Ab heute im Kino: Die zweite Verfilmung von Stieg Larssons Verblendung

Geldgeilheit. Ignoranz. Kulturimperialismus. Was sonst kann die Erklärung sein für eine Neuverfilmung von Stieg Larssons Roman Verblendung?

Nein, Hollywood ist nicht an der Kunst interessiert. Sondern am Geld. Das ist kein Geheimnis. Hollywood dreht Filme, die den Menschen unterhalten. Die ihn selten zum Nachdenken zwingen. Die es ihm leicht machen, weil er (Du, Ich) sich leicht fühlen will. Und einen Film zu produzieren ist weder billig noch leicht.

Es ist ein kalkuliertes Risiko, und das will minimiert werden. Je mehr man es dann minimiert – indem Rollen mit berühmten und teuren Schauspielern besetzt werden und die Special-Effects-Abteilung mit Eyecandy um sich schmeißt  –, desto teurer wird ein Film. Und desto höher ist dann wieder das Risiko und desto mehr muss dieses anschließend minimiert werden. Paradox, oder?

Aber wäre es nicht auch lächerlich, Hollywood diesen Mechanismus ausgerechnet jetzt vorzuwerfen? Nur weil es so offensichtlich ist, und die US-Neuverfilmung von Stieg Larrsons Millennium-Trilogie anläuft, bevor das Filmblut von „Vergebung“ getrocknet ist? Schießlich wurde der Thriller um den investigativen Journalisten Mikael Blomkvist und die taffe Hackerin Lisbeth Salander wurde erst 2009 verfilmt.

Der Regisseur damals hieß Niels Arden Oplev. Heute ist es der anerkannte Stilist David Fincher, bekannt für „Fight Club“ oder „The Social Network“. Blomkvist wurde in der skandinavischen Version von einem Schauspieler namens Michael Nyqvist gespielt. Der neue Reporter ist James Bond alias Daniel Craig. Das meine ich mit Risiko minimieren.

Die Story bleibt übrigens nahezu unverändert: Das millardenschwere Oberhaupt einer schwedischen Industriellenfamilie beauftragt Blomkvist mit der Suche nach seiner vor Jahrzehnten verschwundenen Nichte. Hilfe erhält er von der inselbegabten Hackern Lisbeth, die sich zudem gegen ihren perversen Vormund wehren muss.

Und jetzt könnte man ansetzen, dass der Film längst nicht so gut sei wie das Original. Dass man sowieso innerhalb so kurzer Zeit keine neue Version des Filmes brauche. Es sei ja schon alles erzählt, und zwar bereits zweifach. Aber das ist auch ein klein wenig elitär. Denn der Film wurde für ein vorwiegend amerikanisches Publikum gedreht, und die Amis mögen nun mal keine Untertitel lesen.

Den Film nicht zu drehen, aus Prinzip, weil man das nicht macht, weil man sich selbst in das grelle Scheinwerferlicht der Kulturkritik stellt, als Plagiator, hieße den Stoff den vermeintlich Ignoranten vorzuenthalten. Und das wäre fast noch ignoranter.

Zumal der Film alles andere als schlecht ist. Die relativ unbekannte Schauspielerin Rooney Mara macht ihre Sache als Lisbeth Salander gut. Selbst Daniel Craig ist im Prinzip keine Fehlbesetzung – auch wenn er für einen investigativen Stubenhocker, der zu viel trinkt und zu viel raucht, zu viele Muskeln hat. David Fincher erweist sich abermals als guter Regisseur, der in unaufdringlichen Bildern und typisch schwedischen Settings versucht, den Film europäisch aussehen zu lassen. Und tatsächlich schafft er das auch. „Verblendung“ unterscheidet sich gar nicht so sehr von „Verblendung“.

Wer die skandinavischen Filme schon gesehen hat, muss den neuen amerikanischen also nicht unbedingt gesehen haben. Wer hingegen noch ganz unbedarft ist, dem sei die Geschichte ans Herz gelegt. In welcher Version auch immer. An besten natürlich in der Geschriebenen.

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Nino Haratischwili, Juja: Eine Geschichte über die Bedeutung von Geschichten. Herausragend geschrieben.

Platz 2. Maxim Gorki, Kinder der Sonne: Zwei Wissenschaftler, ein Künstler, eine Kranke, ein Tierarzt, eine reiche Witwe und ein Hausmeister begegnen sich täglich und tauschen sich aus. Dabei kreisen sie um einander, um Liebe, Politik und den Sinn des Lebens, sind idealistisch und desillusionioniert – damals wie heute von bestürzender Aktualität.

Platz 3. Mohsin Hamid, Der Fundamentalist, der keiner sein wollte: Auf einem Platz in Lahore trifft ein Pakistani auf einen amerikanischen Reisenden und lädt ihn auf einen Tee ein. Es folgt eine einseitige Konversation mit ungewissem Ende. Klingt banal, aber was Hamid daraus macht ist sehr beeindruckend. Extrem geschickter Spannungsaufbau (anfangs merkt man es kaum), wunderbare Sprache und ein grandioses Ende, was dazu verführt das Buch gleich wieder zu lesen.

Platz 4. Tschingis Aimatow, Dshamilja: Wunderschöne Liebesgeschichte um eine selbstbewusste Frau.

Platz 5. Jörg Maurer, Niedertracht, das Hörbuch vom Autor gelesen: Sehr schöner Alpenkrimi mit viel Lokalkolorit, abgründiger, aber nicht zu gewalttätiger Handlung, glänzend vom Autor in den verschiedenen Idiomen des Alpenraumes gesprochen.

Platz 6. Haruki Murakami, 1Q84: Der wahrscheinlich populärste, weil westlichste japanische Autor der Gegenwart ist ein Meister der Verschmelzung von Alltagsbeschreibungen und phantastischer Literatur. Und weil er es außerdem schafft, uns seine liebenswerten Charaktere nahe zu bringen, gehören die drei Bände von 1Q84 auf jede Lesenswertliste.

Platz 7. Dieter Baake, Jugend und Jugendkulturen: Lesenswertes Sachbuch eines deutschen Wissenschaftlers und Professors für Pädagogik über Ursprünge und Inhalte von Jugendkulturen vom Beatnik bis zum Raver.

Platz 8. Fabio Volo,  Noch ein Tag und eine Nacht: Romantische Lovestory vor der Kulisse Manhattans. Sehr anrührend ohne kitschig zu sein. In einer Nacht verschlungen!

Platz 9. Anton Tschechow, Onkel Wanja: Pointierte Szenen aus einem trostlos gewordenen Landleben. Onkel Wanja hat sein Leben lang rechtschaffen gearbeitet und ein Landgut verwaltet, dessen Erträge er nicht eingenommen hat. Als er erkennt, dass der Eigentümer nicht das intellektuelle und integere Vorbild ist, was er vorgab zu sein, resigniert er und verfällt dem Alkohol.

Platz 10. Elfriede Jelinek, Der kleine Niko: „Es hat alles aufgehört. Da hört sich ja alles auf! Nein, nein, es hat schon aufgehört. Haben Sie das denn nicht gemerkt? Merken Sie sich, dass alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht“, schreibt Elfriede Jelinkek und meint damit die Pressefreiheit im Allgemeinen, die Unabhängigkeit des ORF im Besonderen und sieht nebenbei bereits das Ende der Sozialdemokratie voraus. „Die Sozialdemokratie als Maßschneiderei für Karrieren, so endet sie.“ Damit reagiert die österreichische Literaturnobelpreisträgerin auf die angekündigte Einsetzung des 25-jährigen Niko Pelinka – Sohn eines Chefredakteurs, Neffe eines Politikwissenschaftlers und quasi von klein auf SPÖ-Mitglied – als Büroleiter des ORF Generaldirektors Alexander Wrabetz. „Dieses Unternehmen wurde gegründet, damit uns die Wahrheit gesagt werden soll, aber wie geht das zusammen, die Wahrheit und das, was da ist?“, wundert sich Jelinek über das Vorgehen in der ORF-Generaldirektion und setzt diese mit einer Parteizentrale gleich. – Lesenswert, wenn auch nicht immer leicht zu lesen, aber zornig und sprachlich auf den Punkt.

