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Foto: Hanser Verlag

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Tag 3. Der Buchmessenfreitag. Spätestens heute würde ich mich üblicherweise ins Getümmel stürzen. Stattdessen sitze ich ein wenig melancholisch schon in aller Früh mit Kaffeetasse am Rechner und lese mich online durch die Messetermine des Tages.

Um 10:30 stellt Sascha Lobo sein Soziales Lesenetzwerk „Sobooks“ (kurz für Social Books) vor. Mittags wird der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben, abends die Jugendliteratur- und Independent Buchpreise vergeben. Zwischendrin etliche spannende Autoreninterviews.

Bei Müsli und Blutorangensaft lausche ich der Königin der „Badewannen-Literatur“. Gaby Hauptmann hat seit ihrem Überraschungsbestseller „Suche impotenten Mann fürs Leben“ 1995 sage und schreibe 30 Romane geschrieben. Die ehemals alleinerziehende Mutter in finanziellen Nöten, die heute am Bodensee mit Blick aufs Wasser lebt, beschreibt sich selbst als „Stehaufweibchen“ mit Improvisationstalent, eine Powerfrau – und ich glaube ihr. Ihr aktuelles Buch widmet sich einer in die Jahre gekommenen Ehe, gewiss wieder großartiger Wannen-Lesestoff.

Da ich gerade über „Badewannen-Literatur“ schreibe, etwas später am Tage begegnet mir eine weitere Autorin dieses Genres: Katja Kessler, Ehefrau von Bildchef Kai Diekmann, Mutter von vier Kindern, Zahnärztin und Bestsellerautorin. Ihr Stil ist heiter bis witzig. Ihre Masche die Selbstironie. Ihr aktuelles Werk „Silicon Wahnsinn – Wie ich mal mit Schatzi nach Kalifornien auswanderte“. Ihr Thema damit hinreichend erläutert. Einzig in natura im Interview verblasst Katja Kessler etwas. Hier wirkt sie gar nicht so charmant und humorvoll, sondern eher steif und angestrengt.

Foto: Fischer Verlage

Foto: Fischer Verlage

Einem sehr idealistischen Projekt hat sich Roger Willemsen verschrieben. Für sein aktuelles Buch „Das hohe Haus“ besuchte er ein Jahr lang die Sitzungen des Deutschen Bundestages. Das Ergebnis ist ein, so heißt es im Interview, „erstaunliches und in großen Teilen sehr unterhaltsames Buch über politische Rhetorik“ und wie mir scheint Öl im Feuer der Politikverdrossenheit. Denn Willemsen sagt über den Bundestag Dinge wie: „Zerstreuung ist ein Prinzip dieses Parlaments“ oder „Das Ventilieren von Tagesproblemen ist eine gute Ablenkung vom tatsächlichen politischen Geschehen.“. Sein Fazit lautet daher, man müsse in Deutschland bitte dringend die „außerparlamentarische Opposition stärken“. Und am Ende ergänzt er, „jetzt würde ich den Staffelstab gerne weiterreichen, denn ich finde, eigentlich sollte alle paar Jahre jemand dieses Experiment machen. So unterläge das Parlament zumindest dieser außerparlamentarischen Kontrolle“.

Für Kontrolle wirbt auch Yvonne Hofstetter in ihrem neuen Buch „Sie wissen alles“ und meint damit die Kontrolle über die persönliche Freiheit. Diese sieht Hofstetter durch Big Data in Gefahr. Deshalb empfiehlt sie Datensparsamkeit und eine vernünftige Güterabwägung: „Überlegen Sie, was Ihnen wichtiger ist, Triebbefriedigung durch Selbstdarstellung im Netz oder ihre persönliche Freiheit“, warnt sie eindringlich. Aus der DDR seien die Menschen geflohen, weil sie sich ihrer Freiheit beraubt sahen, heute liefern dieselben Menschen dem Internet Daten und bemerken nicht, wie sehr das ihre Freiheit einschränken kann.

Ebensolche Daten erheben, verwerten ja sogar verkaufen will dagegen Sascha Lobo, der heute der Öffentlichkeit  (mit flatternder Präsentation) sein neues soziales Netzwerk Sobooks präsentiert und damit der Ebookflatrate von Amazon den Krieg erklärt. Ob Lobo größenwahnsinnig ist oder die Zukunft des Lesens tatsächlich das Social Book ist, wird sich noch herausstellen. Ich melde mich einstweilen mal bei Sobooks an. Das funktioniert reibungslos in drei Minuten. Das Angebot – Großverlage wie Random House sind Kooperationspartner – zu erfassen und testen verschiebe ich fürs erste. Ich gebe zu, die Nachricht, dass FAZ Online, mit im Boot ist, verpasst Sobooks auf den ersten Metern ein extra Gütesiegel. Lobo hat also wohl nicht gelogen, als er sagte, Frank Schirrmacher habe von Anfang an, mitmachen wollen. Das Konzept, Online Lesen im Browser ohne Lesegerät gefällt mir auch. Ebenso  die Idee, kommentierte Bücher zu verkaufen, finde ich spannend. Die Vision, mein Leseverhalten gescreent und an die Verlagswelt verkauft zu wissen, damit die mein Idealbuch auf mich zuschneiden, jedoch gruselig, da bin ich neophob und zukunftsscheu!

Als scheuer Zeitgenosse erweist sich auch Robert Seethaler, dessen Roman „Mein ganzes Leben“ die Geschichte eines – wie der Wiener selbst sagt – einfachen Menschen seit Wochen auf den Bestsellerlisten steht. Das hat er wohl mit seinem Protagonisten gemeinsam. Noch mehr interessiert mich jedoch Seethalers vorheriger Roman „Der Trafikant“, die Geschichte der Freundschaft eines Zeitungsladenbesitzers und Sigmund Freud. Ich werde berichten..

Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“ stehen ohnehin schon auf meiner Leseliste für den Herbst. Sein Roman über die Freundschaft Winston Churchills mit Charlie Chaplin ist eine Gradwanderung zwischen Fiktion und Geschichte. Und wenn Köhlmeier Skrupel hatte, seine prominenten Protagonisten auszuschmücken, so gibt er es zumindest nicht zu, wenn er sagt, „historische Persönlichkeiten wie Churchill und Charlie Chaplin gehören ohnehin schon jedem von uns. Es ist es gar nicht so schwer, über sie zu schreiben, denn sie sind ohnehin schon Leinwand für Projektionen.“ Interessant finde ich auch, dass Köhlmeier mit seinem Buch quasi auf seine Weise den nie verwirklichten Lebenstraum seines Vaters, eines Historikers und Autodidakten, realisiert, der immer eine Churchill-Biographie schreiben wollte, sich aber nie ausreichend informiert fühlte, um es tatsächlich zu wagen.

Axel Scheffler. Woher kenne ich nur diesen Namen, frage ich mich, als ich die Ankündigung seines Interviews im Buchmessenprogramm entdecke. Tatsächlich begegnet mir dieser Name derzeit allabendlich, immer wenn ich meinem Baby eine Gutenachtgeschichte vorlese. Axel Scheffler ist Kinderbuch-Illustrator, der Zeichner des „Grüffelo“ und seit neuestem von „Die Vogelscheuchenhochzeit“. Im Interview wirkt er in sich gekehrt aber freundlich. Sein neues Bilderbuch ist wunderbar illustriert, das sehe ich mir einmal genauer an..

Apropos Kinderbuchempfehlungen. Die Jugendliteraturpreisträger 2014 stehen fest, hier sind die Siegertitel vorgestellt!

Tief beeindruckt mich dann Herta Müller im Interview. Die Literaturnobelpreisträgerin (2009) die ihre erste Lebenshälfte in der rumänischen Diktatur verbrachte, hat schreckliches erlebt, stets Widerstand geleistet und bei alledem ihre Fassung bewahrt. Mit „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ legt sie dieser Tage ein biografisches Werk vor, eine Lebensgeschichte in der Literatur, wie der Hanser Verlag schreibt, in Form eines langen Gespräches mit Lektorin Angelika Klammer. Eines ihrer Themen ist die Angst, der sie sich im Leben vielfach stellen musste und von der sie sagt: „Das Gegenteil von Angst ist auch Angst, aber Angst, die überwunden wird.“ Bis heute leistet Herta Müller Widerstand. So urteilt sie aktuell scharf gegen Wladimir Putin. Analysiert sein Agieren in der Ukraine als gezielte Maßnahme gegen Demokratie, denn Demokratie ließe keinen Platz für ihn selbst. Herta Müller jedenfalls gelingt es, allein mit ihrer Lebensgeschichte Politikinteresse zu wecken und zu Engagement aufzurufen, ich hoffe, nicht nur ich werde sie lesen!

Engagierte Vorbilder sind auch die Friedensnobelpreisträger 2014: Die Auszeichnung der Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai wurde weltweit begeistert aufgenommen. Wer mehr über die erst 17jährige Pakistanerin Malala erfahren will, kann zwischen drei deutschen Büchern wählen:  „Ich bin Malala“. „Malala, meine Geschichte“. Und „Die Geschichte von Malala“.

Wem bei all diesem Lesestoff nun doch etwas schwindlig geworden ist, dem lege ich zum Schluss noch den Fotoband ans Herz, dem am Freitag Abend der Preis der Hotlist, der Independent Buchpreis 2014, verliehen wurde. Herzlichen Glückwunsch!

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Foto: Nobelstiftung

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Tag 2 der Frankfurter Buchmesse: Und ich sitze weiterhin auf der Schweizer Alm anstatt durch wuselige Messehallen zu spazieren. Dabei entdecke ich zunehmend die Annehmlichkeiten des digitalen Messebesuchs – insbesondere an einem föhnigen Sonnentag wie heute. Bei mir schwingt eine Hängematte unter Bäumen im Wind, es gibt guten Kaffee und frische Bergluft, wäre da nicht die Messereporter-Mission könnte man sich glatt ein paar Stündchen auf die faule Haut legen..

Ich starte stattdessen früh mit Kaffee, Müsli, noch schlafendem Baby neben mir und einem höchst informativen Gespräch der FAZ-Literaturredaktion über die bevorstehende Nobelpreisverleihung. Sandra Kegel, Andreas Platthaus und Hubert Spiegel diskutieren darüber, warum ihre Favoriten – Philip Roth, Haruki Murakami und Swetlana Alexijewitsch wahrscheinlich nicht gewinnen werden und geben ganz nebenbei recht informative Einblicke wie die Jury der Königlich Schwedischen Akademie der Künste in Stockholm so tickt..

Zur Mittagszeit drücke ich mich regelmäßig auf der Buchmacher-Website Ladbrokes herum. Das Wettbüro liefert alljährlich bemerkenswert gute Prognosen, wer das Rennen um den Literaturnobelpreis macht. Der Sieger ist auch diesmal unter den Top Ten, doch bis zum Schluss stehen der in den USA lebende Kenianer Ngugi wa Thiong’o und die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch oben.

Um 13 Uhr gibt die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreisträger 2014 bekannt: Patrick Modiano, laut Hanser Verlag einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart, der wie ein Jurysprecher verkündet, zu diesem Zeitpunkt selbst noch keine Ahnung von seiner Auszeichnung (inkl. Preisgeld von acht Millionen Schwedischen Kronen, etwa 870.000 Euro) hat. Die Akademie hatte den als menschenscheu geltenden Schriftsteller noch nicht erreicht.

In Frankfurt bestürmen unterdessen Journalisten den Stand des Hanser Verlages, die leider zunächst keine Modiano Bücher vorrätig haben. Gefeiert wird der Sieg dennoch euphorisch. Jo Lendle erklärt: „Modianos Qualität ist, kompromisslos in der Sprache zu sein – schön, zauberhaft. Diese Auszeichnung ist der Beweis dafür, dass man damit eine starke Wirkung haben kann.“

Mir geht es im ersten Moment wie so oft, wenn Literaturnobelpreisträger verkündet werden, ich frage mich: Wer ist dieser Autor? Im zweiten Moment ziehe ich eines seiner Bücher aus meinem Regal: „Das Café der verlorenen Jugend“ und bin entzückt!

Foto: Hanser Verlag

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Modianos Roman spielt im Paris der beginnenden 1960er Jahre. Aus vier Perspektiven wird die Geschichte der jungen Louki erzählt, die aus zerrütteten Verhältnissen stammt, ihren Ehemann verlassen hat, von einem Detektiv beschattet wird und mit dem gescheiterten Schriftsteller Roland und einer Gruppe junger Leute im Café Condé Zuflucht sucht und ihren Sehnsüchten nachhängt – absolut lesenswert, vor allem aber bestens lesbar! Modiano ist mal wieder ein sprachlich und stilistisch zugänglicher Preisträger. Wie schön!

In den nächsten Stunden lese ich zahlreiche Zusammenfassungen seines Werkes und stelle fest, ich muss unbedingt mehr Modiano lesen! Besonders seine Antisemitismusparodie „La place de l’étoile“ und „Der Horizont“, Erinnerungen eines Schriftstellers an seine Jugendliebe interessieren mich.

Laut der Akademie in Stockholm ist Modiano eine Art „Marcel Proust unserer Zeit“. Der Literaturnobelpreisträger gilt als ein Virtuose der Erinnerung. Damit ist gemeint, dass Modianos Texte historisches wie Holocaust und Nachkriegszeit aufarbeiten und in Szene setzen. Wie die Zeit schreibt, gilt Modiano in Frankreich daher als „Autor gegen das Vergessen“.

Apropos Vergessen: Aber bei all der Nobelpreiseuphorie möchte ich nicht vergessen, noch ein paar andere Namen zu nennen, die mir heute im Laufe des Tages begegnet sind:

Nino Haratischwili zum Beispiel, gewissermaßen eine „alte Bekannte“ von mir, mit der ich bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2011 ein Interview über ihr damals neues Buch „Mein sanfter Zwilling“ führte – unmittelbar bevor sie mit dem Independent Buchpreis ausgezeichnet wurde. Haratischwili stellt dieser Tage ihren neuen Roman „Das achte Leben“, acht Frauenschicksale aus sechs Generationen einer georgischen Familie vor. Glaubt man der Kritik, das wichtigste Buch des Jahres. Ich habe es mir bereits bestellt..

Und auch heute ist Lutz Seiler quasi überall auf der Messe. Unter anderem in der Tagesauswahl empfehlenswerter Bücher von Denis Scheck, der zugleich das ausgefallenste Statement zu „Kruso“ liefert, das mir bisher begegnet ist. Laut Scheck nämlich „wurde Schufterei noch nie so poetisch in einem Roman beschrieben“. Seiler singe sozusagen „das hohe Lied des Abwaschs“. Kurios!

Dann verteilt Scheck auch noch einen Seitenhieb an Judith Herrmann, deren Roman „Aller Liebe Anfang“ ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher verteidigen muss. Ihr und Marlene Streeruwitz seien „Bedeutungsscheinschwangerschaften“ und wiederkehrende Redundanzen gemein. Dennoch empfiehlt Denis Scheck Marlene Streeruwitz’ für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman „Nachkommen“, der das Scheitern einer Buchpreisnominierten beschreibt.

Last but not least, versöhnt mich Scheck mit seiner letzten Empfehlung, einem Wende-Comic, dem neuesten Werk des Zeichners Mawil: „Kinderland“, das die DDR am Vorabend des Mauerfalls charakterisiert und Tischtennis als Metapher nutzt, um die Überlegenheit größerer Kinder gegenüber kleineren zu zeigen.

Zum Glück bin ich nicht auf der Messe, den Bücherkoffer, den ich allein heute gefüllt hätte, möchte ich nicht in den Zug hieven müssen. Umso gespannter bin ich schon jetzt auf morgen..

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Foto: Antonia

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Was hier niemanden wundert, erstaunt so manchen Kollegen: Urlaub auf der Buchmesse? Natürlich, sofort, und wann immer sich die Gelegenheit bietet…am liebsten mit Kathrin, zur Not auch allein. Die Buchmesse ist schließlich mehr als ein überdimensionaler Buchladen, sie ist Treffpunkt einer außergewöhnlichen Branche, vielleicht der Literaten, jedenfalls der mehr oder weniger selbst ernannten Schöngeister – aber auch der Geschäftemacher und eben von Lesefreunden wie mir, die das blaue Sofa live und nicht nur auf dem Bildschirm verfolgen wollen.

Als Frau und allenfalls kritische, aber nicht allzu intellektuelle Leserin starte ich klassisch in Halle 3 – es sind die Roman-Neuerscheinungen, die in meinen Händen landen und angelesen werden müssen und ja, es darf ruhig auch von der Liebe handeln und allem was mit Ihr verbunden ist. Da trifft es sich gut, dass Bodo Kirchhoff aus seinem neuen Roman „Verlangen und Melancholie“ liest und gleich einer der ersten Sätze lautet „wir mochten das Schwere, aber wir ließen uns auch von Leichtem verführen, der Liebe an sich“… klingt sehr vertraut in meinen Ohren und schön, wenn der Autor selbst das mit seiner unaufgeregten Stimme erzählt – und doch, das Thema ist mir heute zu schwermütig, der Tod der geliebten Frau kein guter Start in einen aufregenden Buchmesse-Tag.

Nichts liegt näher, als endlich den Buchpreis-Gewinner Lutz Seiler live zu hören; doch auch hier bleibt offen, ob der Lyriker für mich ein lesbarer Romancier werden kann. Schnell weiter und vor allem noch ein paar Fotos für die persönliche Leseliste: Donna Tartt’s Distelfink, der neue Murakami (gerade vor der Nobelpreisverleihung – mein Gefühl: er wird es auch diesmal nicht), natürlich Michael Köhlmeier, aber auch Tom Rachmann, den wie ich alle zu mögen scheinen, und gleich dazu Meg Wollitzer mit „Die Interessanten“. Unbedingt die beeindruckend junge Nino Haratischwili („Das achte Leben“) und die sympathische Hamburger Theaterautorin Karen Köhler sowie mir ganz Unbekanntes wie das zum Verschenken schöne, kleine Büchlein „Papierhaus“ (Carlos Maria Dominguez). Yasmina Reza und Lucy Fricke für eine gute Freundin, Sigrid Damm als Mutter-Geschenk, schließlich Antonio Tabucchis „Isabel“ für mich… und viele, viele weitere.

Foto: Antonia

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Am Ende lockte jeweils das Cover, der Klappentext macht Lust auf mehr und erst Zuhause in Ruhe weiß ich dann, ob es eine gute Auswahl war. Als Messebesucher für einen Tag ist man schließlich alles, nur kein Leser – wie unpassend eigentlich, Bücher im Zeitraffer kennenlernen zu wollen.

Dazu das Gewusel um mich herum – also wird es Zeit, die besonders schönen Bücher einfach nur anzusehen. Schirmer & Mosel feiern das 40jährige Bestehen, wunderschöne Bildbände, insbesondere Cy Twombly und Gerhard Richter kommen auf meinen Weihnachtswunschzettel. Großartig wird nicht weit weg am Guttenberg-Stand Buchdruck nach alter Schule betrieben – nichts ist in dieser winzigen Oase zu spüren von Messetrubel, Hektik oder Verkaufsdruck.

Foto: Antonia

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Angefüllt mit solch’ schönen Impressionen gilt es endlich Finnland kennen zu lernen – der „coole“ Ehrengast präsentiert sich sehr gefällig, clean und hübsch für’s Auge. Die Autoren wirken unkonventionell, zum Teil sehr jung. Erwartungsgemäß sind ihre Geschichten etwas düster, oft skurril, dafür mit einer erfrischenden Portion Selbstironie präsentiert. Es wird Zeit, den finnischen Eigensinn einmal zu erforschen – in Ruhe, vielleicht im Winter.

Bevor ich den Tag mit der Diskussion zwischen Paulo Coelho und Jürgen Boos, dem Direktor der Buchmesse, beschließen werde, locken mich noch die Internationalen Aussteller – in Halle 5 herrscht eine ganz andere, besondere Stimmung: es gibt viel weniger Publikumsverkehr, dafür gleicht der Besuch der einzelnen Stände einem Bummel mindestens durch Europa: in Italien wird gestikuliert, Spanien ist groß und bunt – dabei streng nach Regionen unterteilt, in Portugal sitzt man wie bei einem späten Mittagessen wild diskutierend um einen großen Tisch und scheint fernab jeden Messegeschehens. Nur in der Türkei wird von mir als neugierigem Messebesucher Notiz genommen; die arabische Welt ist ganz leise und wirkt fremd auf mich. So ist Halle 5 ein schönes, weil friedliches Nebeneinander von Kulturen, Religionen und Traditionen – ich bleibe Zaungast und freue mich an ein paar Fotos dieser ganz besonderen Stimmung.

Fast vergesse ich darüber die Zeit und eile schließlich zur Diskussion mit Coelho – ob er selbst auch so esoterisch ist, wie insbesondere seine letzten Bücher? Jedenfalls ist er heiß begehrt, alle wollen dabei sein, vor allem Kameras vom Handy bis zur Ausrüstung eines Filmteams. Nur leider war zumindest mir nicht klar, was dort diskutiert oder vielleicht auch nur geplauscht wurde. Den Menschen um mich herum gelang das offensichtlich leichter – wer nicht gerade fotografierte, kritzelte fleißig mit.

Ein wenig unbefriedigt und mit dem Gefühl, nur einen klitzekleinen Ausschnitt gesehen zu haben, bleibt eines sicher: es gibt noch so viel zu lesen – auch in diesem Jahr heißt mein persönliches Weihnachtskaufhaus daher Lehmkuhl. Denn alles, was ich selbst nicht lesen kann, muss zumindest freundschaftlich fremdgelesen werden. Nur der neue Coelho kommt von mir nicht unter den Baum.

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Tag 1 der Frankfurter Buchmesse und ich bin nicht dabei. Nachdem ich vor einem Jahr noch mit dickem Bauch durch die Mainhattan Messehallen gewatschelt bin, hüte ich heuer daheim mein Baby, statt von Stand zu Stand zu flanieren. Die Ereignisse in Frankfurt verfolge ich nur vom Bildschirm aus. Glücklicherweise streamt meine WLAN-Verbindung seit neuestem brav auch Filmisches, so dass ich beinahe das Gefühl habe, mit dabei zu sein. Und es scheint mir sogar, dass man als Online-Beobachter leichter auf dem Laufenden bleibt, als der Otto-Normal-Blogger, der im Menschengewimmel so manche News doch erst arg zeitverzögert aufschnappt.

Trotzdem sitze ich etwas wehen Herzens zu Hause und beneide all jene, die heute vor Ort waren und in Händen halten duften, was ich nur in abgelichteter Form digital konsumieren konnte: all die neuen Herbstbücher, auf die ich mich schon so sehr freue. Als kleine Therapie gegen den Herzschmerz habe ich im folgenden ein kleines Update aus der Buchbranche verfasst, meine online beobachteten Eindrücke vom ersten Buchmessetag niedergeschrieben und eine kleine Linksammlung integriert. Gemäß der schönen ZEIT-Online-Aktion #1Buch1Satz, die Leser gestern aufforderte in Twitter-Manier ihr Lieblingsbuch in einem Satz zusammenzufassen und großartige Beiträge erhielt, bemühe ich mich um Kurzfassung.

Und gleich nochmal ZEIT Online: Die Wochenzeitungswebsite launchte rechtzeitig zur Buchmesse die Schriftsteller-Plattform „Freitext – Feld für literarisches Denken“, ein Forum für Autoren, über Politik, Kultur, Gesellschaft und ihr Leben zu schreiben und wie es dort heißt ihrer „literarischen Weltsicht Raum zu geben“. Bislang zu lesen sind Feridan Zaimoglu, Thomas Glavininc, Nora Bossong und Jo Lendle.

Zur Eröffnung der Buchmesse brachte auch Amazon seine Ebookflatrate nach Deutschland. Ab 9,99 Euro im Monat können Abonnenten künftig digital lesen. Dank der Buchpreisbindung ist diese News für die deutschen Verlage (die derzeit mit Ebooks rund 10 Prozent ihres Gewinns erwirtschaften und von denen mehr als 60 Prozent Ebooks im Sortiment haben, 100 Prozent der großen) weniger dramatisch, als für die etwa 6.000 deutschen Buchhandlungen. Entsprechend war die digitale Bedrohung auch heute einmal wieder Thema in Frankfurt.

Die digitale Antwort auf die Ebookflatrate und die Weiterentwicklung des Ebooks zum Social Book hat Sascha Lobo angekündigt. Am Freitag startet „Sobooks“, seine, wie er selbst sagt, „Autoren- und Verlagsplattform für die Zukunft des Buchstabenverkaufs“. Ich bin gespannt! 

Thema war heute auch der gestrige Tod des 88-jährigen bedeutenden deutschen Nachkriegsautoren Siegfried Lenz in Hamburg. Michael Jürgs erzählt auf Cicero Online von einem Hausbesuch bei Lenz.

Einen kleinen Skandal verursachte der Ausschluss der Wiener Literaturkritikerin Daniela Strigl aus der Jury des Ingeborg-Bachmann Preises. Die Frage, ob Strigl selbst abgesagt oder der ORF Kärnten, als Veranstalter der Bachmann-Tage, Strigl ausgeladen hatte, wird in der Berichterstattung nicht einheitlich dargestellt. Fest steht, innerhalb weniger Stunden formierten sich Hunderte Strigl Sympathisanten in Frankfurt, eine Unterschriftenliste zu ihren Gunsten kursiert.

Omnipräsent auf den Sofas der Messe war erwartungsgemäß Buchpreisträger Lutz Seiler, dem die FAZ bereits vor zwei Tagen das Kopieren des Erfolgsrezeptes Uwe Tellkamps vorwarf: Tellkamps „Der Turm“ sei, so hieß es, eine Art Folie für Seilers Buch“. Und heute mit dem provokanten Artikel: „Die DDR als sicherer Bucherfolg“ noch einen draufsetzt. Dass wir Wessis die Wende vielfach  in Selbstversunkenheit verpasst haben, wissen wir spätestens seit Sven Regners „Herr Lehmann“. Insofern habe ich mich über Lutz Seilers Buchtipp gefreut, der etwas Nachhilfeunterricht in Sachen DDR verspricht. Kürzlich im Pieper Verlag erschienen ist Roland Jahns „Wir Angepassten – Überleben in der DDR“.

Wie die taz schreibt, ist der vor zehn Jahren initiierte Deutsche Buchpreis heute eigentlich „ein Preis für Deutsche Geschichte“. Entsprechend waren auch Geschichte und Politik, insbesondere die aktuelle weltpolitische Lage Thema auf der Buchmesse heute. Ein von langer Krankheit gezeichneter Helmut Kohl bewarb sein neu aufgelegtes Buch über den Mauerfall. Die finnisch-estnische Schriftstellerin und Dramaturgin Sofi Oksanen warb als Botschafterin des diesjährgen Ehrengastes Finnland (hier gibt’s eine Liste finnischer Neuerscheinungen auf deutsch) schon gestern Abend bei der Eröffnung der Messe für Freiheit und sprach sich gegen Wladimir Putin aus. Historienschinkenschreiber Ken Follet, der dieser Tage sein neues Buch bewirbt, sprach im Interview über das Schottland-Referendum und seine Heimat Wales und sagte den – wie ich finde – recht bedenklichen Satz: „Wie alle intelligenten Waliser lebe ich in London“.

Einen deutlich sympathischeren Eindruck hinterließ bei mir die Hamburger Theaterautorin und Illustratorin Karen Köhler, deren Buch „Wir haben Raketen geangelt“, neun Ich-Erzählungen von Frauen, gerade im Hanser Verlag erschienen ist und von der Kritik geradezu gefeiert wird. Die Vierzigjährige Roman-Debütantin sagte im Interview auf dem Blauen Sofa, sie fühle sich sehr wohl als Neuling im Literaturbetrieb, denn sie habe die Erfahrung gemacht, dass dort sehr viel sanfter mit Text umgegangen werde, als beim Theater, wo es schon mal vorkomme, dass man bei der Premiere sein eigenes Stück nicht mehr wiedererkenne.

Jetzt bin ich gespannt auf Köhlers Erzählungen, die ich mir neben ein paar anderen Neuerscheinungen soeben per E-Mail in der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt habe. Ebenso bin ich gespannt auf morgen, den zweiten Messetag und den Literaturnobelpreis..

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imageAlle Jahre wieder: Am 6. Oktober, zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, wird zum zehnten Mal der mit insgesamt 37.500 Euro (25.000 Euro + 5x 2.500 Euro) dotierte Deutsche Buchpreis vergeben.

Mediale Aufmerksamkeit ist allen Nominierten sicher. Die ausgezeichneten Titel avancieren sogar regelmäßig zu Bestsellern des Herbst- und Weihnachtsgeschäftes. In den Feuilletons wurde die diesjährige Juryentscheidung jedoch schon vorab kritisiert. Die Longlist sei unvollständig, beziehe die wichtigsten Bücher des Jahres nicht mit ein, auf der Shortlist fehlten die besten Titel der Longlist.

Heuer auf der Shortlist: Angelika Klüsendorf: „April“ / Lutz Seiler: „Kruso“ / Thomas Hettche: „Pfaueninsel“ / Thomas Melle: „3000 Euro“ / Getrud Leutenegger: „Panischer Frühling“ / Heinrich Steinfest: „Der Allesforscher“image

Da für mich gute Lektüre ohnehin Geschmacksache ist, habe ich die breite Kritik zum Anlass genommen, einmal meine eigene Shortlist zusammenzustellen.

Ehrlicherweise muss ich aber zugeben, hierzu nicht alle 20 Titel der Longlist ganz gelesen zu haben. Vielmehr habe ich das kleine graue Büchlein zur Hand genommen, das der Börsenverein des Buchhandels herausgibt, um Autoren und Titel der Longlist jeweils mit Leseprobe vorzustellen. Wer es mir gleichtun will, das Büchlein ist kostenlos oder für 2,50 Euro in vielen Buchhandlungen erhältlich.

Longlist Büchlein 2014Hier kommt nun also meine Shortlist:

Stilistisch besonders angesprochen hat mich Lukas Bärfuss’ „Koala“, eine Reflexion über den Selbstmord des Bruders des Autors. Der Schweizer saß ursprünglich an einem ganz anderen Roman, als er die Nachricht vom Freitod seines Bruders erhielt und sich in der Folge entschied, dem Toten sein nächstes Buch zu widmen. In „Koala“ beschreibt er zwei grundverschiedene Männer und deren von der Verpflichtung zur familiären Bindung gekennzeichnete Beziehung. „Koala“ ist auch für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Typisch österreichisch-melacholisch, kabarettistisch anmutend und oft schwarzhumorig und damit absolut lesenswert erscheint mir auch Antonio Fians „Das Polykrates-Syndrom“. Darin erzählt der Autor auf tragisch-komische Weise wie ein Leben aus den Fugen gerät und beim Lesen schmunzele ich unwillkürlich auch an den traurigen Stellen.

Thomas Hettches „Pfaueninsel“ begeistert mich als ebenso kluger wie außergewöhnlicher Historienroman. Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert und erzählt in der Kulisse der gleichnamigen Havelinsel, einer königlichen Architektur- und Gartenbauenklave, die dramatische Liebes- und Dreiecksgeschichte der Zwergin Marie, ihres Bruders Christian und des Hofgärtnerneffen Gustav, wobei das Geschwisterpaar zunehmend erleben muss, wie die eigene Andersartigkeit sich mit dem Zeitgeist grausam verstärkt.

Die Personenkonstellation ist es, was mich an Michael Köhlmeiers Roman „Zwei Herren am Strand“ über die Begegnungen und Gespräche von Winston Churchill und Charlie Chaplin interessiert. Stilistisch hat mich Köhlmeier zuletzt in „Joel Spazierer“ begeistert, der Vorarlberger schreibt Literatur im Plauderton.

Im Falle von Christoph Poschenrieders Roman hat die Eingangsszene, in der ein gut gekleideter Mann im Berlin des Jahres 1915 säckchenweise Sand in der Stadt verstreut, mein Interesse geweckt. „Das Sandkorn“ spielt während des Ersten Weltkrieges, kommt jedoch ganz ohne Kriegsgeschehen aus und erzählt die Geschichte eines homosexuellen Archäologen auf den Spuren Friedrichs II in Apulien und natürlich die Geschichte eines Sandkorns.

Den außergewöhnlichsten wenn auch nicht gerade den uneitelsten Romaneinstieg liefert schließlich Heinrich Steinfest mit „Der Allesforscher“, der Geschichte eines Managers, der infolge eines Ubfalls mit einem Wal zum Bademeister wird. Ebenso wie die ersten Seiten des Buches macht mich diese Vorschau neugierig.

Bleibt abschließend eigentlich nur die Frage: Wer gewinnt den Deutschen Buchpreis 2014? – Mein Tipp: Lutz Seiler für seine Robinsonade „Kruso“. Dennoch werde ich diesen Roman sehr wahrscheinlich nicht lesen.

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Logo_dbp_13_RGBAm Mittwoch gab die Jury des Deutschen Buchpreises die diesjährige Shortlist bekannt und setzte mit ihrer ambitionierten Auslese zugleich ein Statement. Kritikern, die dem Preis zuletzt vorgeworfen hatten, zum Populärliteratur-PR-Spektakel zu verkommen, sollte angesichts dieser Top Sechs die Häme im Halse stecken bleiben. Die Feuilletons jedenfalls attestierten der Jury Unabhängigkeit und Mut zur Nische.

„Der Buchpreis fährt mit Begeisterung zur Hölle“, so Richard Kämmerlings in der Welt. „Eine literarisch höchst anspruchsvolle Shortlist“, nennt die FAZ die Finalisten. „Unter den sechs Kandidaten ist kein Buch, das sich einfach so ,weglesen‘ lässt.“ „S wie Sensation, Ü wie Überraschung“, titelte Spiegel Online in Anlehnung an Daniel Kehlmanns neuen Roman „F“, der es überraschend nicht auf die Shortlist geschafft hatte.

Ebenso wenig wie Uwe Timms ,Vogelweide‘, Thomas Glavinics ,Das größere Wunder‘ oder Norbert Gstreins ,Eine Ahnung vom Anfang‘. Dafür setzten sich Überraschungskandidaten wie Monika Zeiner mit ihrem bereits im Frühjahr erschienenen ,Die Ordnung der Sterne über Como‘ durch oder der kommerziell bisher verhalten erfolgreiche Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl mit seiner düsteren Science Fiction Vision ,Nichts von Euch auf Erden‘.

Short List Buchpreis 2013Düster ist ohnehin ein passendes Stichwort für die diesjährige Shortlist, deren Themenwelten alles andere als optimistisch wirken: Die Frauen versetzen sich in Männer, die Männer ins Weltgeschehen. Und auf Frauentode – vorzugsweise Selbstmorde – trifft man in auffälliger Häufung. Die Gelisteten scheinen es bitter nötig zu haben, durch ihr Vorrücken auch in den nächsten Wochen noch weiter im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen.

Und während ich noch überlege, welchen der sechs Shortlist-Schinken ich mir in den nächsten Wochen bis zur Preisverleihung – zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, am 7. Oktober 2013 – vornehme, sticht mir eine Neuerung ins Auge, die ich spontan viel spannender finde, als alle Nominierten, die Buchpreis-App.

Buchpreis AppDie Idee ist einfach, die App stellt alle Preisträger und Nominierten der Longlists und Shortlists von 2008 bis heute mit Kurzbiographie, Lese- und Hörprobe vor, ist verlinkt zu den Websites der Verlage und findet überdies mittels Smart Phone Ortungssystem die umliegenden Buchhandlungen. Nix ausgefallenes also und doch zeigt sie mir glasklar, wie ich mir Buch-PR in Zukunft wünsche:

Bislang flattern Monat für Monat die PR-Newsletter der Verlage in mein E-Mail-Postfach. Bin ich fleißig, lese ich mich durch seitenlange Texte, gelange via Link auf die Verlagswebsites und durch unzählig geöffnete Fenster zurück zum Ausgangpunkt. Umständlich, wenn man wie ich solche News bevorzugt in der U-Bahn auf dem Smart Phone liest. Langwierig obendrein. Und bei aller Lesefreude, die mir auch die ,Mediennutzung to go‘ nicht geraubt hat, sehr textlastig.

Wie praktisch wäre es da, für jeden Verlag eine übersichtliche mobile Applikation auf dem Smart Phone zu haben und für jedes vorgestellte Buch die Option der Lese- oder Hörprobe. Oder noch besser eine Buch-PR-App für alle monatlichen Neuerscheinungen. Ein Blick in den App Store verrät jedoch, die hübsche Vision bleibt vorerst ein Traum. Bleibt mir nur, den Verantwortlichen, Verlagen und Literatur-Agenten, aufmunternd zuzurufen: Das wär doch eine feine Idee fürs Weihnachtsgeschäft!

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Foto: Rowohlt Verlag

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„‚Middlesex‘ ist ein unerhört wunderbarer Roman“, schreibt Jonathan Franzen über Jeffrey Eugenides‘ Pulitzer-Preis gekröntes Buch aus dem Jahr 2003. Freilich ist Franzen ein guter Freund von Eugenides. Und  ‚Middlesex‘ wird überdies eine große Nähe in Aufbau, Struktur und Erzählperspektive  zu Franzens  ‚Die Korrekturen‘ nachgesagt. Aber so parteiisch Franzen auch sein mag, er zählt auch zu den großen Schreibern der US-amerikanischen Gegenwart. Und ich persönlich kann ihm nur sehr enthusiastisch zustimmen, ‚Middlesex‘ – die Geschichte dreier Generationen einer griechischen Einwandererfamilie, zugleich Zeitgeschichte in Kleinasien und den USA der 1920er bis 1980er Jahre, erzählt von der fiktiven pseudohermaphroditen Hauptfigur Calliope, genannt Cal(lie) und ihrem Umgang mit der eigenen Intersexualität – ist ein unerhört wunderbares Buch.

In gewisser Weise bin ich sicher ebenfalls parteiisch: Fand ich in ‚Middlesex‘ doch eine sehr eindrückliche Beschreibung von Smyrna, der Geburtsstadt meines Großvaters zu der Zeit als er dort lebte. Sind die Themen Einwanderung und Assimilation auch in meiner Familiengeschichte präsent gewesen. Konnte ich die Gedanken, Hoffnungen und Sorgen von Cal(lie)s Großmüttern Desdemona und ihrer Sourmelina während ihrer Schwangerschaften ebenso wie die große Unsicherheit Cal(lie)s in der Pubertät so gut nachempfinden. Und neige ich überhaupt dazu, Protagonisten, mit denen ich bereitwillig mehr als 700 Seiten durch Höhen und Tiefen gekraxelt bin, zu meinem innersten Seelenverwandtschaftskreis zu erheben.

So erging es mir mit Desdemona als Zeitzeugin der Kindheit meines Großvaters und großen Romantikerin in Eugenides’ Roman, die sich zweimal trotz aller Bauchschmerzen und Alpträume für die Liebe und gegen die Vernunft entschieden hat und dennoch ihr Leben lang mit dieser Schuld ringt. Und so erging es mir ebenfalls mit Cal(lie), deren Metarmorphose, mich tatsählich zu Tränen gerührt hat, obwohl ich zugeben muss, dass so manche Kritikerstimme nicht ganz zu Unrecht, eine mangelnde Tiefe oder Selbstreflexion in ihrer Darstellung anmahnt.

Ulrich Greiner nimmt Eugenides’ Hauptfigur das persönliche Drama nicht ab: „Wir glauben nämlich nicht, dass Cal wirklich unter seinem Anderssein leidet. Allzu fidel hat er uns über die steilen Pfade und schnellen Straßen seiner Geschichte vorangetrieben. Und das liegt eben daran, dass ihm die Dialektik fehlt. Sie entsteht, weil die Verhältnisse ewig unvollkommen, nämlich halbiert sind. Cal aber ist schon selber die (wenn auch kurios mangelhafte) Einheit, deren zugehörige, verfehlte Hälfte nicht gedacht werden kann. Selbst wenn wir den verstörenden Befund zwischen seinen Beinen, der uns ausführlich geschildert wird, für einen Augenblick vergessen, erscheint er uns nie als Opfer eines tragischen Geschicks, sondern als genügsamer und zugleich optimistischer Schmied seines Glücks.“

Eine mögliche Erklärung für diese Beobachtung liefert Greiner sogleich selbst: Der „Einsatz des allwissenden gottähnlichen Erzählers“ offenbare, dass dieser zwar „überall dabei, nur nicht recht bei sich selber“ sei, „aber das ist verständlich, denn wie soll er sich finden in einer Welt, die alles bipolar ordnet und mit dem Dazwischen nicht umgehen kann.“ Unzufrieden ist er jedoch wieder mit dem Umfang von Eugenides’ Roman und steht damit nicht allein: Stephan Draft schreibt im Stern: Neun Jahre hat Eugenides an seinem Roman gearbeitet, und wohl deshalb finden sich reichlich Absätze, aus denen man ausgewachsene Romane stricken könnte.“ Ulrich Greiner setzt noch einen drauf: „Der Roman könnte ebenso gut doppelt wie halb so dick sein, es würde ihm weder schaden noch nützen.“ 

Hubert Spiegel sieht das anders, aus seiner Sicht ist Eugenides’ Historienschau geglückt und schadet dem Fluss der Handlung ganz und gar nicht. Und er weiß auch, wie Eugenides das geschafft hat: „Damit der Roman über der Fülle seiner Gegenstände nicht aus allen Nähten platzt und der Leser sich nicht schon nach zweihundert Seiten fühlt wie ein Reiter, der aus dem Sattel gehoben wurde und nun von einem durchgegangenen Gaul mitgeschleift wird, hat der Autor gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.“ So wählt Eugenides beispielsweise „einen Ich-Erzähler, der bei Bedarf zum allwissenden Erzähler wird und durch Zeit und Raum zu reisen vermag, wie es ihm beliebt. “

Charmant findet Spiegel auch, wie überlegt Eugenides die griechische Mythologie im Roman verwebt: „Tatsächlich kokettieren der Autor und sein Held ganz gern mit ihrer griechischen Abstammung, aber die Verweise auf das Ursprungsland der klassischen Mythologie haben ihren tieferen Sinn.“ So ist Calliope, die „Schönstimmige“, die Muse der epischen Dichtung, im Schülertheater spielt sie den blinden Seher Teiresias, der zeitweise als Frau gelebt hatte, später führt sie „als Gott Hermaphroditos ihren zweigeschlechtlichen Unterleib gegen Geld“ vor, als männlicher Erzähler namens Cal schließlich „macht sie ihre Gene dafür verantwortlich, dass sie ‚manchmal ein wenig homerisch‘  klingt“. Alles in allem, spannende Perspektiven.

Doch vor dem Hintergrund der Leistung Jeffrey Eugenides’, mit der Intersexualität seiner Hauptfigur in ‚Middlesex‘ ein Thema in den Fokus des Interesses gehoben zu haben, das im gesellschaftlichen Diskurs bislang quasi keine Erwähnung fand, wirken die „Mäkeleien“ der Rezensenten etwas kleinlich. Lediglich Denis Scheck feiert ‚Midddlesex‘ als Triumph der Literatur, als Roman mit Einfluss auf eine Emanzipationsbewegung: „Über all den Klagen über die vermeintliche Wirkungslosigkeit der Literatur, den längst in Serie abgelieferten Selbstbescheidungsstatements der Autoren werden ihre heimlichen Triumphe, ihre im Zeitlupentempo erfochtenen Siege fast übersehen. So ein Triumph ist Jeffrey Eugenides Roman ‚Middlesex‘ , ein Roman über Liebe und Tod natürlich, ein Roman über Geld, Geschichte und Geschlecht.“

Und das ist nicht das einzige, womit sich Eugenides laut Scheck verdient gemacht hat. Denn ‚Middlesex‘ verleiht der Intersexualität Würde: „Bei Eugenides ist der Geschlechtswechsel selbst Strafe und Ehre zugleich, die Erfahrung, erst eine Frau, dann ein Mann zu sein, ein Privileg, und je länger der Leser dem Roman folgt, desto überzeugender erscheint diese Darstellung.“ Diese Meinung teilte Scheck mit der Pulitzer-Preis-Jury, die ‚Middlesex‘ aus diesem Grund als das bedeutenste Buch des Jahres 2003 auszeichnete – wie ich finde, sehr zu Recht! Ich persönlich hatte das Thema Intersexualität zuvor so gar nicht auf dem Schirm. Aber ‚Middlesex‘ sensibilisiert nicht nur – auch auf die Gefahr hin mich (oder Jonathan Franzen) zu wiederholen – ‚Middlesex‘ ist ein unerhört wunderbarer Roman“!

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Foto: Random House

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Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon vor Monaten eine bemerkenswerte Frau vorstellen, die mich Anfang des Jahres, wann immer ich mit meinem Fahrrad durch Hamburgs Nieselregenwinter unterwegs war, als Heldin eines Hörbuchs, begleitet hat. Die Rede ist von Lilly Smith. Deren Lebensgeschichte – „Ein ungezähmtes Leben“, von ihrer Enkelin aufgeschrieben und von Sandra Borgmann vorgelesen – beförderte mich gedanklich ein ums andere Mal in den wilden Westen des beginnenden 20. Jahrhunderts, verwandelte meinen klappernden Drahtesel in einen störrischen Mustang und mich selbst in eine Rinderherden treibende Wildwest-Lady. So sehr sympathisierte, ja identifizierte ich mich, mit der Romanheldin.

Über 50 Jahre ihres Lebens habe ich Lilly auf meinem Fahrrad begleitet. Dabei habe ich ein kleines Mädchen kennengelernt, das als älteste Tochter einer verarmten texanischen Farmersfamilie in einer Lehmhütte haust, einen patenten Teenager, der seine kleineren Geschwister bei einem Hochwasser vor dem Ertrinken rettet und eine junge Frau, die ihren Traum, Lehrerin zu werden, auch dann nicht aufgibt, als ihr Vater sie mit 15 ohne Abschluss von der Schule nimmt, weil er das Schulgeld nicht länger aufbringen kann. Ich bin Lilly nach Chicago und in die Weiten Arizonas gefolgt, habe sie ihre Kinder aufziehen und ihre Enkelin Jeanette das erste Mal erblicken sehen. Und seitdem ich nichts mehr von ihr höre, fehlt sie mir auf dem Nachhauseweg.

Denn Lilly hat mir nicht nur die spannende Geschichte einer starken Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt, Respekt verschafft, erzählt. Es hat mich beeindruckt, wie unerschrocken sie den Unwägbarkeiten des Lebens tapfer die Stirn bietet. Lillys Leben erinnerte mich daran, dass es völlig normal ist, sich von Zeit zu Zeit auch einmal durchbeißen zu müssen, und worauf es überhaupt ankommt im Leben. Und letztlich hat mich Lillys Lebensgeschichte optimistisch gestimmt, weil ihre Protagonistin so lebensbejaend und positiv agiert, dass man des Öfteren beim Gedanken an sein eigenes Verhalten beschämt zur Seite blickt. Lillys Geschichte ist aufmunternd wie ein heißer Kakao und tröstlich wie ein Keks, den man darin eintauchen kann. Das Rezept gegen Weltschmerz und Selbstmitleid.

Und dabei erzählt Lilly immer nur das nötigste, beschreibt nüchtern die verrücktesten Situationen. Verliert sich nie in emotionalen Schilderungen. Ohne Umschweife schildert sie ihre Erlebnisse, schnörkellos, konzentriert auf das Wesentliche. Süffisant, trocken, pragmatisch. Lilly ist eine unerschrockene, starke Frau, eine Führungspersönlichkeit, hat ihren eigenen Kopf, pokert, reitet Pferde zu, trinkt Whiskey und will stets allen etwas beibringen. Insbesondere ihre Tochter Rosemary hat stark mit diesem Zug ihrer Mutter zu kämpfen und entscheidet sich für ein Leben an der Seite eines Schaumschlägers und Säufers, nur um ihrer Mutter zu entkommen.

Aber ich sagte eingangs, ich wollte eigentlich schon vor Monaten an dieser Stelle von Lilly Smith erzählen. Als ich mich aber hinsetzte um meine Eindrücke niederzuschreiben, recherchierte ich ein paar Details. Wie erwartet fand ich heraus, dass Jeannette Walls, Lillys Enkelin ist und „Ein ungezähmtes Leben“ als Hommage an ihre Großmutter geschrieben hatte. Doch, das war noch nicht alles: Lillys Geschichte erwies sich nämlich bereits als das zweite Buch der Autorin, die in New York lebt und als Kolumnistin für verschiedene amerikanische Tageszeitungen schreibt. In ihrem ersten Buch „Schloss aus Glas“, von dem ich nie zuvor gehört hatte, was aber wohl in Deutschland sehr viel bekannter ist, beschreibt sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Rosemary, Lillys Tochter, die als Obdachlose auf New Yorks Straßen endet.

Von dieser Wendung der für mich so positiven Lebensgeschichte der Lilly Smith war ich ziemlich betroffen. Hatte Lilly, die ich so bewundernswert und mutig fand, mit ihrer Dominanz die eigene Tochter auf die Straße getrieben? Ich kaufte mir „Schloss aus Glas“, las es und fragte mich: Kann ich meine Beurteilung der Lebensgeschichte der Lilly Smith angesichts dieser Fortsetzung überhaupt so stehen lassen? – Ja, ich denke, das kann ich. Denn das Leben ist keine stringente Kausalkette. Prägung ist wichtig, ich merke selbst jeden Tag, wie stark die Familie auf den eigenen Charakter abfärbt, aber andererseits ist gerade in der heutigen Zeit jeder seines Glückes Schmied und bei näherer Betrachtung ist die vermeintlich gescheiterte Rosemary doch recht zufrieden mit ihrem unkonventionellen Lebensentwurf. Aber lest selbst!

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Foto: Hoffmann und Campe

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Erzählt man davon, seine Jugend am Starnberger See verbracht zu haben, drückt einem die Welt sogleich einen Stempel auf und man wandert ohne Umschweife in die nächste Schublade: Dort findet man sich übersät mit Etiketten wie „hauptberuflich Sohn/Tochter“ oder „Papis Kreditkarte zahlt“ wieder. Diese Erfahrung teile ich mit Elias Wagner. Den 21-jährigen Jungschriftsteller und Medizinstudenten, der sein Erstlingswerk „Vom Liebesleben der Mondvögel“ letztes Frühjahr bei Hoffmann und Campe veröffentlichte, lernte ich zufällig 2012 auf der Buchmesse in Leipzig kennen. Und im Gespräch über gemeinsame Kindheitserinnerungen und die Jugend „am See“ sprudelte der Frust über das Schubladendenken nur so aus ihm heraus. In seinem Buch hat Elias Wagner sich diesen Frust von der Seele geschrieben.

Aber „Vom Liebesleben der Mondvögel“ ist viel mehr als die Verdauung einer abgestempelten Jugend im vermeintlichen Paradies der Sorglosigkeit. Denn Elias Wagner kann mit Worten Bilder malen und findet Wendungen, die mich bereits auf der zweiten Seite einfangen – und das obwohl ich nach unserem einstündigen Buchmessenplausch schon das Gefühl hatte, sein Buch gar nicht mehr lesen zu müssen, um es zu kennen, so eindrücklich berichtete er mir von der Idee, der Handlng und den eingesetzten Metaphern. Insbesondere erzählt er mir von den Insekten, für die sich Elias Wagners Protagonisten, den 15-jährigen Max, geradezu ekstatisch begeistert: Bei den titelgebenden „Mondvögeln“ handelt es sich nämlich nicht etwa um zwitscherndes Federvieh, sondern um eine Nachtfaltergattung.

Die Schmetterlinge instrumentalisiert Elias Wagner geschickt metaphorisch für die Wechselspiele von Max’ Teenagerseele. Offenbar weisen die Lebensstadien von Nachtfaltern und Pubertierenden deutlich mehr Ähnlichkeiten auf als auf den ersten Blick gedacht: Die Tarnung, das Tot stellen, die Verpuppung, alles Zustände wie aus dem Leben eines 15-jährigen gegriffen. – Max versteckt sich nur allzu gerne vor der Welt (und vor den Mädchen) seit seine Mutter verschwunden ist, er allein mit seinem Vater lebt und der sich immer merkwürdiger benimmt. – Der Starnberger See und das umliegende Voralpenland mit seiner barocken Schönheit und seinem bisweilen morbiden Charme setzt dieser Metasphäre nur die Krone auf.

Elias Wagner nennt die Gegend daher „pubertäre Seelenlandschaft“ und geht der Frage auf den Grund, wie die Landschaft die Menschen prägt. Wie fühlt es sich an, in einem Postkartenmotiv aufzuwachsen? Elias Wagner sagt: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Denn die vermeintlich romantische Idylle ist auch geprägt von Überdruss und Todessehnsucht.“ – und spiegelt so erneut das typische Gefühlskarrussel der Teenagerseele wieder. Da schließt sich der Kreis! Insekten- und Landschaftsmetaphern korrespondieren perfekt und Elias Wagner gelingt in diesem Umfeld des Seelentaumels eine feinsinnige Coming-of-age- und Liebesgeschichte.

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Foto: Suhrkamp Verlag

Foto: Suhrkamp Verlag

Wenn man als Kind jüdischer Eltern in Deutschland 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ zur Welt kommt, wenn man aus Polen stammt, seine Heimat nie kennengelernt hat, in Australien aufwächst, wenn die Eltern als jeweils einzige ihrer Familien Ausschwitz überlebt haben und man seine ganze Kindheit hindurch beobachten musste, wie sie sich weinend an das erlebte Grauen erinnern, wie vermag man wohl damit umzugehen? – Lily Brett schreibt Bücher darüber. Und obwohl alle ihre Romane stark autobiographisch sind, ihre weiblichen Heldinnen stets die Kindheitserinnerungen mit ihrer Schöpferin teilen, sind ihre Protagonistinnen doch alles andere als verbittert. Im Gegenteil: Ihr Tonfall ist schockierend heiter bis komisch.

Lola Bensky, Heldin des gleichnamigen neuesten Romans von Lily Brett, ist obendrein viel zu beschäftigt, um sich trübe Gedanken zu machen. 19-jährig ist sie zu Beginn der 1960er Jahre in London und USA unterwegs, um für ein australisches Rockmagazin, Musiker zu interviewen. Darunter angehende Stars wie Mick Jagger, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin. Lola spricht mit jedem, der zu dieser Zeit in der Musikbranche von sich reden macht. Dabei ist Lola nie Groupie und wirkt alles andere als ausgeflippt. Sie ist ein gut organisiertes Mädchen, sie raucht und trinkt nicht und wirkt fast ein wenig fehl besetzt in ihrer Rolle als „Rockstar-Versteherin“. Pummelig und unglücklich darüber, fühlt sie sich unattraktiv, plant immerzu Diäten und verliert doch nie an Gewicht. Doch auf ihre Interviewpartner macht die nachdenkliche Australierin Eindruck – unter anderem weil sie so unbefangen mit der dramatischen Vergangenheit ihrer Eltern umgeht.

In den seltsamsten Situationen offenbart Lola Details ihrer schockierenden Familiengeschichte. Ein ums andere Mal rückt sie sich damit ungewollt in den Mittelpunkt. Dabei sucht Lola keine Bühne, sondern vielmehr Hilfe, zu verstehen. Sie wirkt oft selbst erstaunt über die extremen Ereignisse und geht doch ganz offen damit um. Ebenso unbedarft wie sie mit Jimi Hendrix über Lockenwickler plaudert, berichtet sie ihm von Ausschwitz und dem Unvermögen ihrer Mutter nach all dem Erlebten noch an Gott zu glauben. Ihrer journalistischen Mission wird sie mit dieser Form der Interviewführung nicht immer gerecht, doch ihren Gesprächspartnern bleibt Lola im Gedächtnis. Jimi Hendrix begrüßt sie bei ihrer zweiten Begegnung beinahe freundschaftlich. Und Mick Jagger erkennt die australische Journalistin, die ihn Anfang der 1960er interviewt hat, 40 Jahre später bei einem Abendessen in New York wieder.

Und doch – mag Lola noch so unbedarft im Umgang mit ihrer Familiengeschichte wirken – die Last der Vergangenheit wiegt schwer auf ihren Schultern. Anfangs hat sie nur ein Laster: Die Schokolade. Später kommt die Last der Traurigkeit hinzu. Lola verlässt ihren ersten Mann, verliert ihre Mutter und zeitweise den Boden unter den Füßen. Und Lola nimmt zu. Nichts kann ihren Hunger stillen. Sie begibt sich in Therapie, zieht mit ihrem zweiten Mann und ihren Kindern von Australien nach New York. Aber erst Jahre später gelingt Lola mit Hilfe eines einfühlsamen Therapeuten die „Selbstheilung“: Lola lernt mit ihrer Vergangenheit zu leben. Ihre Stimmung bessert sich, sie besiegt erst ihren Hunger, dann ihr Übergewicht. Wie Lily Brett wird sie Schriftstellerin und schreibt sich selbst ein Happy-End.

Lily Brett hat mit ihrer Heldin den Geburtsort in Deutschland, die polnische Herkunft, die Kindheit in Australien, die berühmten Interviewpartner ebenso wie das heute glückliche Leben mit ihrem zweiten Mann in New York gemeinsam und doch sagt Lily Brett: „Ich bin nicht Lola Bensky.“ Die wirkt zeitweise wie eine Woody Allensche Stadtneurotikerin. Bei Licht betrachtet wiegt Lolas Bündel freilich schwerer als das der typischen therapiebegleiteten Wohlstandsdepression. Umso bemerkenswerter, dass Lily Bretts Roman bei all der transportierten Traurigkeit durchgehend heiter erzählt ist und so optimistisch endet. Lily Brett ist mit „Lola Bensky“ kein umwerfend pointierter aber in seiner leichten Herangehensweise an die schockierende Thematik eindrucksvoller Roman gelungen, der nebenbei eine spannende Innenansicht der Musikszene der 1960er Jahre liefert.

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Foto: Schöffling

Foto: Schöffling

Vor knapp einer Stunde hat Theo mal wieder versucht, mich umzubringen. Klingt wie der Anfang eines Krimis. Ist es aber nicht.“ Das erste, was mir an Juli Zehs neuem Roman „Nullzeit“ positiv auffällt, ist der Klappentext. Das ist angesichts der gängigen Textqualität deutscher Bücherklappen eher ungewöhnlich, aber leicht zu erklären. Denn diesen hat Juli Zeh selbst geschrieben, es ist ein Zitat aus „Nullzeit“. Und er bringt es auf den Punkt: Ebenso irre wie diese Zeilen klingen, ticken die Protagonisten des Buches, begreife ich beim Lesen. Doch ich irre mich: Es kommt noch schlimmer! 

Dabei fängt es harmlos an. Sven – der vor Jahren die Juristerei in Deutschland an den Nagel gehängt und auf Lanzarote eine Tauchschule eröffnet hat – beschreibt, wie er seine beiden Feriengäste Jolante Augusta Sophie von der Pahlen, genannt Jola, und Theo Hass vom Flughafen abholt. Das ungleiche Künstlerpaar aus Berlin ist ebenso attraktiv wie verhaltensauffällig. Doch für 1.000 Euro Tagesgage als Personal Tauch- und Insel-Guide sieht Sven darüber hinweg.

