Theater im Museum

FROST Poster – Deichtorhallen

Als ich gestern Abend sturmdurchweht die Hamburger Deichtorhallen betrete, rechne ich eigentlich mit einer Lesung von Thomas Bernhards Erstlingswerk, dem Roman Frost. Nicht mit Theater im Museum, ohne Sitzplatz, dafür in ständig wechselnder Formation. Die Karten hatte eine Freundin reserviert. Sie ist nicht besser vorbereitet: „Das Plakat hat mir gefallen“, antwortet sie ohne Umschweife, als ich sie frage, warum wir hier sind.

An der Kasse holen wir unsere Tickets ab, bezahlen und stehen mitten in der aktuellen Fotoausstellung in der großen Halle mit dem hohen gewölbten Metallstangendach. Eine Bühne ist nicht auszumachen. Um uns herum ist nur Ausstellung. Wir fragen an der Kasse. „Sie laufen dem Schauspieler hinterher“, sagt der Kartenverkäufer. Ich beginne mir vorzustellen, wie wir im Stechschritt hinter dem Schauspieler durch die Ausstellung eilen.

Es fängt an, wenn das Licht ausgeht, denke ich. Doch es bleibt hell. Auch als ein großer schlanker Mann mit hakiger Nase, wirrem Haar und weißem pelzbesetzten Mantel im Eingang steht. Der ist so auffällig, das muss der Schauspieler sein. Andreas Patton. Der Weiße redet los. Mit Mikrophon am Revers. Aus dem Lautsprecher hinter mir erklingt seine Stimme.  Er spricht klar, ruhig, langsam, mit leicht wienerischer Intonation.

Erzählt, er ist Medizinstudent, der von einem Chirurgen aus der Stadt in ein Gebirgsdorf ausgesandt wurde, um den Bruder des Arztes, einen depressiven Maler, zu beobachten. Die Sprache von Thomas Bernhard ist großartig, witzig, pointiert. Der Schauspieler ist souverän in seinen Monologen. Er übernimmt alle Rollen des Romans. Aber der Funke springt irgendwie nicht über.

Ich bin abgelenkt. Ich übe bequemes Stehen. Ich beäuge die anderen Zuschauer. Viele Frauen. Ich entdecke in der Fotoausstellung ein mir vertrautes Kinderbuch: Der rote Ballon, das Buch zum Film von Albert Lamorisse. Als ich mich über die Vitrine beuge, pfeffert der Schauspieler seinen weißen Mantel darüber. Ich fühle mich ertappt und höre wieder zu.

Wir wechseln den Raum. Der Schauspieler verschwindet um eine Ecke. Ich gehe hinterher. Und entdecke Fotografien von Brassaï an einer entlegenen Wand und biege ab. Eines der Bilder hat früher in meinem Zimmer gehangen. Ich lasse mich schon wieder ablenken. Ich schäme mich und laufe zurück ins Geschehen.

Der Schauspieler ist gerade zornig, ekstatisch, schreit. Ich weiß nicht, worum es geht. Er spielt gut. Ich beginne im Presseflyer zu lesen. Die Iszenierung stammt aus Wien, gastiert nur drei Tage in Hamburg. Die Regisseurin hat den Roman anlässlich des 80. Geburtstags des 1989 verstorbenen Autors fürs Theater adaptiert. Roman im Theater, Theater im Museum, ein Schauspieler für mindestens drei Rollen. Das Konzept finde ich spannend. Aber für den Moment ist es mir zuviel. Ich beschließe, das Buch zu lesen. Der Schlussapplaus fällt großzügig aus.

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