Dichtung und Wahrheit

Foto: dLis

Während Deutschland lauthals über „Merkels Problempräsidenten“ debattiert, knabbert unser Nachbarland Österreich derzeit an einer selbst gebackenen Krise. Zugegeben ist diese im Grunde ganz ähnliche Debatte über Politik und Rundfunkfreiheit, die bereits vor Weihnachten hochkochte, völlig an mir vorbeigegangen. Bis sich Elfriede Jelinek mit einem öffentlichen Statement zu Wort meldete:

„Merken Sie sich, dass alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht“, schreibt die österreichische Literaturnobelpreisträgerin auf ihrer Website und meint damit die Pressefreiheit im Allgemeinen, die Unabhängigkeit des ORF im Besonderen und sieht in dieser Causa das Ende der Sozialdemokratie voraus. Damit reagiert sie auf die Einsetzung des 25(!)-jährigen Lobbyisten und Medienfunktionärs Niko Pelinka als Büroleiter des ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz.

Pelinka – Babyface, Gel im rotblonden Haar, charmant, wenn vielleicht auch noch etwas unerfahren – ist Sohn eines Chefredakteurs, Neffe eines Politikwissenschaftlers und quasi von klein auf SPÖ-Mitglied. Und Jelinkek trifft es in ihrer Streitschrift auf den Punkt, wenn sie schreibt, dass „der kleine Niko [..] Mitglied einer ganzen Sippe von Gekennzeichneten“ sei. Die Vetternwirtschaft untergräbt die Rundfunkfreiheit. Und das ist ein Skandal, so Jelineks zornig vortragender Tenor.

Zeit-Redakteur Joachim Riedl stimmt Jelinek zu. Er schrieb dazu passend gestern einen Nachruf auf den ORF. „Der ebenso dreiste wie dilettantische Postenschacher“ raube dem Unternehmen seine letzte Kraft, so Riedl. Der ORF „liegt im Koma.“ Denn „leider stimmt es, was dem Sender von allen Seiten vorgeworfen wird. An den Schalthebeln sitzen [..] Leute, die als Erfüllungsgehilfen von Parteibedürfnissen gelten.“

Und der junge Pelinka? Der weiß, wie man sich geschmeidig nach oben schlängelt. So gelingt ihm scheinbar Unmögliches: Er ist Statist seines eigenen Skandals. Im Kreuzfeuer der Kritik steht stattdessen ORF-Chef Alexander Wrabetz. Sogar Jelinek hält den „kleinen Niko“ für nett: Mit einem „entwaffnenden Grinsen“ tritt das Ende der Sozialdemokratie als „sympathischer junger Mann“ auf, schreibt sie in ihrer Streitschrift.

Einen Lösungsvorschlag bleibt Elfriede Jelinek leider schuldig. Im Jahr 2000 sagte sie: „Ich glaube, dass ein Schriftsteller absolut nichts bewirken kann, und ich spüre nicht nur die Ohnmacht, sondern auch die Lächerlichkeit.“ So ist „Der kleine Niko“ nur ein wütender Kommentar ohne Ideen zur Rettung der Sozialdemokratie. Und das, obwohl sie selbst sagt, ihr Antrieb zum Schreiben sei „die Wut über die Verhältnisse“.

Apropos Wirkung der Schriftstellerei, was sagen eigentlich Deutschlands Dichter und Denker zu den Entgleisungen des Bundespräsidenten? „Die Würde des Amtes klingt immer mehr nach Konjunktiv“ twitterte der Kolumnist und Schriftsteller Peter Glaser, wohlgemerkt ein in Deutschland lebender Österreicher. Was sagen Günter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz? Sie schweigen, während Christian Wulff, um Rückkehr zum präsidentialen Alltag bemüht, seinen Rücktritt weiter ausschließt. Dabei bräuchte Deutschland gerade jetzt dringend eine Stimme der Vernunft. Wer soll denn Vorbild sein, wenn es dem Präsidenten nicht gelingt?

Im Kino: Eine Liebeserklärung aus dem Exil

Foto: PROKINO

Marjane Satrapi (42) ist eine Patriotin im Exil. Obwohl eine Rückkehr in ihre Heimt sie das Leben kosten könnte, ist auch ihr neuer Film, der heute in die deutschen Kinos kommt, eine Hommage an Iran.

In Huhn mit Pflaumen (hier geht’s zum Trailer!) – nach Persepolis bereits Satrapis zweiter Film, der auf einem eigenen Comic beruht, diesmal jedoch kein Animations-, sondern ein klassischer Spielfilm – erzählt sie die Geschichte ihres Großonkels, des weltberühmten Geigers Nasser Ali Khan, der im Teheran des Jahres 1958 Selbstmord begehen will. Seiner Frau und seinen Kindern überdrüssig trauert er der Liebe seines Lebens nach, die einen anderen geheiratet hat.

Nassers Bruder ist Kommunist, in einer Zeit, da der wieder erstarkte Schah Mohammad Reza Pahlavi mit äußerster Härte gegen die Gegner der Monarchie vorgeht und Kommunisten verhaften, foltern und töten lässt. So erzählt Huhn mit Pflaumen von Enttäuschungen in Liebe und Politik und zeichnet doch zugleich ein liebevolles Bild der unberechenbaren aber wunderschönen Heimat seiner Autorin.

Foto: Edition Moderne

Marjane Satrapi, deren Erstlingswerk Persepolis (das in 25 Sprachen übersetzt, über eine Million mal verkauft und dessen Verfilmung 2008 mit einer Oscar-Nominierung ausgezeichnet wurde) über Nacht berühmt wurde, verließ Iran 1994. Seither lebt sie im Pariser Exil. Ihre Eltern hat sie seitdem nur in Frankreich getroffen. Viele ihrer Freunde nie wieder gesehen. Ihren beruflichen Erfolg würde sie, so sagt sie, liebend gerne gegen ein freies Leben in ihrer Heimat eintauschen.

Huhn mit Pflaumen basiert auf dem gleichnamigen Comic, der im Schweizer Verlag Edition Moderne erschienen ist. In den Hauptrollen des Kinofilmes spielen: Mathieu Amalric, Chiara Mastroianni, Isabella Rossellini und Maria De Medeiros.

Buchkunst mit Herz

Foto: Isabelle Vaverka

Mir als Leserin mit romantisch verklärtem Verhältnis zu ihren Büchern, sind diese weit mehr als nur gebundene Seiten beschriebenen Papiers mit Inhalten aller Art. Bücher sind nicht nur Texträger. Denn Texte können wir ja inzwischen problemlos online auf unsere E-Books und ipads runterladen und bei Bedarf auch wieder löschen. Wozu bräuchte man da eigentlich noch das gebundene Buch, wenn nicht eigentlich viel mehr zwischen den Deckeln steckte als reiner Text?

Isabelle Vaverka, Grafikdesignerin aus Litauen ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Ihre Antwort ist ein sehr persönliches und zugleich sehr hübsch anzusehendes Bücherkunstprojekt mit den Namen „The Book“: Hierzu fertigte sie schlicht in weiß mit schwarzem Aufdruck gehaltene Abbilder ihrer persönlichen Büchersammlung. Diesen Artefakten gab sie jedoch nicht die Titel ihrer Bücher, sondern benannte sie nach ihren persönlichen Erinnerungen.

