser sich nicht schon nach zweihundert Seiten fühlt wie ein Reiter, der aus dem Sattel gehoben wurde und nun von einem durchgegangenen Gaul mitgeschleift wird, hat der Autor gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.“ So wählt Eugenides beispielsweise „einen Ich-Erzähler, der bei Bedarf zum allwissenden Erzähler wird und durch Zeit und Raum zu reisen vermag, wie es ihm beliebt. “

Charmant findet Spiegel auch, wie überlegt Eugenides die griechische Mythologie im Roman verwebt: „Tatsächlich kokettieren der Autor und sein Held ganz gern mit ihrer griechischen Abstammung, aber die Verweise auf das Ursprungsland der klassischen Mythologie haben ihren tieferen Sinn.“ So ist Calliope, die „Schönstimmige“, die Muse der epischen Dichtung, im Schülertheater spielt sie den blinden Seher Teiresias, der zeitweise als Frau gelebt hatte, später führt sie „als Gott Hermaphroditos ihren zweigeschlechtlichen Unterleib gegen Geld“ vor, als männlicher Erzähler namens Cal schließlich „macht sie ihre Gene dafür verantwortlich, dass sie ‚manchmal ein wenig homerisch‘  klingt“. Alles in allem, spannende Perspektiven.

Doch vor dem Hintergrund der Leistung Jeffrey Eugenides’, mit der Intersexualität seiner Hauptfigur in ‚Middlesex‘ ein Thema in den Fokus des Interesses gehoben zu haben, das im gesellschaftlichen Diskurs bislang quasi keine Erwähnung fand, wirken die „Mäkeleien“ der Rezensenten etwas kleinlich. Lediglich Denis Scheck feiert ‚Midddlesex‘ als Triumph der Literatur, als Roman mit Einfluss auf eine Emanzipationsbewegung: „Über all den Klagen über die vermeintliche Wirkungslosigkeit der Literatur, den längst in Serie abgelieferten Selbstbescheidungsstatements der Autoren werden ihre heimlichen Triumphe, ihre im Zeitlupentempo erfochtenen Siege fast übersehen. So ein Triumph ist Jeffrey Eugenides Roman ‚Middlesex‘ , ein Roman über Liebe und Tod natürlich, ein Roman über Geld, Geschichte und Geschlecht.“

Und das ist nicht das einzige, womit sich Eugenides laut Scheck verdient gemacht hat. Denn ‚Middlesex‘ verleiht der Intersexualität Würde: „Bei Eugenides ist der Geschlechtswechsel selbst Strafe und Ehre zugleich, die Erfahrung, erst eine Frau, dann ein Mann zu sein, ein Privileg, und je länger der Leser dem Roman folgt, desto überzeugender erscheint diese Darstellung.“ Diese Meinung teilte Scheck mit der Pulitzer-Preis-Jury, die ‚Middlesex‘ aus diesem Grund als das bedeutenste Buch des Jahres 2003 auszeichnete – wie ich finde, sehr zu Recht! Ich persönlich hatte das Thema Intersexualität zuvor so gar nicht auf dem Schirm. Aber ‚Middlesex‘ sensibilisiert nicht nur – auch auf die Gefahr hin mich (oder Jonathan Franzen) zu wiederholen – ‚Middlesex‘ ist ein unerhört wunderbarer Roman“!

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Foto: Random House

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Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon vor Monaten eine bemerkenswerte Frau vorstellen, die mich Anfang des Jahres, wann immer ich mit meinem Fahrrad durch Hamburgs Nieselregenwinter unterwegs war, als Heldin eines Hörbuchs, begleitet hat. Die Rede ist von Lilly Smith. Deren Lebensgeschichte – „Ein ungezähmtes Leben“, von ihrer Enkelin aufgeschrieben und von Sandra Borgmann vorgelesen – beförderte mich gedanklich ein ums andere Mal in den wilden Westen des beginnenden 20. Jahrhunderts, verwandelte meinen klappernden Drahtesel in einen störrischen Mustang und mich selbst in eine Rinderherden treibende Wildwest-Lady. So sehr sympathisierte, ja identifizierte ich mich, mit der Romanheldin.

Über 50 Jahre ihres Lebens habe ich Lilly auf meinem Fahrrad begleitet. Dabei habe ich ein kleines Mädchen kennengelernt, das als älteste Tochter einer verarmten texanischen Farmersfamilie in einer Lehmhütte haust, einen patenten Teenager, der seine kleineren Geschwister bei einem Hochwasser vor dem Ertrinken rettet und eine junge Frau, die ihren Traum, Lehrerin zu werden, auch dann nicht aufgibt, als ihr Vater sie mit 15 ohne Abschluss von der Schule nimmt, weil er das Schulgeld nicht länger aufbringen kann. Ich bin Lilly nach Chicago und in die Weiten Arizonas gefolgt, habe sie ihre Kinder aufziehen und ihre Enkelin Jeanette das erste Mal erblicken sehen. Und seitdem ich nichts mehr von ihr höre, fehlt sie mir auf dem Nachhauseweg.

Denn Lilly hat mir nicht nur die spannende Geschichte einer starken Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt, Respekt verschafft, erzählt. Es hat mich beeindruckt, wie unerschrocken sie den Unwägbarkeiten des Lebens tapfer die Stirn bietet. Lillys Leben erinnerte mich daran, dass es völlig normal ist, sich von Zeit zu Zeit auch einmal durchbeißen zu müssen, und worauf es überhaupt ankommt im Leben. Und letztlich hat mich Lillys Lebensgeschichte optimistisch gestimmt, weil ihre Protagonistin so lebensbejaend und positiv agiert, dass man des Öfteren beim Gedanken an sein eigenes Verhalten beschämt zur Seite blickt. Lillys Geschichte ist aufmunternd wie ein heißer Kakao und tröstlich wie ein Keks, den man darin eintauchen kann. Das Rezept gegen Weltschmerz und Selbstmitleid.

Und dabei erzählt Lilly immer nur das nötigste, beschreibt nüchtern die verrücktesten Situationen. Verliert sich nie in emotionalen Schilderungen. Ohne Umschweife schildert sie ihre Erlebnisse, schnörkellos, konzentriert auf das Wesentliche. Süffisant, trocken, pragmatisch. Lilly ist eine unerschrockene, starke Frau, eine Führungspersönlichkeit, hat ihren eigenen Kopf, pokert, reitet Pferde zu, trinkt Whiskey und will stets allen etwas beibringen. Insbesondere ihre Tochter Rosemary hat stark mit diesem Zug ihrer Mutter zu kämpfen und entscheidet sich für ein Leben an der Seite eines Schaumschlägers und Säufers, nur um ihrer Mutter zu entkommen.

Aber ich sagte eingangs, ich wollte eigentlich schon vor Monaten an dieser Stelle von Lilly Smith erzählen. Als ich mich aber hinsetzte um meine Eindrücke niederzuschreiben, recherchierte ich ein paar Details. Wie erwartet fand ich heraus, dass Jeannette Walls, Lillys Enkelin ist und „Ein ungezähmtes Leben“ als Hommage an ihre Großmutter geschrieben hatte. Doch, das war noch nicht alles: Lillys Geschichte erwies sich nämlich bereits als das zweite Buch der Autorin, die in New York lebt und als Kolumnistin für verschiedene amerikanische Tageszeitungen schreibt. In ihrem ersten Buch „Schloss aus Glas“, von dem ich nie zuvor gehört hatte, was aber wohl in Deutschland sehr viel bekannter ist, beschreibt sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Rosemary, Lillys Tochter, die als Obdachlose auf New Yorks Straßen endet.

Von dieser Wendung der für mich so positiven Lebensgeschichte der Lilly Smith war ich ziemlich betroffen. Hatte Lilly, die ich so bewundernswert und mutig fand, mit ihrer Dominanz die eigene Tochter auf die Straße getrieben? Ich kaufte mir „Schloss aus Glas“, las es und fragte mich: Kann ich meine Beurteilung der Lebensgeschichte der Lilly Smith angesichts dieser Fortsetzung überhaupt so stehen lassen? – Ja, ich denke, das kann ich. Denn das Leben ist keine stringente Kausalkette. Prägung ist wichtig, ich merke selbst jeden Tag, wie stark die Familie auf den eigenen Charakter abfärbt, aber andererseits ist gerade in der heutigen Zeit jeder seines Glückes Schmied und bei näherer Betrachtung ist die vermeintlich gescheiterte Rosemary doch recht zufrieden mit ihrem unkonventionellen Lebensentwurf. Aber lest selbst!

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Foto: Hoffmann und Campe

Foto: Hoffmann und Campe

Erzählt man davon, seine Jugend am Starnberger See verbracht zu haben, drückt einem die Welt sogleich einen Stempel auf und man wandert ohne Umschweife in die nächste Schublade: Dort findet man sich übersät mit Etiketten wie „hauptberuflich Sohn/Tochter“ oder „Papis Kreditkarte zahlt“ wieder. Diese Erfahrung teile ich mit Elias Wagner. Den 21-jährigen Jungschriftsteller und Medizinstudenten, der sein Erstlingswerk „Vom Liebesleben der Mondvögel“ letztes Frühjahr bei Hoffmann und Campe veröffentlichte, lernte ich zufällig 2012 auf der Buchmesse in Leipzig kennen. Und im Gespräch über gemeinsame Kindheitserinnerungen und die Jugend „am See“ sprudelte der Frust über das Schubladendenken nur so aus ihm heraus. In seinem Buch hat Elias Wagner sich diesen Frust von der Seele geschrieben.

Aber „Vom Liebesleben der Mondvögel“ ist viel mehr als die Verdauung einer abgestempelten Jugend im vermeintlichen Paradies der Sorglosigkeit. Denn Elias Wagner kann mit Worten Bilder malen und findet Wendungen, die mich bereits auf der zweiten Seite einfangen – und das obwohl ich nach unserem einstündigen Buchmessenplausch schon das Gefühl hatte, sein Buch gar nicht mehr lesen zu müssen, um es zu kennen, so eindrücklich berichtete er mir von der Idee, der Handlng und den eingesetzten Metaphern. Insbesondere erzählt er mir von den Insekten, für die sich Elias Wagners Protagonisten, den 15-jährigen Max, geradezu ekstatisch begeistert: Bei den titelgebenden „Mondvögeln“ handelt es sich nämlich nicht etwa um zwitscherndes Federvieh, sondern um eine Nachtfaltergattung.

Die Schmetterlinge instrumentalisiert Elias Wagner geschickt metaphorisch für die Wechselspiele von Max’ Teenagerseele. Offenbar weisen die Lebensstadien von Nachtfaltern und Pubertierenden deutlich mehr Ähnlichkeiten auf als auf den ersten Blick gedacht: Die Tarnung, das Tot stellen, die Verpuppung, alles Zustände wie aus dem Leben eines 15-jährigen gegriffen. – Max versteckt sich nur allzu gerne vor der Welt (und vor den Mädchen) seit seine Mutter verschwunden ist, er allein mit seinem Vater lebt und der sich immer merkwürdiger benimmt. – Der Starnberger See und das umliegende Voralpenland mit seiner barocken Schönheit und seinem bisweilen morbiden Charme setzt dieser Metasphäre nur die Krone auf.

Elias Wagner nennt die Gegend daher „pubertäre Seelenlandschaft“ und geht der Frage auf den Grund, wie die Landschaft die Menschen prägt. Wie fühlt es sich an, in einem Postkartenmotiv aufzuwachsen? Elias Wagner sagt: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Denn die vermeintlich romantische Idylle ist auch geprägt von Überdruss und Todessehnsucht.“ – und spiegelt so erneut das typische Gefühlskarrussel der Teenagerseele wieder. Da schließt sich der Kreis! Insekten- und Landschaftsmetaphern korrespondieren perfekt und Elias Wagner gelingt in diesem Umfeld des Seelentaumels eine feinsinnige Coming-of-age- und Liebesgeschichte.

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Foto: Suhrkamp Verlag

Foto: Suhrkamp Verlag

Wenn man als Kind jüdischer Eltern in Deutschland 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ zur Welt kommt, wenn man aus Polen stammt, seine Heimat nie kennengelernt hat, in Australien aufwächst, wenn die Eltern als jeweils einzige ihrer Familien Ausschwitz überlebt haben und man seine ganze Kindheit hindurch beobachten musste, wie sie sich weinend an das erlebte Grauen erinnern, wie vermag man wohl damit umzugehen? – Lily Brett schreibt Bücher darüber. Und obwohl alle ihre Romane stark autobiographisch sind, ihre weiblichen Heldinnen stets die Kindheitserinnerungen mit ihrer Schöpferin teilen, sind ihre Protagonistinnen doch alles andere als verbittert. Im Gegenteil: Ihr Tonfall ist schockierend heiter bis komisch.

Lola Bensky, Heldin des gleichnamigen neuesten Romans von Lily Brett, ist obendrein viel zu beschäftigt, um sich trübe Gedanken zu machen. 19-jährig ist sie zu Beginn der 1960er Jahre in London und USA unterwegs, um für ein australisches Rockmagazin, Musiker zu interviewen. Darunter angehende Stars wie Mick Jagger, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin. Lola spricht mit jedem, der zu dieser Zeit in der Musikbranche von sich reden macht. Dabei ist Lola nie Groupie und wirkt alles andere als ausgeflippt. Sie ist ein gut organisiertes Mädchen, sie raucht und trinkt nicht und wirkt fast ein wenig fehl besetzt in ihrer Rolle als „Rockstar-Versteherin“. Pummelig und unglücklich darüber, fühlt sie sich unattraktiv, plant immerzu Diäten und verliert doch nie an Gewicht. Doch auf ihre Interviewpartner macht die nachdenkliche Australierin Eindruck – unter anderem weil sie so unbefangen mit der dramatischen Vergangenheit ihrer Eltern umgeht.

In den seltsamsten Situationen offenbart Lola Details ihrer schockierenden Familiengeschichte. Ein ums andere Mal rückt sie sich damit ungewollt in den Mittelpunkt. Dabei sucht Lola keine Bühne, sondern vielmehr Hilfe, zu verstehen. Sie wirkt oft selbst erstaunt über die extremen Ereignisse und geht doch ganz offen damit um. Ebenso unbedarft wie sie mit Jimi Hendrix über Lockenwickler plaudert, berichtet sie ihm von Ausschwitz und dem Unvermögen ihrer Mutter nach all dem Erlebten noch an Gott zu glauben. Ihrer journalistischen Mission wird sie mit dieser Form der Interviewführung nicht immer gerecht, doch ihren Gesprächspartnern bleibt Lola im Gedächtnis. Jimi Hendrix begrüßt sie bei ihrer zweiten Begegnung beinahe freundschaftlich. Und Mick Jagger erkennt die australische Journalistin, die ihn Anfang der 1960er interviewt hat, 40 Jahre später bei einem Abendessen in New York wieder.

Und doch – mag Lola noch so unbedarft im Umgang mit ihrer Familiengeschichte wirken – die Last der Vergangenheit wiegt schwer auf ihren Schultern. Anfangs hat sie nur ein Laster: Die Schokolade. Später kommt die Last der Traurigkeit hinzu. Lola verlässt ihren ersten Mann, verliert ihre Mutter und zeitweise den Boden unter den Füßen. Und Lola nimmt zu. Nichts kann ihren Hunger stillen. Sie begibt sich in Therapie, zieht mit ihrem zweiten Mann und ihren Kindern von Australien nach New York. Aber erst Jahre später gelingt Lola mit Hilfe eines einfühlsamen Therapeuten die „Selbstheilung“: Lola lernt mit ihrer Vergangenheit zu leben. Ihre Stimmung bessert sich, sie besiegt erst ihren Hunger, dann ihr Übergewicht. Wie Lily Brett wird sie Schriftstellerin und schreibt sich selbst ein Happy-End.

Lily Brett hat mit ihrer Heldin den Geburtsort in Deutschland, die polnische Herkunft, die Kindheit in Australien, die berühmten Interviewpartner ebenso wie das heute glückliche Leben mit ihrem zweiten Mann in New York gemeinsam und doch sagt Lily Brett: „Ich bin nicht Lola Bensky.“ Die wirkt zeitweise wie eine Woody Allensche Stadtneurotikerin. Bei Licht betrachtet wiegt Lolas Bündel freilich schwerer als das der typischen therapiebegleiteten Wohlstandsdepression. Umso bemerkenswerter, dass Lily Bretts Roman bei all der transportierten Traurigkeit durchgehend heiter erzählt ist und so optimistisch endet. Lily Brett ist mit „Lola Bensky“ kein umwerfend pointierter aber in seiner leichten Herangehensweise an die schockierende Thematik eindrucksvoller Roman gelungen, der nebenbei eine spannende Innenansicht der Musikszene der 1960er Jahre liefert.

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Foto: Schöffling

Foto: Schöffling

Vor knapp einer Stunde hat Theo mal wieder versucht, mich umzubringen. Klingt wie der Anfang eines Krimis. Ist es aber nicht.“ Das erste, was mir an Juli Zehs neuem Roman „Nullzeit“ positiv auffällt, ist der Klappentext. Das ist angesichts der gängigen Textqualität deutscher Bücherklappen eher ungewöhnlich, aber leicht zu erklären. Denn diesen hat Juli Zeh selbst geschrieben, es ist ein Zitat aus „Nullzeit“. Und er bringt es auf den Punkt: Ebenso irre wie diese Zeilen klingen, ticken die Protagonisten des Buches, begreife ich beim Lesen. Doch ich irre mich: Es kommt noch schlimmer! 

Dabei fängt es harmlos an. Sven – der vor Jahren die Juristerei in Deutschland an den Nagel gehängt und auf Lanzarote eine Tauchschule eröffnet hat – beschreibt, wie er seine beiden Feriengäste Jolante Augusta Sophie von der Pahlen, genannt Jola, und Theo Hass vom Flughafen abholt. Das ungleiche Künstlerpaar aus Berlin ist ebenso attraktiv wie verhaltensauffällig. Doch für 1.000 Euro Tagesgage als Personal Tauch- und Insel-Guide sieht Sven darüber hinweg.

Vielmehr, Sven verliebt sich beim ersten Tauchgang im wahrsten Sinne des Wortes Hals über Kopf in seine schöne Schülerin. Daran kann auch seine Freundin Antje, mit der er eine merkwürdig pragmatische Beziehung führt, nichts ändern. Antje ist ihm vor Jahren ungefragt auf die Insel gefolgt. Seither führt sie mit Sven die Tauschschule, lebt mit ihm zusammen und ist dennoch in etwa so bedeutsam für ihn wie ein zweckmäßiges Möbelstück. „Antje ist wie der praktische Schrank den wir beim Einzug [..] günstig gekauft hatten.“ Ihrer Beziehung wegen hatte Sven sich bisher „für einen Menschen mit geringer Liebeskraft gehalten“. Jola überführt ihn des Irrtums.

Die ist jung, schön, von Haus aus reich, vernachlässigt, aber verwöhnt. Ein TV-Sternchen mit 384.000 Google-Treffern, wie Sven, der seine Nächte fortan schlaflos vor Jolas Telenovela am Computer verbringt, schnell herausfindet. Sie lebt in zerrütteter Beziehung zum 15 Jahre älteren Theo. Der wiederum hat nach einem zehn Jahre zurückliegenden, vielversprechenden Debütroman als Schriftsteller nichts mehr zustande gebracht. Dementsprechend destruktiv gibt er sich seiner Umwelt gegenüber. Der Urlaub soll Jola auf die Rolle der Taucherin Lotte Hass vorbereiten und nebenbei die Beziehung kitten.

Dass letzteres kein Strandspaziergang wird, sagt Jola selbst. Sie nennt Theo „den alten Mann“, verspottet ihn, beschreibt, wie er sie dominiert und sie es geschehen lässt. Das entnehme ich Jolas Tagebuch, das regelmäßig Svens Berichterstattung der Inselereignisse unterbricht und alles bisher gelesene auf den Kopf stellt. Denn aus Jolas Perspektive erzählt, ist die Geschichte eine andere. Mit Schaudern denke ich beim Lesen an Laetitia Colombanis „Wahnsinnig verliebt“. In der Hauptrolle brillierte Audrey Tautou als gestörte Angélique, deren Liebreiz den Effekt der unterschätzten Wahnsinnigen hinreißend verstärkte. Ähnlich schätze ich Jola ein: irre.

Sven ist da deutlich unbedarfter. Aber er hat sich auch mit seinem Weggang aus Deutschland vorgenommen: Keine Einmischung mehr in fremde Probleme. „Raushalten, ist das Fundament, auf dem ich meine Weltsicht aufbaute“. Die Warnung seines vermeintlichen Widersachers Theo – „Erste Regel im Umgang mit Frau von der Pahlen, glaube ihr kein Wort.“ – schlägt Sven arglos in den Wind. Lange glaubt er, die Situation im Griff zu haben, eine Eskalation verhindern zu können. Und als er endlich realisiert, dass er sich irrt, ist er überfordert: „Normalität war doch das Mindeste, was man vom Leben erwarten konnte“ – aber nicht von Jola und Theo!

Und während Jola sich in ihrem Tagebuch noch als Opfer stilisiert – „Opfer sein ist eine Kunst, die leicht fällt, wenn sich ein geeigneter Mitspieler findet. [..] Wer seinen eigenen Täter besitzt, muss sich nie wieder um die Opferrolle sorgen“ und „Ich werde immer wieder zum alten Mann zurückkehren, solange bis er mich vernichtet hat. Ich brauche Hilfe.“ und „Ich brauche einen Tauchlehrer an Land, einen der mir beibringt, an diesem beschissenen Leben nicht zu ersticken.“ – spitzt sich die Situation immer weiter zu und am Ende kommt es zum erwarteten Showdown unter Wasser und dabei doch ganz anders als man dachte..

Und das ist eigentlich das Allerbeste an Juli Zehs „Tiefenpsychothriller“: Obwohl man seinen Protagonisten so einiges an Wahnsinn zutraut, kommt die Auflösung überraschend. „Nullzeit“ ist aber nicht nur ein bis zur vorletzten Seite lesenswerter, verstörend beklemmender und hochspannender Psychothriller, es ist auch eine psychologisch interessante Dreiecksgeschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit, über Macht und Ohnmacht in Beziehungen, über Sex und Gewalt. „Nullzeit“ ist gesellschaftskritisch, natursensibel und tauchversiert. Und völlig unvermittelt zwischen seinen taktisch ausgefeilten Wendungen, schreibt Juli Zeh darin in wunderbarer Sprache weise Sätze über das Leben – lesen!

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Gerade hatte ich mein feuriges Plädoyer für die Wahl eines populären Literaturnobelpreisträgers zu Ende geschrieben – erst 30 Minuten vor Bekanntgabe des Siegers hatte ich entschieden zu glauben,  dass in diesem Jahr einer gewinnt, denn wir alle kennen. Doch gerade als ich die letzten Sätze über Haruki Murakami vollendet hatte, war es 13 Uhr und ein mir völlig unbekannter Name wurde genannt. Mo Yan gewinnt den Literaturnobelpreis 2012. Und zumindest ich habe noch nie zuvor von ihm gehört. Und im Grunde dürfte mich das auch nicht überraschen.

Auch als Tomas Tranströmer im letzten Jahr den Literaturnobelpreis gewann, formierte sich in meinem Kopf ein großes Fragezeichen: Wer ist dieser Mann, den bereits um 13:01 die Feuilletons feierten? Glaube ich der Weltpresse, hat der heute 81-jährige schwedische Lyriker die Auszeichnung für sein Lebenswerk verdient. Seit Jahren schon wurde er als Lyrik-Favorit auf den Preis gehandelt. Tranströmer gilt als meistübersetzter skandinavischer Dichter der englischsprachigen Literatur. Dennoch den meisten Deutschen (ebenso wie mir selbst) war und – ich behaupte mal – ist Tranströmer immer noch weitgehend unbekannt.

Und auch wenn Tomas Tranströmer sicher ein Extrembeispiel ist, eine Ausnahme ist er nicht. Die meisten Preisträger der letzten Jahre waren alles andere als populär, bevor sie den Nobelpreis gewannen: Herta Müller (2009), Jean-Marie Gustave Le Clézio (2008), Doris Lessing (2007) oder V. S. Naipaul (2001) beispielsweise . Ironischerweise wunderte sich die Öffentlichkeit gerade über den populärsten Gewinner der letzten 10 Jahre am lautesten: Mario Vargos Llosa, der Gewinner von 2010, so dachten sogar die Feuilletonisten, hatte den Preis doch schon vor Jahren gewonnen.

Bleibt abzuwarten, was wir in den nächsten Minuten, Stunden, Tagen über und von Mo Yan lesen werden. Ich bin gespannt. Vorerst entnehme ich Wikipedia: Der 1955 geborenen Bauernsohn aus der Provinz Shandong erlangte mit seinem Novellenzyklus „Das rote Kornfeld“ bereits 1987 in Deutschland erste Bekanntheit. Mo Yang heißt mit bürgerlichem Namen Guǎn Móyè, aber er schreibt seit jeher unter dem Pseudonym, das übersetzt „Der Sprachlose“ heißt.

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Seitdem ich ausgewählte Bücher regelmäßig bei Wein und Käse mit meinem Lesekreis bespreche, reflektiere ich mein Leseverhalten und muss mir eingestehen: Ich war und bin bisweilen eine recht opportunistische Leserin. „Ein Opportunist“, sagt Wilhelm Busch, „ist ein Jenachdemer“. So wähle ich Bücher oftmals je nach dem wie mein persönlicher Seelenzustand gerade aussieht oder ich lese sie je nach dem was mich gerade im Leben bewegt, auf ganz bestimmte Fragen fokussiert. Ich grase sie nach Lösungen für verzwickte Probleme ab. Ich suche nach Protagonisten, die ähnlich denken, wie ich selbst, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden und ähnliche Entscheidungen treffen müssen. Taucht in einem Buch eine Person auf, die ich aus meinem Leben zu kennen glaube, verfolge ich ihr Tun und Denken besonders aufmerksam und versuche aus der Romanhandlung Rückschlüsse auf das wirkliche Leben zu ziehen. Und ich befürchte, bei alledem überlese ich vieles, was mir eben gerade nicht in den eigenen Kram passt.

Foto: dtv

Kürzlich, als ich F. Scott Fitzgeralds autobiographisch geprägten Roman „Tender is the Night“ las, ging es mir ebenso. Die Dreiecksgeschichte eines Psychiaters, seiner geisteskranken Frau und einer jungen Filmschauspielerin kritisiert den dekadenten Lebensstil der in Europa lebenden amerikanischen Finanzaristokratie. Zu Beginn der Handlung wies der junge Dick Diver eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem Protagonisten meines Lebens auf. Entsprechend aufmerksam verfolgte ich sein Denken und Handeln. Und entsprechend begeisterte mich Fitzgeralds Roman – der obendrein auf seinen ersten 200 Seiten atmosphärisch eindrucksvoll zwischen Depression, Hedonismus und Heiterkeit schwankt. Irgendwann in der Mitte des Buches jedoch, als dem anfangs so souveränen Dick Diver die Fäden der Handlung aus den Händen gleiten, flaute mein Interesse an seiner Geschichte abrupt ab. Diesen Menschen kannte ich nicht, entsprechend unsanft lies ich die Romanfigur fallen.

Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Fitzgeralds Roman damit wirklich Unrecht tue, denn seine zweite Hälfte hielt auch atmosphärisch nicht, was der Anfang versprach und sein plötzliches Ende war lediglich mittels der verbleibenden Seitenzahlen erahnbar. Dennoch, auch wenn dieses Beispiel vielleicht nicht exemplarisch ist, so frage ich mich manchmal etwas leicht beschämt, wie vielen Büchern ich mit meinem Leseropportunismus bereits Unrecht getan habe. Wie viele Protagonisten ich missverstanden habe. Ob ich überhaupt erfasst habe, worum es in manchen von mir sehr geliebten Büchern geht. Oder ob ich stets durch meine Opportunistenbrille lese und meinen Lesestoff verkenne. Und ich befürchte, immer wenn mir ein Buch der Analyse meines Lebens dient, verfremde ich es.

Foto: Random House

Manchmal steht mir der Sinn auch gar nicht nach Analyse, manchmal suche ich schlicht Trost in meinem Lesestoff – je nach dem wie es um das Seelenheil meines inneren kleinen Lesers gerade bestellt ist. Immer dann, wenn mich mein Seelenleben, an meinen Gemütszustand im Alter von 15 erinnert, verhalte ich mich altergemäß und greife zum Jugendbuch, gerne zur klassischen Coming-of-age-Geschichte, wie dem wirklich großartigen schwedischen Roman „Populärmusik aus Vittula“ von Mikael Niemi, die Geschichte einer Jugend in der nordschwedischen Provinz der 1960er Jahre. Wahrscheinlich sind Bücher über pubertierende Jugendliche einfach besonders tröstlich, weil ihre Protagonisten so viel stärker unter den Unwegsamkeiten ihres Lebens leiden und sie dennoch vielfach besser meistern, als es den vermeintlich Erwachsenen gelingt. Obendrein mutet dieselbe traurige Liebesgeschichte, aus der Perspektive eines Mitdreißigers erzählt, schnell übertrieben oder kitschig an, während der 15-jährige, im Überschwang des ersten Liebesgefühls, verklären und sich selbst bemitleiden darf, ohne dabei lächerlich zu wirken. So gibt es sprachlich eindrucksvolle zeitgenössische Jugendliteratur über Liebesleid und Leidenschaft, aber wer bitte schreibt heute Literatur über 34-jährige mit Liebeskummer?

Doch zurück zu Mikael Niemi. Sein pupertierendes Alter Ego Matti kommt ganz ohne Dramen aus. Pragmatisch und zugleich unbedarft berichtet er von seiner Jugend in Tornedal, dem äußerst nördlichsten Zipfel Schwedens, und den eigenwilligen Sitten und Gebräuchen seiner Bewohner. Von Gottesfurcht und Rattenplagen. Von Saunagängen, Trinkwettbewerben und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Vor allem aber erzählt Matti die Geschichte seiner Freundschaft zum schweigsamen Niila und ihrer gemeinsamen Liebe zur Musik. Er beschreibt, wie es ihnen gelingt weit entfernt von Swinging-Sixties, Memphis und Liverpool den Geist der Zeit aufzuschnappen und allem Mitschüler-Spott zum Trotz ihre eigene idealistische Musiker-Individualität auszuleben. So ist „Populärmusik aus Vittula“ Trost ganz ohne Selbstmitleid und somit mal wieder ideal geeignet für meinen kleinen inneren Leseropportunisten. Oder ist ein Buch wie dieses vielleicht sogar geschrieben, um zu trösten? Vielleicht sollte ich das mal den Autor fragen. – Einstweilen empfehle ich zum Zwecke des Trostes den gleichnamigen Film ..

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Mit persönlicher Empfehlung von Florian Stiehler: Jasper Fforde – Der Fall Jane Eyre

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Als mich der erste Hunger heute gefühlt mittags von der Tastatur auf die Armbanduhr blicken ließ, hatte ich unwillkürlich den Eindruck, Zeitdiebe müssten mir Stunden meiner Tageszeit geraubt haben, um sie in kleinen grauen Zigarren rauchreich zu verpaffen. Es war 15:30 Uhr. Und es geht augenscheinlich nicht nur mir so: Nur Minuten später wünschte sich mein Kollege vom Schreibtisch gegenüber eine Woche Extra-Zeit nur für sich allein, um endlich einmal alle angestaute Arbeit erledigen zu können. Bei uns anderen solle die Zeit in dieser Woche stehen bleiben. Eine traumhafte Idee für eine Bestellung beim Universum finde ich. Denn ich hetzte nur so durch meine Tage, immer auf der Flucht vor dem großen Zeiger.

Und all die schönen Dinge des Lebens kommen viel zu kurz. So auch das Lesen. – Oh weh, das sagt selbst die Buchbloggerin. – Schenke ich meiner Eimsbüttler Buchhändlerin Glauben, werden 70 Prozent aller gekauften Bücher nie gelesen. Ich wage nicht es an meinen Regalreihen nachzurechnen. Die großen Verlage, sagt meine Buchhändlerin, könnten unbesorgt die Hälfte ihrer Klappentexter entlassen. Denn das Gros der Bücherkäufer nimmt sich nicht einmal die Zeit, die kurzen Handlungszusammenfassungen zu lesen. Die meisten kaufen schlicht nach Gefallen des Covers. Das schafft Arbeitsplätze für Grafiker und bringt mich zum Nachdenken. 

Und ich beschließe, dieser Blog muss wirtschaftlicher werden. Ich kann nicht alles ganz allein lesen und erfinde eine neue Rubrik: „Mit persönlicher Empfehlung“. In Zukunft lesen die Leser hier mit und empfehlen Lesenswertes mit kurzer Inhaltsangabe und persönlicher Begründung.

Foto: dtv

Den Anfang macht Kristina (33)Opernregisseurin und Stadtführerin aus München. Kristina liest eigentlich alles, was ihr unter die Finger kommt – derzeit arbeitsbedingt vor allem Sachbücher zum Thema München. Sie empfiehlt Rot von Uwe Timm, die Geschichte des ehemaligen Achtundsechzigers, Jazzkritikers und Beerdigungsredners Thomas Linde, der soeben von einem Auto überfahrenen wurde und in der kurzen Zeitspanne zwischen Leben und Tod von den letzten Tagen und Wochen seines Lebens berichtet, von der Liebe, von seiner um zwanzig Jahre jüngeren Geliebten, von Revolution und dem Scheitern von Lebensträumen.

Kristina empfiehlt Rot, „weil es wie ein gutes Musikstück geschrieben ist und scheinbare Widersprüche in sich vereint: eine klare Struktur voller erzählerischer Verschlingungen; eine sachliche Sprache voller Dynamik; Leidenschaft und Poesie. Und nebenbei wird auch noch eine spannende Geschichte erzählt…

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Foto: Random House

Wäre es nicht so absurd, käme es mir fast lustig vor. Und zugegeben beim Lesen des Spiegel-Artikels „Deutschland – ein Ökomärchen“ musste ich einige Male lauthals auflachen. Und das obwohl mir Autor Alexander Neubacher in seinem Essay eigentlich genau das erzählt, was ich nicht hören möchte: Meinen kleinen, alltäglichen Beitrag zum Thema Umweltschutz kann ich getrost in die Tonne treten, der bewirkt herzlich wenig. Und  wir Deutschen sind meilenweit davon entfernt, besonders umweltbewusst zu leben, selbst die Grünsten unter uns.

