Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung

Auf den ersten Blick ist der neue Roman von Jeffrey Eugenides eine unterhaltsame Dreiecksgeschichte aus dem US-College-Milieu der 1980er Jahre. Auf den zweiten Blick ist Die Liebeshandlung oder im englischen Original „The marriage plot“ aber auch ein Statement darüber, wie Eugenides sich die Gegenwartsliteratur wünscht. Mit seinem dritten Roman legt er eine große, erzählerisch (auch in der deutschen Übersetzung) brilliante und dennoch moderne Liebesgeschichte vor. Dafür pickt sich der Autor „das Beste“ aus Postmoderne und Realismus heraus. So hat Die Liebeshandlung einen Plot in der Erzählstruktur des 19. Jahrhunderts aber mit dekonstruktivistischem Subtext.

Kompliziert klingt das aber nur im ersten Moment. Denn Die Liebeshandlung ist nicht nur für literaturwissenschaftlich Eingeweihte geschrieben: Auch ohne Vorwissen kann man die einzelnen Handlungsstränge des Romans der jeweils literaturtheoretischen Strömung zuordnen. Denn Eugenides schickt seine Leser in die selben College-Seminare wie seine drei Helden, die Studenten Madleine, Mitchell und Leonard. Da sitzt der Leser unvermittelt – wie damals en vogue – im Semitiotik-Seminar und hört der Diskussion über Jacques Derrida zu. Im nächsten Moment besucht er mit Mitchell und Leonard ein Seminar über östliche Religionen. Oder ist er Zaungast auf der Bettkante der liebeskranken Madleine, die versucht ihren Kummer mit Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ zu therapieren, einer Art Enzyklopädie des Gefühlslebens.

Auf diese Weise lernt der Leser auch die drei Protagonisten kennen, die Eugenides vor allem über ihre Lesevorlieben definiert. Madleine, angepasste Tochter aus gute Hause und Studentin der englischen Literatur, begeistert sich ganz gegen den Zeitgeist für den Roman des 19. Jahrhunderts, insbesondere für das viktorianische Zeitalter. Für Poststrukturalismus und Semiotik hat sie wenig übrig. Der nachdenkliche aber weltgewandte Theologiestudent Mitchell hat Schopenhauer und Nietzsche hinter sich gelassen und reist mit einem Rucksack voller christlicher Mystiker durch Europa und Indien. Unterwegs liest er Thomas von Kempen, Augustinus, Theresa von Avila oder Tolstoi. Der hochintelligente aber ebenso labile Biologiestudent Leonard springt scheinbar spielend zwischen den Disziplinen hin und her, Naturwissenschaften, Philosophie, Theologie und Literaturtheorie und jongliert mühelos mit allen Texten und Begrifflichkeiten.

Doch beginnen wir vorn: Madleine, Mitchell und Leonard studieren in den 80er Jahren an der Browne University in Rhode Island, der Alma Mater ihres Erfinders. 1982, zu Beginn des Romanes, stehen sie kurz vor ihrer Graduierung und schließen damit ihr Studium eben zu der Zeit ab, in der auch Eugenides dort graduiert hat. Überhaupt wirkt Die Liebeshandlung an vielen Stellen stark autobiographisch. Im Falle des griechisch-stämmigen Mitchell gibt Eugenides das auch unumwunden zu. Es ist aber auch zu offensichtlich: Mitchell sieht aus wie Eugenides in jungen Jahren aussah, er stammt aus Detroit, reist im Laufe des Romans auf spiritueller Sinnsuche nach Indien und arbeitet in Kalkutta in Mutter Theresas Heim für Sterbende – so wie Eugenides. Und obwohl der Autor sagt, die selbst erlebten Passagen seien ihm beim Niederschreiben besonders schwer gefallen –  für die Schilderung der Indienreise etwa habe er 20 Anläufe gebraucht, so ist Mitchell doch der am klarsten gezeichnete Charakter.

Der manisch depressive Leonard dagegen erinnert – auch wenn der Autor davon nichts wissen will – optisch wie charakterlich an Eugenides Freund aus New Yorker Tagen, seinen Schriftstellerkollegen David Foster Wallace. Und auch wenn Eugenides zugibt, trotz gewissenhafter Recherchen wenig über Manie und Depression zu wissen, gelingt ihm eine mitreißende Schilderung von Leonards manischen Phasen.

Einzig Madleine bleibt ein ungelöstes Rätsel. Man könnte nun mutmaßen, die Figur der schönen und angepassten Oberklassetochter besitze vielleicht deswegen so wenig charakterliche Tiefe, weil Eugenides kein lebendes Vorbild vor Augen gehabt habe. Für den Roman ist Madleine dennoch Zentrum und Motor in einem und damit unerlässlich. Denn sie ist es, die eine Entscheidung treffen muss zwischen dem verlässlichen Kameraden Mitchell und dem aufregenden, aber unzuverlässigen Leonard  – eine Entscheidung zwischen Verstand und Gefühl. Und dieser Verweis auf Jane Austens gleichnamiges Werk „Sense and sensibility“ ist keinesfalls zufällig.

Denn wenn auch der deutsche Titel von Eugenides Roman womöglich in die Irre führt, Die Liebeshandlung greift ein klassisches Romanmotiv auf, den „marriage plot“. Der Begriff stammt aus der angelsächsischen Literaturgeschichte. Dort tauchte er erstmals in der Romantik auf, einer Epoche, in der die Heirat ausschlaggebend war für die gesellschaftliche Zukunft einer Frau. Autoren wie Jane Austen schrieben damals Romane über junge Frauen, deren Dreh- und Angelpunkt die Eheschließung war. Diese Romane enden stets mit der Hochzeit ihrer Heldin. Im Laufe der Literaturgeschichte wandelte sich der „marriage plot“ ebenso wie die Gepflogenheiten der Ehe. Im viktorianischen Zeitalter schrieben die Schwestern Brontë schon deutlich düstere Romane. Sie beginnen mit der Eheschließung und schildern im weiteren Verlauf den Alltag des Ehelebens mit all seinen Höhen und Tiefen. In der Moderne schließlich führen die Ehepartnertauschepisoden in John Updikes Romanen die Idee des „marriage plot“ endgültig ad absurdum.

Madleine steckt nicht nur selbst mitten in einem solchen „marriage plot“, sie schreibt auch einen akademischen Fachartikel zum Thema. Darin untersucht sie die Auswirkungen des modernen Ehelebens auf den Roman und greift die These ihres greisen Literaturprofessor Saunders auf: Mit der fortschreitenden Gleichberechtigung der Frau verliere der Roman an Faszination. Die großen Romane seien in der Zeit Jane Austens entstanden. Mit dem Bedeutungsverlust der Ehe, gehe auch der Bedeutungsverlust des Romanes einher. Madleine stimmt ihrem Dozenten zu. Und das obwohl ihre eigene Einstellung zur Ehe nur unwesentlich moderner ist, als die einer Elinor Dashwood.

Madleine ist eine Tochter aus konservativem, wohlhabenden US-amerikanischen Elternhaus in der Zeit des konservativen „Backlash“, nach der Feminismusbewegung der 70er Jahre. Als Kind dieser Zeit stellt sich Madleine, die zwar im Stillen an den Lebensentwürfen ihrer Eltern zweifelt, aber weit davon entfernt ist, zur offenen Revolte zu blasen, die Frage: Wie geht es weiter, nachdem ich mein Studium abgeschlossen habe? Gehe ich den traditionellen Weg, heirate und gründe eine Familie? Oder konzentriere ich mich zunächst auf Beruf und Karriere? Und was bedeutet eine Entscheidung für diesen oder jenen Weg für meine gesellschaftliche Position?

Madleine ist zwar klug, aber auch vorsichtig und skeptisch Neuem gegenüber. Und so neigt sie instinktiv dazu, den ausgetretenen Pfaden ihrer Eltern zu folgen. Aus diesem Grund ist die Möglichkeit ihrer beruflichen Selbstverwirklichung in Eugenides Roman bis zum Ende hin unterrepräsentiert. Madleine entdeckt zwar im Laufe des Romans ihre beruflichen Interessen, beginnt ihren Werdegang zu planen und schreibt sich auf der Columbia University ein. Den Entschluss gegen das traditionelle Rollenmodell der Hausfrau und Mutter trifft sich aber eigentlich nicht selbst, sondern lässt die Umstände für sich entscheiden. So wird Eugenides Heldin am Ende beinahe unabsichtlich zur modernen jungen Frau. Dem „marriage plot“ verschafft sie so beiläufig die nötige Modernisierung um ihn gegenwartstauglich zu machen.

Denn um seinem Idealbild zu entsprechen hat Eugenides das klassische Romanmotiv an einigen Stellen etwas renoviert. Die Erzählform ist beibehalten, die Liebesgeschichte aber dekonstruiert. Obendrein wird bei Eugenides nicht nur aus Madleines Perspektive erzählt, sondern auch die beiden männlichen Protagonisten kommen zu Wort. Eugenides gelingt es auf diese Weise seine Mission zu verwirklichen, das klassische Romanmotiv in die Jetztzeit zu übertragen und sein Idealbild des Gegenwartsromans erschaffen. Ganz nebenbei widerlegt er auch die akademische These von Madleines Fachartikel. Denn mit der Liebeshandlung tritt Eugenides den aktuellen Gegenbeweis an, dass die besten Zeiten des Roman seit langem vergangen sind.

  2 comments for “Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *