Tag 3 der Frankfurter Buchmesse: Das Interessanteste in Kürze

Foto: Hanser Verlag

Foto: Hanser Verlag

Foto: Hanser Verlag

Foto: Hanser Verlag

Tag 3. Der Buchmessenfreitag. Spätestens heute würde ich mich üblicherweise ins Getümmel stürzen. Stattdessen sitze ich ein wenig melancholisch schon in aller Früh mit Kaffeetasse am Rechner und lese mich online durch die Messetermine des Tages.

Um 10:30 stellt Sascha Lobo sein Soziales Lesenetzwerk „Sobooks“ (kurz für Social Books) vor. Mittags wird der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben, abends die Jugendliteratur- und Independent Buchpreise vergeben. Zwischendrin etliche spannende Autoreninterviews.

Bei Müsli und Blutorangensaft lausche ich der Königin der „Badewannen-Literatur“. Gaby Hauptmann hat seit ihrem Überraschungsbestseller „Suche impotenten Mann fürs Leben“ 1995 sage und schreibe 30 Romane geschrieben. Die ehemals alleinerziehende Mutter in finanziellen Nöten, die heute am Bodensee mit Blick aufs Wasser lebt, beschreibt sich selbst als „Stehaufweibchen“ mit Improvisationstalent, eine Powerfrau – und ich glaube ihr. Ihr aktuelles Buch widmet sich einer in die Jahre gekommenen Ehe, gewiss wieder großartiger Wannen-Lesestoff.

Da ich gerade über „Badewannen-Literatur“ schreibe, etwas später am Tage begegnet mir eine weitere Autorin dieses Genres: Katja Kessler, Ehefrau von Bildchef Kai Diekmann, Mutter von vier Kindern, Zahnärztin und Bestsellerautorin. Ihr Stil ist heiter bis witzig. Ihre Masche die Selbstironie. Ihr aktuelles Werk „Silicon Wahnsinn – Wie ich mal mit Schatzi nach Kalifornien auswanderte“. Ihr Thema damit hinreichend erläutert. Einzig in natura im Interview verblasst Katja Kessler etwas. Hier wirkt sie gar nicht so charmant und humorvoll, sondern eher steif und angestrengt.

Foto: Fischer Verlage

Foto: Fischer Verlage

Einem sehr idealistischen Projekt hat sich Roger Willemsen verschrieben. Für sein aktuelles Buch „Das hohe Haus“ besuchte er ein Jahr lang die Sitzungen des Deutschen Bundestages. Das Ergebnis ist ein, so heißt es im Interview, „erstaunliches und in großen Teilen sehr unterhaltsames Buch über politische Rhetorik“ und wie mir scheint Öl im Feuer der Politikverdrossenheit. Denn Willemsen sagt über den Bundestag Dinge wie: „Zerstreuung ist ein Prinzip dieses Parlaments“ oder „Das Ventilieren von Tagesproblemen ist eine gute Ablenkung vom tatsächlichen politischen Geschehen.“. Sein Fazit lautet daher, man müsse in Deutschland bitte dringend die „außerparlamentarische Opposition stärken“. Und am Ende ergänzt er, „jetzt würde ich den Staffelstab gerne weiterreichen, denn ich finde, eigentlich sollte alle paar Jahre jemand dieses Experiment machen. So unterläge das Parlament zumindest dieser außerparlamentarischen Kontrolle“.

Für Kontrolle wirbt auch Yvonne Hofstetter in ihrem neuen Buch „Sie wissen alles“ und meint damit die Kontrolle über die persönliche Freiheit. Diese sieht Hofstetter durch Big Data in Gefahr. Deshalb empfiehlt sie Datensparsamkeit und eine vernünftige Güterabwägung: „Überlegen Sie, was Ihnen wichtiger ist, Triebbefriedigung durch Selbstdarstellung im Netz oder ihre persönliche Freiheit“, warnt sie eindringlich. Aus der DDR seien die Menschen geflohen, weil sie sich ihrer Freiheit beraubt sahen, heute liefern dieselben Menschen dem Internet Daten und bemerken nicht, wie sehr das ihre Freiheit einschränken kann.

Ebensolche Daten erheben, verwerten ja sogar verkaufen will dagegen Sascha Lobo, der heute der Öffentlichkeit  (mit flatternder Präsentation) sein neues soziales Netzwerk Sobooks präsentiert und damit der Ebookflatrate von Amazon den Krieg erklärt. Ob Lobo größenwahnsinnig ist oder die Zukunft des Lesens tatsächlich das Social Book ist, wird sich noch herausstellen. Ich melde mich einstweilen mal bei Sobooks an. Das funktioniert reibungslos in drei Minuten. Das Angebot – Großverlage wie Random House sind Kooperationspartner – zu erfassen und testen verschiebe ich fürs erste. Ich gebe zu, die Nachricht, dass FAZ Online, mit im Boot ist, verpasst Sobooks auf den ersten Metern ein extra Gütesiegel. Lobo hat also wohl nicht gelogen, als er sagte, Frank Schirrmacher habe von Anfang an, mitmachen wollen. Das Konzept, Online Lesen im Browser ohne Lesegerät gefällt mir auch. Ebenso  die Idee, kommentierte Bücher zu verkaufen, finde ich spannend. Die Vision, mein Leseverhalten gescreent und an die Verlagswelt verkauft zu wissen, damit die mein Idealbuch auf mich zuschneiden, jedoch gruselig, da bin ich neophob und zukunftsscheu!

Als scheuer Zeitgenosse erweist sich auch Robert Seethaler, dessen Roman „Mein ganzes Leben“ die Geschichte eines – wie der Wiener selbst sagt – einfachen Menschen seit Wochen auf den Bestsellerlisten steht. Das hat er wohl mit seinem Protagonisten gemeinsam. Noch mehr interessiert mich jedoch Seethalers vorheriger Roman „Der Trafikant“, die Geschichte der Freundschaft eines Zeitungsladenbesitzers und Sigmund Freud. Ich werde berichten..

Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“ stehen ohnehin schon auf meiner Leseliste für den Herbst. Sein Roman über die Freundschaft Winston Churchills mit Charlie Chaplin ist eine Gradwanderung zwischen Fiktion und Geschichte. Und wenn Köhlmeier Skrupel hatte, seine prominenten Protagonisten auszuschmücken, so gibt er es zumindest nicht zu, wenn er sagt, „historische Persönlichkeiten wie Churchill und Charlie Chaplin gehören ohnehin schon jedem von uns. Es ist es gar nicht so schwer, über sie zu schreiben, denn sie sind ohnehin schon Leinwand für Projektionen.“ Interessant finde ich auch, dass Köhlmeier mit seinem Buch quasi auf seine Weise den nie verwirklichten Lebenstraum seines Vaters, eines Historikers und Autodidakten, realisiert, der immer eine Churchill-Biographie schreiben wollte, sich aber nie ausreichend informiert fühlte, um es tatsächlich zu wagen.

Axel Scheffler. Woher kenne ich nur diesen Namen, frage ich mich, als ich die Ankündigung seines Interviews im Buchmessenprogramm entdecke. Tatsächlich begegnet mir dieser Name derzeit allabendlich, immer wenn ich meinem Baby eine Gutenachtgeschichte vorlese. Axel Scheffler ist Kinderbuch-Illustrator, der Zeichner des „Grüffelo“ und seit neuestem von „Die Vogelscheuchenhochzeit“. Im Interview wirkt er in sich gekehrt aber freundlich. Sein neues Bilderbuch ist wunderbar illustriert, das sehe ich mir einmal genauer an..

Apropos Kinderbuchempfehlungen. Die Jugendliteraturpreisträger 2014 stehen fest, hier sind die Siegertitel vorgestellt!

Tief beeindruckt mich dann Herta Müller im Interview. Die Literaturnobelpreisträgerin (2009) die ihre erste Lebenshälfte in der rumänischen Diktatur verbrachte, hat schreckliches erlebt, stets Widerstand geleistet und bei alledem ihre Fassung bewahrt. Mit „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ legt sie dieser Tage ein biografisches Werk vor, eine Lebensgeschichte in der Literatur, wie der Hanser Verlag schreibt, in Form eines langen Gespräches mit Lektorin Angelika Klammer. Eines ihrer Themen ist die Angst, der sie sich im Leben vielfach stellen musste und von der sie sagt: „Das Gegenteil von Angst ist auch Angst, aber Angst, die überwunden wird.“ Bis heute leistet Herta Müller Widerstand. So urteilt sie aktuell scharf gegen Wladimir Putin. Analysiert sein Agieren in der Ukraine als gezielte Maßnahme gegen Demokratie, denn Demokratie ließe keinen Platz für ihn selbst. Herta Müller jedenfalls gelingt es, allein mit ihrer Lebensgeschichte Politikinteresse zu wecken und zu Engagement aufzurufen, ich hoffe, nicht nur ich werde sie lesen!

Engagierte Vorbilder sind auch die Friedensnobelpreisträger 2014: Die Auszeichnung der Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai wurde weltweit begeistert aufgenommen. Wer mehr über die erst 17jährige Pakistanerin Malala erfahren will, kann zwischen drei deutschen Büchern wählen:  „Ich bin Malala“. „Malala, meine Geschichte“. Und „Die Geschichte von Malala“.

Wem bei all diesem Lesestoff nun doch etwas schwindlig geworden ist, dem lege ich zum Schluss noch den Fotoband ans Herz, dem am Freitag Abend der Preis der Hotlist, der Independent Buchpreis 2014, verliehen wurde. Herzlichen Glückwunsch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *