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Unerhört wunderbar: Jeffrey Eugenides‘ ‚Middlesex‘

Foto: Rowohlt Verlag

Foto: Rowohlt Verlag

„‚Middlesex‘ ist ein unerhört wunderbarer Roman“, schreibt Jonathan Franzen über Jeffrey Eugenides‚ Pulitzer-Preis gekröntes Buch aus dem Jahr 2003. Freilich ist Franzen ein guter Freund von Eugenides. Und  ‚Middlesex‘ wird überdies eine große Nähe in Aufbau, Struktur und Erzählperspektive  zu Franzens  ‚Die Korrekturen‘ nachgesagt. Aber so parteiisch Franzen auch sein mag, er zählt auch zu den großen Schreibern der US-amerikanischen Gegenwart. Und ich persönlich kann ihm nur sehr enthusiastisch zustimmen, ‚Middlesex‘ – die Geschichte dreier Generationen einer griechischen Einwandererfamilie, zugleich Zeitgeschichte in Kleinasien und den USA der 1920er bis 1980er Jahre, erzählt von der fiktiven pseudohermaphroditen Hauptfigur Calliope, genannt Cal(lie) und ihrem Umgang mit der eigenen Intersexualität – ist ein unerhört wunderbares Buch.

In gewisser Weise bin ich sicher ebenfalls parteiisch: Fand ich in ‚Middlesex‘ doch eine sehr eindrückliche Beschreibung von Smyrna, der Geburtsstadt meines Großvaters zu der Zeit als er dort lebte. Sind die Themen Einwanderung und Assimilation auch in meiner Familiengeschichte präsent gewesen. Konnte ich die Gedanken, Hoffnungen und Sorgen von Cal(lie)s Großmüttern Desdemona und ihrer Sourmelina während ihrer Schwangerschaften ebenso wie die große Unsicherheit Cal(lie)s in der Pubertät so gut nachempfinden. Und neige ich überhaupt dazu, Protagonisten, mit denen ich bereitwillig mehr als 700 Seiten durch Höhen und Tiefen gekraxelt bin, zu meinem innersten Seelenverwandtschaftskreis zu erheben.

So erging es mir mit Desdemona als Zeitzeugin der Kindheit meines Großvaters und großen Romantikerin in Eugenides‘ Roman, die sich zweimal trotz aller Bauchschmerzen und Alpträume für die Liebe und gegen die Vernunft entschieden hat und dennoch ihr Leben lang mit dieser Schuld ringt. Und so erging es mir ebenfalls mit Cal(lie), deren Metarmorphose, mich tatsählich zu Tränen gerührt hat, obwohl ich zugeben muss, dass so manche Kritikerstimme nicht ganz zu Unrecht, eine mangelnde Tiefe oder Selbstreflexion in ihrer Darstellung anmahnt.

Ulrich Greiner nimmt Eugenides‘ Hauptfigur das persönliche Drama nicht ab: „Wir glauben nämlich nicht, dass Cal wirklich unter seinem Anderssein leidet. Allzu fidel hat er uns über die steilen Pfade und schnellen Straßen seiner Geschichte vorangetrieben. Und das liegt eben daran, dass ihm die Dialektik fehlt. Sie entsteht, weil die Verhältnisse ewig unvollkommen, nämlich halbiert sind. Cal aber ist schon selber die (wenn auch kurios mangelhafte) Einheit, deren zugehörige, verfehlte Hälfte nicht gedacht werden kann. Selbst wenn wir den verstörenden Befund zwischen seinen Beinen, der uns ausführlich geschildert wird, für einen Augenblick vergessen, erscheint er uns nie als Opfer eines tragischen Geschicks, sondern als genügsamer und zugleich optimistischer Schmied seines Glücks.“

Eine mögliche Erklärung für diese Beobachtung liefert Greiner sogleich selbst: Der „Einsatz des allwissenden gottähnlichen Erzählers“ offenbare, dass dieser zwar „überall dabei, nur nicht recht bei sich selber“ sei, „aber das ist verständlich, denn wie soll er sich finden in einer Welt, die alles bipolar ordnet und mit dem Dazwischen nicht umgehen kann.“ Unzufrieden ist er jedoch wieder mit dem Umfang von Eugenides‘ Roman und steht damit nicht allein: Stephan Draft schreibt im Stern: Neun Jahre hat Eugenides an seinem Roman gearbeitet, und wohl deshalb finden sich reichlich Absätze, aus denen man ausgewachsene Romane stricken könnte.“ Ulrich Greiner setzt noch einen drauf: „Der Roman könnte ebenso gut doppelt wie halb so dick sein, es würde ihm weder schaden noch nützen.“ 

Hubert Spiegel sieht das anders, aus seiner Sicht ist Eugenides‘ Historienschau geglückt und schadet dem Fluss der Handlung ganz und gar nicht. Und er weiß auch, wie Eugenides das geschafft hat: „Damit der Roman über der Fülle seiner Gegenstände nicht aus allen Nähten platzt und der Leser sich nicht schon nach zweihundert Seiten fühlt wie ein Reiter, der aus dem Sattel gehoben wurde und nun von einem durchgegangenen Gaul mitgeschleift wird, hat der Autor gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.“ So wählt Eugenides beispielsweise „einen Ich-Erzähler, der bei Bedarf zum allwissenden Erzähler wird und durch Zeit und Raum zu reisen vermag, wie es ihm beliebt. “

Charmant findet Spiegel auch, wie überlegt Eugenides die griechische Mythologie im Roman verwebt: „Tatsächlich kokettieren der Autor und sein Held ganz gern mit ihrer griechischen Abstammung, aber die Verweise auf das Ursprungsland der klassischen Mythologie haben ihren tieferen Sinn.“ So ist Calliope, die „Schönstimmige“, die Muse der epischen Dichtung, im Schülertheater spielt sie den blinden Seher Teiresias, der zeitweise als Frau gelebt hatte, später führt sie „als Gott Hermaphroditos ihren zweigeschlechtlichen Unterleib gegen Geld“ vor, als männlicher Erzähler namens Cal schließlich „macht sie ihre Gene dafür verantwortlich, dass sie ‚manchmal ein wenig homerisch‘  klingt“. Alles in allem, spannende Perspektiven.

Doch vor dem Hintergrund der Leistung Jeffrey Eugenides‘, mit der Intersexualität seiner Hauptfigur in ‚Middlesex‘ ein Thema in den Fokus des Interesses gehoben zu haben, das im gesellschaftlichen Diskurs bislang quasi keine Erwähnung fand, wirken die „Mäkeleien“ der Rezensenten etwas kleinlich. Lediglich Denis Scheck feiert ‚Midddlesex‘ als Triumph der Literatur, als Roman mit Einfluss auf eine Emanzipationsbewegung: „Über all den Klagen über die vermeintliche Wirkungslosigkeit der Literatur, den längst in Serie abgelieferten Selbstbescheidungsstatements der Autoren werden ihre heimlichen Triumphe, ihre im Zeitlupentempo erfochtenen Siege fast übersehen. So ein Triumph ist Jeffrey Eugenides Roman ‚Middlesex‘ , ein Roman über Liebe und Tod natürlich, ein Roman über Geld, Geschichte und Geschlecht.“

Und das ist nicht das einzige, womit sich Eugenides laut Scheck verdient gemacht hat. Denn ‚Middlesex‘ verleiht der Intersexualität Würde: „Bei Eugenides ist der Geschlechtswechsel selbst Strafe und Ehre zugleich, die Erfahrung, erst eine Frau, dann ein Mann zu sein, ein Privileg, und je länger der Leser dem Roman folgt, desto überzeugender erscheint diese Darstellung.“ Diese Meinung teilte Scheck mit der Pulitzer-Preis-Jury, die ‚Middlesex‘ aus diesem Grund als das bedeutenste Buch des Jahres 2003 auszeichnete – wie ich finde, sehr zu Recht! Ich persönlich hatte das Thema Intersexualität zuvor so gar nicht auf dem Schirm. Aber ‚Middlesex‘ sensibilisiert nicht nur – auch auf die Gefahr hin mich (oder Jonathan Franzen) zu wiederholen – ‚Middlesex‘ ist ein unerhört wunderbarer Roman“!

Wie heißer Kakao mit Keks: Das Buch gegen Weltschmerz und Selbstmitleid

Foto: Random House

Foto: Random House

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon vor Monaten eine bemerkenswerte Frau vorstellen, die mich Anfang des Jahres, wann immer ich mit meinem Fahrrad durch Hamburgs Nieselregenwinter unterwegs war, als Heldin eines Hörbuchs, begleitet hat. Die Rede ist von Lilly Smith. Deren Lebensgeschichte – „Ein ungezähmtes Leben“, von ihrer Enkelin aufgeschrieben und von Sandra Borgmann vorgelesen – beförderte mich gedanklich ein ums andere Mal in den wilden Westen des beginnenden 20. Jahrhunderts, verwandelte meinen klappernden Drahtesel in einen störrischen Mustang und mich selbst in eine Rinderherden treibende Wildwest-Lady. So sehr sympathisierte, ja identifizierte ich mich, mit der Romanheldin.

Über 50 Jahre ihres Lebens habe ich Lilly auf meinem Fahrrad begleitet. Dabei habe ich ein kleines Mädchen kennengelernt, das als älteste Tochter einer verarmten texanischen Farmersfamilie in einer Lehmhütte haust, einen patenten Teenager, der seine kleineren Geschwister bei einem Hochwasser vor dem Ertrinken rettet und eine junge Frau, die ihren Traum, Lehrerin zu werden, auch dann nicht aufgibt, als ihr Vater sie mit 15 ohne Abschluss von der Schule nimmt, weil er das Schulgeld nicht länger aufbringen kann. Ich bin Lilly nach Chicago und in die Weiten Arizonas gefolgt, habe sie ihre Kinder aufziehen und ihre Enkelin Jeanette das erste Mal erblicken sehen. Und seitdem ich nichts mehr von ihr höre, fehlt sie mir auf dem Nachhauseweg.

Denn Lilly hat mir nicht nur die spannende Geschichte einer starken Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt, Respekt verschafft, erzählt. Es hat mich beeindruckt, wie unerschrocken sie den Unwägbarkeiten des Lebens tapfer die Stirn bietet. Lillys Leben erinnerte mich daran, dass es völlig normal ist, sich von Zeit zu Zeit auch einmal durchbeißen zu müssen, und worauf es überhaupt ankommt im Leben. Und letztlich hat mich Lillys Lebensgeschichte optimistisch gestimmt, weil ihre Protagonistin so lebensbejaend und positiv agiert, dass man des Öfteren beim Gedanken an sein eigenes Verhalten beschämt zur Seite blickt. Lillys Geschichte ist aufmunternd wie ein heißer Kakao und tröstlich wie ein Keks, den man darin eintauchen kann. Das Rezept gegen Weltschmerz und Selbstmitleid.

Und dabei erzählt Lilly immer nur das nötigste, beschreibt nüchtern die verrücktesten Situationen. Verliert sich nie in emotionalen Schilderungen. Ohne Umschweife schildert sie ihre Erlebnisse, schnörkellos, konzentriert auf das Wesentliche. Süffisant, trocken, pragmatisch. Lilly ist eine unerschrockene, starke Frau, eine Führungspersönlichkeit, hat ihren eigenen Kopf, pokert, reitet Pferde zu, trinkt Whiskey und will stets allen etwas beibringen. Insbesondere ihre Tochter Rosemary hat stark mit diesem Zug ihrer Mutter zu kämpfen und entscheidet sich für ein Leben an der Seite eines Schaumschlägers und Säufers, nur um ihrer Mutter zu entkommen.

Aber ich sagte eingangs, ich wollte eigentlich schon vor Monaten an dieser Stelle von Lilly Smith erzählen. Als ich mich aber hinsetzte um meine Eindrücke niederzuschreiben, recherchierte ich ein paar Details. Wie erwartet fand ich heraus, dass Jeannette Walls, Lillys Enkelin ist und „Ein ungezähmtes Leben“ als Hommage an ihre Großmutter geschrieben hatte. Doch, das war noch nicht alles: Lillys Geschichte erwies sich nämlich bereits als das zweite Buch der Autorin, die in New York lebt und als Kolumnistin für verschiedene amerikanische Tageszeitungen schreibt. In ihrem ersten Buch „Schloss aus Glas“, von dem ich nie zuvor gehört hatte, was aber wohl in Deutschland sehr viel bekannter ist, beschreibt sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Rosemary, Lillys Tochter, die als Obdachlose auf New Yorks Straßen endet.

Von dieser Wendung der für mich so positiven Lebensgeschichte der Lilly Smith war ich ziemlich betroffen. Hatte Lilly, die ich so bewundernswert und mutig fand, mit ihrer Dominanz die eigene Tochter auf die Straße getrieben? Ich kaufte mir „Schloss aus Glas“, las es und fragte mich: Kann ich meine Beurteilung der Lebensgeschichte der Lilly Smith angesichts dieser Fortsetzung überhaupt so stehen lassen? – Ja, ich denke, das kann ich. Denn das Leben ist keine stringente Kausalkette. Prägung ist wichtig, ich merke selbst jeden Tag, wie stark die Familie auf den eigenen Charakter abfärbt, aber andererseits ist gerade in der heutigen Zeit jeder seines Glückes Schmied und bei näherer Betrachtung ist die vermeintlich gescheiterte Rosemary doch recht zufrieden mit ihrem unkonventionellen Lebensentwurf. Aber lest selbst!

Wie ein Nachtfalter im Voralpenland: Elias Wagner über das beschwerliche Erwachsenwerden im Paradies

Foto: Hoffmann und Campe

Foto: Hoffmann und Campe

Erzählt man davon, seine Jugend am Starnberger See verbracht zu haben, drückt einem die Welt sogleich einen Stempel auf und man wandert ohne Umschweife in die nächste Schublade: Dort findet man sich übersät mit Etiketten wie „hauptberuflich Sohn/Tochter“ oder „Papis Kreditkarte zahlt“ wieder. Diese Erfahrung teile ich mit Elias Wagner. Den 21-jährigen Jungschriftsteller und Medizinstudenten, der sein Erstlingswerk „Vom Liebesleben der Mondvögel“ letztes Frühjahr bei Hoffmann und Campe veröffentlichte, lernte ich zufällig 2012 auf der Buchmesse in Leipzig kennen. Und im Gespräch über gemeinsame Kindheitserinnerungen und die Jugend „am See“ sprudelte der Frust über das Schubladendenken nur so aus ihm heraus. In seinem Buch hat Elias Wagner sich diesen Frust von der Seele geschrieben.

Aber „Vom Liebesleben der Mondvögel“ ist viel mehr als die Verdauung einer abgestempelten Jugend im vermeintlichen Paradies der Sorglosigkeit. Denn Elias Wagner kann mit Worten Bilder malen und findet Wendungen, die mich bereits auf der zweiten Seite einfangen – und das obwohl ich nach unserem einstündigen Buchmessenplausch schon das Gefühl hatte, sein Buch gar nicht mehr lesen zu müssen, um es zu kennen, so eindrücklich berichtete er mir von der Idee, der Handlng und den eingesetzten Metaphern. Insbesondere erzählt er mir von den Insekten, für die sich Elias Wagners Protagonisten, den 15-jährigen Max, geradezu ekstatisch begeistert: Bei den titelgebenden „Mondvögeln“ handelt es sich nämlich nicht etwa um zwitscherndes Federvieh, sondern um eine Nachtfaltergattung.

Die Schmetterlinge instrumentalisiert Elias Wagner geschickt metaphorisch für die Wechselspiele von Max‘ Teenagerseele. Offenbar weisen die Lebensstadien von Nachtfaltern und Pubertierenden deutlich mehr Ähnlichkeiten auf als auf den ersten Blick gedacht: Die Tarnung, das Tot stellen, die Verpuppung, alles Zustände wie aus dem Leben eines 15-jährigen gegriffen. – Max versteckt sich nur allzu gerne vor der Welt (und vor den Mädchen) seit seine Mutter verschwunden ist, er allein mit seinem Vater lebt und der sich immer merkwürdiger benimmt. – Der Starnberger See und das umliegende Voralpenland mit seiner barocken Schönheit und seinem bisweilen morbiden Charme setzt dieser Metasphäre nur die Krone auf.

Elias Wagner nennt die Gegend daher „pubertäre Seelenlandschaft“ und geht der Frage auf den Grund, wie die Landschaft die Menschen prägt. Wie fühlt es sich an, in einem Postkartenmotiv aufzuwachsen? Elias Wagner sagt: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Denn die vermeintlich romantische Idylle ist auch geprägt von Überdruss und Todessehnsucht.“ – und spiegelt so erneut das typische Gefühlskarrussel der Teenagerseele wieder. Da schließt sich der Kreis! Insekten- und Landschaftsmetaphern korrespondieren perfekt und Elias Wagner gelingt in diesem Umfeld des Seelentaumels eine feinsinnige Coming-of-age- und Liebesgeschichte.

Schockierend heiter – Lilly Bretts neuer Roman „Lola Bensky“

Foto: Suhrkamp Verlag

Foto: Suhrkamp Verlag

Wenn man als Kind jüdischer Eltern in Deutschland 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ zur Welt kommt, wenn man aus Polen stammt, seine Heimat nie kennengelernt hat, in Australien aufwächst, wenn die Eltern als jeweils einzige ihrer Familien Ausschwitz überlebt haben und man seine ganze Kindheit hindurch beobachten musste, wie sie sich weinend an das erlebte Grauen erinnern, wie vermag man wohl damit umzugehen? – Lily Brett schreibt Bücher darüber. Und obwohl alle ihre Romane stark autobiographisch sind, ihre weiblichen Heldinnen stets die Kindheitserinnerungen mit ihrer Schöpferin teilen, sind ihre Protagonistinnen doch alles andere als verbittert. Im Gegenteil: Ihr Tonfall ist schockierend heiter bis komisch.

Lola Bensky, Heldin des gleichnamigen neuesten Romans von Lily Brett, ist obendrein viel zu beschäftigt, um sich trübe Gedanken zu machen. 19-jährig ist sie zu Beginn der 1960er Jahre in London und USA unterwegs, um für ein australisches Rockmagazin, Musiker zu interviewen. Darunter angehende Stars wie Mick Jagger, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin. Lola spricht mit jedem, der zu dieser Zeit in der Musikbranche von sich reden macht. Dabei ist Lola nie Groupie und wirkt alles andere als ausgeflippt. Sie ist ein gut organisiertes Mädchen, sie raucht und trinkt nicht und wirkt fast ein wenig fehl besetzt in ihrer Rolle als „Rockstar-Versteherin“. Pummelig und unglücklich darüber, fühlt sie sich unattraktiv, plant immerzu Diäten und verliert doch nie an Gewicht. Doch auf ihre Interviewpartner macht die nachdenkliche Australierin Eindruck – unter anderem weil sie so unbefangen mit der dramatischen Vergangenheit ihrer Eltern umgeht.

In den seltsamsten Situationen offenbart Lola Details ihrer schockierenden Familiengeschichte. Ein ums andere Mal rückt sie sich damit ungewollt in den Mittelpunkt. Dabei sucht Lola keine Bühne, sondern vielmehr Hilfe, zu verstehen. Sie wirkt oft selbst erstaunt über die extremen Ereignisse und geht doch ganz offen damit um. Ebenso unbedarft wie sie mit Jimi Hendrix über Lockenwickler plaudert, berichtet sie ihm von Ausschwitz und dem Unvermögen ihrer Mutter nach all dem Erlebten noch an Gott zu glauben. Ihrer journalistischen Mission wird sie mit dieser Form der Interviewführung nicht immer gerecht, doch ihren Gesprächspartnern bleibt Lola im Gedächtnis. Jimi Hendrix begrüßt sie bei ihrer zweiten Begegnung beinahe freundschaftlich. Und Mick Jagger erkennt die australische Journalistin, die ihn Anfang der 1960er interviewt hat, 40 Jahre später bei einem Abendessen in New York wieder.

Und doch – mag Lola noch so unbedarft im Umgang mit ihrer Familiengeschichte wirken – die Last der Vergangenheit wiegt schwer auf ihren Schultern. Anfangs hat sie nur ein Laster: Die Schokolade. Später kommt die Last der Traurigkeit hinzu. Lola verlässt ihren ersten Mann, verliert ihre Mutter und zeitweise den Boden unter den Füßen. Und Lola nimmt zu. Nichts kann ihren Hunger stillen. Sie begibt sich in Therapie, zieht mit ihrem zweiten Mann und ihren Kindern von Australien nach New York. Aber erst Jahre später gelingt Lola mit Hilfe eines einfühlsamen Therapeuten die „Selbstheilung“: Lola lernt mit ihrer Vergangenheit zu leben. Ihre Stimmung bessert sich, sie besiegt erst ihren Hunger, dann ihr Übergewicht. Wie Lily Brett wird sie Schriftstellerin und schreibt sich selbst ein Happy-End.

Lily Brett hat mit ihrer Heldin den Geburtsort in Deutschland, die polnische Herkunft, die Kindheit in Australien, die berühmten Interviewpartner ebenso wie das heute glückliche Leben mit ihrem zweiten Mann in New York gemeinsam und doch sagt Lily Brett: „Ich bin nicht Lola Bensky.“ Die wirkt zeitweise wie eine Woody Allensche Stadtneurotikerin. Bei Licht betrachtet wiegt Lolas Bündel freilich schwerer als das der typischen therapiebegleiteten Wohlstandsdepression. Umso bemerkenswerter, dass Lily Bretts Roman bei all der transportierten Traurigkeit durchgehend heiter erzählt ist und so optimistisch endet. Lily Brett ist mit „Lola Bensky“ kein umwerfend pointierter aber in seiner leichten Herangehensweise an die schockierende Thematik eindrucksvoller Roman gelungen, der nebenbei eine spannende Innenansicht der Musikszene der 1960er Jahre liefert.

Tiefenpsychothriller – Juli Zehs neuer Roman „Nullzeit“

Foto: Schöffling

Foto: Schöffling

Vor knapp einer Stunde hat Theo mal wieder versucht, mich umzubringen. Klingt wie der Anfang eines Krimis. Ist es aber nicht.“ Das erste, was mir an Juli Zehs neuem Roman „Nullzeit“ positiv auffällt, ist der Klappentext. Das ist angesichts der gängigen Textqualität deutscher Bücherklappen eher ungewöhnlich, aber leicht zu erklären. Denn diesen hat Juli Zeh selbst geschrieben, es ist ein Zitat aus „Nullzeit“. Und er bringt es auf den Punkt: Ebenso irre wie diese Zeilen klingen, ticken die Protagonisten des Buches, begreife ich beim Lesen. Doch ich irre mich: Es kommt noch schlimmer! 

Dabei fängt es harmlos an. Sven – der vor Jahren die Juristerei in Deutschland an den Nagel gehängt und auf Lanzarote eine Tauchschule eröffnet hat – beschreibt, wie er seine beiden Feriengäste Jolante Augusta Sophie von der Pahlen, genannt Jola, und Theo Hass vom Flughafen abholt. Das ungleiche Künstlerpaar aus Berlin ist ebenso attraktiv wie verhaltensauffällig. Doch für 1.000 Euro Tagesgage als Personal Tauch- und Insel-Guide sieht Sven darüber hinweg.

Vielmehr, Sven verliebt sich beim ersten Tauchgang im wahrsten Sinne des Wortes Hals über Kopf in seine schöne Schülerin. Daran kann auch seine Freundin Antje, mit der er eine merkwürdig pragmatische Beziehung führt, nichts ändern. Antje ist ihm vor Jahren ungefragt auf die Insel gefolgt. Seither führt sie mit Sven die Tauschschule, lebt mit ihm zusammen und ist dennoch in etwa so bedeutsam für ihn wie ein zweckmäßiges Möbelstück. „Antje ist wie der praktische Schrank den wir beim Einzug [..] günstig gekauft hatten.“ Ihrer Beziehung wegen hatte Sven sich bisher „für einen Menschen mit geringer Liebeskraft gehalten“. Jola überführt ihn des Irrtums.

Die ist jung, schön, von Haus aus reich, vernachlässigt, aber verwöhnt. Ein TV-Sternchen mit 384.000 Google-Treffern, wie Sven, der seine Nächte fortan schlaflos vor Jolas Telenovela am Computer verbringt, schnell herausfindet. Sie lebt in zerrütteter Beziehung zum 15 Jahre älteren Theo. Der wiederum hat nach einem zehn Jahre zurückliegenden, vielversprechenden Debütroman als Schriftsteller nichts mehr zustande gebracht. Dementsprechend destruktiv gibt er sich seiner Umwelt gegenüber. Der Urlaub soll Jola auf die Rolle der Taucherin Lotte Hass vorbereiten und nebenbei die Beziehung kitten.

Dass letzteres kein Strandspaziergang wird, sagt Jola selbst. Sie nennt Theo „den alten Mann“, verspottet ihn, beschreibt, wie er sie dominiert und sie es geschehen lässt. Das entnehme ich Jolas Tagebuch, das regelmäßig Svens Berichterstattung der Inselereignisse unterbricht und alles bisher gelesene auf den Kopf stellt. Denn aus Jolas Perspektive erzählt, ist die Geschichte eine andere. Mit Schaudern denke ich beim Lesen an Laetitia Colombanis „Wahnsinnig verliebt“. In der Hauptrolle brillierte Audrey Tautou als gestörte Angélique, deren Liebreiz den Effekt der unterschätzten Wahnsinnigen hinreißend verstärkte. Ähnlich schätze ich Jola ein: irre.

Sven ist da deutlich unbedarfter. Aber er hat sich auch mit seinem Weggang aus Deutschland vorgenommen: Keine Einmischung mehr in fremde Probleme. „Raushalten, ist das Fundament, auf dem ich meine Weltsicht aufbaute“. Die Warnung seines vermeintlichen Widersachers Theo – „Erste Regel im Umgang mit Frau von der Pahlen, glaube ihr kein Wort.“ – schlägt Sven arglos in den Wind. Lange glaubt er, die Situation im Griff zu haben, eine Eskalation verhindern zu können. Und als er endlich realisiert, dass er sich irrt, ist er überfordert: „Normalität war doch das Mindeste, was man vom Leben erwarten konnte“ – aber nicht von Jola und Theo!

Und während Jola sich in ihrem Tagebuch noch als Opfer stilisiert – „Opfer sein ist eine Kunst, die leicht fällt, wenn sich ein geeigneter Mitspieler findet. [..] Wer seinen eigenen Täter besitzt, muss sich nie wieder um die Opferrolle sorgen“ und „Ich werde immer wieder zum alten Mann zurückkehren, solange bis er mich vernichtet hat. Ich brauche Hilfe.“ und „Ich brauche einen Tauchlehrer an Land, einen der mir beibringt, an diesem beschissenen Leben nicht zu ersticken.“ – spitzt sich die Situation immer weiter zu und am Ende kommt es zum erwarteten Showdown unter Wasser und dabei doch ganz anders als man dachte..

Und das ist eigentlich das Allerbeste an Juli Zehs „Tiefenpsychothriller“: Obwohl man seinen Protagonisten so einiges an Wahnsinn zutraut, kommt die Auflösung überraschend. „Nullzeit“ ist aber nicht nur ein bis zur vorletzten Seite lesenswerter, verstörend beklemmender und hochspannender Psychothriller, es ist auch eine psychologisch interessante Dreiecksgeschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit, über Macht und Ohnmacht in Beziehungen, über Sex und Gewalt. „Nullzeit“ ist gesellschaftskritisch, natursensibel und tauchversiert. Und völlig unvermittelt zwischen seinen taktisch ausgefeilten Wendungen, schreibt Juli Zeh darin in wunderbarer Sprache weise Sätze über das Leben – lesen!

Von Jenachdemern und inneren Leseropportunisten

Seitdem ich ausgewählte Bücher regelmäßig bei Wein und Käse mit meinem Lesekreis bespreche, reflektiere ich mein Leseverhalten und muss mir eingestehen: Ich war und bin bisweilen eine recht opportunistische Leserin. „Ein Opportunist“, sagt Wilhelm Busch, „ist ein Jenachdemer“. So wähle ich Bücher oftmals je nach dem wie mein persönlicher Seelenzustand gerade aussieht oder ich lese sie je nach dem was mich gerade im Leben bewegt, auf ganz bestimmte Fragen fokussiert. Ich grase sie nach Lösungen für verzwickte Probleme ab. Ich suche nach Protagonisten, die ähnlich denken, wie ich selbst, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden und ähnliche Entscheidungen treffen müssen. Taucht in einem Buch eine Person auf, die ich aus meinem Leben zu kennen glaube, verfolge ich ihr Tun und Denken besonders aufmerksam und versuche aus der Romanhandlung Rückschlüsse auf das wirkliche Leben zu ziehen. Und ich befürchte, bei alledem überlese ich vieles, was mir eben gerade nicht in den eigenen Kram passt.

Foto: dtv

Kürzlich, als ich F. Scott Fitzgeralds autobiographisch geprägten Roman „Tender is the Night“ las, ging es mir ebenso. Die Dreiecksgeschichte eines Psychiaters, seiner geisteskranken Frau und einer jungen Filmschauspielerin kritisiert den dekadenten Lebensstil der in Europa lebenden amerikanischen Finanzaristokratie. Zu Beginn der Handlung wies der junge Dick Diver eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem Protagonisten meines Lebens auf. Entsprechend aufmerksam verfolgte ich sein Denken und Handeln. Und entsprechend begeisterte mich Fitzgeralds Roman – der obendrein auf seinen ersten 200 Seiten atmosphärisch eindrucksvoll zwischen Depression, Hedonismus und Heiterkeit schwankt. Irgendwann in der Mitte des Buches jedoch, als dem anfangs so souveränen Dick Diver die Fäden der Handlung aus den Händen gleiten, flaute mein Interesse an seiner Geschichte abrupt ab. Diesen Menschen kannte ich nicht, entsprechend unsanft lies ich die Romanfigur fallen.

Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Fitzgeralds Roman damit wirklich Unrecht tue, denn seine zweite Hälfte hielt auch atmosphärisch nicht, was der Anfang versprach und sein plötzliches Ende war lediglich mittels der verbleibenden Seitenzahlen erahnbar. Dennoch, auch wenn dieses Beispiel vielleicht nicht exemplarisch ist, so frage ich mich manchmal etwas leicht beschämt, wie vielen Büchern ich mit meinem Leseropportunismus bereits Unrecht getan habe. Wie viele Protagonisten ich missverstanden habe. Ob ich überhaupt erfasst habe, worum es in manchen von mir sehr geliebten Büchern geht. Oder ob ich stets durch meine Opportunistenbrille lese und meinen Lesestoff verkenne. Und ich befürchte, immer wenn mir ein Buch der Analyse meines Lebens dient, verfremde ich es.

Foto: Random House

Manchmal steht mir der Sinn auch gar nicht nach Analyse, manchmal suche ich schlicht Trost in meinem Lesestoff – je nach dem wie es um das Seelenheil meines inneren kleinen Lesers gerade bestellt ist. Immer dann, wenn mich mein Seelenleben, an meinen Gemütszustand im Alter von 15 erinnert, verhalte ich mich altergemäß und greife zum Jugendbuch, gerne zur klassischen Coming-of-age-Geschichte, wie dem wirklich großartigen schwedischen Roman „Populärmusik aus Vittula“ von Mikael Niemi, die Geschichte einer Jugend in der nordschwedischen Provinz der 1960er Jahre. Wahrscheinlich sind Bücher über pubertierende Jugendliche einfach besonders tröstlich, weil ihre Protagonisten so viel stärker unter den Unwegsamkeiten ihres Lebens leiden und sie dennoch vielfach besser meistern, als es den vermeintlich Erwachsenen gelingt. Obendrein mutet dieselbe traurige Liebesgeschichte, aus der Perspektive eines Mitdreißigers erzählt, schnell übertrieben oder kitschig an, während der 15-jährige, im Überschwang des ersten Liebesgefühls, verklären und sich selbst bemitleiden darf, ohne dabei lächerlich zu wirken. So gibt es sprachlich eindrucksvolle zeitgenössische Jugendliteratur über Liebesleid und Leidenschaft, aber wer bitte schreibt heute Literatur über 34-jährige mit Liebeskummer?

Doch zurück zu Mikael Niemi. Sein pupertierendes Alter Ego Matti kommt ganz ohne Dramen aus. Pragmatisch und zugleich unbedarft berichtet er von seiner Jugend in Tornedal, dem äußerst nördlichsten Zipfel Schwedens, und den eigenwilligen Sitten und Gebräuchen seiner Bewohner. Von Gottesfurcht und Rattenplagen. Von Saunagängen, Trinkwettbewerben und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Vor allem aber erzählt Matti die Geschichte seiner Freundschaft zum schweigsamen Niila und ihrer gemeinsamen Liebe zur Musik. Er beschreibt, wie es ihnen gelingt weit entfernt von Swinging-Sixties, Memphis und Liverpool den Geist der Zeit aufzuschnappen und allem Mitschüler-Spott zum Trotz ihre eigene idealistische Musiker-Individualität auszuleben. So ist „Populärmusik aus Vittula“ Trost ganz ohne Selbstmitleid und somit mal wieder ideal geeignet für meinen kleinen inneren Leseropportunisten. Oder ist ein Buch wie dieses vielleicht sogar geschrieben, um zu trösten? Vielleicht sollte ich das mal den Autor fragen. – Einstweilen empfehle ich zum Zwecke des Trostes den gleichnamigen Film ..

Yukos und Tims Tagebuch aus Tokio – jetzt als Buch

CARLSEN Verlag

Vor einem Jahr, am 11. März 2011, erschütterte das gewaltige Tohoku-Erdbeben Japan und löste die Havarie des Atomkraftwerkes Fukushima aus. Und auch wenn sich das Beben aus meiner Perspektive am anderen Ende der Welt ereignete, erschütterte es doch auch meine Welt hier beträchtlich. Wochenlang verfolgte ich die Medienberichte über den Störfall und erlebte zugleich, wie ein ganzes Land energiepolitisch von einem auf den anderen Tag umdachte. Andererseits lernte ich in diesen Tagen viel von einer nachdenklichen, jungen Frau aus Tokio.

Mein Freund Tim, Journalist in Berlin, erzählte mir bereits am 11. März von seiner Bekannten aus Studientagen: Yuko, die so gut zeichnen kann. Als Tim die Nachrichten über das Erdbeben in Japan las, machte er sich Sorgen um Yuko und schrieb ihr über Facebook eine Nachricht. Yuko antwortete. Es ging ihr gut, aber sie hatte Redebedarf und erzählte Tim viel mehr als erwartet. Und plötzlich hatte „Fukushima“ oder „3/11“, wie wir heute schlicht sagen, für Tim eine ganz neue Facette angenommen.

© Tokyo Kitsche

Tim berichtete einem Redakteur des SZ-Magazins von seiner japanischen Freundin. Und innerhalb von Stunden war die Idee zum „Tagebuch aus Tokio“ geboren, das bereits einen Tag später erstmals online auf www.sz-magazine.de erschien: Yuko schrieb und zeichnete ihre alltäglichen Erlebnisse und Gedanken und schickte sie an Tim. Tim übertrug die Texte ins Deutsche und bereitete sie für die Online-Ausgabe des SZ-Magazins auf. Und nicht nur unsere Freunde und Bekannten bewunderten die Zeichnungen und lasen die Texte der jungen Frau aus Tokio von da an regelmäßig. Die Resonanz war beeindruckend.

Aber Yukos Tagebuch schaffte auch etwas, was kein Zeitungsartikel oder Fernsehbericht mit neuen Zahlen, Daten, Fakten über die katastrophale Lage in Japan erreichen konnte. Es zeigte die Innenansicht einer japanischen Seele. Denn Yuko schrieb ihre Gedanken und Gefühle sehr offen und emotional nieder. Und die junge Frau verordnete sich spürbar, trotz all der Zerstörung und Angst um sie herum möglichst normal weiterzuleben.

So schrieb Yuko am 15. März: „Wir machen uns Mut, denn wir müssen uns Mut machen.“. Am 25. März traf Yuko sich erstmals wieder im Junge-Leute-Viertel Tokios mit ihren Freundinnen, den „Power Generation Girls“. Am 8. April rüttelte sich Yuko selbst auf: „Ich sollte nur noch einmal täglich Nachrichten lesen. Sonst werde ich noch ein richtiger Disasterholic. Ich sollte mir vor allem meine eigene Realität wieder stärker ins Bewusstsein rufen: Meine Wohnung ist sicher. Kein einziges Weinglas ist zu Bruch gegangen. Alle meine Freunde leben noch. Meine komplette Familie ebenso. Selbst meinen Job habe ich noch. Also mach Dich mal locker Yuko. Alles locker..“

© Christoph Voy

Durch Yuko erlebte auch Tim die Wochen und Monate nach der Katastrophe von Fukushima viel intensiver. Und er fand in Yuko eine Vertraute. „Unsere Freundschaft ist heute viel enger als früher, wir haben uns noch einmal neu kennengelernt“, erzählt er. Ein besonders Erlebnis aus dieser Zeit hatte er in einem Telefonat mit seinem Vater: Der politisch Konservative, der stets für Atomenergie eingetreten war, zeigte sich im Telefonat mit seinem Sohn so entsetzt über die Vorfälle in Japan, dass er plötzlich all seine Prinzipien über Bord warf und eingestand: Atomkraft ist wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Tim war beeindruckt.

Zum Jahrestag der Katastrophe, bringt der Hamburger Carlsen Verlag Yukos und Tims Tagesbuch jetzt erstmals in Buchform heraus. Und am vergangenen Samstag Abend stellten Yuko und Tim „3/11 – Tagebuch nach Fukushima“ in der sympathischen Hamburger Comic-Buchhandlung Strips&Stories vor. Und es zeigte sich, das Thema Fukushima ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber eine so emotionale Innenansicht der Ereignisse von 2011 gibt es nur einmal.

Ausschnitt aus der Lesung von Tim und Yuko am 10. März 2012 im Strips&Stories, Hamburg

Weitere Lesetermine mit Yuko und Tim: Dienstag13. März, 20 Uhr: BerlinCafé Dresden, Dresdner Straße 19 und Samstag, 17. März, 11 Uhr: Leipziger Buchmesse, Messe Leipzig, Comic-Forum Schwarzes Sofa, Halle 2, Stand H601

Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Paradiesbewohner zur Schöpfungszeit

Foto: St. Benno-Verlag

„Gutes Neues“* ist die Begrüßungsfloskel der ersten Woche jedes neuen Jahres. In der zweiten Woche hört man sich auch noch von Zeit zu Zeit. Dann verebbt der implizierte Optimismus und Überschwang und wir murmeln uns wieder ein verzerrtes „Servus“, „Moin“ oder „Na“ zu, wenn wir uns begegnen. War das schon immer so?

Diese Frage hat mir gestern Mark Twain beantwortet, der  sich – für mich völlig überraschend – als ausgezeichneter Kenner der Kommunikation zwischen Mann und Frau erwiesen hat. Und zugleich einen einmaligen historischen Beleg der Entwicklungsgeschichte der Geschlechterdifferenz vorlegte, indem er 1893 die privaten Aufzeichnungen des ältesten Liebespaares der Schöpfungsgeschichte niederschrieb: Adams und Evas Tagebuch.

Darin zeigt sich: Weder in der ersten, noch in der zweiten Woche des menschlichen Lebens auf Erden (gewissermaßen des allerersten neuen Jahres überhaupt) hatte Adam für Eva optimistische oder überschwängliche Grußformeln übrig. Ganz im Gegenteil: „Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und treibt sich beständig um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. […] Wenn es nur nicht reden wollte! Es schwatzt beständig“, beklagt sich unser aller Urahn über seine Gefährtin.

Eva hingegen interessiert sich für den schrägen Einzelgänger. „Ich muss eingestehen, dass mir dieser Mann mehr Spaß macht, als alle anderen Reptilien.“ Denn für ein Reptil hält sie Adam. Und obwohl Eva schnell merkt, dass Adam weniger Vergnügen an ihrer Gesellschaft findet  –„wieder habe ich es auf die Palme gejagt“, –  gibt sie nicht auf.

In den vergnüglichen Tagesnotizen beider Paradiesbewohner zeigt sich vielfach, wie unterschiedlich diese sind. Eva gibt sich einerseits romantisch verträumt, liebt die Natur, bewundert die Sterne, plappert gerne vor sich hin, benennt alles, was ihre Blicke kreuzt ganz intuitiv, und ist doch andererseits auch praktisch veranlagt und hält Ordnung im Garten Eden – oder, wie sie sagt, im Niagara-Park.

Adam will vor allem unbehelligt seinen Hobbies, dem Jagen, Bauen und Wasserfallschwimmen, nachgehen. Einmischungen in sein Tun und Veränderungen akzeptiert er nur ungern. Und obwohl er anfangs nur wenige liebenswerte Eigenschaften aufweist, liebt Eva ihren Gefährten aufrichtig. Um auf Gegenliebe zu stoßen, muss sie jedoch zunächst den Sündenfall begehen und ihn vom Baum der Erkenntnis essen lassen.

Adam und Eva dabei zu begleiten ist sehr zu empfehlen, denn Mark Twains Büchlein ist treffsicher, sprachwitzig und erschreckend aktuell. Die Autoren der Beziehungsratgeber der Gegenwart scheinen allesamt bei ihm abgeschrieben zu haben!

* das Lesen ist schön wünscht seinen Lesern ein gutes, gesundes, glückliches, erfolgreiches, fröhliches, wunderbares neues Jahr!

Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung

Auf den ersten Blick ist der neue Roman von Jeffrey Eugenides eine unterhaltsame Dreiecksgeschichte aus dem US-College-Milieu der 1980er Jahre. Auf den zweiten Blick ist Die Liebeshandlung oder im englischen Original „The marriage plot“ aber auch ein Statement darüber, wie Eugenides sich die Gegenwartsliteratur wünscht. Mit seinem dritten Roman legt er eine große, erzählerisch (auch in der deutschen Übersetzung) brilliante und dennoch moderne Liebesgeschichte vor. Dafür pickt sich der Autor „das Beste“ aus Postmoderne und Realismus heraus. So hat Die Liebeshandlung einen Plot in der Erzählstruktur des 19. Jahrhunderts aber mit dekonstruktivistischem Subtext.

