Schockierend heiter – Lilly Bretts neuer Roman „Lola Bensky“

Foto: Suhrkamp Verlag

Foto: Suhrkamp Verlag

Wenn man als Kind jüdischer Eltern in Deutschland 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ zur Welt kommt, wenn man aus Polen stammt, seine Heimat nie kennengelernt hat, in Australien aufwächst, wenn die Eltern als jeweils einzige ihrer Familien Ausschwitz überlebt haben und man seine ganze Kindheit hindurch beobachten musste, wie sie sich weinend an das erlebte Grauen erinnern, wie vermag man wohl damit umzugehen? – Lily Brett schreibt Bücher darüber. Und obwohl alle ihre Romane stark autobiographisch sind, ihre weiblichen Heldinnen stets die Kindheitserinnerungen mit ihrer Schöpferin teilen, sind ihre Protagonistinnen doch alles andere als verbittert. Im Gegenteil: Ihr Tonfall ist schockierend heiter bis komisch.

Lola Bensky, Heldin des gleichnamigen neuesten Romans von Lily Brett, ist obendrein viel zu beschäftigt, um sich trübe Gedanken zu machen. 19-jährig ist sie zu Beginn der 1960er Jahre in London und USA unterwegs, um für ein australisches Rockmagazin, Musiker zu interviewen. Darunter angehende Stars wie Mick Jagger, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin. Lola spricht mit jedem, der zu dieser Zeit in der Musikbranche von sich reden macht. Dabei ist Lola nie Groupie und wirkt alles andere als ausgeflippt. Sie ist ein gut organisiertes Mädchen, sie raucht und trinkt nicht und wirkt fast ein wenig fehl besetzt in ihrer Rolle als „Rockstar-Versteherin“. Pummelig und unglücklich darüber, fühlt sie sich unattraktiv, plant immerzu Diäten und verliert doch nie an Gewicht. Doch auf ihre Interviewpartner macht die nachdenkliche Australierin Eindruck – unter anderem weil sie so unbefangen mit der dramatischen Vergangenheit ihrer Eltern umgeht.

In den seltsamsten Situationen offenbart Lola Details ihrer schockierenden Familiengeschichte. Ein ums andere Mal rückt sie sich damit ungewollt in den Mittelpunkt. Dabei sucht Lola keine Bühne, sondern vielmehr Hilfe, zu verstehen. Sie wirkt oft selbst erstaunt über die extremen Ereignisse und geht doch ganz offen damit um. Ebenso unbedarft wie sie mit Jimi Hendrix über Lockenwickler plaudert, berichtet sie ihm von Ausschwitz und dem Unvermögen ihrer Mutter nach all dem Erlebten noch an Gott zu glauben. Ihrer journalistischen Mission wird sie mit dieser Form der Interviewführung nicht immer gerecht, doch ihren Gesprächspartnern bleibt Lola im Gedächtnis. Jimi Hendrix begrüßt sie bei ihrer zweiten Begegnung beinahe freundschaftlich. Und Mick Jagger erkennt die australische Journalistin, die ihn Anfang der 1960er interviewt hat, 40 Jahre später bei einem Abendessen in New York wieder.

Und doch – mag Lola noch so unbedarft im Umgang mit ihrer Familiengeschichte wirken – die Last der Vergangenheit wiegt schwer auf ihren Schultern. Anfangs hat sie nur ein Laster: Die Schokolade. Später kommt die Last der Traurigkeit hinzu. Lola verlässt ihren ersten Mann, verliert ihre Mutter und zeitweise den Boden unter den Füßen. Und Lola nimmt zu. Nichts kann ihren Hunger stillen. Sie begibt sich in Therapie, zieht mit ihrem zweiten Mann und ihren Kindern von Australien nach New York. Aber erst Jahre später gelingt Lola mit Hilfe eines einfühlsamen Therapeuten die „Selbstheilung“: Lola lernt mit ihrer Vergangenheit zu leben. Ihre Stimmung bessert sich, sie besiegt erst ihren Hunger, dann ihr Übergewicht. Wie Lily Brett wird sie Schriftstellerin und schreibt sich selbst ein Happy-End.

Lily Brett hat mit ihrer Heldin den Geburtsort in Deutschland, die polnische Herkunft, die Kindheit in Australien, die berühmten Interviewpartner ebenso wie das heute glückliche Leben mit ihrem zweiten Mann in New York gemeinsam und doch sagt Lily Brett: „Ich bin nicht Lola Bensky.“ Die wirkt zeitweise wie eine Woody Allensche Stadtneurotikerin. Bei Licht betrachtet wiegt Lolas Bündel freilich schwerer als das der typischen therapiebegleiteten Wohlstandsdepression. Umso bemerkenswerter, dass Lily Bretts Roman bei all der transportierten Traurigkeit durchgehend heiter erzählt ist und so optimistisch endet. Lily Brett ist mit „Lola Bensky“ kein umwerfend pointierter aber in seiner leichten Herangehensweise an die schockierende Thematik eindrucksvoller Roman gelungen, der nebenbei eine spannende Innenansicht der Musikszene der 1960er Jahre liefert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *