Ab heute im Kino: Die zweite Verfilmung von Stieg Larssons Verblendung

Geldgeilheit. Ignoranz. Kulturimperialismus. Was sonst kann die Erklärung sein für eine Neuverfilmung von Stieg Larssons Roman Verblendung?

Nein, Hollywood ist nicht an der Kunst interessiert. Sondern am Geld. Das ist kein Geheimnis. Hollywood dreht Filme, die den Menschen unterhalten. Die ihn selten zum Nachdenken zwingen. Die es ihm leicht machen, weil er (Du, Ich) sich leicht fühlen will. Und einen Film zu produzieren ist weder billig noch leicht.

Es ist ein kalkuliertes Risiko, und das will minimiert werden. Je mehr man es dann minimiert – indem Rollen mit berühmten und teuren Schauspielern besetzt werden und die Special-Effects-Abteilung mit Eyecandy um sich schmeißt  –, desto teurer wird ein Film. Und desto höher ist dann wieder das Risiko und desto mehr muss dieses anschließend minimiert werden. Paradox, oder?

Aber wäre es nicht auch lächerlich, Hollywood diesen Mechanismus ausgerechnet jetzt vorzuwerfen? Nur weil es so offensichtlich ist, und die US-Neuverfilmung von Stieg Larrsons Millennium-Trilogie anläuft, bevor das Filmblut von „Vergebung“ getrocknet ist? Schießlich wurde der Thriller um den investigativen Journalisten Mikael Blomkvist und die taffe Hackerin Lisbeth Salander wurde erst 2009 verfilmt.

Der Regisseur damals hieß Niels Arden Oplev. Heute ist es der anerkannte Stilist David Fincher, bekannt für „Fight Club“ oder „The Social Network“. Blomkvist wurde in der skandinavischen Version von einem Schauspieler namens Michael Nyqvist gespielt. Der neue Reporter ist James Bond alias Daniel Craig. Das meine ich mit Risiko minimieren.

Die Story bleibt übrigens nahezu unverändert: Das millardenschwere Oberhaupt einer schwedischen Industriellenfamilie beauftragt Blomkvist mit der Suche nach seiner vor Jahrzehnten verschwundenen Nichte. Hilfe erhält er von der inselbegabten Hackern Lisbeth, die sich zudem gegen ihren perversen Vormund wehren muss.

Und jetzt könnte man ansetzen, dass der Film längst nicht so gut sei wie das Original. Dass man sowieso innerhalb so kurzer Zeit keine neue Version des Filmes brauche. Es sei ja schon alles erzählt, und zwar bereits zweifach. Aber das ist auch ein klein wenig elitär. Denn der Film wurde für ein vorwiegend amerikanisches Publikum gedreht, und die Amis mögen nun mal keine Untertitel lesen.

Den Film nicht zu drehen, aus Prinzip, weil man das nicht macht, weil man sich selbst in das grelle Scheinwerferlicht der Kulturkritik stellt, als Plagiator, hieße den Stoff den vermeintlich Ignoranten vorzuenthalten. Und das wäre fast noch ignoranter.

Zumal der Film alles andere als schlecht ist. Die relativ unbekannte Schauspielerin Rooney Mara macht ihre Sache als Lisbeth Salander gut. Selbst Daniel Craig ist im Prinzip keine Fehlbesetzung – auch wenn er für einen investigativen Stubenhocker, der zu viel trinkt und zu viel raucht, zu viele Muskeln hat. David Fincher erweist sich abermals als guter Regisseur, der in unaufdringlichen Bildern und typisch schwedischen Settings versucht, den Film europäisch aussehen zu lassen. Und tatsächlich schafft er das auch. „Verblendung“ unterscheidet sich gar nicht so sehr von „Verblendung“.

Wer die skandinavischen Filme schon gesehen hat, muss den neuen amerikanischen also nicht unbedingt gesehen haben. Wer hingegen noch ganz unbedarft ist, dem sei die Geschichte ans Herz gelegt. In welcher Version auch immer. An besten natürlich in der Geschriebenen.

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