Kompliziert klingt das aber nur im ersten Moment. Denn Die Liebeshandlung ist nicht nur für literaturwissenschaftlich Eingeweihte geschrieben: Auch ohne Vorwissen kann man die einzelnen Handlungsstränge des Romans der jeweils literaturtheoretischen Strömung zuordnen. Denn Eugenides schickt seine Leser in die selben College-Seminare wie seine drei Helden, die Studenten Madleine, Mitchell und Leonard. Da sitzt der Leser unvermittelt – wie damals en vogue – im Semitiotik-Seminar und hört der Diskussion über Jacques Derrida zu. Im nächsten Moment besucht er mit Mitchell und Leonard ein Seminar über östliche Religionen. Oder ist er Zaungast auf der Bettkante der liebeskranken Madleine, die versucht ihren Kummer mit Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ zu therapieren, einer Art Enzyklopädie des Gefühlslebens.

Auf diese Weise lernt der Leser auch die drei Protagonisten kennen, die Eugenides vor allem über ihre Lesevorlieben definiert. Madleine, angepasste Tochter aus gute Hause und Studentin der englischen Literatur, begeistert sich ganz gegen den Zeitgeist für den Roman des 19. Jahrhunderts, insbesondere für das viktorianische Zeitalter. Für Poststrukturalismus und Semiotik hat sie wenig übrig. Der nachdenkliche aber weltgewandte Theologiestudent Mitchell hat Schopenhauer und Nietzsche hinter sich gelassen und reist mit einem Rucksack voller christlicher Mystiker durch Europa und Indien. Unterwegs liest er Thomas von Kempen, Augustinus, Theresa von Avila oder Tolstoi. Der hochintelligente aber ebenso labile Biologiestudent Leonard springt scheinbar spielend zwischen den Disziplinen hin und her, Naturwissenschaften, Philosophie, Theologie und Literaturtheorie und jongliert mühelos mit allen Texten und Begrifflichkeiten.

Doch beginnen wir vorn: Madleine, Mitchell und Leonard studieren in den 80er Jahren an der Browne University in Rhode Island, der Alma Mater ihres Erfinders. 1982, zu Beginn des Romanes, stehen sie kurz vor ihrer Graduierung und schließen damit ihr Studium eben zu der Zeit ab, in der auch Eugenides dort graduiert hat. Überhaupt wirkt Die Liebeshandlung an vielen Stellen stark autobiographisch. Im Falle des griechisch-stämmigen Mitchell gibt Eugenides das auch unumwunden zu. Es ist aber auch zu offensichtlich: Mitchell sieht aus wie Eugenides in jungen Jahren aussah, er stammt aus Detroit, reist im Laufe des Romans auf spiritueller Sinnsuche nach Indien und arbeitet in Kalkutta in Mutter Theresas Heim für Sterbende – so wie Eugenides. Und obwohl der Autor sagt, die selbst erlebten Passagen seien ihm beim Niederschreiben besonders schwer gefallen –  für die Schilderung der Indienreise etwa habe er 20 Anläufe gebraucht, so ist Mitchell doch der am klarsten gezeichnete Charakter.

Der manisch depressive Leonard dagegen erinnert – auch wenn der Autor davon nichts wissen will – optisch wie charakterlich an Eugenides Freund aus New Yorker Tagen, seinen Schriftstellerkollegen David Foster Wallace. Und auch wenn Eugenides zugibt, trotz gewissenhafter Recherchen wenig über Manie und Depression zu wissen, gelingt ihm eine mitreißende Schilderung von Leonards manischen Phasen.

Einzig Madleine bleibt ein ungelöstes Rätsel. Man könnte nun mutmaßen, die Figur der schönen und angepassten Oberklassetochter besitze vielleicht deswegen so wenig charakterliche Tiefe, weil Eugenides kein lebendes Vorbild vor Augen gehabt habe. Für den Roman ist Madleine dennoch Zentrum und Motor in einem und damit unerlässlich. Denn sie ist es, die eine Entscheidung treffen muss zwischen dem verlässlichen Kameraden Mitchell und dem aufregenden, aber unzuverlässigen Leonard  – eine Entscheidung zwischen Verstand und Gefühl. Und dieser Verweis auf Jane Austens gleichnamiges Werk „Sense and sensibility“ ist keinesfalls zufällig.

Denn wenn auch der deutsche Titel von Eugenides Roman womöglich in die Irre führt, Die Liebeshandlung greift ein klassisches Romanmotiv auf, den „marriage plot“. Der Begriff stammt aus der angelsächsischen Literaturgeschichte. Dort tauchte er erstmals in der Romantik auf, einer Epoche, in der die Heirat ausschlaggebend war für die gesellschaftliche Zukunft einer Frau. Autoren wie Jane Austen schrieben damals Romane über junge Frauen, deren Dreh- und Angelpunkt die Eheschließung war. Diese Romane enden stets mit der Hochzeit ihrer Heldin. Im Laufe der Literaturgeschichte wandelte sich der „marriage plot“ ebenso wie die Gepflogenheiten der Ehe. Im viktorianischen Zeitalter schrieben die Schwestern Brontë schon deutlich düstere Romane. Sie beginnen mit der Eheschließung und schildern im weiteren Verlauf den Alltag des Ehelebens mit all seinen Höhen und Tiefen. In der Moderne schließlich führen die Ehepartnertauschepisoden in John Updikes Romanen die Idee des „marriage plot“ endgültig ad absurdum.

Madleine steckt nicht nur selbst mitten in einem solchen „marriage plot“, sie schreibt auch einen akademischen Fachartikel zum Thema. Darin untersucht sie die Auswirkungen des modernen Ehelebens auf den Roman und greift die These ihres greisen Literaturprofessor Saunders auf: Mit der fortschreitenden Gleichberechtigung der Frau verliere der Roman an Faszination. Die großen Romane seien in der Zeit Jane Austens entstanden. Mit dem Bedeutungsverlust der Ehe, gehe auch der Bedeutungsverlust des Romanes einher. Madleine stimmt ihrem Dozenten zu. Und das obwohl ihre eigene Einstellung zur Ehe nur unwesentlich moderner ist, als die einer Elinor Dashwood.

Madleine ist eine Tochter aus konservativem, wohlhabenden US-amerikanischen Elternhaus in der Zeit des konservativen „Backlash“, nach der Feminismusbewegung der 70er Jahre. Als Kind dieser Zeit stellt sich Madleine, die zwar im Stillen an den Lebensentwürfen ihrer Eltern zweifelt, aber weit davon entfernt ist, zur offenen Revolte zu blasen, die Frage: Wie geht es weiter, nachdem ich mein Studium abgeschlossen habe? Gehe ich den traditionellen Weg, heirate und gründe eine Familie? Oder konzentriere ich mich zunächst auf Beruf und Karriere? Und was bedeutet eine Entscheidung für diesen oder jenen Weg für meine gesellschaftliche Position?

Madleine ist zwar klug, aber auch vorsichtig und skeptisch Neuem gegenüber. Und so neigt sie instinktiv dazu, den ausgetretenen Pfaden ihrer Eltern zu folgen. Aus diesem Grund ist die Möglichkeit ihrer beruflichen Selbstverwirklichung in Eugenides Roman bis zum Ende hin unterrepräsentiert. Madleine entdeckt zwar im Laufe des Romans ihre beruflichen Interessen, beginnt ihren Werdegang zu planen und schreibt sich auf der Columbia University ein. Den Entschluss gegen das traditionelle Rollenmodell der Hausfrau und Mutter trifft sich aber eigentlich nicht selbst, sondern lässt die Umstände für sich entscheiden. So wird Eugenides Heldin am Ende beinahe unabsichtlich zur modernen jungen Frau. Dem „marriage plot“ verschafft sie so beiläufig die nötige Modernisierung um ihn gegenwartstauglich zu machen.

Denn um seinem Idealbild zu entsprechen hat Eugenides das klassische Romanmotiv an einigen Stellen etwas renoviert. Die Erzählform ist beibehalten, die Liebesgeschichte aber dekonstruiert. Obendrein wird bei Eugenides nicht nur aus Madleines Perspektive erzählt, sondern auch die beiden männlichen Protagonisten kommen zu Wort. Eugenides gelingt es auf diese Weise seine Mission zu verwirklichen, das klassische Romanmotiv in die Jetztzeit zu übertragen und sein Idealbild des Gegenwartsromans erschaffen. Ganz nebenbei widerlegt er auch die akademische These von Madleines Fachartikel. Denn mit der Liebeshandlung tritt Eugenides den aktuellen Gegenbeweis an, dass die besten Zeiten des Roman seit langem vergangen sind.

Haben wir Angst? – Die Generation Nina Pauer

Foto: S. Fischer Verlag

„Wie aus der Generation Golf die Generation Angst wurde“, schreibt die FAZ. „Kein Mut nirgends“ bringt es jetzt.de auf den Punkt. „Uns gehts nicht gut“ betitelt es das Missy Magazin. In allen möglichen Kulturteilen aller möglicher Zeitschriften und Tageszeitungen blitzte mir in den letzten Wochen ein Thema entgegen. Die Generation der in den 1980ern geborenen entsendet erstmals geballt ihre Botschafter in den deutschen Bücherherbst. Und die schreiben bevorzugt über die verflixt komplizierte Seelenlage ihrer Generation.

Eine Handvoll Intellektueller, die die üblichen Probleme junger Städter zur Psychose einer Generation hochstilisieren, dachte ich mir. Um was für verrückte Probleme mag es da gehen, fragte ich mich. Und kaufte mir das Buch der jungen Autorin, die mir am häufigsten begegnet war: Nina Pauer, freie Journalistin für ZEIT Feuilleton und ZEIT Magazin und Verfasserin von „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“.

Und ich stellte sehr schnell fest, Anna und Bastian, um die 30, die beiden grundverschiedenen Protagonisten in Pauers Buch sind mir gar nicht so unähnlich. Nur zu gut kenne ich Annas Gefühl des Hamsters, der im Agenturalltagsrad feststeckt, der tags und nachts und wochenends schuftet, seine Freunde und Familie vernachlässigt, und irgendwann völlig entkräftet und deprimiert vom Stängel kippt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf die banale Frage, wie es einem geht, in Tränen auszubrechen. Und ich kenne die Erkenntnis, dass die beinahe 30 Jahre ältere Mutter körperlich wesentlich fitter ist als man selbst. Aber auch Bastians Seite ist mir vertraut: Die Gunst des freien Studentenlebens nicht nutzen zu können, sondern durch die Option der Freiheit unangespornt in Lethargie zu versinken.

Zum Hineinversetzen prägnant zeichnet Nina Pauer das Portrait einer Generation, der es doch eigentlich so gut gehen müsste, wie keiner anderen zuvor, die stattdessen aber – wie im Fall von Anna und Bastian – auf dem Therapiesessel des Therapeuten Herrn G. landet. Dabei haben die Annas und Bastians dieser Welt keine Kriege erlebt, nie Hunger gelitten, sondern hatten von klein auf eigentlich alles. Sie sind vielfach im mittelständischen Wohlstand deutscher Bürgerlichkeit aufgewachsen. Haben eine gute Schulbildung genossen, sprechen mehrere Sprachen, haben studiert, waren im Ausland. Und bei alledem haben ihre Eltern ihnen immer vermittelt: Sucht Euch Euren eigenen Weg!

Diese Chance zur Selbstverwirklichung ist jedoch genau das Dilemma der Generation Nina Pauer. Aus dem Topf der unbegrenzten Möglichkeiten schöpfen die Annas und Bastians nämlich keinesfalls Selbstsicherheit, Glück und Lebensfreude, sondern zunehmende Verunsicherung und Angst.

Nina Pauer sagt, ihrer Generation gehe es eigentlich gut, sie habe eben nur fünf große Ängste: Die Angst unvermittelt von der Karriereleiter zu kippen und im beruflichen Nirgendwo zu verschwinden. Die Angst, in der Liebe zu viele Kompromisse einzugehen und sich an den erstbesten potenziellen Lebenspartner zu verschwenden. Die Angst erwachsen zu werden und vor dem Versorger-Rollentausch von Eltern und Kindern. Die Angst, im Gewimmel der virtuellen Freunde die richtigen und wichtigen Seelenverwandten aus den Augen zu verlieren. Und die Angst vor dem eindeutigen politischen Statement.

Und natürlich sind diese Ängste nachvollziehbar. Die Medienbranche, die typische berufliche Heimat der Annas und Bastians, bietet nicht gerade die Absicherung einer deutschen Beamtenlaufbahn. Die Halbwertszeit der deutschen Beziehung hat sich in den letzten 30 Jahren vermutlich halbiert. Das Rundumpaket an finanzieller und emotionaler Verpflegung, dass unsere Eltern uns quasi als „Flatrate“ seit Geburt zur Verfügung stellen, hat uns verwöhnt und auch ein wenig verweichlicht. Die schöne neue Facebook-Welt lenkt uns vom wirklichen Leben ab und das politische Statement ist tatsächlich unpopulär. Es geht uns einfach zu gut, als dass wir uns ernsthaft für eine politische Idee engagieren.

Dementsprechend lassen sich die Nöte von Anna und Bastian auch nicht einfach wegtherapieren. Die Generation Nina Pauer wird wohl auch in Zukunft permanent glücklich und unglücklich zugleich sein. Und das Buch begnügt sich einstweilen mit dem Fazit eines Etappensieges: Generationstherapeut Herr G. lobt Anna und Bastian am Ende des Buches für ihren Fortschritt. Denn „Thematisierung ist der erste Schritt zur Heilung.“ Das dachte sich wohl auch Nina Pauer als sie dieses in jeder Hinsicht polarisierende aber durchaus auch diskussionswürdige Generationsportrait verfasste.

Mein Fazit ist unterdessen optimistischer: Denn trotz meiner Seelenverwandtschaft mit Anna und Bastian, fühle ich mich nicht reif für den Therapiesessel. Natürlich kenne ich die kleinen Ängste des Alltags. Insbesondere mit leerem Magen zweifle ich manchmal an der ganzen Welt. Aber ebenso gut kenne ich auch die großen und kleinen Trostpflaster und Kraftspender, die meine Laune verlässlich vom Nullpunkt ins Stimmungshochgebirge versetzen. Diese Notfallmaßnahmen helfen zuverlässig – und so ist mein persönliche Résumé: Ich habe keine Angst!

Nicht neu aber umso hörenswerter: Die Mittagsfrau von der Autorin gelesen

Foto: Der Hörverlag

„Blind am Herzen“ sei die Mutter, sagt die neun Jahre ältere Martha zu ihrer kleinen Schwester Helene. Mit dieser Beschreibung versucht Martha den Umstand zu erklären, dass Selma Würsich ihre jüngste Tochter ablehnt. Diese Ablehnung bekommt die kleine Helene schon früh zu spüren. Und auch die Totgeburt vierer Brüder und die schlesisch-jüdische Herkunft der Mutter, die sie in Bautzen als Ehefrau eines angesehenen deutschen Druckers zur Außenseiterin werden ließ, erklären dem kleinen Mädchen diesen Umstand nicht ausreichend.

Helene erschaudert jedes Mal, wenn sie im Laufe ihres Lebens ähnliche Züge an sich selbst erkennt. Und doch ist es Helene, die viele Jahre später im Prolog von Julia Francks Roman Die Mittgsfrau ihren siebenjährigen Sohn Peter, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, auf der Zugreise gen Westen beim Umsteigen am Bahnhof Pasewalk, zurücklässt. Erschüttert habe ich Julia Franck diese Passage ihres Romanes vorlesen hören und mich gefragt: Was kann es für Gründe geben, die so ein Verhalten rechtfertigen?

Diese Frage mag sich Julia Franck selbst gestellt haben, als sie die Idee für ihren Roman entwickelte, der 2007 den Deutschen Buchpreis gewann. Denn die Geschichte von Helene und Peter ist ihre Familiengeschichte. Ihr Vater erfuhr das Schicksal des von der Mutter ohne jede Erklärung zurückgelassenen Kindes. Wie der kleine Peter in Julia Francks Roman wuchs auch der Vater der Autorin bei Verwandten auf. Ebenso wie Peter entschied er sich, die Mutter nie im Leben wiedertreffen zu wollen. Und auch mit seiner Tochter sprach er nie über die Großmutter. Julia Franck recherchierte später, dass diese 1996 in Berlin starb und zeitlebens nie wieder über ihren Sohn gesprochen hatte.

Und doch zeichnet Julia Franck ein so liebenswertes Bild der Frau, die die familiäre Tragödie ihres Vater begründete, dass man unwillkürlich den Eindruck bekommt, sie wolle eine nachträgliche Versöhnung herbeiführen. Der Prolog ihres Romans endet mit der Verzweiflung des am Bahnsteig zurückgelassenen Kindes. Der Hauptteil beschreibt die Lebensgeschichte der Mutter, Helene Würsich, ihrer Großmutter. Der Epilog deutet an, dass Peter seiner Mutter diese Tat nie verzeihen wird.

Und schon nach den ersten Sätzen des Romans, die die aufgeweckte Helene beschreiben, die sich vertrauensvoll der Fürsorge ihrer älteren Schwester Martha hingibt, verliebe ich mich in das kleine zarte Wesen und wünsche mir Helene zur Tochter, zur Schwester, zu Freundin. Verzückt höre ich dem kleinen Mädchen zu, dass voller Hoffnung, Lebensmut und Vertrauen in sich selbst in die Zukunft blickt und die ihr unverständlichen Merkwürdigkeiten ihres Lebens still erträgt,

Und zugegeben dauert es eine Weile, bis ich die aufwachsende, kluge und vielseitig begabte Helene mit Peters Mutter – der vom Leben gezeichneten Alice – in Verbindung bringe. Die Namensänderung erklärt Julia Franck erst viel später. Anfangs fragte ich mich daher, wie Helene und Peter wohl in Verbindung stehen mögen. Mache als Gemeinsamkeit nur eine angedeutete jüdische Herkunft beider aus. Und vermute ganz falsch, der Roman stelle verschiedene jüdische Schicksale zueinander in Relation.

Aber vielleicht ist genau das Julia Francks Absicht: Eine Romanheldin zu schaffen, mit der man sich anfangs blindlings identifizieren kann. Um den Leser abzuholen, einzupacken und mitzunehmen auf den Lebensweg der Helene Würsich. Und unterwegs zu erklären, wie es soweit kommen konnte.

Und der Plan gelingt. Nach sechs CD’s Die Mittagsfrau, von der Autorin einfühlsam und beinahe zärtlich vorgetragen, verzeihe ich der Helene Würsich zwar nicht, dass sie sich von der Verantwortung erdrückt und überfordert fühlt und ihren kleinen Sohn nicht lieben kann, wie man es von einer Mutter erwarten könnte. Aber ich verstehe Helene. Ich verurteile sie nicht mehr wie am Anfang. Ich finde es nur noch traurig, wie ein Leben einem Menschen alle Kraft und Wärme rauben kann. Und doch begeistert mich Julia Francks Roman und ihre Lesung. Und ich bin gespannt auf ihr neues Buch, Rücken an Rücken, das am 21. Oktober erscheint.

Mein sanfter Zwilling: Ein Interview mit der Autorin

Foto: Ives Noir

Samstag spät vormittags auf der Frankfurter Buchmesse: Eine übermüdete Journalistin trifft eine übernächtigte Schriftstellerin. Nino Haratischwili, Autorin von Mein sanfter Zwilling und in diesem Moment nominiert für den Preis der Hotlist 2011, den deutschen Independence Buchpreis, den sie wenige Stunden später gewinnen wird. Hier werden vorläufig nur Augenringe verglichen und Kaffeeinfusionen verteilt. Und da sage nochmal jemand das Frankfurter Nachtleben sei keinen Besuch wert.

In meinem Fall: falsch. Ich habe letzte Nacht Nino Haratischwilis Buch gelesen. Fast 400 Seiten. Ich bin beeindruckt. Und habe es tatsächlich durchgelesen. Stolz, gut vorbereitet zu sein, stelle ich meine Fragen und außerdem fest: Zuhören, Mitschreiben, Mitdenken geht heute nicht parallel. Na prima, und wie soll das dann ein ordentliches Interview werden? Nino muss mir helfen, mich retten. Das tut sie. In einen dicken Schal gewickelt, mit einem Becher Kaffee in der Hand und ihren freundlichen, wenn auch müden, schwarzen Augen konzentriert in die Ferne blickend. Und spricht über ihren zweiten Roman.

Mein sanfter Zwilling ist ein mitreißendes Buch. Erzählt wird darin die Geschichte von Ivo und Stella, die keine Geschwister sind, aber wie Bruder und Schwester aufwachsen. Die sich so gut kennen, wie man sonst nur sich selbst kennt. Die sich lieben und hassen, begehren und zurückstoßen, sich stützen und verletzen und immer wieder voreinander weglaufen. Und die ein dramatisches Erlebnis aus ihrer frühen Kindheit aneinander kettet. Damals waren Ivo und Stella ungewollt Mitwisser der Affaire von Stellas Vater mit Ivos Mutter. Während ihre Eltern sich liebten, spielten Stella und Ivo im Garten. Bis eines Tages Ivos Vater unangemeldet nach Hause kam.

Und das ist eigentlich erst der Anfang eines gemeinsamen Lebensweges, der bis in beider Mitdreißiger hineinreicht und von Ich-Erzählerin Stella in Rückblicken aufgearbeitet wird. Stella, inzwischen 36, lebt anfangs ein scheinbar bürgerlich geordnetes Leben als verheiratete Journalistin mit verantwortungsvollem Ehemann und Sohn. Bis Ivo, inzwischen erfolgreicher Kriegsreporter mit exzessivem Lebenswandel, nach Jahren des Untertauchens plötzlich vor ihrer Tür steht und in kurzer Zeit jede Ordnung durcheinander und jede Vernunft zum Erliegen bringt.

Die Situation spitzt sich zu, der Leser erwartet den finalen Knall. Stattdessen stellt Nino Haratischwili der Geschichte um Ivo und Stella noch einen zweiten Handlungsstrang zur Seite. Dieser zweite Teil des Romans spielt in Georgien und erzählt von einer Familie, deren Geschichte im Kaukasus-Konflikt ihren Anfang nimmt und bis in die Gegenwart hineinreicht. Ivo recherchiert die Geschichte dieser Familie, reist nach Georgien, überredet Stella, nachzukommen. Will ihr zeigen, was er herausgefunden hat. Und sich versöhnen. Doch erst zu spät versteht Stella Ivos Anliegen.

Nino Haratischwili gelingt mit Mein sanfter Zwilling ein Werk voller Gegensätze: Eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama und ein Kriegsepos in einem. Die Figuren sind lebenshungrig und doch destruktiv. Sie können nicht miteinander und ebenso wenig ohne einander. Sind aufopfernd und doch egoistisch. Das Buch liest sich rasant und zugleich hat es Tiefe. Ein beeindruckender Roman, der zurecht den Preis der Hotlist 2011 gewonnen hat. Aber davon weiß Nino Haratschimili vorläufig noch nichts. Den Preis erhält sie erst abends. Vormittags gibt sie sie noch ganz bescheiden, fast desinteressiert, auf die Frage, ob sie mit einer Auszeichnung rechnet. Nein. Darüber denke sie nicht nach. Preise seien schön, aber nicht entscheidend sagt sie. Und ich frage weiter:

das Lesen ist schön (dLis): Ihre frühe Kindheit haben Sie in Georgien verbracht, später haben Sie mit Ihrer Familie in Deutschland gelebt. Zwischen 200o und 2003 haben Sie in Tiflis studiert, 2007  ihr Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg absolviert, seither schreiben und inszenieren Sie Theaterstücke in Georgien und Deutschland und haben zwei Romane verfasst. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Nino Haratischwili (NH): Meine Heimat ist definitiv Georgien, mein Leben findet aber heute in Deutschland statt. Bisweilen ist das eine Gratwanderung zwischen zwei Welten, ein wenig anstrengend aber auch eine Bereicherung.

dLis: „Mein sanfter Zwilling“ ist ein Pageturner und dennoch ganz und gar nicht seicht. Wie schreibt man ein Buch, dass man bereits nach wenigen Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann und das dennoch Tiefe besitzt? 

NH: Oh vielen Dank. freut mich, wenn es so ist! Am Anfang steht natürlich immer der Wunsch, eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Die habe ich in einigen Monaten – von einer anfänglichen Idee ausgehend – entwickelt. Der Aufbau des Romans ist dann eine dramaturgisch bewusste Entscheidung, die natürlich mit Erwartungen spielt. Denn am Ende geht es ja nur vordergründig um die Tat der Eltern. Letztlich ist entscheidend was haben die Kinder getan. Und es ist natürlich eine Gradwanderung, wieviel man unterwegs verrät. denn ich möchte ja den Leser dazu anregen die Puzzlesteine selbst zusammenzusetzen.

dLis: In meinem Fall ist Ihnen das absolut gelungen. Aber muss eine Geschichte, die dem Leser erst Stück für Stück enthüllt wird, in der Entstehung nicht sehr genau konstruiert werden? 

NH: Ich konstruiere nicht, ich schreibe meine Texte zügig runter. Am sanften Zwilling habe ich ein Jahr gesessen, ein halbes Jahr hat das Lektorat gedauert. Am Anfang brauche ich nur einen Baustein. Entweder einen Anfang oder einen Endpunkt, auf den alles hinausläuft. Die Figuren sind noch nicht fertig ausgebaut. Ich folge ganz intuitiv dem, was entsteht. Ich bin nicht kontrolliert und finde das auch gut  so. Das heißt, wenn ich in einem Café sitze und es regnet, wird ein Text ganz anders, als wenn ich zu Hause bin oder die Sonne scheint. Das verändert eine Geschichte natürlich nicht total, aber die Nuancen der Persönlichkeiten und ihrer Handlung schon.

dLis: In ihrem Roman geht es um Liebe und Abhängigkeit, um Schuld, Gier und Groll. Was ist das Hauptmotiv? Der erste Baustein? Ihr Ausgangspunkt? 

NH: Mir ging es um die Frage: Wie schuldfähig ist ein Kind? Kann ein Kind überhaupt Schuld auf sich laden? Und ist es gerechtfertigt, sich selbst oder einem anderen ein bestimmtes Verhalten in der Kindheit vorzuhalten.

dLis: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

NH: Ich glaube, rein objektiv ist ein Kind nicht schuldfähig. Aber das Kind selbst – in diesem Fall Stella wurde immer wieder mit der Konsequenz ihrer Schuld konfrontiert, bis sie irgendwann die Schuld als einen Teil ihrer Identität annahm. Obwohl sie natürlich selbst weiß, dass sie damals „nur“ ein Kind war und letztlich nichts dafür kann, was geschehen ist, konnte sich Stella von dieser Schuld nie ganz frei machen.

dLis: Ich habe über fast 400 Seiten mit Stella gelitten. Und am Ende weiß ich gar nicht, wie ist das Ende des Romans gemeint? Mir kam es trotz aller Tragik fast positiv und versöhnlich vor.

NH: Auf eine Art ist es das, ja. Aber dann auch wieder nicht. Mir war das Ende lange Zeit nicht klar, ich habe hin und her überlegt. Das Traurige im zweiten Teil ist ja, dass Stella Ivo missversteht. Der sucht Versöhnung. Sie glaubt, er will sie mit ihrer Schuld konfrontieren. Und am Ende, als Stella herausfindet, worum es Ivo ging, ist es zu spät, um sich mit ihm auszusprechen. Und ich denke, Stella wird es sehr schmerzen, dass sie Ivo so falsch eingeschätzt hat.

dLis: Ihr Roman ist zweigeteilt. Im zweiten Teil stellen Sie Ivo und Stellas Geschichte eine zweite Handlung zur Seite, die Geschichte einer Familie im Kaukasuskonflikt. Welche Funktion übernimmt der zweite Teil des sanften Zwilling?

NH: Ich wollte das persönliche Leid von Ivo und Stella in einen größeren Kontext setzen. Dem persönlichen Schicksal ein politisch allgemeines gegenüberstellen.

dLis: Es ist viel Psychologie im Spiel, haben Sie sich darauf intensiv vorbereitet, viel recherchiert?

NH: Das stimmt, aber das war gar keine Absicht. Ich verstehe nicht besonders viel von Psychologie. Ich habe mich nur auf die Menschen konzentriert. Ich wollte dass man sich beim Lesen mit den Personen identifizieren kann und ihre Position versteht.

dLis: Ihr Buch erzählt eine sehr drastische Geschichte, mit vielen Extremsituationen. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

NH: Ich denke, das ist vor allem aus Empathie und Mitgefühl so entstanden. Die extremen Positionen haben sich automatisch entwickelt, als ich die Personen entwickelt habe.

dLis: Sie sind sehr produktiv, schreiben Theaterstücke, inszenieren diese vielfach selbst, veröffentlichen Stücke, haben in kurzer Zeit zwei Romane geschrieben. Woher nehmen Sie die Inspiration?

NH: Ich bin wie ein Sieb und lasse das Leben und all die Geschichten durch mich hindurchfliessen. Andererseits würde ich nie ungefiltert eine eigene private Geschichte verwenden. Beim sanften Zwilling hat nur der Krieg in Georgien, für dessen Darstellung ich intensiv recherchiert habe, eine dokumentarische Funktion.

dLis: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute Abend!

Und Nino Haratischwili bedankt sich zurück, gießt sich noch einen Kaffee in den Becher und denkt nicht an die Preisverleihung heute Abend. Das tue ich für sie.

Lesenswertes aus Island: Steinar Bragi, Frauen

Foto: Verlag Antje Kunstmann

„Ein verstörender Roman, der wie ein konventioneller Thriller beginnt und sich langsam in einen surrealen Albtraum verwandelt“, sagt Kristof Magnusson, selbst Schriftsteller und Übersetzter von Steinar Bragis Frauen, über das Buch und bringt es auf den Punkt.

Bragis Roman ist ein „Pageturner“, aber nicht nur das. Frauen ist auch eine intelligente Darstellung des bis heute andauernden Genderdiskurses, den Bragi mit drastischen Mitteln zuspitzt.

Die junge Eva kommt aus Amerika nach Island, um den Vater ihres toten Kindes zurückzugewinnen. Sie ordnet alles der Idee unter, wieder mit Hrafn zusammenzukommen. Das Leben ohne ihn erträgt sie nur im Rauschzustand. Wie besessen von der Idee der gemeinsamen Zukunft, bedrängt sie Hrafn aber so sehr, dass er sich endgültig von ihr abwendet. Dass Steinar Bragi eine ähnliche Situation erlebt haben muss, ist auf den Seiten, in denen Eva Hrafn um seine Liebe anfleht, spürbar. Der Autor bejaht es im Interview.

Und Eva ist hilflos, fällt ins Bodenlose und schlittert dabei immer tiefer in einen Zustand zwischen Resignation und Rausch, der es ihr nicht ermöglicht, auf sich selbst aufzupassen.

So erkennt sie die luxuriöse Penthouse-Wohnung in Reykjavik, die Eva in Abwesenheit ihrer Besitzerin hüten soll, viel zu spät als eine Falle. Ein in New York arbeitender isländischer Banker hatte Eva die Wohnung überlassen, nachdem sie ihm auf der Suche nach Sponsoren für eine Kunstperformance ihre Geschichte erzählt hatte. In der Wohnung wird Eva zur willenlosen Gefangenen. Sie findet sich als Teil eines perfiden Kunstprojektes wieder, in dem sie wider Willen die Hauptrolle spielt.

Bragi zeichnet eine Horrorvision. Bei all den Medienberichten über die Wolfgang Priklopils und Josef Fritzls dieser Welt war ich nicht so entsetzt wie bei der Lektüre der letzten 80 Seiten von Bragis Roman. Grauenvoll macht die Geschichte auch der vermeintlich intellektuelle Unterbau, den Bragi dem Kunstprojekt verleiht, das Eva ihrer Freiheit beraubt. Denn Eva ist nicht einfach das Opfer eines hemmungslosen Triebtäters – der sie aus Angst entlarvt zu werden – gefangen hält. Evas Peiniger ist vielmehr ein zeitgenössischer und ausgerechnet deutscher Künstler, Joseph Novak, der sein Handeln mit einer Ideologie legitimieren will.

Joseph Novak, den Eva selbst lange Jahre für seine Radikalität und seinen Mut bewundert hat, ist ein bekennender Frauenverachter. Von ihm stammen Sätze wie „Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt, weist er sie nur darauf hin, wo sie in der Gesellschaft steht.“

Novak propagiert Sexismus als Geisteshaltung. Die naturgegebene untergeordneten Rolle der Frau soll sein Handeln rechtfertigen. Und das schlimme daran ist: Ein einflussreicher Gegenwartskünstler genießt eine Vorbildfunktion, hat Bewunderer und Nacheiferer. Und seine Ideologie zimmert auch ihnen die vermeintliche Legitimation für ihr Handeln. Die Gefährlichkeit einer solchen Taten umgesetzten Ideologie haben zuletzt die Ereignisse von Oslo gezeigt.

Seine Position erörtert Novak auch freimütig in einem Interview, das Evas Peiniger ihr zu lesen gibt. Novak verbannt Frauen unter die Vorherrschaft der Männer ins Haus. Er führt aus, dass der Mann die Frau im Grunde hasst, weil sein stärkster Trieb, die Sexualität, nicht ohne die Frau auskommt. Und spricht sich selbst und alle Männer in einem Atemzug von der Verantwortung für die Unterdrückung der Frauen frei.

Und Novak scheut sich auch nicht, dem Interviewer eine bildliche Vorausschau auf sein Projekt „Frauen“ zu geben. Er zeigt seinem Interviewer ein Video dreier Frauen, das dieser in seinem Artikel beschreibt. Zwei der Frauen schlucken Tabletten. Die dritte geht umher und raucht. Doch Eva erkennt sich nicht als die dritte Frau. Stattdessen begehrt sie ein letztes Mal auf, versucht eine Flucht und scheitert.

Erst in diesem Moment, da ich als Leserin erkannte, dass die verbleibenden Seiten des Buches zusehends schrumpfen, ein zweiter erfolgreicher Fluchtversuch immer unwahrscheinlicher wird, erkennt auch Eva die Ausweglosigkeit ihrer Situation.

Spätestens in Erkenntnis dieser Ausweglosigkeit überkam mich als Leserin das Grauen und die Angst, selbst in die Fänge solcher Radikaler zu geraten. Und nach einer atemlosen Bahnfahrt, während der ich die letzten Seiten von Bragis Roman verschlungen hatte, nahm ich mir ein Taxi nach Hause, um nicht allein durch die Dunkelheit laufen zu müssen.

Foto: Verlag Antje Kunstmann

Ein paar Täge später, als sich das erste Grauen gelegt hatte, blieben Fragen an den Autor, die Steinar Bragi mir im Interview beantwortete:

Wie steht Steinar Bragi zu Ideologien? Wie ist seine Position in der hier radikal geführten Genderdiskussion? Und wie weit darf Kunst gehen?

Bragi gibt sich idealistisch. Auch er verweist auf Anders Breivik und nennt ihn als Beispiel, welch grauenvolle Folgen der Missbrauch von Ideologien haben kann.

„Beeing an Ideologue seem to be a predominantly male quality and can rach monstrous proportions as can be seen with the most terrorists, the Norwegian Breivik beeing the lastet example. The hated thi man has for feminists or Marxists, who he seems to regard as being synonymous with feminine, is no coincidence.“

Die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft sieht Bragi nicht in den Geschlechtern, sondern nennt sie Produkte ihrer Kulturgeschichte. Zugleich sieht in der dominanten Rolle des Mannes eine Ursache in den fortlaufenden Verfall unserer Gesellschaft.

„Male and feminine traits have nothing to do with the sexes and are mostly culturally generated. Our societies are collapsing because of the predominance of male qualities, not the least which is too much aggression, rewarding greed and anger, and an over-emphasis on rationality and Ideology, as opposed to caring, intuition – and balance.
When a nurse gets paid the same as an investment banker we´ll have a balanced society. Psychologically and economically. – And balance is the same as equality.“

Joseph Novak sieht Bragi als typisches Beispiel eines Künstlers, der einerseits eitel und auf die Wahrnehmung und Bewunderung durch die Außenwelt angewiesen ist, anderseits diese Abhängigkeit hasst und nicht für die Abgründe der Welt verantwortlich gemacht werden will. Denn so ein Künstler versteht sich selbst nur als Produkt seiner Umwelt, aus der er nicht ausbrechen kann.

„The psychology of artists is based on a great need for being approved and admired by others, while at the same time hating this dependency and wanting to dictate to others that actually they are the ones who are lacking. Or the world. For being so materialistic and vulgar. I´m quite good at transferring my faults onto the world, but he started it! This won´t alway be pretty and shouldn´t be.“

Eine Rechtfertigung für amoralisches Handeln kann die Kunst laut Bragi nicht liefern. Sein Anliegen ist es daher, mit Frauen, aufzurütteln und in unserer westlichen Gesellschaft zu mehr Verständnis und Liebe füreinander aufzurufen.

„My own justification for being amoral is this: I want to bypass the intellect of readers and move them to a greater understanding, and sympathy, with each other. Since most people, especially in the west, already hate themselves and thereby have difficulties in loving others, I feel this is a worthy task. – Best dealt with through violence and pain.
While proof-reading the paperback, I felt quite revulsed over some lines, and the overall cruelty. But it´s all necessary.“

Dieses Potenzial hat Frauen auf jeden Fall. Bleibt abzuwarten, ob Bragis Roman in Deutschland ebenso viele begeisterte Leser findet, wie in Island, wo er vom Publikum begeistert aufgenommen, von der Kritik euphorisch gelobt und für den Nordic Council Literaure Prize nominiert wurde.

„Alles inklusive“, der neue Roman von Doris Dörrie

Foto: Diogenes Verlag

In den letzten Wochen habe ich mich in jeder freien Minute durch eine selbst verordnete Auswahl an aktuellen „Must reads“ geackert. Magnason. Bragi. Gudmundsson. Klingelt’s bei Euch? Nein? So ging’s mir auch. Aber ich habe auch beinahe nur Bücher von mir bis dahin völlig unbekannten Autoren gelesen. Fast ausschließlich Isländer, weil die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr den Schwerpunkt auf Island setzt und ich meinen Lesern doch auf dieser Seite nur das Neueste vorstellen will. Aber eins kann ich Euch sagen: Die ständige Suche nach Neuem kann ganz schön anstrengend sein.

So wünschte mich mir kurz vor dem Start meines Buchblogs noch eine bequeme Lektüre. Ein Buch eines alt bekannten und vertrauten Autors – quasi zur Entspannung. Ich kaufte mir Doris Dörries neuen Roman „Alles inklusive“. Und las los. Wie erwartet, hatte ich das Buch in den raren Pausen dreier Arbeitstage und ihrer Abende in aller Leichtigkeit verschlungen.

An einem grauen Spätsommertag buchte ich einen „All-inclusive-Urlaub“ in den sonnigen Süden – und wurde nicht enttäuscht. Dabei ist es gerade das „Glück all inclusive“, das den Protagonisten in Dörries Roman verwehrt bleibt. Auf den ersten Blick scheinen die vier völlig unterschiedlichen Frauentypen, um die sich die Handlung des Romans auf 244 Seiten dreht, nicht viel gemeinsam zu haben: Susi hat die Liebe ihres Lebens gefunden, ist optimistisch und selbstsicher, bis Ralf zum Pflegefall wird und Susis Familientraum sich in Luft auflöst. Die liebesbedürftige aber naive Apple hat schon zweimal den falschen Mann geheiratet. Seither versinkt sie in Selbstmitleid und Kummerspeck. Die Schuld an ihrem Scheitern gibt sie ihrer opportunistischen Hippie-Mutter Ingrid, die vor Jahren mit ihrer Sommerliebe zum attraktiven Karl eine Familie zerstört hat. Tim, Karls Sohn, trägt seit dem Tod seiner Mutter Frauenkleider, nennt sich Tina und hofft auf die große Liebe.

Die Handlung in „Alles inklusive“ dreht sich zwar um vier Frauen, die in abwechselnder Erzählperspektive über die Freuden und Leiden ihres Alltags berichten. Das macht Dörries Buch aber nicht zum Frauenroman, mit Friede, Freude Eierkuchen-Happy End und Ringtausch. Denn Doris Dörrie schreibt auch in ihrem gefühlt zehnten Roman ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und ist dabei unterhaltsam wie eh und je. Sie schreibt über die Nöte des Durchschnittsmenschen. Über kleine und große Enttäuschungen, über Tapferkeit, Selbstmitleid und die Sehnsucht nach dem sonnigen Süden. Aber sie tut das auf ebenso kluge wie amüsante und sprachlich erfrischende Art und Weise. Scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken beschreibt sie die Skurrilitäten des Alltags, die Zumutungen der Liebe und des Glücks, ohne zu urteilen, Partei zu ergreifen oder womöglich gerechte Strafen für ungebüßte Sünden zu verteilen. Ihren vier Hauptdarstellerinnen haucht sie mit so großer Leichtigkeit Leben ein, so dass man beim Lesen über die Besetzungsliste einer etwaigen Verfilmung nachzudenken beginnt. Ebenso facettenreich zeichnet Dörrie die Nebendarsteller ihres Romans, die Figuren der deprimierten Heike, des konfliktscheuen Karl, des von Krankheit gezeichneten Ralfs oder der drallen Angelina, deren Lebenstraum von sonnigen Süden im Eheleben mit einem ebenso heißblütigen wie unzuverlässigen Spanier zerplatzt ist. Dörries Protagonisten eint nicht nur ihr Hoffen auf eine glückliche Wendung, am Ende des Romans sind sie auch entschlossen, ihre Schicksale in die Hand zu nehmen.

Und als Leser fühlt man mit. Als die liebesbedürftige Apple ihren verzärtelten Mops zum Lebenspartner und Psychotherapeuten hochstilisiert und seiner Gesundung ihren Job, ihre Wohnung und ihre letzten Ersparnisse opfert, möchte man sie schütteln, damit sie zur Besinnung komme. Wenn Transvestit Tina von ihrer Liebe zum Transvestiten Diego erzählt, sie beschreibt, wie sie als Frau im Männerkörper ihr perfektes Gegenstück in einem lesbischen Mann mit Vagina und Brüsten findet, möchte man Dörrie umarmen für ihren Sinn für die Liebe jenseits aller Konventionen.

Und am Ende stelle ich nicht ganz unerwartet fest: Ein gutes Buch muss nicht schwer verdaulich sein. Leicht ist nicht gleich seicht. Und mit Doris Dörrie macht man selten etwas falsch.