Im Kino: Barocker Seelenschacher

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Vor ein paar Jahren schrieb ein britischer Musiker Schlagzeilen, weil er im Internet seine Seele verkaufen wollte. 25.000 Pfund wollte der arbeitslose Dante Knoxx für eine Beteiligung an seinem Innersten und etwaigen künftigen finanziellen Erfolgen haben. Das Online-Auktionshaus Ebay stoppte die Versteigerung, weil sie gegen die Richtlinien verstoße. Dante Knoxx blieb auf seiner Seele sitzen.

Beim Lesen dieser Episode muss ich unwillkürlich schmunzeln, obwohl eine verkaufte Seele eine ernste Angelegenheit ist. Für Dante Knoxx stand immerhin der eigene Lebensunterhalt auf dem Spiel. Da haben andere schon für deutlich weniger Einsatz Geschäfte mit dem Teufel gemacht. Denn in der Praxis erweist es sich als gar nicht so leicht, stets moralisch integer zu handeln.

In einer Zeit, in der sich alles um Profit dreht, und selbst Krankenpflege wirtschaftlich sein muss, um noch finanzierbar zu sein, ist das Thema aktueller den je. Tagtäglich müssen wir uns fragen, ob wir es uns überhaupt leisten können, unseren Prinzipien treu zu bleiben oder ob wir längst den Pakt mit dem Teufel geschlossen haben.

Wieder einmal erweist sich Goethe als erschreckend zeitlos. Denn er war es ja, der bereits vor 204 Jahren den Verkauf der Seele thematisierte, als er aus der Geschichte des historischen Doktor Faustus das bedeutendste Drama der deutschen Literatur schuf: Die Tragödie des gescheiterten Wissenschaftlers Johann Faust, der für ein bisschen Lust und Lebensfreude seine Seele an den Teufel, in Gestalt des imposanten Mephistopheles, verschacherte. Um die Lektüre von Goethes Faust kommt bis heute kein Abiturient herum.

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Ob Alexander Sukurovs neueste Verfilmung, die heute in die deutschen Kinos kommt, das Zeug zum Lehrmaterial an Schulen hat, ist fraglich. Vermutlich werden auch unsere Enkel noch die obligatorische Peter Gorski-Verfilmung mit Will Quadflieg und Gustaf Gründgens im Deutschunterricht zu sehen bekommen.

Denn Sukorov hat Goethes Drama äußerst frei interpretiert. Hier ist Faust kein unbedarfter alter Mann, der seinen Verstand über Bord wirft und in eine Falle tappt. Sukurov konzipierte Faust als vierten Teil einer Tetralogogie über die Macht und das Böse. Auf Filme über Adolf Hitler, Wladimir Lenin und Kaiser Hirohito ließ er die Geschichte des Machtmenschen Faust folgen. Mit den historischen Machthabern hat Sukorovs Faust das Gefühl des eigenen Unglücks gemeinsam, aus dem das Böse erwächst.

Als barockes Karnevalsstück hat Sukurov sein Sujet inszeniert. Hauptsächlich mit deutschen Schauspielern und in deutscher Sprache gedreht, hat seine zweieinhalb Stunden lange Adaption von Goethes Drama rund zehn Millionen Euro gekostet. Damit zählt Faust zu den aufwändigsten Filmproduktionen in Russlands Kinogeschichte. Sukorov sprach sogar bei Vladimir Putin vor, um den Film zu finanzieren. In ihm entdeckte Sukurov nach eigener Aussage einen Fan der deutschen Literatur. Putin soll acht Millionen beigesteuert haben.

Und das Ergebnis? – Die Kritiker sind geteilter Meinung: „Das Opus ist von einer Überladenheit, mit der einen die Polizei von Venedig über keine Brücke lassen würde“, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Die ARD nennt den Film „exzentrisches Poem, Höllentrip und grandiose Kunstanstrengung zugleich“. Deutschlandradio spricht von einem „betörenden Filmkunstwerk“. Und die 3sat Kinoredaktion fühlt sich gar an Stan Laurel und Oliver Hardy erinnert.

Aber ob Kitsch oder Kunst, Fakt ist, Faust gewann bei den Filmfestspielen in Venedig den goldenen Löwen. Denn, so schloss Darren Aronofsky („Black Swan“, „The Wrestler“), Jurypräsident der Filmfestspiele von Venedig seine Laudatio, „es gibt Filme, die dich zum Träumen, zum Weinen, Lachen und Nachdenken bringen, und es gibt Filme, die dein Leben für immer verändern. Dies ist einer dieser Filme“ – vielleicht auch, weil Sukurovs Faust recht gut als Knoten im Taschentuch der Prinzipientreue taugt.

  1 comment for “Im Kino: Barocker Seelenschacher

  1. 24. Januar 2012 at 08:02

    Danke für diesen Beitrag. Irgendwie ist der Film an mir vorbeigerauscht. Mein Favorit ist übrigens die Expo-Aufführung – auch wenn man sich daraus natürlich nur Teile anschauen kann.

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