Foto: Isabelle Vaverka

So trägt eines der Bücher den Titel „The Book I’ve been hiding“, ein anderes heißt „The Book on which I’ve cut bread on a squaere in Berlin Kreuzberg“. Die Bedeutung jedes ihrer Bücher für Isabelle Vaverka unterstreicht ein eigens für das Projekt entworfenes Regal mit teils nach vorne, teils nach hinten, nach oben oder nach unten versetzten maßgeschneiderten Fächern für jedes der künstlichen Bücher. Dieses Gesamtwerk ist nicht nur ein ebenso persönliches wie dekoratives Erinnerungsstück, das ist Buchkunst mit Herz.

Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Paradiesbewohner zur Schöpfungszeit

Foto: St. Benno-Verlag

„Gutes Neues“* ist die Begrüßungsfloskel der ersten Woche jedes neuen Jahres. In der zweiten Woche hört man sich auch noch von Zeit zu Zeit. Dann verebbt der implizierte Optimismus und Überschwang und wir murmeln uns wieder ein verzerrtes „Servus“, „Moin“ oder „Na“ zu, wenn wir uns begegnen. War das schon immer so?

Diese Frage hat mir gestern Mark Twain beantwortet, der  sich – für mich völlig überraschend – als ausgezeichneter Kenner der Kommunikation zwischen Mann und Frau erwiesen hat. Und zugleich einen einmaligen historischen Beleg der Entwicklungsgeschichte der Geschlechterdifferenz vorlegte, indem er 1893 die privaten Aufzeichnungen des ältesten Liebespaares der Schöpfungsgeschichte niederschrieb: Adams und Evas Tagebuch.

Darin zeigt sich: Weder in der ersten, noch in der zweiten Woche des menschlichen Lebens auf Erden (gewissermaßen des allerersten neuen Jahres überhaupt) hatte Adam für Eva optimistische oder überschwängliche Grußformeln übrig. Ganz im Gegenteil: „Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und treibt sich beständig um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. […] Wenn es nur nicht reden wollte! Es schwatzt beständig“, beklagt sich unser aller Urahn über seine Gefährtin.

Eva hingegen interessiert sich für den schrägen Einzelgänger. „Ich muss eingestehen, dass mir dieser Mann mehr Spaß macht, als alle anderen Reptilien.“ Denn für ein Reptil hält sie Adam. Und obwohl Eva schnell merkt, dass Adam weniger Vergnügen an ihrer Gesellschaft findet  –„wieder habe ich es auf die Palme gejagt“, –  gibt sie nicht auf.

In den vergnüglichen Tagesnotizen beider Paradiesbewohner zeigt sich vielfach, wie unterschiedlich diese sind. Eva gibt sich einerseits romantisch verträumt, liebt die Natur, bewundert die Sterne, plappert gerne vor sich hin, benennt alles, was ihre Blicke kreuzt ganz intuitiv, und ist doch andererseits auch praktisch veranlagt und hält Ordnung im Garten Eden – oder, wie sie sagt, im Niagara-Park.

Adam will vor allem unbehelligt seinen Hobbies, dem Jagen, Bauen und Wasserfallschwimmen, nachgehen. Einmischungen in sein Tun und Veränderungen akzeptiert er nur ungern. Und obwohl er anfangs nur wenige liebenswerte Eigenschaften aufweist, liebt Eva ihren Gefährten aufrichtig. Um auf Gegenliebe zu stoßen, muss sie jedoch zunächst den Sündenfall begehen und ihn vom Baum der Erkenntnis essen lassen.

Adam und Eva dabei zu begleiten ist sehr zu empfehlen, denn Mark Twains Büchlein ist treffsicher, sprachwitzig und erschreckend aktuell. Die Autoren der Beziehungsratgeber der Gegenwart scheinen allesamt bei ihm abgeschrieben zu haben!

* das Lesen ist schön wünscht seinen Lesern ein gutes, gesundes, glückliches, erfolgreiches, fröhliches, wunderbares neues Jahr!

Die Schenkenswertliste 2011

Diese Woche aus aktuellem Anlass: Die Schenkenswertliste 2011 mit Antworten auf die zehn meist gestellten Geschenkefragen.

1. Was schenke ich bloß meiner Mutter? – Meine Mutter interessiert sich für Kunst und Kultur, geht oft in Ausstellungen oder ins Theater. Aber kennt sie sich in der Gegenwartskunst aus? Hat sie eine Vorstellung vom Kunstbetrieb heute? Ich vermute nicht, denke aber, es könnte sie interessieren, deshalb schenke ich ihr Sarah Thornton, Sieben Tage in der Kunstwelt.

2. Was schenke ich bloß meinem Vater? – Meinem Vater schenke ich ein Buch von Jared Diamond. Diamond ist Professor für Physiologie an der Universität von Kalifornien, in Los Angeles, Pulitzerpreis-Träger und schreibt in verständlicher Sprache wissenschaftlich fundierte aber sehr kurzweilige Sachbücher. In deutscher Sprache sind erschienen:

  • Arm und Reich (über den Einfluss von Klima und Geographie auf die Verteilung von Armut und Reichtum in menschlichen Gesellschaften)
  • Kollaps (über die Gründe des Untergangs von Hochkulturen)
  • Der dritte Schimpanse (über die Evolution und die Zukunft des Menschen).

3. Was schenke ich bloß meiner besten Freundin? Die beste Freundin ist besonders schwierig zu beschenken, weil mir für sie immer so viele (!) Ideen in den Sinn kommen. Gleichzeitig sind die Erwartungen hoch: Wer schließlich sollte besser wissen, worüber sie sich freut, wenn nicht ich? Der Ausweg aus diesem Dilemma: Dieses Jahr bekommt meine beste Freundin das Buch, was mich in letzter Zeit am meisten begeistert hat, und zwar.. naja.. immer noch schwierig.. hmm.., na gut, also: Alex Capus, Léon und Louise. Eine sehr romantische, aber gar nicht kitschige französische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund zweier Weltkriege.

4. Was schenke ich bloß meinem besten Freund? – Ein Comic! Oder gar zwei? Denn in letzter Zeit haben mich zwei Comics, oder wie viele Verlage heute vornehm sagen „Graphic Novels“, begeistert: Garon Tsuchiya, Nobuaki Minegishi, Old Boy, den vierteiligen japanischen Comic, um einen Mann, der zehn Jahre in einer Zelle gefangen gehalten wird, ohne zu wissen, von wem und warum und dann plötzlich in die Freiheit entlassen wird. Oder die zweibändige Graphic Novel Berlin von Jason Lutes: Die Kunststudentin Marthe Müller und der Journalist Kurt Severing lernen sich während der letzten Jahre der Weimarer Republik in Berlin kennen. Vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Ereignisse verknüpfen sich ihre privaten Schicksale immer enger mit den politischen Umbrüchen jener Tage. Eine kurzweilige aber eindrucksvolle Geschichtsstunde!

5. Was schenke ich bloß meinem kleinen Bruder? – Wie wäre es mit einer Coming-of-age-Geschichte? Tschick von Wolfgang Herrndorf erzählt die Geschichte zweier 14jähriger Außenseiter und ihres abenteuerlichen Sommer-Roadtrips durch Ostdeutschland. Tschick wurde in diesem Jahr mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

6. Was schenke ich bloß meiner Schwiegermutter? – Mit Schwiegermüttern oder solchen, die es einmal werden könnten, ist das ja immer so eine Sache: Sobald sie selbst beginnen, Geschenke zu machen, muss man auch eine Kleinigkeit zurückschenken. Nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu förmlich, aber auch nicht zu vertraulich. Nicht so einfach! Ich empfehle daher in diesem Jahr ein Koch-Hörbuch von audio cook: Im Zwiegespräch mit BR-Radiomoderator Taufig Khalil kochen hier Sterneköche in Echtzeit Rezepte vor und verraten, während es im Hintergrund brutzelt, wie das Gericht garantiert gelingt. Und das funktioniert! Selbst mir völlig unbegabter Hobbyköchin sind mittels der Audio-Ratschläge von Sternekoch Hans Haas mehr als anständige Zwetschgenknödel gelungen..

7. Was schenke ich bloß meinem Kollegen? –  Mein Kollege ist ein Mann der Tat, somit ernenne ich ihn mit meinem Weihnachtsgeschenk kurzerhand zum Betriebssportbeauftragten für 2012: Damit wir alle ohne Rückenschmerzen ins neue Jahr starten, schenke ich ihm Eric Czotscher, Danja Hetjens, Yoga-Tools für Super-Manager.

8. Was schenke ich bloß last minute, wenn mir am 24. Dezember morgens einfällt, dass ich jemanden vergessen habe? – Elke Heidenreich, Michael Sowa, Erika. Eine heiter melancholische Weihnachtsgeschichte um ein rosarotes Plüschschwein – als Hörbuch von der Autorin gelesen, noch ein bisschen besser!

9. Was schenke ich bloß meinem neuen Freund? – Insbesondere, wenn man sich noch nicht so gut kennt, eine schwierige Frage. Ein klarer Fall für die absoluten Lieblingsbücher: Nach dem Motto, willst Du etwas über mich wissen, lies dieses Buch! In meinem Fall: Gabriel García Márquez, 100 Jahre Einsamkeit. Und was sagt das über mich aus?

10. Was schenke ich bloß meiner kleinen Nichte? – Gute Kinderbücher haben ja immer den Nachtteil, dass sie sich so schnell herumsprechen. Somit ist es nur wahrscheinlich, dass die kleinen Nichten dieser Welt den Grüffelo alle schon längst kennen. Aus diesem Grund empfehle ich hier die, wie ich hoffe, unbekanntesten Kinderbücher eines meiner liebsten Autoren, nämlich Roald Dahl, der für jede Alterklasse mindestens ein Buch geschrieben hat.

  • Für die kleine kleine Nichte (ab 5): Ottos Geheimnis, eine zauberhafte Liebesgeschichte rund um eine vertauschte Schildkröte. Mit Bildern von Quentin Blake
  • Für die schon etwas größere Nichte (ab 8): Hexen Hexen. Eine spannende Geschichte über kleinen Jungen, dem es gelingt den teuflischen Plan der Hexenversammlung Großbritanniens zu durchkreuzen.
  • Für die noch etwas größere Nichte (ab 10): Danny und Die Fasanenjagd. Wildern für Fortgeschrittene. Ein spannender Familienroman über ein abenteuerliches Jagderlebnis.

Theater im Museum

FROST Poster – Deichtorhallen

Als ich gestern Abend sturmdurchweht die Hamburger Deichtorhallen betrete, rechne ich eigentlich mit einer Lesung von Thomas Bernhards Erstlingswerk, dem Roman Frost. Nicht mit Theater im Museum, ohne Sitzplatz, dafür in ständig wechselnder Formation. Die Karten hatte eine Freundin reserviert. Sie ist nicht besser vorbereitet: „Das Plakat hat mir gefallen“, antwortet sie ohne Umschweife, als ich sie frage, warum wir hier sind.

An der Kasse holen wir unsere Tickets ab, bezahlen und stehen mitten in der aktuellen Fotoausstellung in der großen Halle mit dem hohen gewölbten Metallstangendach. Eine Bühne ist nicht auszumachen. Um uns herum ist nur Ausstellung. Wir fragen an der Kasse. „Sie laufen dem Schauspieler hinterher“, sagt der Kartenverkäufer. Ich beginne mir vorzustellen, wie wir im Stechschritt hinter dem Schauspieler durch die Ausstellung eilen.

Es fängt an, wenn das Licht ausgeht, denke ich. Doch es bleibt hell. Auch als ein großer schlanker Mann mit hakiger Nase, wirrem Haar und weißem pelzbesetzten Mantel im Eingang steht. Der ist so auffällig, das muss der Schauspieler sein. Andreas Patton. Der Weiße redet los. Mit Mikrophon am Revers. Aus dem Lautsprecher hinter mir erklingt seine Stimme.  Er spricht klar, ruhig, langsam, mit leicht wienerischer Intonation.

Erzählt, er ist Medizinstudent, der von einem Chirurgen aus der Stadt in ein Gebirgsdorf ausgesandt wurde, um den Bruder des Arztes, einen depressiven Maler, zu beobachten. Die Sprache von Thomas Bernhard ist großartig, witzig, pointiert. Der Schauspieler ist souverän in seinen Monologen. Er übernimmt alle Rollen des Romans. Aber der Funke springt irgendwie nicht über.

Ich bin abgelenkt. Ich übe bequemes Stehen. Ich beäuge die anderen Zuschauer. Viele Frauen. Ich entdecke in der Fotoausstellung ein mir vertrautes Kinderbuch: Der rote Ballon, das Buch zum Film von Albert Lamorisse. Als ich mich über die Vitrine beuge, pfeffert der Schauspieler seinen weißen Mantel darüber. Ich fühle mich ertappt und höre wieder zu.

Wir wechseln den Raum. Der Schauspieler verschwindet um eine Ecke. Ich gehe hinterher. Und entdecke Fotografien von Brassaï an einer entlegenen Wand und biege ab. Eines der Bilder hat früher in meinem Zimmer gehangen. Ich lasse mich schon wieder ablenken. Ich schäme mich und laufe zurück ins Geschehen.

Der Schauspieler ist gerade zornig, ekstatisch, schreit. Ich weiß nicht, worum es geht. Er spielt gut. Ich beginne im Presseflyer zu lesen. Die Iszenierung stammt aus Wien, gastiert nur drei Tage in Hamburg. Die Regisseurin hat den Roman anlässlich des 80. Geburtstags des 1989 verstorbenen Autors fürs Theater adaptiert. Roman im Theater, Theater im Museum, ein Schauspieler für mindestens drei Rollen. Das Konzept finde ich spannend. Aber für den Moment ist es mir zuviel. Ich beschließe, das Buch zu lesen. Der Schlussapplaus fällt großzügig aus.

Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung

Auf den ersten Blick ist der neue Roman von Jeffrey Eugenides eine unterhaltsame Dreiecksgeschichte aus dem US-College-Milieu der 1980er Jahre. Auf den zweiten Blick ist Die Liebeshandlung oder im englischen Original „The marriage plot“ aber auch ein Statement darüber, wie Eugenides sich die Gegenwartsliteratur wünscht. Mit seinem dritten Roman legt er eine große, erzählerisch (auch in der deutschen Übersetzung) brilliante und dennoch moderne Liebesgeschichte vor. Dafür pickt sich der Autor „das Beste“ aus Postmoderne und Realismus heraus. So hat Die Liebeshandlung einen Plot in der Erzählstruktur des 19. Jahrhunderts aber mit dekonstruktivistischem Subtext.

Kompliziert klingt das aber nur im ersten Moment. Denn Die Liebeshandlung ist nicht nur für literaturwissenschaftlich Eingeweihte geschrieben: Auch ohne Vorwissen kann man die einzelnen Handlungsstränge des Romans der jeweils literaturtheoretischen Strömung zuordnen. Denn Eugenides schickt seine Leser in die selben College-Seminare wie seine drei Helden, die Studenten Madleine, Mitchell und Leonard. Da sitzt der Leser unvermittelt – wie damals en vogue – im Semitiotik-Seminar und hört der Diskussion über Jacques Derrida zu. Im nächsten Moment besucht er mit Mitchell und Leonard ein Seminar über östliche Religionen. Oder ist er Zaungast auf der Bettkante der liebeskranken Madleine, die versucht ihren Kummer mit Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ zu therapieren, einer Art Enzyklopädie des Gefühlslebens.

Auf diese Weise lernt der Leser auch die drei Protagonisten kennen, die Eugenides vor allem über ihre Lesevorlieben definiert. Madleine, angepasste Tochter aus gute Hause und Studentin der englischen Literatur, begeistert sich ganz gegen den Zeitgeist für den Roman des 19. Jahrhunderts, insbesondere für das viktorianische Zeitalter. Für Poststrukturalismus und Semiotik hat sie wenig übrig. Der nachdenkliche aber weltgewandte Theologiestudent Mitchell hat Schopenhauer und Nietzsche hinter sich gelassen und reist mit einem Rucksack voller christlicher Mystiker durch Europa und Indien. Unterwegs liest er Thomas von Kempen, Augustinus, Theresa von Avila oder Tolstoi. Der hochintelligente aber ebenso labile Biologiestudent Leonard springt scheinbar spielend zwischen den Disziplinen hin und her, Naturwissenschaften, Philosophie, Theologie und Literaturtheorie und jongliert mühelos mit allen Texten und Begrifflichkeiten.

Doch beginnen wir vorn: Madleine, Mitchell und Leonard studieren in den 80er Jahren an der Browne University in Rhode Island, der Alma Mater ihres Erfinders. 1982, zu Beginn des Romanes, stehen sie kurz vor ihrer Graduierung und schließen damit ihr Studium eben zu der Zeit ab, in der auch Eugenides dort graduiert hat. Überhaupt wirkt Die Liebeshandlung an vielen Stellen stark autobiographisch. Im Falle des griechisch-stämmigen Mitchell gibt Eugenides das auch unumwunden zu. Es ist aber auch zu offensichtlich: Mitchell sieht aus wie Eugenides in jungen Jahren aussah, er stammt aus Detroit, reist im Laufe des Romans auf spiritueller Sinnsuche nach Indien und arbeitet in Kalkutta in Mutter Theresas Heim für Sterbende – so wie Eugenides. Und obwohl der Autor sagt, die selbst erlebten Passagen seien ihm beim Niederschreiben besonders schwer gefallen –  für die Schilderung der Indienreise etwa habe er 20 Anläufe gebraucht, so ist Mitchell doch der am klarsten gezeichnete Charakter.

Der manisch depressive Leonard dagegen erinnert – auch wenn der Autor davon nichts wissen will – optisch wie charakterlich an Eugenides Freund aus New Yorker Tagen, seinen Schriftstellerkollegen David Foster Wallace. Und auch wenn Eugenides zugibt, trotz gewissenhafter Recherchen wenig über Manie und Depression zu wissen, gelingt ihm eine mitreißende Schilderung von Leonards manischen Phasen.

Einzig Madleine bleibt ein ungelöstes Rätsel. Man könnte nun mutmaßen, die Figur der schönen und angepassten Oberklassetochter besitze vielleicht deswegen so wenig charakterliche Tiefe, weil Eugenides kein lebendes Vorbild vor Augen gehabt habe. Für den Roman ist Madleine dennoch Zentrum und Motor in einem und damit unerlässlich. Denn sie ist es, die eine Entscheidung treffen muss zwischen dem verlässlichen Kameraden Mitchell und dem aufregenden, aber unzuverlässigen Leonard  – eine Entscheidung zwischen Verstand und Gefühl. Und dieser Verweis auf Jane Austens gleichnamiges Werk „Sense and sensibility“ ist keinesfalls zufällig.

Denn wenn auch der deutsche Titel von Eugenides Roman womöglich in die Irre führt, Die Liebeshandlung greift ein klassisches Romanmotiv auf, den „marriage plot“. Der Begriff stammt aus der angelsächsischen Literaturgeschichte. Dort tauchte er erstmals in der Romantik auf, einer Epoche, in der die Heirat ausschlaggebend war für die gesellschaftliche Zukunft einer Frau. Autoren wie Jane Austen schrieben damals Romane über junge Frauen, deren Dreh- und Angelpunkt die Eheschließung war. Diese Romane enden stets mit der Hochzeit ihrer Heldin. Im Laufe der Literaturgeschichte wandelte sich der „marriage plot“ ebenso wie die Gepflogenheiten der Ehe. Im viktorianischen Zeitalter schrieben die Schwestern Brontë schon deutlich düstere Romane. Sie beginnen mit der Eheschließung und schildern im weiteren Verlauf den Alltag des Ehelebens mit all seinen Höhen und Tiefen. In der Moderne schließlich führen die Ehepartnertauschepisoden in John Updikes Romanen die Idee des „marriage plot“ endgültig ad absurdum.

Madleine steckt nicht nur selbst mitten in einem solchen „marriage plot“, sie schreibt auch einen akademischen Fachartikel zum Thema. Darin untersucht sie die Auswirkungen des modernen Ehelebens auf den Roman und greift die These ihres greisen Literaturprofessor Saunders auf: Mit der fortschreitenden Gleichberechtigung der Frau verliere der Roman an Faszination. Die großen Romane seien in der Zeit Jane Austens entstanden. Mit dem Bedeutungsverlust der Ehe, gehe auch der Bedeutungsverlust des Romanes einher. Madleine stimmt ihrem Dozenten zu. Und das obwohl ihre eigene Einstellung zur Ehe nur unwesentlich moderner ist, als die einer Elinor Dashwood.

Madleine ist eine Tochter aus konservativem, wohlhabenden US-amerikanischen Elternhaus in der Zeit des konservativen „Backlash“, nach der Feminismusbewegung der 70er Jahre. Als Kind dieser Zeit stellt sich Madleine, die zwar im Stillen an den Lebensentwürfen ihrer Eltern zweifelt, aber weit davon entfernt ist, zur offenen Revolte zu blasen, die Frage: Wie geht es weiter, nachdem ich mein Studium abgeschlossen habe? Gehe ich den traditionellen Weg, heirate und gründe eine Familie? Oder konzentriere ich mich zunächst auf Beruf und Karriere? Und was bedeutet eine Entscheidung für diesen oder jenen Weg für meine gesellschaftliche Position?

Madleine ist zwar klug, aber auch vorsichtig und skeptisch Neuem gegenüber. Und so neigt sie instinktiv dazu, den ausgetretenen Pfaden ihrer Eltern zu folgen. Aus diesem Grund ist die Möglichkeit ihrer beruflichen Selbstverwirklichung in Eugenides Roman bis zum Ende hin unterrepräsentiert. Madleine entdeckt zwar im Laufe des Romans ihre beruflichen Interessen, beginnt ihren Werdegang zu planen und schreibt sich auf der Columbia University ein. Den Entschluss gegen das traditionelle Rollenmodell der Hausfrau und Mutter trifft sich aber eigentlich nicht selbst, sondern lässt die Umstände für sich entscheiden. So wird Eugenides Heldin am Ende beinahe unabsichtlich zur modernen jungen Frau. Dem „marriage plot“ verschafft sie so beiläufig die nötige Modernisierung um ihn gegenwartstauglich zu machen.

Denn um seinem Idealbild zu entsprechen hat Eugenides das klassische Romanmotiv an einigen Stellen etwas renoviert. Die Erzählform ist beibehalten, die Liebesgeschichte aber dekonstruiert. Obendrein wird bei Eugenides nicht nur aus Madleines Perspektive erzählt, sondern auch die beiden männlichen Protagonisten kommen zu Wort. Eugenides gelingt es auf diese Weise seine Mission zu verwirklichen, das klassische Romanmotiv in die Jetztzeit zu übertragen und sein Idealbild des Gegenwartsromans erschaffen. Ganz nebenbei widerlegt er auch die akademische These von Madleines Fachartikel. Denn mit der Liebeshandlung tritt Eugenides den aktuellen Gegenbeweis an, dass die besten Zeiten des Roman seit langem vergangen sind.

Nina Pauer, der Social Sitter und ein neues Buchprojekt

Nina Pauers Erstlingswerk  hatte das Lesen ist schön ja bereits im Oktober vorgestellt. Vor zwei Wochen habe ich die Autorin von „Wir haben keine Angst“ jetzt persönlich getroffen – bei einer Lesung in ihrer Hamburger Heimatbuchhandlung Cohen&Dobernigg.