Vielmehr, Sven verliebt sich beim ersten Tauchgang im wahrsten Sinne des Wortes Hals über Kopf in seine schöne Schülerin. Daran kann auch seine Freundin Antje, mit der er eine merkwürdig pragmatische Beziehung führt, nichts ändern. Antje ist ihm vor Jahren ungefragt auf die Insel gefolgt. Seither führt sie mit Sven die Tauschschule, lebt mit ihm zusammen und ist dennoch in etwa so bedeutsam für ihn wie ein zweckmäßiges Möbelstück. „Antje ist wie der praktische Schrank den wir beim Einzug [..] günstig gekauft hatten.“ Ihrer Beziehung wegen hatte Sven sich bisher „für einen Menschen mit geringer Liebeskraft gehalten“. Jola überführt ihn des Irrtums.

Die ist jung, schön, von Haus aus reich, vernachlässigt, aber verwöhnt. Ein TV-Sternchen mit 384.000 Google-Treffern, wie Sven, der seine Nächte fortan schlaflos vor Jolas Telenovela am Computer verbringt, schnell herausfindet. Sie lebt in zerrütteter Beziehung zum 15 Jahre älteren Theo. Der wiederum hat nach einem zehn Jahre zurückliegenden, vielversprechenden Debütroman als Schriftsteller nichts mehr zustande gebracht. Dementsprechend destruktiv gibt er sich seiner Umwelt gegenüber. Der Urlaub soll Jola auf die Rolle der Taucherin Lotte Hass vorbereiten und nebenbei die Beziehung kitten.

Dass letzteres kein Strandspaziergang wird, sagt Jola selbst. Sie nennt Theo „den alten Mann“, verspottet ihn, beschreibt, wie er sie dominiert und sie es geschehen lässt. Das entnehme ich Jolas Tagebuch, das regelmäßig Svens Berichterstattung der Inselereignisse unterbricht und alles bisher gelesene auf den Kopf stellt. Denn aus Jolas Perspektive erzählt, ist die Geschichte eine andere. Mit Schaudern denke ich beim Lesen an Laetitia Colombanis „Wahnsinnig verliebt“. In der Hauptrolle brillierte Audrey Tautou als gestörte Angélique, deren Liebreiz den Effekt der unterschätzten Wahnsinnigen hinreißend verstärkte. Ähnlich schätze ich Jola ein: irre.

Sven ist da deutlich unbedarfter. Aber er hat sich auch mit seinem Weggang aus Deutschland vorgenommen: Keine Einmischung mehr in fremde Probleme. „Raushalten, ist das Fundament, auf dem ich meine Weltsicht aufbaute“. Die Warnung seines vermeintlichen Widersachers Theo – „Erste Regel im Umgang mit Frau von der Pahlen, glaube ihr kein Wort.“ – schlägt Sven arglos in den Wind. Lange glaubt er, die Situation im Griff zu haben, eine Eskalation verhindern zu können. Und als er endlich realisiert, dass er sich irrt, ist er überfordert: „Normalität war doch das Mindeste, was man vom Leben erwarten konnte“ – aber nicht von Jola und Theo!

Und während Jola sich in ihrem Tagebuch noch als Opfer stilisiert – „Opfer sein ist eine Kunst, die leicht fällt, wenn sich ein geeigneter Mitspieler findet. [..] Wer seinen eigenen Täter besitzt, muss sich nie wieder um die Opferrolle sorgen“ und „Ich werde immer wieder zum alten Mann zurückkehren, solange bis er mich vernichtet hat. Ich brauche Hilfe.“ und „Ich brauche einen Tauchlehrer an Land, einen der mir beibringt, an diesem beschissenen Leben nicht zu ersticken.“ – spitzt sich die Situation immer weiter zu und am Ende kommt es zum erwarteten Showdown unter Wasser und dabei doch ganz anders als man dachte..

Und das ist eigentlich das Allerbeste an Juli Zehs „Tiefenpsychothriller“: Obwohl man seinen Protagonisten so einiges an Wahnsinn zutraut, kommt die Auflösung überraschend. „Nullzeit“ ist aber nicht nur ein bis zur vorletzten Seite lesenswerter, verstörend beklemmender und hochspannender Psychothriller, es ist auch eine psychologisch interessante Dreiecksgeschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit, über Macht und Ohnmacht in Beziehungen, über Sex und Gewalt. „Nullzeit“ ist gesellschaftskritisch, natursensibel und tauchversiert. Und völlig unvermittelt zwischen seinen taktisch ausgefeilten Wendungen, schreibt Juli Zeh darin in wunderbarer Sprache weise Sätze über das Leben – lesen!

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Gerade hatte ich mein feuriges Plädoyer für die Wahl eines populären Literaturnobelpreisträgers zu Ende geschrieben – erst 30 Minuten vor Bekanntgabe des Siegers hatte ich entschieden zu glauben,  dass in diesem Jahr einer gewinnt, denn wir alle kennen. Doch gerade als ich die letzten Sätze über Haruki Murakami vollendet hatte, war es 13 Uhr und ein mir völlig unbekannter Name wurde genannt. Mo Yan gewinnt den Literaturnobelpreis 2012. Und zumindest ich habe noch nie zuvor von ihm gehört. Und im Grunde dürfte mich das auch nicht überraschen.

Auch als Tomas Tranströmer im letzten Jahr den Literaturnobelpreis gewann, formierte sich in meinem Kopf ein großes Fragezeichen: Wer ist dieser Mann, den bereits um 13:01 die Feuilletons feierten? Glaube ich der Weltpresse, hat der heute 81-jährige schwedische Lyriker die Auszeichnung für sein Lebenswerk verdient. Seit Jahren schon wurde er als Lyrik-Favorit auf den Preis gehandelt. Tranströmer gilt als meistübersetzter skandinavischer Dichter der englischsprachigen Literatur. Dennoch den meisten Deutschen (ebenso wie mir selbst) war und – ich behaupte mal – ist Tranströmer immer noch weitgehend unbekannt.

Und auch wenn Tomas Tranströmer sicher ein Extrembeispiel ist, eine Ausnahme ist er nicht. Die meisten Preisträger der letzten Jahre waren alles andere als populär, bevor sie den Nobelpreis gewannen: Herta Müller (2009), Jean-Marie Gustave Le Clézio (2008), Doris Lessing (2007) oder V. S. Naipaul (2001) beispielsweise . Ironischerweise wunderte sich die Öffentlichkeit gerade über den populärsten Gewinner der letzten 10 Jahre am lautesten: Mario Vargos Llosa, der Gewinner von 2010, so dachten sogar die Feuilletonisten, hatte den Preis doch schon vor Jahren gewonnen.

Bleibt abzuwarten, was wir in den nächsten Minuten, Stunden, Tagen über und von Mo Yan lesen werden. Ich bin gespannt. Vorerst entnehme ich Wikipedia: Der 1955 geborenen Bauernsohn aus der Provinz Shandong erlangte mit seinem Novellenzyklus „Das rote Kornfeld“ bereits 1987 in Deutschland erste Bekanntheit. Mo Yang heißt mit bürgerlichem Namen Guǎn Móyè, aber er schreibt seit jeher unter dem Pseudonym, das übersetzt „Der Sprachlose“ heißt.

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Seitdem ich ausgewählte Bücher regelmäßig bei Wein und Käse mit meinem Lesekreis bespreche, reflektiere ich mein Leseverhalten und muss mir eingestehen: Ich war und bin bisweilen eine recht opportunistische Leserin. „Ein Opportunist“, sagt Wilhelm Busch, „ist ein Jenachdemer“. So wähle ich Bücher oftmals je nach dem wie mein persönlicher Seelenzustand gerade aussieht oder ich lese sie je nach dem was mich gerade im Leben bewegt, auf ganz bestimmte Fragen fokussiert. Ich grase sie nach Lösungen für verzwickte Probleme ab. Ich suche nach Protagonisten, die ähnlich denken, wie ich selbst, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden und ähnliche Entscheidungen treffen müssen. Taucht in einem Buch eine Person auf, die ich aus meinem Leben zu kennen glaube, verfolge ich ihr Tun und Denken besonders aufmerksam und versuche aus der Romanhandlung Rückschlüsse auf das wirkliche Leben zu ziehen. Und ich befürchte, bei alledem überlese ich vieles, was mir eben gerade nicht in den eigenen Kram passt.

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Kürzlich, als ich F. Scott Fitzgeralds autobiographisch geprägten Roman „Tender is the Night“ las, ging es mir ebenso. Die Dreiecksgeschichte eines Psychiaters, seiner geisteskranken Frau und einer jungen Filmschauspielerin kritisiert den dekadenten Lebensstil der in Europa lebenden amerikanischen Finanzaristokratie. Zu Beginn der Handlung wies der junge Dick Diver eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem Protagonisten meines Lebens auf. Entsprechend aufmerksam verfolgte ich sein Denken und Handeln. Und entsprechend begeisterte mich Fitzgeralds Roman – der obendrein auf seinen ersten 200 Seiten atmosphärisch eindrucksvoll zwischen Depression, Hedonismus und Heiterkeit schwankt. Irgendwann in der Mitte des Buches jedoch, als dem anfangs so souveränen Dick Diver die Fäden der Handlung aus den Händen gleiten, flaute mein Interesse an seiner Geschichte abrupt ab. Diesen Menschen kannte ich nicht, entsprechend unsanft lies ich die Romanfigur fallen.

Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Fitzgeralds Roman damit wirklich Unrecht tue, denn seine zweite Hälfte hielt auch atmosphärisch nicht, was der Anfang versprach und sein plötzliches Ende war lediglich mittels der verbleibenden Seitenzahlen erahnbar. Dennoch, auch wenn dieses Beispiel vielleicht nicht exemplarisch ist, so frage ich mich manchmal etwas leicht beschämt, wie vielen Büchern ich mit meinem Leseropportunismus bereits Unrecht getan habe. Wie viele Protagonisten ich missverstanden habe. Ob ich überhaupt erfasst habe, worum es in manchen von mir sehr geliebten Büchern geht. Oder ob ich stets durch meine Opportunistenbrille lese und meinen Lesestoff verkenne. Und ich befürchte, immer wenn mir ein Buch der Analyse meines Lebens dient, verfremde ich es.

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Manchmal steht mir der Sinn auch gar nicht nach Analyse, manchmal suche ich schlicht Trost in meinem Lesestoff – je nach dem wie es um das Seelenheil meines inneren kleinen Lesers gerade bestellt ist. Immer dann, wenn mich mein Seelenleben, an meinen Gemütszustand im Alter von 15 erinnert, verhalte ich mich altergemäß und greife zum Jugendbuch, gerne zur klassischen Coming-of-age-Geschichte, wie dem wirklich großartigen schwedischen Roman „Populärmusik aus Vittula“ von Mikael Niemi, die Geschichte einer Jugend in der nordschwedischen Provinz der 1960er Jahre. Wahrscheinlich sind Bücher über pubertierende Jugendliche einfach besonders tröstlich, weil ihre Protagonisten so viel stärker unter den Unwegsamkeiten ihres Lebens leiden und sie dennoch vielfach besser meistern, als es den vermeintlich Erwachsenen gelingt. Obendrein mutet dieselbe traurige Liebesgeschichte, aus der Perspektive eines Mitdreißigers erzählt, schnell übertrieben oder kitschig an, während der 15-jährige, im Überschwang des ersten Liebesgefühls, verklären und sich selbst bemitleiden darf, ohne dabei lächerlich zu wirken. So gibt es sprachlich eindrucksvolle zeitgenössische Jugendliteratur über Liebesleid und Leidenschaft, aber wer bitte schreibt heute Literatur über 34-jährige mit Liebeskummer?

Doch zurück zu Mikael Niemi. Sein pupertierendes Alter Ego Matti kommt ganz ohne Dramen aus. Pragmatisch und zugleich unbedarft berichtet er von seiner Jugend in Tornedal, dem äußerst nördlichsten Zipfel Schwedens, und den eigenwilligen Sitten und Gebräuchen seiner Bewohner. Von Gottesfurcht und Rattenplagen. Von Saunagängen, Trinkwettbewerben und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Vor allem aber erzählt Matti die Geschichte seiner Freundschaft zum schweigsamen Niila und ihrer gemeinsamen Liebe zur Musik. Er beschreibt, wie es ihnen gelingt weit entfernt von Swinging-Sixties, Memphis und Liverpool den Geist der Zeit aufzuschnappen und allem Mitschüler-Spott zum Trotz ihre eigene idealistische Musiker-Individualität auszuleben. So ist „Populärmusik aus Vittula“ Trost ganz ohne Selbstmitleid und somit mal wieder ideal geeignet für meinen kleinen inneren Leseropportunisten. Oder ist ein Buch wie dieses vielleicht sogar geschrieben, um zu trösten? Vielleicht sollte ich das mal den Autor fragen. – Einstweilen empfehle ich zum Zwecke des Trostes den gleichnamigen Film ..

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Mit persönlicher Empfehlung von Florian Stiehler: Jasper Fforde – Der Fall Jane Eyre

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Als mich der erste Hunger heute gefühlt mittags von der Tastatur auf die Armbanduhr blicken ließ, hatte ich unwillkürlich den Eindruck, Zeitdiebe müssten mir Stunden meiner Tageszeit geraubt haben, um sie in kleinen grauen Zigarren rauchreich zu verpaffen. Es war 15:30 Uhr. Und es geht augenscheinlich nicht nur mir so: Nur Minuten später wünschte sich mein Kollege vom Schreibtisch gegenüber eine Woche Extra-Zeit nur für sich allein, um endlich einmal alle angestaute Arbeit erledigen zu können. Bei uns anderen solle die Zeit in dieser Woche stehen bleiben. Eine traumhafte Idee für eine Bestellung beim Universum finde ich. Denn ich hetzte nur so durch meine Tage, immer auf der Flucht vor dem großen Zeiger.

Und all die schönen Dinge des Lebens kommen viel zu kurz. So auch das Lesen. – Oh weh, das sagt selbst die Buchbloggerin. – Schenke ich meiner Eimsbüttler Buchhändlerin Glauben, werden 70 Prozent aller gekauften Bücher nie gelesen. Ich wage nicht es an meinen Regalreihen nachzurechnen. Die großen Verlage, sagt meine Buchhändlerin, könnten unbesorgt die Hälfte ihrer Klappentexter entlassen. Denn das Gros der Bücherkäufer nimmt sich nicht einmal die Zeit, die kurzen Handlungszusammenfassungen zu lesen. Die meisten kaufen schlicht nach Gefallen des Covers. Das schafft Arbeitsplätze für Grafiker und bringt mich zum Nachdenken. 

Und ich beschließe, dieser Blog muss wirtschaftlicher werden. Ich kann nicht alles ganz allein lesen und erfinde eine neue Rubrik: „Mit persönlicher Empfehlung“. In Zukunft lesen die Leser hier mit und empfehlen Lesenswertes mit kurzer Inhaltsangabe und persönlicher Begründung.

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Den Anfang macht Kristina (33)Opernregisseurin und Stadtführerin aus München. Kristina liest eigentlich alles, was ihr unter die Finger kommt – derzeit arbeitsbedingt vor allem Sachbücher zum Thema München. Sie empfiehlt Rot von Uwe Timm, die Geschichte des ehemaligen Achtundsechzigers, Jazzkritikers und Beerdigungsredners Thomas Linde, der soeben von einem Auto überfahrenen wurde und in der kurzen Zeitspanne zwischen Leben und Tod von den letzten Tagen und Wochen seines Lebens berichtet, von der Liebe, von seiner um zwanzig Jahre jüngeren Geliebten, von Revolution und dem Scheitern von Lebensträumen.

Kristina empfiehlt Rot, „weil es wie ein gutes Musikstück geschrieben ist und scheinbare Widersprüche in sich vereint: eine klare Struktur voller erzählerischer Verschlingungen; eine sachliche Sprache voller Dynamik; Leidenschaft und Poesie. Und nebenbei wird auch noch eine spannende Geschichte erzählt…

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Wäre es nicht so absurd, käme es mir fast lustig vor. Und zugegeben beim Lesen des Spiegel-Artikels „Deutschland – ein Ökomärchen“ musste ich einige Male lauthals auflachen. Und das obwohl mir Autor Alexander Neubacher in seinem Essay eigentlich genau das erzählt, was ich nicht hören möchte: Meinen kleinen, alltäglichen Beitrag zum Thema Umweltschutz kann ich getrost in die Tonne treten, der bewirkt herzlich wenig. Und  wir Deutschen sind meilenweit davon entfernt, besonders umweltbewusst zu leben, selbst die Grünsten unter uns.

Zunächst klingt es absurd, aber Neubacher macht mir schnell plausibel, warum zum Beispiel die deutsche Mülltrennung am Ende wertlos und verschwendete Liebesmüh ist. Wenn das duale System nämlich nur 36 Prozent des Plastikmülls „wertstofflich verwerten“ muss, die Müllfirma hingegen mit dem Rest verfahren kann, wie sie will und voraussichtlich den Weg wählen wird, mit dem sie das meiste Geld verdient, wird eben trotz all unseres Mülltrennungs-Engagements 64 Prozent des deutschen Plastikmülls verbrannt.

© Agentur Ostkreuz

Ein ebenso verqueres Beispiel ist die neue Energiesparleuchte, die EU-weit seit kurzem unsere alte Glühbirne ersetzen soll. Die verbraucht zwar deutlich weniger Strom als ihre Vorgängerin, dafür stecken in jeder einzelnen Sparleuchte fünf Milligramm Quecksilber und machen diese damit zu einem Fall für die Sondermülldeponie. Eine Nürnberger Entsorgungsfirma hat extra eine Maschine erfunden, die jede einzelne Birne vorsichtig aufsägt, den Leuchtstoff samt Quecksilber absaugt, das Gemisch luftdicht in Tüten verpackt, per LKW in den Harz fährt und dort in einem Salzbergwerk tief unter der Erde endlagert. Ein absurdes Szenario – vom Gesundheitsrisiko zerbrochener Birnen und der Umweltbelastung bei der Herstellung der Leuchten gar nicht zu sprechen.

Doch Spiegel-Redakteur und Träger des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises Alexander Neubacher kennt noch beunruhigend viele weitere Szenarien dieser Coloeur: Das Elektroauto, das mit herkömmlichem Strom betrieben mehr CO2 freisetzt, als ein Benzinfahrzeug. Und das Dosenpfand, das ausgerechnet die umweltfreundliche Mehrwegflasche aus dem Handel drängt, sind nur zwei Beispiele. Die Dinge sind eben manchmal komplizierter, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, so Neubacher abschließend. Da muss ich ihm zweifelsohne Recht geben. Und weil mich sein Artikel tatsächlich nachdenklich gestimmt hat, beschließe ich, sein neues Buch zu bestellen. „Ökofimmel – Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten, ist gestern bei Random House erschienen.

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CARLSEN Verlag

Vor einem Jahr, am 11. März 2011, erschütterte das gewaltige Tohoku-Erdbeben Japan und löste die Havarie des Atomkraftwerkes Fukushima aus. Und auch wenn sich das Beben aus meiner Perspektive am anderen Ende der Welt ereignete, erschütterte es doch auch meine Welt hier beträchtlich. Wochenlang verfolgte ich die Medienberichte über den Störfall und erlebte zugleich, wie ein ganzes Land energiepolitisch von einem auf den anderen Tag umdachte. Andererseits lernte ich in diesen Tagen viel von einer nachdenklichen, jungen Frau aus Tokio.

Mein Freund Tim, Journalist in Berlin, erzählte mir bereits am 11. März von seiner Bekannten aus Studientagen: Yuko, die so gut zeichnen kann. Als Tim die Nachrichten über das Erdbeben in Japan las, machte er sich Sorgen um Yuko und schrieb ihr über Facebook eine Nachricht. Yuko antwortete. Es ging ihr gut, aber sie hatte Redebedarf und erzählte Tim viel mehr als erwartet. Und plötzlich hatte „Fukushima“ oder „3/11“, wie wir heute schlicht sagen, für Tim eine ganz neue Facette angenommen.

© Tokyo Kitsche

Tim berichtete einem Redakteur des SZ-Magazins von seiner japanischen Freundin. Und innerhalb von Stunden war die Idee zum „Tagebuch aus Tokio“ geboren, das bereits einen Tag später erstmals online auf www.sz-magazine.de erschien: Yuko schrieb und zeichnete ihre alltäglichen Erlebnisse und Gedanken und schickte sie an Tim. Tim übertrug die Texte ins Deutsche und bereitete sie für die Online-Ausgabe des SZ-Magazins auf. Und nicht nur unsere Freunde und Bekannten bewunderten die Zeichnungen und lasen die Texte der jungen Frau aus Tokio von da an regelmäßig. Die Resonanz war beeindruckend.

Aber Yukos Tagebuch schaffte auch etwas, was kein Zeitungsartikel oder Fernsehbericht mit neuen Zahlen, Daten, Fakten über die katastrophale Lage in Japan erreichen konnte. Es zeigte die Innenansicht einer japanischen Seele. Denn Yuko schrieb ihre Gedanken und Gefühle sehr offen und emotional nieder. Und die junge Frau verordnete sich spürbar, trotz all der Zerstörung und Angst um sie herum möglichst normal weiterzuleben.

So schrieb Yuko am 15. März: „Wir machen uns Mut, denn wir müssen uns Mut machen.“. Am 25. März traf Yuko sich erstmals wieder im Junge-Leute-Viertel Tokios mit ihren Freundinnen, den „Power Generation Girls“. Am 8. April rüttelte sich Yuko selbst auf: „Ich sollte nur noch einmal täglich Nachrichten lesen. Sonst werde ich noch ein richtiger Disasterholic. Ich sollte mir vor allem meine eigene Realität wieder stärker ins Bewusstsein rufen: Meine Wohnung ist sicher. Kein einziges Weinglas ist zu Bruch gegangen. Alle meine Freunde leben noch. Meine komplette Familie ebenso. Selbst meinen Job habe ich noch. Also mach Dich mal locker Yuko. Alles locker..“

© Christoph Voy

Durch Yuko erlebte auch Tim die Wochen und Monate nach der Katastrophe von Fukushima viel intensiver. Und er fand in Yuko eine Vertraute. „Unsere Freundschaft ist heute viel enger als früher, wir haben uns noch einmal neu kennengelernt“, erzählt er. Ein besonders Erlebnis aus dieser Zeit hatte er in einem Telefonat mit seinem Vater: Der politisch Konservative, der stets für Atomenergie eingetreten war, zeigte sich im Telefonat mit seinem Sohn so entsetzt über die Vorfälle in Japan, dass er plötzlich all seine Prinzipien über Bord warf und eingestand: Atomkraft ist wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Tim war beeindruckt.

Zum Jahrestag der Katastrophe, bringt der Hamburger Carlsen Verlag Yukos und Tims Tagesbuch jetzt erstmals in Buchform heraus. Und am vergangenen Samstag Abend stellten Yuko und Tim „3/11 – Tagebuch nach Fukushima“ in der sympathischen Hamburger Comic-Buchhandlung Strips&Stories vor. Und es zeigte sich, das Thema Fukushima ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber eine so emotionale Innenansicht der Ereignisse von 2011 gibt es nur einmal.

