Yukos und Tims Tagebuch aus Tokio – jetzt als Buch

CARLSEN Verlag

Vor einem Jahr, am 11. März 2011, erschütterte das gewaltige Tohoku-Erdbeben Japan und löste die Havarie des Atomkraftwerkes Fukushima aus. Und auch wenn sich das Beben aus meiner Perspektive am anderen Ende der Welt ereignete, erschütterte es doch auch meine Welt hier beträchtlich. Wochenlang verfolgte ich die Medienberichte über den Störfall und erlebte zugleich, wie ein ganzes Land energiepolitisch von einem auf den anderen Tag umdachte. Andererseits lernte ich in diesen Tagen viel von einer nachdenklichen, jungen Frau aus Tokio.

Mein Freund Tim, Journalist in Berlin, erzählte mir bereits am 11. März von seiner Bekannten aus Studientagen: Yuko, die so gut zeichnen kann. Als Tim die Nachrichten über das Erdbeben in Japan las, machte er sich Sorgen um Yuko und schrieb ihr über Facebook eine Nachricht. Yuko antwortete. Es ging ihr gut, aber sie hatte Redebedarf und erzählte Tim viel mehr als erwartet. Und plötzlich hatte „Fukushima“ oder „3/11“, wie wir heute schlicht sagen, für Tim eine ganz neue Facette angenommen.

© Tokyo Kitsche

Tim berichtete einem Redakteur des SZ-Magazins von seiner japanischen Freundin. Und innerhalb von Stunden war die Idee zum „Tagebuch aus Tokio“ geboren, das bereits einen Tag später erstmals online auf www.sz-magazine.de erschien: Yuko schrieb und zeichnete ihre alltäglichen Erlebnisse und Gedanken und schickte sie an Tim. Tim übertrug die Texte ins Deutsche und bereitete sie für die Online-Ausgabe des SZ-Magazins auf. Und nicht nur unsere Freunde und Bekannten bewunderten die Zeichnungen und lasen die Texte der jungen Frau aus Tokio von da an regelmäßig. Die Resonanz war beeindruckend.

Aber Yukos Tagebuch schaffte auch etwas, was kein Zeitungsartikel oder Fernsehbericht mit neuen Zahlen, Daten, Fakten über die katastrophale Lage in Japan erreichen konnte. Es zeigte die Innenansicht einer japanischen Seele. Denn Yuko schrieb ihre Gedanken und Gefühle sehr offen und emotional nieder. Und die junge Frau verordnete sich spürbar, trotz all der Zerstörung und Angst um sie herum möglichst normal weiterzuleben.

So schrieb Yuko am 15. März: „Wir machen uns Mut, denn wir müssen uns Mut machen.“. Am 25. März traf Yuko sich erstmals wieder im Junge-Leute-Viertel Tokios mit ihren Freundinnen, den „Power Generation Girls“. Am 8. April rüttelte sich Yuko selbst auf: „Ich sollte nur noch einmal täglich Nachrichten lesen. Sonst werde ich noch ein richtiger Disasterholic. Ich sollte mir vor allem meine eigene Realität wieder stärker ins Bewusstsein rufen: Meine Wohnung ist sicher. Kein einziges Weinglas ist zu Bruch gegangen. Alle meine Freunde leben noch. Meine komplette Familie ebenso. Selbst meinen Job habe ich noch. Also mach Dich mal locker Yuko. Alles locker..“

© Christoph Voy

Durch Yuko erlebte auch Tim die Wochen und Monate nach der Katastrophe von Fukushima viel intensiver. Und er fand in Yuko eine Vertraute. „Unsere Freundschaft ist heute viel enger als früher, wir haben uns noch einmal neu kennengelernt“, erzählt er. Ein besonders Erlebnis aus dieser Zeit hatte er in einem Telefonat mit seinem Vater: Der politisch Konservative, der stets für Atomenergie eingetreten war, zeigte sich im Telefonat mit seinem Sohn so entsetzt über die Vorfälle in Japan, dass er plötzlich all seine Prinzipien über Bord warf und eingestand: Atomkraft ist wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Tim war beeindruckt.

Zum Jahrestag der Katastrophe, bringt der Hamburger Carlsen Verlag Yukos und Tims Tagesbuch jetzt erstmals in Buchform heraus. Und am vergangenen Samstag Abend stellten Yuko und Tim „3/11 – Tagebuch nach Fukushima“ in der sympathischen Hamburger Comic-Buchhandlung Strips&Stories vor. Und es zeigte sich, das Thema Fukushima ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber eine so emotionale Innenansicht der Ereignisse von 2011 gibt es nur einmal.

Ausschnitt aus der Lesung von Tim und Yuko am 10. März 2012 im Strips&Stories, Hamburg

Weitere Lesetermine mit Yuko und Tim: Dienstag13. März, 20 Uhr: BerlinCafé Dresden, Dresdner Straße 19 und Samstag, 17. März, 11 Uhr: Leipziger Buchmesse, Messe Leipzig, Comic-Forum Schwarzes Sofa, Halle 2, Stand H601

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