Im anschließenden Gespräch wird mir klar, auch wenn die These ihres Buches auf den ersten Blick zu drastisch klingt, um wahr zu sein, Nina Pauer ist sich ihrer Position sicher: Ihre Generation – die der heute um die 30jährigen – fühlt sich oft überfordert von den unbegrenzten Möglichkeiten, die ihnen der Wohlstand der deutschen Akademiker-Mittelstandselternhäuser bietet, in die sie hinein geboren sind. Denn sie hat bei den Vorbereitungen für ihr Buch nicht nur in sich selbst hineingehört, sondern auch Freunde und Bekannte interviewt und sich so manche Therapiesitzung schildern lassen.

Fazit ihrer Ermittlungen: Eine wichtige Rolle bei der großen Verunsicherung spielt auch das Doppelleben in sozialen Netzwerken, das beinahe jeder von uns heute führt. Im Feuilleton der Zeit zeichnet Nina Pauer dieser Tage ein Online-Zukunftsszenario, das die Besorgnisse ihrer Generation auf die Spitze treiben dürfte: Vorgestellt wird die Social Sitter App, die Urlaubsvertretung auf Facebook oder, wie Nina Pauer schreibt, „das digitale Lottchen“.

Das Konzept zur App stammt von der Werbeagentur Kolle Rebbe und ist angeblich die ideale Antwort auf die Frage: Wer vertritt mich im Netz, wenn ich mal gerade leben muss? So übernimmt die App wahlweise für einen Tag oder mehrere Wochen tatsächlich die Profilbetreuung des abkömmlichen Kontoinhabers, kommentiert stellvertretend Beiträge, betätigt den „Gefällt mir“-Button oder lädt Videos auf der Profilseite hoch.

Die Begeisterung der Facebook Community hält sich zwar derzeit noch in Grenzen – lediglich 100 Fans haben die App bisher „geliked“. Gruselig klingt es jedoch allein die Vorstellung, dass einige von uns in naher Zukunft womöglich eine App engagieren, um ihren lückenlosen Onlinelebenslauf zu sichern. Nina Pauer sieht das ebenso. Aus diesem Grund wird „das Online-Ding“, wie sie mir im Gespräch verrät, Thema ihres nächsten Buches sein. Da musste ich sogleich genauer nachfragen:

das Lesen ist schön (dLis): Nina, wie hältst Du es selbst mit dem Online sein? Bist Du reif für den Social Sitter?

Nina Pauer (NP): Ehrliche Antwort? Manchmal wünsch ich mir grad schon eine Pause vom ewigen Bespielen-Müssen dieser virtuellen Sphäre. Ich würde mir allerdings keinen Online-Sozialsitter buchen wollen, sondern eher gerne die Fähigkeit haben, das Ganze mal kurz ruhen zu lassen. Die Erfahrung zeigt ja, dass die Welt wider Erwarten gar nicht untergeht, wenn man das Handy mal ausstellt oder einen Tag offline bleibt. Trotzdem hat man das Gefühl, immer präsent sein zu müssen.

dLis: Wie wichtig ist Dir und Deiner Generation das Online-Image tatsächlich? Und hast Du das Gefühl, ein Großteil Deiner Bekannten bildet sich seine Meinung über Dich online?

NP: Ich glaube, es wird insgesamt schon sehr genau wahrgenommen, wie man sich online so gibt und darstellt und benimmt. Aber wirklich ausschlaggebend für die Meinung der besten Freunden und engeren Bekannten ist es nicht, was dort passiert, für diese Menschen zählt vor allem noch das Auftreten im „wirklichen“ Leben. Ich finde bei Facebook geht es vielmehr um das Gefühl zwischen dem „analogen“ Ich und seiner eigenen virtuellen Kopie. Sprich: Wir sind es vor allem selbst, die sich da verrückt machen. Definitiv ein Thema furs nächste Buch!

Wir sind gespannt!

Die Lesenswertliste der Woche

– weil das Leben am Ende dich wichtiger ist als das Lesen mit eineinhalb wöchiger Verzögerung.

Platz 1. Irène Némirovsky, Suite francaise: Sommer 1940 in Paris und wie reagiert der Mensch in Situationen existenzieller Bedrohung? Die wiederentdeckte Starautorin aus dem Frankreich der 30er Jahre ist eine ebenso gute Beobachterin wie Erzählerin.

Platz 2. Junot Díaz, Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao: Wie kann man so unglaublich viele wunderschöne Sätze schreiben? Und dann auch noch alle nacheinander? Wie kann so viel Traurigkeit so leicht und so glücklich machen?

Platz 3Harald Martenstein, Der Sog der Masse, in: Die Zeit Nr. 46Es lebte die Reaktanz!

Platz 4. William Boyd, Eines Menschen Herz: Alles, was ich mittlerweile von William Boyd gelesen habe, ist klasse. Eines Menschen Herz hat mich besonders begeistert.

Platz 5. Oscar Wilde, Bunbury: Denn Oscar Wilde erinnert uns an die Bedeutsamkeit, ernst zu sein und setzt dabei die Ansichten und Gepflogenheiten der britischen Upper Class provokant und wortgewandt in Szene.

Platz 6. Matthias Stolz, Der Beschwerdeführer, in Zeit Magazin Nr. 46: Eine infografische Intervention gegen die lockere Beschwerdezunge von Restaurantbesuchern, die alltagsstressbedingt gerne jedes Haar in jeder Suppe finden möchten.

Platz 7. Osamu Tezuka, Adolf: Ein spannender Comic-Thriller, der zeigt, dass das deutsch-jüdische Verhältnis auch eine japanische Sichtweise hat.

Platz 8. Volker Kutscher, Der nasse Fisch, Das Hörbuch, gelesen von Sylvester Groth: Eine historische Reise durch Berlin. Ein Buch, das mir dabei hilft, die Stadt, in der ich wohne besser kennenzulernen.

Platz 9. Rainer Erlinger, Die Gewissensfrage, in Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 46: Die Gewissensfrage zum an-die-Wohnungstür-hängen zur Beseitigung jeder Zweifel was Ordnung im gemeinschaftlichen Hausflur angeht.

Platz 10. Nicht jetzt, Beileger des Kein und Aber Verlages: Diese erst auf den zweiten Blick als Werbung erkennbare Broschüre des Kein und Aber Verlages (die unter anderem am vergangenen Freitag der Süddeutschen Zeitung beilag) versüßte mir die erste Tasse Kaffee mit schönen Erlebnisberichten der Autoren des Verlages über das Zusammentreffen mit ihren Lesern.

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Jonathan Franzen, Freiheit: Die sozialpsychologische Familiensaga des Jahres.

Platz 2. Philip Roth, JedermannDas Hörbuch gelesen von Peter Fitz: Dieses (Hör)Buch (be)trifft jedermann, denn Roth erzählt, wie es ihm und uns allen geht – in Beziehungen, in der Familie, im Beruf und im Alter.

Platz 3. Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrigblieb: Die gesellschaftskritischen Betrachtungen eines Butlers, der sich Kritik nie erlauben würde, und zugleich eine traurigschöne Liebesgeschichte. Das Buch zum Film mit Emma Thompson und Anthony Hopkins. Wer beides noch nicht kennt, sollte das Buch wählen! Die Sprache ist sogar in deutscher Übersetzung ein Genuss.

Platz 4. David Sedaris, Schafft die Yaya raus, Hörbuch, gelesen von Harry Rowohlt, Gerd Haffmanns, Gustav-Peter Wöhler: Die schrägsten und besten Geschichten der Familie Sedaris.

Platz 5. Andrea de Carlo: Zwei von zwei: Mario und Guido lernen sich 1968 in der Schule in Mailand kennen und werden beste Freunde. Um die Ideale ihrer Jugend umzusetzen, schlagen sie unterschiedliche Wege ein. Die Geschichte einer Freundschaft und einer Generation. Einer der besten De Carlos überhaupt mit Figuren voller Lebenshunger und Gefühl.