Ausschnitt aus der Lesung von Tim und Yuko am 10. März 2012 im Strips&Stories, Hamburg

Weitere Lesetermine mit Yuko und Tim: Dienstag13. März, 20 Uhr: BerlinCafé Dresden, Dresdner Straße 19 und Samstag, 17. März, 11 Uhr: Leipziger Buchmesse, Messe Leipzig, Comic-Forum Schwarzes Sofa, Halle 2, Stand H601

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DO! Kurz vor dem Wochenende ist mir noch eine lesenswert leichte Lektüre auf den Schreibtisch geflattert: Das neue Lifestyle- und Einrichtungs-Magazinchen Couch. Die kleine Schwester von Schöner Wohnen aus der Zeitschriftenfamilie Gruner und Jahr sieht ein bisschen aus wie die Glamour für Wohnstyling. Und beim Durchblättern und Hineinlesen zeigt sich, sie macht ebenso viel Spaß. Das handliche Magazinchen (im Pocket-Format) liest sich wie ein niedlich kommentierter Ikea-Katalog gespickt mit praktischen Tipps, Home-Storys und Designerportraits, ist schick bebildert und somit die Art leichte Lektüre, die man herzlich gerne Wintersonntags mit auf die Couch nimmt. DON’T! Deutlich weniger begeistert hat mich leider die aktuelle Ausgabe des Prinz. Das Stadtmagazin habe ich seit geschätzten 15 Jahren abonniert. Heute habe ich gekündigt. Seit dem letzten Relaunch ist der Prinz nur noch ein Abklatsch seiner selbst. Die Grafikabteilung wurde augenscheinlich komplett wegrationalisiert, von durchdachtem Layout keine Spur. Die Themen der Februar-Ausgabe sind allesamt nicht neu. – Wie oft habe ich in den letzten Jahren den großen Fitness-Studio-Test gelesen? – Aktuelle Reportagen oder Geschichten aus den Städten fehlen ganz, statt dessen versucht der Verlag den Verkauf jetzt mit Rabatt-Coupons anzukurbeln. Und die Kurzbesprechungen aus den Standardkategorien Gastro, Film, Musik, Shopping und Nightlife sind zwar oft treffend, aber in Zeiten des Internet leider wahrlich den Kauf einer Zeitschrift nicht wert. – Schade um den Prinz!

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Vor ein paar Jahren schrieb ein britischer Musiker Schlagzeilen, weil er im Internet seine Seele verkaufen wollte. 25.000 Pfund wollte der arbeitslose Dante Knoxx für eine Beteiligung an seinem Innersten und etwaigen künftigen finanziellen Erfolgen haben. Das Online-Auktionshaus Ebay stoppte die Versteigerung, weil sie gegen die Richtlinien verstoße. Dante Knoxx blieb auf seiner Seele sitzen.

Beim Lesen dieser Episode muss ich unwillkürlich schmunzeln, obwohl eine verkaufte Seele eine ernste Angelegenheit ist. Für Dante Knoxx stand immerhin der eigene Lebensunterhalt auf dem Spiel. Da haben andere schon für deutlich weniger Einsatz Geschäfte mit dem Teufel gemacht. Denn in der Praxis erweist es sich als gar nicht so leicht, stets moralisch integer zu handeln.

In einer Zeit, in der sich alles um Profit dreht, und selbst Krankenpflege wirtschaftlich sein muss, um noch finanzierbar zu sein, ist das Thema aktueller den je. Tagtäglich müssen wir uns fragen, ob wir es uns überhaupt leisten können, unseren Prinzipien treu zu bleiben oder ob wir längst den Pakt mit dem Teufel geschlossen haben.

Wieder einmal erweist sich Goethe als erschreckend zeitlos. Denn er war es ja, der bereits vor 204 Jahren den Verkauf der Seele thematisierte, als er aus der Geschichte des historischen Doktor Faustus das bedeutendste Drama der deutschen Literatur schuf: Die Tragödie des gescheiterten Wissenschaftlers Johann Faust, der für ein bisschen Lust und Lebensfreude seine Seele an den Teufel, in Gestalt des imposanten Mephistopheles, verschacherte. Um die Lektüre von Goethes Faust kommt bis heute kein Abiturient herum.

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Ob Alexander Sukurovs neueste Verfilmung, die heute in die deutschen Kinos kommt, das Zeug zum Lehrmaterial an Schulen hat, ist fraglich. Vermutlich werden auch unsere Enkel noch die obligatorische Peter Gorski-Verfilmung mit Will Quadflieg und Gustaf Gründgens im Deutschunterricht zu sehen bekommen.

Denn Sukorov hat Goethes Drama äußerst frei interpretiert. Hier ist Faust kein unbedarfter alter Mann, der seinen Verstand über Bord wirft und in eine Falle tappt. Sukurov konzipierte Faust als vierten Teil einer Tetralogogie über die Macht und das Böse. Auf Filme über Adolf Hitler, Wladimir Lenin und Kaiser Hirohito ließ er die Geschichte des Machtmenschen Faust folgen. Mit den historischen Machthabern hat Sukorovs Faust das Gefühl des eigenen Unglücks gemeinsam, aus dem das Böse erwächst.

Als barockes Karnevalsstück hat Sukurov sein Sujet inszeniert. Hauptsächlich mit deutschen Schauspielern und in deutscher Sprache gedreht, hat seine zweieinhalb Stunden lange Adaption von Goethes Drama rund zehn Millionen Euro gekostet. Damit zählt Faust zu den aufwändigsten Filmproduktionen in Russlands Kinogeschichte. Sukorov sprach sogar bei Vladimir Putin vor, um den Film zu finanzieren. In ihm entdeckte Sukurov nach eigener Aussage einen Fan der deutschen Literatur. Putin soll acht Millionen beigesteuert haben.

Und das Ergebnis? – Die Kritiker sind geteilter Meinung: „Das Opus ist von einer Überladenheit, mit der einen die Polizei von Venedig über keine Brücke lassen würde“, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Die ARD nennt den Film „exzentrisches Poem, Höllentrip und grandiose Kunstanstrengung zugleich“. Deutschlandradio spricht von einem „betörenden Filmkunstwerk“. Und die 3sat Kinoredaktion fühlt sich gar an Stan Laurel und Oliver Hardy erinnert.

Aber ob Kitsch oder Kunst, Fakt ist, Faust gewann bei den Filmfestspielen in Venedig den goldenen Löwen. Denn, so schloss Darren Aronofsky („Black Swan“, „The Wrestler“), Jurypräsident der Filmfestspiele von Venedig seine Laudatio, „es gibt Filme, die dich zum Träumen, zum Weinen, Lachen und Nachdenken bringen, und es gibt Filme, die dein Leben für immer verändern. Dies ist einer dieser Filme“ – vielleicht auch, weil Sukurovs Faust recht gut als Knoten im Taschentuch der Prinzipientreue taugt.

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Foto: Schöffling Verlag

„Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden“, schrieb Theodor Adorno 1959 in seiner Theorie der Halbbildung. Und auch wenn der Frankfurter Soziologe und Philosoph damit wohl eigentlich auf den Verfall der Bildung hinweisen wollte, skizzierte er mit dieser Zeile zugleich auch einen Trend, der bis heute andauert.

Spätestens vor drei Monaten, als ein mir bis dahin gänzlich unbekannter Schwede den Nobelpreis für Literatur gewann, begriff das auch ich. Tomas Tranströmer gewann den Preis für sein Lebenswerk, 12 Gedichtbände. Tranströmer ist Lyriker. Und das ist womöglich auch der Grund, warum zumindest ich nie zuvor von ihm gehört hatte. Denn Lyrik ist in Deutschland heute mehr denn je Nische. Und das obwohl, wie die Feuilletonisten jubilieren, die junge deutsche Lyrikszene hochkarätig besetzt ist.

Ehrlich gesagt, wirklich intensiv habe ich mich zuletzt im Deutschunterricht mit Lyrik befasst. Mit den unterschiedlichen Dichtern der unterschiedlichen Epochen und das zugegeben mit sehr unterschiedlichem Interesse. Aber so mühsam ich auch in der Abiturvorbereitung barocke Sonette seziert habe, so begeistert habe ich später Gottfried Benn, Erich Kästner, Paul Celan und Christian Morgenstern auswendig gelernt.

Und ebenso wie es mir mit der neueren deutschen Prosa erging, erlebte ich die Lyrik: Je moderner, desto ansprechender. Robert Gernhardt habe ich verschlungen. Doch dann veränderte der Zeitgeist die Gedichte. Und die alte Regel galt nicht mehr. Plötzlich war es umgekehrt: Je zeitgenössischer ein Gedicht, desto schwerer der Zugang. Und ich verlor die Lyrik aus den Augen.

Denn ich hatte die gelenken Reime Erich Kästners, die charmant die Tragik des Lebens auf den Punkt dichteten, wirklich gemocht. Ich hatte mich für Christian Morgensterns scheinbar naive Parabeln in Reimform begeistert. Und ich kam mir plötzlich altbacken vor, wenn ich meine lyrischen Jugendidole mit zeitgenössischen Dichtern verglich.

Die großen deutschen Gegenwartslyriker, so lese ich, heißen inzwischen Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb, Michael Lentz. Die jungen Lyriker der Stunde Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann und Uljana Wolf u.a. Allesamt sind sie mir unbekannt. Ich lese ich ihre Gedichte und finde ich sie anstrengend. Ich verstehe sie nicht beim ersten Lesen. Und ihr Stil ermuntert mich nicht, es noch einmal zu versuchen. Ich wende mich ab. Ein imaginäres Vorhängeschloss verschließt mir den Zugang zur zeitgenössischen Dichtung.

Und nun? Vielleicht sehe ich mich erst einmal in der Musik nach Lyrik um? So abwegig ist das nicht. Immerhin galt Bob Dylan im vergangenen Oktober laut Ranking der Wettagentur Ladbrokes eine Woche lang als Favorit für den Literaturnobelpreis. Ob Bob Dylan tatsächlich zur Diskussion stand oder die Meldung nur eine Wettbüro-Ente war, weiß wohl nur das Stockholmer Nobelpreis-Kommitee zu beantworten. Ich mache derweil bei der Durchsicht meiner Buchmessen-Mitbringsel eine Entdeckung:

Dass Musik der Schlüssel zu moderner Lyrik sein kann, dachte sich nämlich auch die junge und schon vielfach preisgekrönte Lyrikerin Ulrike Almut Sandig  und vertonte ihre Gedichte (in Zusammenarbeit mit Marlen Pelny) in stimmungsvollem Sprechgesang mit Gitarrenbegleitung. Rhythmisch, aber auf eigenwillige Weise die natürliche Satzbetonung aushebelnd, gelingt es ihr zugleich die zentralen Aussagen ihrer Texte hervorzuheben und mich für ihre Texte gewinnen. Ich folgte ihr scheinbar mühelos in eine zugegeben sehr phantastische Welt.

Merkwürdig, dass der Musik so leicht gelingt, was gerade noch unerreichbar schien. Aber wie es scheint, funktioniert das Konzept nicht nur in diesem Fall. Zahlreiche Verlage werben bei genauerem Hinsehen mit Lyrikvertonungen. Denn so wenig lyrikaffin wie ich ist die Mehrheit der Deutschen. So ist für viele Verlage die Aufnahme von Gedichtbänden junger Lyriker in ihr Programm eine riskante Angelegenheit. Eine Auflage von 200 bis 300 Exemplaren ist scheinbar geradezu rekordverdächtig. Dementsprechend dankbar wird jede erfolgsversprechende Vermarktungsidee aufgegriffen.

Hier schließt sich der Teufelskreis. Nische ist Luxus für Elitäre. Und lebten wir nicht in einer Welt der digitalen Verbreitung, des Print on demand und der elektronischen Vertriebswegverkürzung, könnte sich der Literaturbetrieb womöglich bald keine Lyriker mehr leisten. Schon aus diesem Grund gelobe ich Besserung. Ich versuche es wieder mit der Lyrik.

Ulrike Almut Sandig derweil freut sich über das positive Echo ihrer jüngsten CD und sagt, sie schreibe ihre Gedichte natürlich nicht auf die Vertonung hin. „Es gibt Gedichte, die leben hundertprozentig von einer gewissen Stille, die kann man gar nicht vertonen.“ – Junge Fans hat die sympathische Leipzigerin, die bereits 2006 den renommierten Meraner Lyrikpreis gewonnen hat, mit ihrer Bühnenperformance dennoch hinzugewonnen, so auch mich. (Nächste Termine von Ulrike Almut Sandig) Ermutigt sehe ich mich nach einer Tranströmer Vertonung um.

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