Neue Rubrik: Mit persönlicher Empfehlung

Als mich der erste Hunger heute gefühlt mittags von der Tastatur auf die Armbanduhr blicken ließ, hatte ich unwillkürlich den Eindruck, Zeitdiebe müssten mir Stunden meiner Tageszeit geraubt haben, um sie in kleinen grauen Zigarren rauchreich zu verpaffen. Es war 15:30 Uhr. Und es geht augenscheinlich nicht nur mir so: Nur Minuten später wünschte sich mein Kollege vom Schreibtisch gegenüber eine Woche Extra-Zeit nur für sich allein, um endlich einmal alle angestaute Arbeit erledigen zu können. Bei uns anderen solle die Zeit in dieser Woche stehen bleiben. Eine traumhafte Idee für eine Bestellung beim Universum finde ich. Denn ich hetzte nur so durch meine Tage, immer auf der Flucht vor dem großen Zeiger.

Und all die schönen Dinge des Lebens kommen viel zu kurz. So auch das Lesen. – Oh weh, das sagt selbst die Buchbloggerin. – Schenke ich meiner Eimsbüttler Buchhändlerin Glauben, werden 70 Prozent aller gekauften Bücher nie gelesen. Ich wage nicht es an meinen Regalreihen nachzurechnen. Die großen Verlage, sagt meine Buchhändlerin, könnten unbesorgt die Hälfte ihrer Klappentexter entlassen. Denn das Gros der Bücherkäufer nimmt sich nicht einmal die Zeit, die kurzen Handlungszusammenfassungen zu lesen. Die meisten kaufen schlicht nach Gefallen des Covers. Das schafft Arbeitsplätze für Grafiker und bringt mich zum Nachdenken. 

Und ich beschließe, dieser Blog muss wirtschaftlicher werden. Ich kann nicht alles ganz allein lesen und erfinde eine neue Rubrik: „Mit persönlicher Empfehlung“. In Zukunft lesen die Leser hier mit und empfehlen Lesenswertes mit kurzer Inhaltsangabe und persönlicher Begründung.

Foto: dtv

Den Anfang macht Kristina (33)Opernregisseurin und Stadtführerin aus München. Kristina liest eigentlich alles, was ihr unter die Finger kommt – derzeit arbeitsbedingt vor allem Sachbücher zum Thema München. Sie empfiehlt Rot von Uwe Timm, die Geschichte des ehemaligen Achtundsechzigers, Jazzkritikers und Beerdigungsredners Thomas Linde, der soeben von einem Auto überfahrenen wurde und in der kurzen Zeitspanne zwischen Leben und Tod von den letzten Tagen und Wochen seines Lebens berichtet, von der Liebe, von seiner um zwanzig Jahre jüngeren Geliebten, von Revolution und dem Scheitern von Lebensträumen.

Kristina empfiehlt Rot, „weil es wie ein gutes Musikstück geschrieben ist und scheinbare Widersprüche in sich vereint: eine klare Struktur voller erzählerischer Verschlingungen; eine sachliche Sprache voller Dynamik; Leidenschaft und Poesie. Und nebenbei wird auch noch eine spannende Geschichte erzählt…

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