Zunächst klingt es absurd, aber Neubacher macht mir schnell plausibel, warum zum Beispiel die deutsche Mülltrennung am Ende wertlos und verschwendete Liebesmüh ist. Wenn das duale System nämlich nur 36 Prozent des Plastikmülls „wertstofflich verwerten“ muss, die Müllfirma hingegen mit dem Rest verfahren kann, wie sie will und voraussichtlich den Weg wählen wird, mit dem sie das meiste Geld verdient, wird eben trotz all unseres Mülltrennungs-Engagements 64 Prozent des deutschen Plastikmülls verbrannt.

© Agentur Ostkreuz

Ein ebenso verqueres Beispiel ist die neue Energiesparleuchte, die EU-weit seit kurzem unsere alte Glühbirne ersetzen soll. Die verbraucht zwar deutlich weniger Strom als ihre Vorgängerin, dafür stecken in jeder einzelnen Sparleuchte fünf Milligramm Quecksilber und machen diese damit zu einem Fall für die Sondermülldeponie. Eine Nürnberger Entsorgungsfirma hat extra eine Maschine erfunden, die jede einzelne Birne vorsichtig aufsägt, den Leuchtstoff samt Quecksilber absaugt, das Gemisch luftdicht in Tüten verpackt, per LKW in den Harz fährt und dort in einem Salzbergwerk tief unter der Erde endlagert. Ein absurdes Szenario – vom Gesundheitsrisiko zerbrochener Birnen und der Umweltbelastung bei der Herstellung der Leuchten gar nicht zu sprechen.

Doch Spiegel-Redakteur und Träger des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises Alexander Neubacher kennt noch beunruhigend viele weitere Szenarien dieser Coloeur: Das Elektroauto, das mit herkömmlichem Strom betrieben mehr CO2 freisetzt, als ein Benzinfahrzeug. Und das Dosenpfand, das ausgerechnet die umweltfreundliche Mehrwegflasche aus dem Handel drängt, sind nur zwei Beispiele. Die Dinge sind eben manchmal komplizierter, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, so Neubacher abschließend. Da muss ich ihm zweifelsohne Recht geben. Und weil mich sein Artikel tatsächlich nachdenklich gestimmt hat, beschließe ich, sein neues Buch zu bestellen. „Ökofimmel – Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten, ist gestern bei Random House erschienen.

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CARLSEN Verlag

Vor einem Jahr, am 11. März 2011, erschütterte das gewaltige Tohoku-Erdbeben Japan und löste die Havarie des Atomkraftwerkes Fukushima aus. Und auch wenn sich das Beben aus meiner Perspektive am anderen Ende der Welt ereignete, erschütterte es doch auch meine Welt hier beträchtlich. Wochenlang verfolgte ich die Medienberichte über den Störfall und erlebte zugleich, wie ein ganzes Land energiepolitisch von einem auf den anderen Tag umdachte. Andererseits lernte ich in diesen Tagen viel von einer nachdenklichen, jungen Frau aus Tokio.

Mein Freund Tim, Journalist in Berlin, erzählte mir bereits am 11. März von seiner Bekannten aus Studientagen: Yuko, die so gut zeichnen kann. Als Tim die Nachrichten über das Erdbeben in Japan las, machte er sich Sorgen um Yuko und schrieb ihr über Facebook eine Nachricht. Yuko antwortete. Es ging ihr gut, aber sie hatte Redebedarf und erzählte Tim viel mehr als erwartet. Und plötzlich hatte „Fukushima“ oder „3/11“, wie wir heute schlicht sagen, für Tim eine ganz neue Facette angenommen.

© Tokyo Kitsche

Tim berichtete einem Redakteur des SZ-Magazins von seiner japanischen Freundin. Und innerhalb von Stunden war die Idee zum „Tagebuch aus Tokio“ geboren, das bereits einen Tag später erstmals online auf www.sz-magazine.de erschien: Yuko schrieb und zeichnete ihre alltäglichen Erlebnisse und Gedanken und schickte sie an Tim. Tim übertrug die Texte ins Deutsche und bereitete sie für die Online-Ausgabe des SZ-Magazins auf. Und nicht nur unsere Freunde und Bekannten bewunderten die Zeichnungen und lasen die Texte der jungen Frau aus Tokio von da an regelmäßig. Die Resonanz war beeindruckend.

Aber Yukos Tagebuch schaffte auch etwas, was kein Zeitungsartikel oder Fernsehbericht mit neuen Zahlen, Daten, Fakten über die katastrophale Lage in Japan erreichen konnte. Es zeigte die Innenansicht einer japanischen Seele. Denn Yuko schrieb ihre Gedanken und Gefühle sehr offen und emotional nieder. Und die junge Frau verordnete sich spürbar, trotz all der Zerstörung und Angst um sie herum möglichst normal weiterzuleben.

So schrieb Yuko am 15. März: „Wir machen uns Mut, denn wir müssen uns Mut machen.“. Am 25. März traf Yuko sich erstmals wieder im Junge-Leute-Viertel Tokios mit ihren Freundinnen, den „Power Generation Girls“. Am 8. April rüttelte sich Yuko selbst auf: „Ich sollte nur noch einmal täglich Nachrichten lesen. Sonst werde ich noch ein richtiger Disasterholic. Ich sollte mir vor allem meine eigene Realität wieder stärker ins Bewusstsein rufen: Meine Wohnung ist sicher. Kein einziges Weinglas ist zu Bruch gegangen. Alle meine Freunde leben noch. Meine komplette Familie ebenso. Selbst meinen Job habe ich noch. Also mach Dich mal locker Yuko. Alles locker..“

© Christoph Voy

Durch Yuko erlebte auch Tim die Wochen und Monate nach der Katastrophe von Fukushima viel intensiver. Und er fand in Yuko eine Vertraute. „Unsere Freundschaft ist heute viel enger als früher, wir haben uns noch einmal neu kennengelernt“, erzählt er. Ein besonders Erlebnis aus dieser Zeit hatte er in einem Telefonat mit seinem Vater: Der politisch Konservative, der stets für Atomenergie eingetreten war, zeigte sich im Telefonat mit seinem Sohn so entsetzt über die Vorfälle in Japan, dass er plötzlich all seine Prinzipien über Bord warf und eingestand: Atomkraft ist wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Tim war beeindruckt.

Zum Jahrestag der Katastrophe, bringt der Hamburger Carlsen Verlag Yukos und Tims Tagesbuch jetzt erstmals in Buchform heraus. Und am vergangenen Samstag Abend stellten Yuko und Tim „3/11 – Tagebuch nach Fukushima“ in der sympathischen Hamburger Comic-Buchhandlung Strips&Stories vor. Und es zeigte sich, das Thema Fukushima ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber eine so emotionale Innenansicht der Ereignisse von 2011 gibt es nur einmal.

Ausschnitt aus der Lesung von Tim und Yuko am 10. März 2012 im Strips&Stories, Hamburg

Weitere Lesetermine mit Yuko und Tim: Dienstag13. März, 20 Uhr: BerlinCafé Dresden, Dresdner Straße 19 und Samstag, 17. März, 11 Uhr: Leipziger Buchmesse, Messe Leipzig, Comic-Forum Schwarzes Sofa, Halle 2, Stand H601

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DO! Kurz vor dem Wochenende ist mir noch eine lesenswert leichte Lektüre auf den Schreibtisch geflattert: Das neue Lifestyle- und Einrichtungs-Magazinchen Couch. Die kleine Schwester von Schöner Wohnen aus der Zeitschriftenfamilie Gruner und Jahr sieht ein bisschen aus wie die Glamour für Wohnstyling. Und beim Durchblättern und Hineinlesen zeigt sich, sie macht ebenso viel Spaß. Das handliche Magazinchen (im Pocket-Format) liest sich wie ein niedlich kommentierter Ikea-Katalog gespickt mit praktischen Tipps, Home-Storys und Designerportraits, ist schick bebildert und somit die Art leichte Lektüre, die man herzlich gerne Wintersonntags mit auf die Couch nimmt. DON’T! Deutlich weniger begeistert hat mich leider die aktuelle Ausgabe des Prinz. Das Stadtmagazin habe ich seit geschätzten 15 Jahren abonniert. Heute habe ich gekündigt. Seit dem letzten Relaunch ist der Prinz nur noch ein Abklatsch seiner selbst. Die Grafikabteilung wurde augenscheinlich komplett wegrationalisiert, von durchdachtem Layout keine Spur. Die Themen der Februar-Ausgabe sind allesamt nicht neu. – Wie oft habe ich in den letzten Jahren den großen Fitness-Studio-Test gelesen? – Aktuelle Reportagen oder Geschichten aus den Städten fehlen ganz, statt dessen versucht der Verlag den Verkauf jetzt mit Rabatt-Coupons anzukurbeln. Und die Kurzbesprechungen aus den Standardkategorien Gastro, Film, Musik, Shopping und Nightlife sind zwar oft treffend, aber in Zeiten des Internet leider wahrlich den Kauf einer Zeitschrift nicht wert. – Schade um den Prinz!

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© Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

Vor ein paar Jahren schrieb ein britischer Musiker Schlagzeilen, weil er im Internet seine Seele verkaufen wollte. 25.000 Pfund wollte der arbeitslose Dante Knoxx für eine Beteiligung an seinem Innersten und etwaigen künftigen finanziellen Erfolgen haben. Das Online-Auktionshaus Ebay stoppte die Versteigerung, weil sie gegen die Richtlinien verstoße. Dante Knoxx blieb auf seiner Seele sitzen.

Beim Lesen dieser Episode muss ich unwillkürlich schmunzeln, obwohl eine verkaufte Seele eine ernste Angelegenheit ist. Für Dante Knoxx stand immerhin der eigene Lebensunterhalt auf dem Spiel. Da haben andere schon für deutlich weniger Einsatz Geschäfte mit dem Teufel gemacht. Denn in der Praxis erweist es sich als gar nicht so leicht, stets moralisch integer zu handeln.

In einer Zeit, in der sich alles um Profit dreht, und selbst Krankenpflege wirtschaftlich sein muss, um noch finanzierbar zu sein, ist das Thema aktueller den je. Tagtäglich müssen wir uns fragen, ob wir es uns überhaupt leisten können, unseren Prinzipien treu zu bleiben oder ob wir längst den Pakt mit dem Teufel geschlossen haben.

Wieder einmal erweist sich Goethe als erschreckend zeitlos. Denn er war es ja, der bereits vor 204 Jahren den Verkauf der Seele thematisierte, als er aus der Geschichte des historischen Doktor Faustus das bedeutendste Drama der deutschen Literatur schuf: Die Tragödie des gescheiterten Wissenschaftlers Johann Faust, der für ein bisschen Lust und Lebensfreude seine Seele an den Teufel, in Gestalt des imposanten Mephistopheles, verschacherte. Um die Lektüre von Goethes Faust kommt bis heute kein Abiturient herum.

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Ob Alexander Sukurovs neueste Verfilmung, die heute in die deutschen Kinos kommt, das Zeug zum Lehrmaterial an Schulen hat, ist fraglich. Vermutlich werden auch unsere Enkel noch die obligatorische Peter Gorski-Verfilmung mit Will Quadflieg und Gustaf Gründgens im Deutschunterricht zu sehen bekommen.

Denn Sukorov hat Goethes Drama äußerst frei interpretiert. Hier ist Faust kein unbedarfter alter Mann, der seinen Verstand über Bord wirft und in eine Falle tappt. Sukurov konzipierte Faust als vierten Teil einer Tetralogogie über die Macht und das Böse. Auf Filme über Adolf Hitler, Wladimir Lenin und Kaiser Hirohito ließ er die Geschichte des Machtmenschen Faust folgen. Mit den historischen Machthabern hat Sukorovs Faust das Gefühl des eigenen Unglücks gemeinsam, aus dem das Böse erwächst.

Als barockes Karnevalsstück hat Sukurov sein Sujet inszeniert. Hauptsächlich mit deutschen Schauspielern und in deutscher Sprache gedreht, hat seine zweieinhalb Stunden lange Adaption von Goethes Drama rund zehn Millionen Euro gekostet. Damit zählt Faust zu den aufwändigsten Filmproduktionen in Russlands Kinogeschichte. Sukorov sprach sogar bei Vladimir Putin vor, um den Film zu finanzieren. In ihm entdeckte Sukurov nach eigener Aussage einen Fan der deutschen Literatur. Putin soll acht Millionen beigesteuert haben.

Und das Ergebnis? – Die Kritiker sind geteilter Meinung: „Das Opus ist von einer Überladenheit, mit der einen die Polizei von Venedig über keine Brücke lassen würde“, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Die ARD nennt den Film „exzentrisches Poem, Höllentrip und grandiose Kunstanstrengung zugleich“. Deutschlandradio spricht von einem „betörenden Filmkunstwerk“. Und die 3sat Kinoredaktion fühlt sich gar an Stan Laurel und Oliver Hardy erinnert.

Aber ob Kitsch oder Kunst, Fakt ist, Faust gewann bei den Filmfestspielen in Venedig den goldenen Löwen. Denn, so schloss Darren Aronofsky („Black Swan“, „The Wrestler“), Jurypräsident der Filmfestspiele von Venedig seine Laudatio, „es gibt Filme, die dich zum Träumen, zum Weinen, Lachen und Nachdenken bringen, und es gibt Filme, die dein Leben für immer verändern. Dies ist einer dieser Filme“ – vielleicht auch, weil Sukurovs Faust recht gut als Knoten im Taschentuch der Prinzipientreue taugt.

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Foto: Schöffling Verlag

„Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden“, schrieb Theodor Adorno 1959 in seiner Theorie der Halbbildung. Und auch wenn der Frankfurter Soziologe und Philosoph damit wohl eigentlich auf den Verfall der Bildung hinweisen wollte, skizzierte er mit dieser Zeile zugleich auch einen Trend, der bis heute andauert.

Spätestens vor drei Monaten, als ein mir bis dahin gänzlich unbekannter Schwede den Nobelpreis für Literatur gewann, begriff das auch ich. Tomas Tranströmer gewann den Preis für sein Lebenswerk, 12 Gedichtbände. Tranströmer ist Lyriker. Und das ist womöglich auch der Grund, warum zumindest ich nie zuvor von ihm gehört hatte. Denn Lyrik ist in Deutschland heute mehr denn je Nische. Und das obwohl, wie die Feuilletonisten jubilieren, die junge deutsche Lyrikszene hochkarätig besetzt ist.

Ehrlich gesagt, wirklich intensiv habe ich mich zuletzt im Deutschunterricht mit Lyrik befasst. Mit den unterschiedlichen Dichtern der unterschiedlichen Epochen und das zugegeben mit sehr unterschiedlichem Interesse. Aber so mühsam ich auch in der Abiturvorbereitung barocke Sonette seziert habe, so begeistert habe ich später Gottfried Benn, Erich Kästner, Paul Celan und Christian Morgenstern auswendig gelernt.

Und ebenso wie es mir mit der neueren deutschen Prosa erging, erlebte ich die Lyrik: Je moderner, desto ansprechender. Robert Gernhardt habe ich verschlungen. Doch dann veränderte der Zeitgeist die Gedichte. Und die alte Regel galt nicht mehr. Plötzlich war es umgekehrt: Je zeitgenössischer ein Gedicht, desto schwerer der Zugang. Und ich verlor die Lyrik aus den Augen.

Denn ich hatte die gelenken Reime Erich Kästners, die charmant die Tragik des Lebens auf den Punkt dichteten, wirklich gemocht. Ich hatte mich für Christian Morgensterns scheinbar naive Parabeln in Reimform begeistert. Und ich kam mir plötzlich altbacken vor, wenn ich meine lyrischen Jugendidole mit zeitgenössischen Dichtern verglich.

Die großen deutschen Gegenwartslyriker, so lese ich, heißen inzwischen Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb, Michael Lentz. Die jungen Lyriker der Stunde Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann und Uljana Wolf u.a. Allesamt sind sie mir unbekannt. Ich lese ich ihre Gedichte und finde ich sie anstrengend. Ich verstehe sie nicht beim ersten Lesen. Und ihr Stil ermuntert mich nicht, es noch einmal zu versuchen. Ich wende mich ab. Ein imaginäres Vorhängeschloss verschließt mir den Zugang zur zeitgenössischen Dichtung.

Und nun? Vielleicht sehe ich mich erst einmal in der Musik nach Lyrik um? So abwegig ist das nicht. Immerhin galt Bob Dylan im vergangenen Oktober laut Ranking der Wettagentur Ladbrokes eine Woche lang als Favorit für den Literaturnobelpreis. Ob Bob Dylan tatsächlich zur Diskussion stand oder die Meldung nur eine Wettbüro-Ente war, weiß wohl nur das Stockholmer Nobelpreis-Kommitee zu beantworten. Ich mache derweil bei der Durchsicht meiner Buchmessen-Mitbringsel eine Entdeckung:

Dass Musik der Schlüssel zu moderner Lyrik sein kann, dachte sich nämlich auch die junge und schon vielfach preisgekrönte Lyrikerin Ulrike Almut Sandig  und vertonte ihre Gedichte (in Zusammenarbeit mit Marlen Pelny) in stimmungsvollem Sprechgesang mit Gitarrenbegleitung. Rhythmisch, aber auf eigenwillige Weise die natürliche Satzbetonung aushebelnd, gelingt es ihr zugleich die zentralen Aussagen ihrer Texte hervorzuheben und mich für ihre Texte gewinnen. Ich folgte ihr scheinbar mühelos in eine zugegeben sehr phantastische Welt.

Merkwürdig, dass der Musik so leicht gelingt, was gerade noch unerreichbar schien. Aber wie es scheint, funktioniert das Konzept nicht nur in diesem Fall. Zahlreiche Verlage werben bei genauerem Hinsehen mit Lyrikvertonungen. Denn so wenig lyrikaffin wie ich ist die Mehrheit der Deutschen. So ist für viele Verlage die Aufnahme von Gedichtbänden junger Lyriker in ihr Programm eine riskante Angelegenheit. Eine Auflage von 200 bis 300 Exemplaren ist scheinbar geradezu rekordverdächtig. Dementsprechend dankbar wird jede erfolgsversprechende Vermarktungsidee aufgegriffen.

Hier schließt sich der Teufelskreis. Nische ist Luxus für Elitäre. Und lebten wir nicht in einer Welt der digitalen Verbreitung, des Print on demand und der elektronischen Vertriebswegverkürzung, könnte sich der Literaturbetrieb womöglich bald keine Lyriker mehr leisten. Schon aus diesem Grund gelobe ich Besserung. Ich versuche es wieder mit der Lyrik.

Ulrike Almut Sandig derweil freut sich über das positive Echo ihrer jüngsten CD und sagt, sie schreibe ihre Gedichte natürlich nicht auf die Vertonung hin. „Es gibt Gedichte, die leben hundertprozentig von einer gewissen Stille, die kann man gar nicht vertonen.“ – Junge Fans hat die sympathische Leipzigerin, die bereits 2006 den renommierten Meraner Lyrikpreis gewonnen hat, mit ihrer Bühnenperformance dennoch hinzugewonnen, so auch mich. (Nächste Termine von Ulrike Almut Sandig) Ermutigt sehe ich mich nach einer Tranströmer Vertonung um.

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Geldgeilheit. Ignoranz. Kulturimperialismus. Was sonst kann die Erklärung sein für eine Neuverfilmung von Stieg Larssons Roman Verblendung?

Nein, Hollywood ist nicht an der Kunst interessiert. Sondern am Geld. Das ist kein Geheimnis. Hollywood dreht Filme, die den Menschen unterhalten. Die ihn selten zum Nachdenken zwingen. Die es ihm leicht machen, weil er (Du, Ich) sich leicht fühlen will. Und einen Film zu produzieren ist weder billig noch leicht.

Es ist ein kalkuliertes Risiko, und das will minimiert werden. Je mehr man es dann minimiert – indem Rollen mit berühmten und teuren Schauspielern besetzt werden und die Special-Effects-Abteilung mit Eyecandy um sich schmeißt  –, desto teurer wird ein Film. Und desto höher ist dann wieder das Risiko und desto mehr muss dieses anschließend minimiert werden. Paradox, oder?

Aber wäre es nicht auch lächerlich, Hollywood diesen Mechanismus ausgerechnet jetzt vorzuwerfen? Nur weil es so offensichtlich ist, und die US-Neuverfilmung von Stieg Larrsons Millennium-Trilogie anläuft, bevor das Filmblut von „Vergebung“ getrocknet ist? Schießlich wurde der Thriller um den investigativen Journalisten Mikael Blomkvist und die taffe Hackerin Lisbeth Salander wurde erst 2009 verfilmt.

Der Regisseur damals hieß Niels Arden Oplev. Heute ist es der anerkannte Stilist David Fincher, bekannt für „Fight Club“ oder „The Social Network“. Blomkvist wurde in der skandinavischen Version von einem Schauspieler namens Michael Nyqvist gespielt. Der neue Reporter ist James Bond alias Daniel Craig. Das meine ich mit Risiko minimieren.

Die Story bleibt übrigens nahezu unverändert: Das millardenschwere Oberhaupt einer schwedischen Industriellenfamilie beauftragt Blomkvist mit der Suche nach seiner vor Jahrzehnten verschwundenen Nichte. Hilfe erhält er von der inselbegabten Hackern Lisbeth, die sich zudem gegen ihren perversen Vormund wehren muss.

Und jetzt könnte man ansetzen, dass der Film längst nicht so gut sei wie das Original. Dass man sowieso innerhalb so kurzer Zeit keine neue Version des Filmes brauche. Es sei ja schon alles erzählt, und zwar bereits zweifach. Aber das ist auch ein klein wenig elitär. Denn der Film wurde für ein vorwiegend amerikanisches Publikum gedreht, und die Amis mögen nun mal keine Untertitel lesen.

Den Film nicht zu drehen, aus Prinzip, weil man das nicht macht, weil man sich selbst in das grelle Scheinwerferlicht der Kulturkritik stellt, als Plagiator, hieße den Stoff den vermeintlich Ignoranten vorzuenthalten. Und das wäre fast noch ignoranter.

Zumal der Film alles andere als schlecht ist. Die relativ unbekannte Schauspielerin Rooney Mara macht ihre Sache als Lisbeth Salander gut. Selbst Daniel Craig ist im Prinzip keine Fehlbesetzung – auch wenn er für einen investigativen Stubenhocker, der zu viel trinkt und zu viel raucht, zu viele Muskeln hat. David Fincher erweist sich abermals als guter Regisseur, der in unaufdringlichen Bildern und typisch schwedischen Settings versucht, den Film europäisch aussehen zu lassen. Und tatsächlich schafft er das auch. „Verblendung“ unterscheidet sich gar nicht so sehr von „Verblendung“.

Wer die skandinavischen Filme schon gesehen hat, muss den neuen amerikanischen also nicht unbedingt gesehen haben. Wer hingegen noch ganz unbedarft ist, dem sei die Geschichte ans Herz gelegt. In welcher Version auch immer. An besten natürlich in der Geschriebenen.

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Foto: dLis

Während Deutschland lauthals über „Merkels Problempräsidenten“ debattiert, knabbert unser Nachbarland Österreich derzeit an einer selbst gebackenen Krise. Zugegeben ist diese im Grunde ganz ähnliche Debatte über Politik und Rundfunkfreiheit, die bereits vor Weihnachten hochkochte, völlig an mir vorbeigegangen. Bis sich Elfriede Jelinek mit einem öffentlichen Statement zu Wort meldete:

„Merken Sie sich, dass alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht“, schreibt die österreichische Literaturnobelpreisträgerin auf ihrer Website und meint damit die Pressefreiheit im Allgemeinen, die Unabhängigkeit des ORF im Besonderen und sieht in dieser Causa das Ende der Sozialdemokratie voraus. Damit reagiert sie auf die Einsetzung des 25(!)-jährigen Lobbyisten und Medienfunktionärs Niko Pelinka als Büroleiter des ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz.

Pelinka – Babyface, Gel im rotblonden Haar, charmant, wenn vielleicht auch noch etwas unerfahren – ist Sohn eines Chefredakteurs, Neffe eines Politikwissenschaftlers und quasi von klein auf SPÖ-Mitglied. Und Jelinkek trifft es in ihrer Streitschrift auf den Punkt, wenn sie schreibt, dass „der kleine Niko [..] Mitglied einer ganzen Sippe von Gekennzeichneten“ sei. Die Vetternwirtschaft untergräbt die Rundfunkfreiheit. Und das ist ein Skandal, so Jelineks zornig vortragender Tenor.

Zeit-Redakteur Joachim Riedl stimmt Jelinek zu. Er schrieb dazu passend gestern einen Nachruf auf den ORF. „Der ebenso dreiste wie dilettantische Postenschacher“ raube dem Unternehmen seine letzte Kraft, so Riedl. Der ORF „liegt im Koma.“ Denn „leider stimmt es, was dem Sender von allen Seiten vorgeworfen wird. An den Schalthebeln sitzen [..] Leute, die als Erfüllungsgehilfen von Parteibedürfnissen gelten.“

Und der junge Pelinka? Der weiß, wie man sich geschmeidig nach oben schlängelt. So gelingt ihm scheinbar Unmögliches: Er ist Statist seines eigenen Skandals. Im Kreuzfeuer der Kritik steht stattdessen ORF-Chef Alexander Wrabetz. Sogar Jelinek hält den „kleinen Niko“ für nett: Mit einem „entwaffnenden Grinsen“ tritt das Ende der Sozialdemokratie als „sympathischer junger Mann“ auf, schreibt sie in ihrer Streitschrift.

Einen Lösungsvorschlag bleibt Elfriede Jelinek leider schuldig. Im Jahr 2000 sagte sie: „Ich glaube, dass ein Schriftsteller absolut nichts bewirken kann, und ich spüre nicht nur die Ohnmacht, sondern auch die Lächerlichkeit.“ So ist „Der kleine Niko“ nur ein wütender Kommentar ohne Ideen zur Rettung der Sozialdemokratie. Und das, obwohl sie selbst sagt, ihr Antrieb zum Schreiben sei „die Wut über die Verhältnisse“.

Apropos Wirkung der Schriftstellerei, was sagen eigentlich Deutschlands Dichter und Denker zu den Entgleisungen des Bundespräsidenten? „Die Würde des Amtes klingt immer mehr nach Konjunktiv“ twitterte der Kolumnist und Schriftsteller Peter Glaser, wohlgemerkt ein in Deutschland lebender Österreicher. Was sagen Günter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz? Sie schweigen, während Christian Wulff, um Rückkehr zum präsidentialen Alltag bemüht, seinen Rücktritt weiter ausschließt. Dabei bräuchte Deutschland gerade jetzt dringend eine Stimme der Vernunft. Wer soll denn Vorbild sein, wenn es dem Präsidenten nicht gelingt?

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Foto: PROKINO

Marjane Satrapi (42) ist eine Patriotin im Exil. Obwohl eine Rückkehr in ihre Heimt sie das Leben kosten könnte, ist auch ihr neuer Film, der heute in die deutschen Kinos kommt, eine Hommage an Iran.

In Huhn mit Pflaumen (hier geht’s zum Trailer!) – nach Persepolis bereits Satrapis zweiter Film, der auf einem eigenen Comic beruht, diesmal jedoch kein Animations-, sondern ein klassischer Spielfilm – erzählt sie die Geschichte ihres Großonkels, des weltberühmten Geigers Nasser Ali Khan, der im Teheran des Jahres 1958 Selbstmord begehen will. Seiner Frau und seinen Kindern überdrüssig trauert er der Liebe seines Lebens nach, die einen anderen geheiratet hat.

Nassers Bruder ist Kommunist, in einer Zeit, da der wieder erstarkte Schah Mohammad Reza Pahlavi mit äußerster Härte gegen die Gegner der Monarchie vorgeht und Kommunisten verhaften, foltern und töten lässt. So erzählt Huhn mit Pflaumen von Enttäuschungen in Liebe und Politik und zeichnet doch zugleich ein liebevolles Bild der unberechenbaren aber wunderschönen Heimat seiner Autorin.

Foto: Edition Moderne

Marjane Satrapi, deren Erstlingswerk Persepolis (das in 25 Sprachen übersetzt, über eine Million mal verkauft und dessen Verfilmung 2008 mit einer Oscar-Nominierung ausgezeichnet wurde) über Nacht berühmt wurde, verließ Iran 1994. Seither lebt sie im Pariser Exil. Ihre Eltern hat sie seitdem nur in Frankreich getroffen. Viele ihrer Freunde nie wieder gesehen. Ihren beruflichen Erfolg würde sie, so sagt sie, liebend gerne gegen ein freies Leben in ihrer Heimat eintauschen.

Huhn mit Pflaumen basiert auf dem gleichnamigen Comic, der im Schweizer Verlag Edition Moderne erschienen ist. In den Hauptrollen des Kinofilmes spielen: Mathieu Amalric, Chiara Mastroianni, Isabella Rossellini und Maria De Medeiros.

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Foto: Isabelle Vaverka

Mir als Leserin mit romantisch verklärtem Verhältnis zu ihren Büchern, sind diese weit mehr als nur gebundene Seiten beschriebenen Papiers mit Inhalten aller Art. Bücher sind nicht nur Texträger. Denn Texte können wir ja inzwischen problemlos online auf unsere E-Books und ipads runterladen und bei Bedarf auch wieder löschen. Wozu bräuchte man da eigentlich noch das gebundene Buch, wenn nicht eigentlich viel mehr zwischen den Deckeln steckte als reiner Text?

Isabelle Vaverka, Grafikdesignerin aus Litauen ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Ihre Antwort ist ein sehr persönliches und zugleich sehr hübsch anzusehendes Bücherkunstprojekt mit den Namen „The Book“: Hierzu fertigte sie schlicht in weiß mit schwarzem Aufdruck gehaltene Abbilder ihrer persönlichen Büchersammlung. Diesen Artefakten gab sie jedoch nicht die Titel ihrer Bücher, sondern benannte sie nach ihren persönlichen Erinnerungen.

Foto: Isabelle Vaverka

So trägt eines der Bücher den Titel „The Book I’ve been hiding“, ein anderes heißt „The Book on which I’ve cut bread on a squaere in Berlin Kreuzberg“. Die Bedeutung jedes ihrer Bücher für Isabelle Vaverka unterstreicht ein eigens für das Projekt entworfenes Regal mit teils nach vorne, teils nach hinten, nach oben oder nach unten versetzten maßgeschneiderten Fächern für jedes der künstlichen Bücher. Dieses Gesamtwerk ist nicht nur ein ebenso persönliches wie dekoratives Erinnerungsstück, das ist Buchkunst mit Herz.

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FROST Poster – Deichtorhallen

Als ich gestern Abend sturmdurchweht die Hamburger Deichtorhallen betrete, rechne ich eigentlich mit einer Lesung von Thomas Bernhards Erstlingswerk, dem Roman Frost. Nicht mit Theater im Museum, ohne Sitzplatz, dafür in ständig wechselnder Formation. Die Karten hatte eine Freundin reserviert. Sie ist nicht besser vorbereitet: „Das Plakat hat mir gefallen“, antwortet sie ohne Umschweife, als ich sie frage, warum wir hier sind.

An der Kasse holen wir unsere Tickets ab, bezahlen und stehen mitten in der aktuellen Fotoausstellung in der großen Halle mit dem hohen gewölbten Metallstangendach. Eine Bühne ist nicht auszumachen. Um uns herum ist nur Ausstellung. Wir fragen an der Kasse. „Sie laufen dem Schauspieler hinterher“, sagt der Kartenverkäufer. Ich beginne mir vorzustellen, wie wir im Stechschritt hinter dem Schauspieler durch die Ausstellung eilen.

Es fängt an, wenn das Licht ausgeht, denke ich. Doch es bleibt hell. Auch als ein großer schlanker Mann mit hakiger Nase, wirrem Haar und weißem pelzbesetzten Mantel im Eingang steht. Der ist so auffällig, das muss der Schauspieler sein. Andreas Patton. Der Weiße redet los. Mit Mikrophon am Revers. Aus dem Lautsprecher hinter mir erklingt seine Stimme.  Er spricht klar, ruhig, langsam, mit leicht wienerischer Intonation.

Erzählt, er ist Medizinstudent, der von einem Chirurgen aus der Stadt in ein Gebirgsdorf ausgesandt wurde, um den Bruder des Arztes, einen depressiven Maler, zu beobachten. Die Sprache von Thomas Bernhard ist großartig, witzig, pointiert. Der Schauspieler ist souverän in seinen Monologen. Er übernimmt alle Rollen des Romans. Aber der Funke springt irgendwie nicht über.

Ich bin abgelenkt. Ich übe bequemes Stehen. Ich beäuge die anderen Zuschauer. Viele Frauen. Ich entdecke in der Fotoausstellung ein mir vertrautes Kinderbuch: Der rote Ballon, das Buch zum Film von Albert Lamorisse. Als ich mich über die Vitrine beuge, pfeffert der Schauspieler seinen weißen Mantel darüber. Ich fühle mich ertappt und höre wieder zu.

Wir wechseln den Raum. Der Schauspieler verschwindet um eine Ecke. Ich gehe hinterher. Und entdecke Fotografien von Brassaï an einer entlegenen Wand und biege ab. Eines der Bilder hat früher in meinem Zimmer gehangen. Ich lasse mich schon wieder ablenken. Ich schäme mich und laufe zurück ins Geschehen.

Der Schauspieler ist gerade zornig, ekstatisch, schreit. Ich weiß nicht, worum es geht. Er spielt gut. Ich beginne im Presseflyer zu lesen. Die Iszenierung stammt aus Wien, gastiert nur drei Tage in Hamburg. Die Regisseurin hat den Roman anlässlich des 80. Geburtstags des 1989 verstorbenen Autors fürs Theater adaptiert. Roman im Theater, Theater im Museum, ein Schauspieler für mindestens drei Rollen. Das Konzept finde ich spannend. Aber für den Moment ist es mir zuviel. Ich beschließe, das Buch zu lesen. Der Schlussapplaus fällt großzügig aus.

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