Die App zum Warten

Rechtzeitig zur Buchmesse präsentierte der Kiepenheuer & Witsch Verlag (KiWi) der Welt seine neue Lese-App zur unterhaltsamen Überbrückung von Wartezeiten auf iphone und ipad. Nach dem Motto „Lieber Lesen als Warten“ spuckt die neue KiWi-App nach Einstellung der Wartezeit (von 0 bis 60 Minuten) auf einer knarzenden Bahnhofsuhr in ihrem Umfang passend zurechtgeschnittene Texte aus. Diese entstammen Büchern aus dem Verlagsprogramm und umfassen Texte von Heinrich Böll, Helge Schneider, Moritz von Uslar, Benjamin von Stuckrad Barré, Joseph Roth, Eva Menasse u.a..

„Eine sehr schöne Idee“, twitterte ein Wettbewerber aus der deutschen Verlagslandschaft. Und meinte es vermutlich gar nicht zynisch. Und doch stellt sich mir ganz deutlich die Frage, braucht die Welt im Zeitalter der E-Books tatsächlich eine Lese-App fürs Smartphone?

Fragte ich mich und investierte dann doch die 2,99 Euro, die „Schöner Warten“ im App Store kostet und lud sie runter. Dann wartete ich auf eine passende Wartezeit und stellte erstmal fest, dass die nicht kam.

Das mag damit zusammenhängen, dass ich immer zu spät komme und andere auf mich warten lasse. Oder aber daran liegen, dass mir auf meinem iphone bereits zahlreiche alternative Wartezeiten-Überbrücker zur Verfügung stehen und ich auch stets ein Buch mit mir herumtrage. Aber mangelnde Nachfrage soll hier nicht mein Argument sein. Apple bietet inzwischen rund 500.000 iphone-Apps an. Und dennoch gibt es immer wieder erstaunliche neue Ideen, die man nach ihrer Entdeckung nie wieder missen möchte.

So habe ich die KiWi-App dann einfach ohne die zugehörige Wartezeit getestet. Und fand mich in meiner Skepsis bestätigt: Dass KiWi nur verlagseigene Texte zu lesen anbietet, mag lizenzrechtliche Gründe haben. Die begrenzte Auswahl von nur 17 verschiedenen und die Tatsache, dass die meisten Texte Romanfragmente sind, auf die der Nutzer der App so natürlich höchst effektiv neugierig gemacht wird, lässt die Lese-App dann aber doch eher wie eine maue Mobile-Web-Kampagne für KiWi rüberkommen. Zumal „Schöner Warten“ natürlich am Ende jedes Textes mit der Verlagsseite und dem Online-Shop verlinkt ist. Im Grunde bietet KiWis neue Lese-App damit exakt das an, was die Verlagswebsite ihrem Besucher kostenlos zur Verfügung stellt: Roman-Auszüge und weitere Infos zu jedem Autor und jedem Buch des Verlagsprogramms, hier allerdings kostenpflichtig!

Aber zurück zur eigentlichen Idee hinter der App, der passende Text für jede Zeitspanne zwischen 0 und 60 Minuten. Ich simulierte also fünf Minuten freie Zeit, las los und musste feststellen: Die Textmenge, die ein durchschnittlich lesebegabter Deutschmuttersprachler in fünf Minuten bewältigt, differiert offenbar von Leser zu Leser stark. Das wiederum bringt leider das Konzept ein wenig ins Stolpern.

Und so nach und nach frage ich mich: Ist denn die knarzende Bahnhofsuhr der einzige niedliche Gimmick, den die Lese-App zu bieten hat? Ist der stolze Preis von 2,99 Euro in der Welt der Gratis-Apps nicht ziemlich übertrieben für die mobile Werbekampagne eines Verlages? Und bin ich am Ende nicht mit der iphone-E-Book-Funktion ibooks wesentlich besser bedient als mit der neuen KiWi-App? Kiepenheuer & Witsch stellte übrigens selbst erst vor ein paar Tagen seine neuesten E-Book-Editionen vor. Womöglich entscheidet man sich besser für diese elektronische Lesevariante des Verlages.

Ich ziehe für den Moment jedenfalls die haptische Lektüre all dem elektronischen Klimbim vor und trage weiterhin mindestens ein Buch, die SZ-Feuilletons der letzten Tage sowie dutzende Zeitschriftenausrisse mit mir herum. Auf diese Weise habe ich wenigstens auch weiterhin ein stichhaltiges Argument pro riesige Handtasche!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *