Buchmesse Tag 2: Die Zusammenfassung

Foto: Nobelstiftung

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Tag 2 der Frankfurter Buchmesse: Und ich sitze weiterhin auf der Schweizer Alm anstatt durch wuselige Messehallen zu spazieren. Dabei entdecke ich zunehmend die Annehmlichkeiten des digitalen Messebesuchs – insbesondere an einem föhnigen Sonnentag wie heute. Bei mir schwingt eine Hängematte unter Bäumen im Wind, es gibt guten Kaffee und frische Bergluft, wäre da nicht die Messereporter-Mission könnte man sich glatt ein paar Stündchen auf die faule Haut legen..

Ich starte stattdessen früh mit Kaffee, Müsli, noch schlafendem Baby neben mir und einem höchst informativen Gespräch der FAZ-Literaturredaktion über die bevorstehende Nobelpreisverleihung. Sandra Kegel, Andreas Platthaus und Hubert Spiegel diskutieren darüber, warum ihre Favoriten – Philip Roth, Haruki Murakami und Swetlana Alexijewitsch wahrscheinlich nicht gewinnen werden und geben ganz nebenbei recht informative Einblicke wie die Jury der Königlich Schwedischen Akademie der Künste in Stockholm so tickt..

Zur Mittagszeit drücke ich mich regelmäßig auf der Buchmacher-Website Ladbrokes herum. Das Wettbüro liefert alljährlich bemerkenswert gute Prognosen, wer das Rennen um den Literaturnobelpreis macht. Der Sieger ist auch diesmal unter den Top Ten, doch bis zum Schluss stehen der in den USA lebende Kenianer Ngugi wa Thiong’o und die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch oben.

Um 13 Uhr gibt die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreisträger 2014 bekannt: Patrick Modiano, laut Hanser Verlag einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart, der wie ein Jurysprecher verkündet, zu diesem Zeitpunkt selbst noch keine Ahnung von seiner Auszeichnung (inkl. Preisgeld von acht Millionen Schwedischen Kronen, etwa 870.000 Euro) hat. Die Akademie hatte den als menschenscheu geltenden Schriftsteller noch nicht erreicht.

In Frankfurt bestürmen unterdessen Journalisten den Stand des Hanser Verlages, die leider zunächst keine Modiano Bücher vorrätig haben. Gefeiert wird der Sieg dennoch euphorisch. Jo Lendle erklärt: „Modianos Qualität ist, kompromisslos in der Sprache zu sein – schön, zauberhaft. Diese Auszeichnung ist der Beweis dafür, dass man damit eine starke Wirkung haben kann.“

Mir geht es im ersten Moment wie so oft, wenn Literaturnobelpreisträger verkündet werden, ich frage mich: Wer ist dieser Autor? Im zweiten Moment ziehe ich eines seiner Bücher aus meinem Regal: „Das Café der verlorenen Jugend“ und bin entzückt!

Foto: Hanser Verlag

Foto: Hanser Verlag

Modianos Roman spielt im Paris der beginnenden 1960er Jahre. Aus vier Perspektiven wird die Geschichte der jungen Louki erzählt, die aus zerrütteten Verhältnissen stammt, ihren Ehemann verlassen hat, von einem Detektiv beschattet wird und mit dem gescheiterten Schriftsteller Roland und einer Gruppe junger Leute im Café Condé Zuflucht sucht und ihren Sehnsüchten nachhängt – absolut lesenswert, vor allem aber bestens lesbar! Modiano ist mal wieder ein sprachlich und stilistisch zugänglicher Preisträger. Wie schön!

In den nächsten Stunden lese ich zahlreiche Zusammenfassungen seines Werkes und stelle fest, ich muss unbedingt mehr Modiano lesen! Besonders seine Antisemitismusparodie „La place de l’étoile“ und „Der Horizont“, Erinnerungen eines Schriftstellers an seine Jugendliebe interessieren mich.

Laut der Akademie in Stockholm ist Modiano eine Art „Marcel Proust unserer Zeit“. Der Literaturnobelpreisträger gilt als ein Virtuose der Erinnerung. Damit ist gemeint, dass Modianos Texte historisches wie Holocaust und Nachkriegszeit aufarbeiten und in Szene setzen. Wie die Zeit schreibt, gilt Modiano in Frankreich daher als „Autor gegen das Vergessen“.

Apropos Vergessen: Aber bei all der Nobelpreiseuphorie möchte ich nicht vergessen, noch ein paar andere Namen zu nennen, die mir heute im Laufe des Tages begegnet sind:

Nino Haratischwili zum Beispiel, gewissermaßen eine „alte Bekannte“ von mir, mit der ich bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2011 ein Interview über ihr damals neues Buch „Mein sanfter Zwilling“ führte – unmittelbar bevor sie mit dem Independent Buchpreis ausgezeichnet wurde. Haratischwili stellt dieser Tage ihren neuen Roman „Das achte Leben“, acht Frauenschicksale aus sechs Generationen einer georgischen Familie vor. Glaubt man der Kritik, das wichtigste Buch des Jahres. Ich habe es mir bereits bestellt..

Und auch heute ist Lutz Seiler quasi überall auf der Messe. Unter anderem in der Tagesauswahl empfehlenswerter Bücher von Denis Scheck, der zugleich das ausgefallenste Statement zu „Kruso“ liefert, das mir bisher begegnet ist. Laut Scheck nämlich „wurde Schufterei noch nie so poetisch in einem Roman beschrieben“. Seiler singe sozusagen „das hohe Lied des Abwaschs“. Kurios!

Dann verteilt Scheck auch noch einen Seitenhieb an Judith Herrmann, deren Roman „Aller Liebe Anfang“ ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher verteidigen muss. Ihr und Marlene Streeruwitz seien „Bedeutungsscheinschwangerschaften“ und wiederkehrende Redundanzen gemein. Dennoch empfiehlt Denis Scheck Marlene Streeruwitz‘ für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman „Nachkommen“, der das Scheitern einer Buchpreisnominierten beschreibt.

Last but not least, versöhnt mich Scheck mit seiner letzten Empfehlung, einem Wende-Comic, dem neuesten Werk des Zeichners Mawil: „Kinderland“, das die DDR am Vorabend des Mauerfalls charakterisiert und Tischtennis als Metapher nutzt, um die Überlegenheit größerer Kinder gegenüber kleineren zu zeigen.

Zum Glück bin ich nicht auf der Messe, den Bücherkoffer, den ich allein heute gefüllt hätte, möchte ich nicht in den Zug hieven müssen. Umso gespannter bin ich schon jetzt auf morgen..

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