Mehr Buchmesse-Impressionen: Wunderbarer Gastbeitrag einer sehr lieben (Lese-) Freundin

Foto: Antonia

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Was hier niemanden wundert, erstaunt so manchen Kollegen: Urlaub auf der Buchmesse? Natürlich, sofort, und wann immer sich die Gelegenheit bietet…am liebsten mit Kathrin, zur Not auch allein. Die Buchmesse ist schließlich mehr als ein überdimensionaler Buchladen, sie ist Treffpunkt einer außergewöhnlichen Branche, vielleicht der Literaten, jedenfalls der mehr oder weniger selbst ernannten Schöngeister – aber auch der Geschäftemacher und eben von Lesefreunden wie mir, die das blaue Sofa live und nicht nur auf dem Bildschirm verfolgen wollen.

Als Frau und allenfalls kritische, aber nicht allzu intellektuelle Leserin starte ich klassisch in Halle 3 – es sind die Roman-Neuerscheinungen, die in meinen Händen landen und angelesen werden müssen und ja, es darf ruhig auch von der Liebe handeln und allem was mit Ihr verbunden ist. Da trifft es sich gut, dass Bodo Kirchhoff aus seinem neuen Roman „Verlangen und Melancholie“ liest und gleich einer der ersten Sätze lautet „wir mochten das Schwere, aber wir ließen uns auch von Leichtem verführen, der Liebe an sich“… klingt sehr vertraut in meinen Ohren und schön, wenn der Autor selbst das mit seiner unaufgeregten Stimme erzählt – und doch, das Thema ist mir heute zu schwermütig, der Tod der geliebten Frau kein guter Start in einen aufregenden Buchmesse-Tag.

Nichts liegt näher, als endlich den Buchpreis-Gewinner Lutz Seiler live zu hören; doch auch hier bleibt offen, ob der Lyriker für mich ein lesbarer Romancier werden kann. Schnell weiter und vor allem noch ein paar Fotos für die persönliche Leseliste: Donna Tartt’s Distelfink, der neue Murakami (gerade vor der Nobelpreisverleihung – mein Gefühl: er wird es auch diesmal nicht), natürlich Michael Köhlmeier, aber auch Tom Rachmann, den wie ich alle zu mögen scheinen, und gleich dazu Meg Wollitzer mit „Die Interessanten“. Unbedingt die beeindruckend junge Nino Haratischwili („Das achte Leben“) und die sympathische Hamburger Theaterautorin Karen Köhler sowie mir ganz Unbekanntes wie das zum Verschenken schöne, kleine Büchlein „Papierhaus“ (Carlos Maria Dominguez). Yasmina Reza und Lucy Fricke für eine gute Freundin, Sigrid Damm als Mutter-Geschenk, schließlich Antonio Tabucchis „Isabel“ für mich… und viele, viele weitere.

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Am Ende lockte jeweils das Cover, der Klappentext macht Lust auf mehr und erst Zuhause in Ruhe weiß ich dann, ob es eine gute Auswahl war. Als Messebesucher für einen Tag ist man schließlich alles, nur kein Leser – wie unpassend eigentlich, Bücher im Zeitraffer kennenlernen zu wollen.

Dazu das Gewusel um mich herum – also wird es Zeit, die besonders schönen Bücher einfach nur anzusehen. Schirmer & Mosel feiern das 40jährige Bestehen, wunderschöne Bildbände, insbesondere Cy Twombly und Gerhard Richter kommen auf meinen Weihnachtswunschzettel. Großartig wird nicht weit weg am Guttenberg-Stand Buchdruck nach alter Schule betrieben – nichts ist in dieser winzigen Oase zu spüren von Messetrubel, Hektik oder Verkaufsdruck.

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Angefüllt mit solch‘ schönen Impressionen gilt es endlich Finnland kennen zu lernen – der „coole“ Ehrengast präsentiert sich sehr gefällig, clean und hübsch für’s Auge. Die Autoren wirken unkonventionell, zum Teil sehr jung. Erwartungsgemäß sind ihre Geschichten etwas düster, oft skurril, dafür mit einer erfrischenden Portion Selbstironie präsentiert. Es wird Zeit, den finnischen Eigensinn einmal zu erforschen – in Ruhe, vielleicht im Winter.

Bevor ich den Tag mit der Diskussion zwischen Paulo Coelho und Jürgen Boos, dem Direktor der Buchmesse, beschließen werde, locken mich noch die Internationalen Aussteller – in Halle 5 herrscht eine ganz andere, besondere Stimmung: es gibt viel weniger Publikumsverkehr, dafür gleicht der Besuch der einzelnen Stände einem Bummel mindestens durch Europa: in Italien wird gestikuliert, Spanien ist groß und bunt – dabei streng nach Regionen unterteilt, in Portugal sitzt man wie bei einem späten Mittagessen wild diskutierend um einen großen Tisch und scheint fernab jeden Messegeschehens. Nur in der Türkei wird von mir als neugierigem Messebesucher Notiz genommen; die arabische Welt ist ganz leise und wirkt fremd auf mich. So ist Halle 5 ein schönes, weil friedliches Nebeneinander von Kulturen, Religionen und Traditionen – ich bleibe Zaungast und freue mich an ein paar Fotos dieser ganz besonderen Stimmung.

Fast vergesse ich darüber die Zeit und eile schließlich zur Diskussion mit Coelho – ob er selbst auch so esoterisch ist, wie insbesondere seine letzten Bücher? Jedenfalls ist er heiß begehrt, alle wollen dabei sein, vor allem Kameras vom Handy bis zur Ausrüstung eines Filmteams. Nur leider war zumindest mir nicht klar, was dort diskutiert oder vielleicht auch nur geplauscht wurde. Den Menschen um mich herum gelang das offensichtlich leichter – wer nicht gerade fotografierte, kritzelte fleißig mit.

Ein wenig unbefriedigt und mit dem Gefühl, nur einen klitzekleinen Ausschnitt gesehen zu haben, bleibt eines sicher: es gibt noch so viel zu lesen – auch in diesem Jahr heißt mein persönliches Weihnachtskaufhaus daher Lehmkuhl. Denn alles, was ich selbst nicht lesen kann, muss zumindest freundschaftlich fremdgelesen werden. Nur der neue Coelho kommt von mir nicht unter den Baum.

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