Platz 6. Sarah Thornton, Sieben Tage in der Kunstwelt: Dass die Autorin deutlich länger als sieben Tage in der Kunstwelt unterwegs war, um diesen unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen zu verfassen, kann man aus jeder Seite herauslesen. Tatsächlich ist Soziologin Sarah Thornton ihrer Begeisterung für Gegenwartskunst gefolgt und hat beinahe sieben Jahre recherchiert, um das Hintergrundwissen für ihren vergnüglichen Sieben-Tages-Trip vom Auktionssaal, auf die Art Basel, in den Hörsaal einer Kunsthochschule usw. zu sammeln. 

Platz 7Morris, Lucky Luke – Die Erbschaft des Rantanplan: Der an chronischer Selbstüberschätzung leidende dümmste Hund des Wilden Westens in seiner größten Rolle.

Platz 8. Mario Vargas Llosa, Das böse Mädchen: Die Geschichte eines weiblichen Felix Krull und einer nicht immer gesunden Liebe in den 50er bis 80er Jahren des 20. Jahrhunderts auf drei Kontinenten.

Platz 9. W. Sommerset Maugham: Regen, Hörbuch, gelesen von Friedhelm Ptok, Hans Korte, Marietta Bürger, Werner Rehm: Mit scharfer Beobachtungsgabe verfasste Kurzgeschichten in klarem prägnanten Stil.

Platz 10. Jana Scheerer, Mein Vater, sein Schwein und ich: Eine liebevoll schräge Hommage an die Kindheit.

Kurzfristiger Media Overload – Manchmal macht Lesen krank

An sich gehöre ich zu den Menschen, die sich bei jeder fünfminütigen innerstädtischen Busfahrt ins Lesen stürzen. Ständig trage ich zumindest ein Buch, eine Tageszeitung oder eine Zeitschrift bei mir. Ich lese im Stau, im Skilift und in jeder noch so kurzen Wartezeit. In Ermangelung anderer Lektüre lese ich die Texte auf den Verpackungen von Haarshampoos und Fertiggerichten. Ich lese jedes Straßenschild und jede kostenlose Postkarte.

Und ebenso halte ich es mit anderen Medien. Im Auto höre ich Radio oder Hörbuch, an der Ampel checke ich E-Mails, Twitter-News oder tippe SMS, beim Laufen höre ich Musik, während ich koche, sehe ich Nachrichten und zum Einschlafen amerikanische TV-Serien. Und sogar in die Sauna habe ich schon Bücher mitgeschleppt.

Ständig konsumiere ich Medien. Und seit neuestem gestalte ich in der wenigen freien Zeit, die neben Arbeit und diesen allgegenwärtigen multimedialen Mahlzeiten noch bleiben, selbst ein Medium. Da war es wohl nur eine Frage der Zeit bis zum ersten Media Overload.Der suchte mich heute heim.

Aber was meine ich überhaupt, wenn ich von Media Overload spreche? Typisches Symptom: Die Verweigerung jeder Mediennutzung, ich gebe mich gänzlich medienresistent. Weitere Symptome: Hyperaktivität, Melancholie, Langweile und universelle Unzufriedenheit. Kurz gesagt macht mich der Media Overload zu einem unerträglichen Zeitgenossen.

Über die konkrete Ursache kann ich nur spekulieren: Der Herbsteinbruch mag mitschuld gewesen sein. Wenn man an einem Wochenendmittag Ende Oktober erwacht, die drei Sonnenstunden des Tages bereits verschlafen hat und die Wetteraussichten der nächsten fünf Monate ziemlich genauso so grau sind, wie das Nieselregeneinerlei vor dem Fenster, verstimmt das zugegebenermaßen die innere Sonnenanbeterin etwas.

Meine Vorliebe fürs Nachtbloggen mag auch seinen Anteil beigetragen haben. Es mag nicht schaden, auch mal eine Tages- oder Nachtzeit ganz ohne Newsrecherche, Buchbesprechung oder Artikelverfeinerung für die eigenen Blogeinträge zu verbringen. Ich tue es aber doch so gerne..

Und es war womöglich auch nicht gerade hilfreich als filmische Untermalung eines solchen Herbstwochenendes ausgerechnet Lars von Triers Weltuntergangsdepressionsdrama Melancholia oder den Joe Wrights ebenso brutalen wie destruktiven Film um die kindliche Killerin Hanna auszuwählen. Wessen Idee war es nochmal, diese Filme anzusehen?

Viel wichtiger als der Auslöser meines heutigen Media Overloads ist ja auch eigentlich das Gegenmittel, die Medizin. Was hilft bei einem plötzlichen und heftigen Ausbruch? Das zum Glück ist kein Hexenwerk. Gegen Media Overload hilft jegliche Form der körperlichen Anstrengung. Marathonlauf. Besteigung eines Zweitausenders. Ärmelkanaldurchschwimmung. Oder in meinem Fall etwas tiefer gestapelt: Von Kopf bis Fuß in Funktionskleidung gehüllt, dem Niselregen trotzend zwei Stunden am Elbstrand entlang rennen. Das Hirn durchlüften. Alle Schichten durchschwitzen.

Das funktioniert garantiert und hilft sofort. So gut, dass ich nach einer Stunde Elbstrandrennen bereits wieder zum ipod griff und mir von Dirk Bach Walter Moers‘ Stadt der träumenden Bücher vorlesen lies – zur Einstimmung auf den neuen Walter Moers. Die Fortsetzung. Denn so schwerwiegend mir der Overload auch vorkam, so schnell verschwindet er bei richtiger Behandlung auch wieder. Und zurück bleibt ein glücklicher Medienjunkie.

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Jeffrey Eugenides, Liebeshandlung: Denn es ist unterhaltsam, wie der Autor versucht, als 50-Jähriger aus der Perspektive einer 22-jährigen College-Studentin zu schreiben. Da fallen dann zwar mal Sätze, wie „sie fragte sich, warum alle so gemein zu ihr waren“, aber der geneigte Leser darf Madeleine auch in ihre ersten Literaturseminare (Semiotik u.a.) begleiten und das ist fast ein bisschen so, als würde man Derrida und Kollegen noch mal neu kennenlernen.

Platz 2Asfa-Wossen Asserate, Draußen nur Kännchen: Weil der Autor, ein äthiopischer Prinz, der vor Jahren schon mit seinem ersten Buch Manieren in meinem Regal landete, ein besonderes Portrait seiner deutschen Wahlheimat zeichnet

Platz 3. Jan Brandt, Gegen die Welt: Denn stammen wir nicht alle irgendwoher aus der deutschen Provinz?

Platz 4. Alex Capus, Léon und Louise: Nicht unbedingt wegen der Geschichte empfehlenswert, denn die ist nicht neu. Aber diese Sprache… – von einfacher Klarheit und doch bezaubernder Poesie. In der Grauzone zwischen Roman und Dokumentation. Lesen!

Platz 5. Benno Pludra, Bootsmann, Lütt Matten und all die anderen – Die schönsten VorlesegeschichtenWeil dieses Buch verzaubert. In poetischen Erzählungen verwandelt sich der Autor in einen Märchenerzähler, lässt Tiere sprechen und Steine Wundersames vollbringen, so dass man sich am Ende verträumt die Augen reibt.

Platz 6. Banksy, Wall and Piece: Allein schon wegen des Zitats eines Metropolitan Police Sprechers auf der Rückseite: „There’s no way you’re going to get a quote from us to use on your book cover“ – ganz zu schweigen von den genialen Bildern

Platz 7. Josef BierbichlerMittelreichDas Hörbuch. Vom Autor gelesen. Denn Bierbichler ist Schauspieler und seine Lesung köstlich.

Platz 8. Walter Moers, Die Stadt der träumenden Bücher. Das Hörbuch. Gelesen von Dirk Bach: So stimme ich mich auf Walter Moers‘ neues Buch ein.

Platz 9. Heike Koschyk, Die Alchemie der Nacht: Denn die Autorin liest nicht nur live wunderbar vor und erinnert stimmlich an Ruth Maria Kubitschek, sondern ihr Buch ist auch eine gelungene Kombination aus sorgfältigst recherchierter Wissensvermittlung über das 18. Jahrhundert und einem spannenden Kriminalfall.

Platz 10. Peer Steinbrück, Unterm Strich: Denn der Autor versteht wovon er spricht und bringt es auf den Punkt.

Haben wir Angst? – Die Generation Nina Pauer

Foto: S. Fischer Verlag

„Wie aus der Generation Golf die Generation Angst wurde“, schreibt die FAZ. „Kein Mut nirgends“ bringt es jetzt.de auf den Punkt. „Uns gehts nicht gut“ betitelt es das Missy Magazin. In allen möglichen Kulturteilen aller möglicher Zeitschriften und Tageszeitungen blitzte mir in den letzten Wochen ein Thema entgegen. Die Generation der in den 1980ern geborenen entsendet erstmals geballt ihre Botschafter in den deutschen Bücherherbst. Und die schreiben bevorzugt über die verflixt komplizierte Seelenlage ihrer Generation.

Eine Handvoll Intellektueller, die die üblichen Probleme junger Städter zur Psychose einer Generation hochstilisieren, dachte ich mir. Um was für verrückte Probleme mag es da gehen, fragte ich mich. Und kaufte mir das Buch der jungen Autorin, die mir am häufigsten begegnet war: Nina Pauer, freie Journalistin für ZEIT Feuilleton und ZEIT Magazin und Verfasserin von „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“.

Und ich stellte sehr schnell fest, Anna und Bastian, um die 30, die beiden grundverschiedenen Protagonisten in Pauers Buch sind mir gar nicht so unähnlich. Nur zu gut kenne ich Annas Gefühl des Hamsters, der im Agenturalltagsrad feststeckt, der tags und nachts und wochenends schuftet, seine Freunde und Familie vernachlässigt, und irgendwann völlig entkräftet und deprimiert vom Stängel kippt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf die banale Frage, wie es einem geht, in Tränen auszubrechen. Und ich kenne die Erkenntnis, dass die beinahe 30 Jahre ältere Mutter körperlich wesentlich fitter ist als man selbst. Aber auch Bastians Seite ist mir vertraut: Die Gunst des freien Studentenlebens nicht nutzen zu können, sondern durch die Option der Freiheit unangespornt in Lethargie zu versinken.

Zum Hineinversetzen prägnant zeichnet Nina Pauer das Portrait einer Generation, der es doch eigentlich so gut gehen müsste, wie keiner anderen zuvor, die stattdessen aber – wie im Fall von Anna und Bastian – auf dem Therapiesessel des Therapeuten Herrn G. landet. Dabei haben die Annas und Bastians dieser Welt keine Kriege erlebt, nie Hunger gelitten, sondern hatten von klein auf eigentlich alles. Sie sind vielfach im mittelständischen Wohlstand deutscher Bürgerlichkeit aufgewachsen. Haben eine gute Schulbildung genossen, sprechen mehrere Sprachen, haben studiert, waren im Ausland. Und bei alledem haben ihre Eltern ihnen immer vermittelt: Sucht Euch Euren eigenen Weg!

Diese Chance zur Selbstverwirklichung ist jedoch genau das Dilemma der Generation Nina Pauer. Aus dem Topf der unbegrenzten Möglichkeiten schöpfen die Annas und Bastians nämlich keinesfalls Selbstsicherheit, Glück und Lebensfreude, sondern zunehmende Verunsicherung und Angst.

Nina Pauer sagt, ihrer Generation gehe es eigentlich gut, sie habe eben nur fünf große Ängste: Die Angst unvermittelt von der Karriereleiter zu kippen und im beruflichen Nirgendwo zu verschwinden. Die Angst, in der Liebe zu viele Kompromisse einzugehen und sich an den erstbesten potenziellen Lebenspartner zu verschwenden. Die Angst erwachsen zu werden und vor dem Versorger-Rollentausch von Eltern und Kindern. Die Angst, im Gewimmel der virtuellen Freunde die richtigen und wichtigen Seelenverwandten aus den Augen zu verlieren. Und die Angst vor dem eindeutigen politischen Statement.

Und natürlich sind diese Ängste nachvollziehbar. Die Medienbranche, die typische berufliche Heimat der Annas und Bastians, bietet nicht gerade die Absicherung einer deutschen Beamtenlaufbahn. Die Halbwertszeit der deutschen Beziehung hat sich in den letzten 30 Jahren vermutlich halbiert. Das Rundumpaket an finanzieller und emotionaler Verpflegung, dass unsere Eltern uns quasi als „Flatrate“ seit Geburt zur Verfügung stellen, hat uns verwöhnt und auch ein wenig verweichlicht. Die schöne neue Facebook-Welt lenkt uns vom wirklichen Leben ab und das politische Statement ist tatsächlich unpopulär. Es geht uns einfach zu gut, als dass wir uns ernsthaft für eine politische Idee engagieren.

Dementsprechend lassen sich die Nöte von Anna und Bastian auch nicht einfach wegtherapieren. Die Generation Nina Pauer wird wohl auch in Zukunft permanent glücklich und unglücklich zugleich sein. Und das Buch begnügt sich einstweilen mit dem Fazit eines Etappensieges: Generationstherapeut Herr G. lobt Anna und Bastian am Ende des Buches für ihren Fortschritt. Denn „Thematisierung ist der erste Schritt zur Heilung.“ Das dachte sich wohl auch Nina Pauer als sie dieses in jeder Hinsicht polarisierende aber durchaus auch diskussionswürdige Generationsportrait verfasste.

Mein Fazit ist unterdessen optimistischer: Denn trotz meiner Seelenverwandtschaft mit Anna und Bastian, fühle ich mich nicht reif für den Therapiesessel. Natürlich kenne ich die kleinen Ängste des Alltags. Insbesondere mit leerem Magen zweifle ich manchmal an der ganzen Welt. Aber ebenso gut kenne ich auch die großen und kleinen Trostpflaster und Kraftspender, die meine Laune verlässlich vom Nullpunkt ins Stimmungshochgebirge versetzen. Diese Notfallmaßnahmen helfen zuverlässig – und so ist mein persönliche Résumé: Ich habe keine Angst!

Deutschlands einzige Comic-Bibliothek

Seit wir die meisten unserer Alltagsgüter in Filialen wenig charmanter Kaufhausketten erwerben, geraten wir angesichts eines Tante Emma Ladens im alten Stil geradezu in Verzückung. Auf einem herbstlichen Samstagsspaziergang durch Berlin Mitte habe ich kürzlich einen solchen kleinen Laden speziell für Comics und Graphic Novels entdeckt und war sogleich begeistert. Denn Renate Comics in der Tucholskystraße 32 ist nicht nur einfach ein Laden. Hinter der schmucken Altbaufassade mit den großen Schaufenstern verbirgt sich eine Comic-Buchhandlung, Deutschlands einzige Comic-Bücherei und eine Galerie quasi in Lokalunion. Obendrein bringt der Verein, der den Laden betreibt, jährlich ein Magazin heraus, hat einen Weblog und bietet Comic-Kurse für Kinder an.

Ich erkunde zunächst den Laden: Im vorderen Teil des hübschen Geschäftes berät eine freundliche Comic-Kennerin mit süddeutschem Slang beim Kauf aktueller Comics und Graphic Novels, z.B. aus dem Hause Carlsen oder des Berliner Reprodukt Verlages. Außerdem  stehen Postkarten und limitierte Siebdrucke zum Verkauf. Der hintere Teil des Ladens ist Bücherei. Für eine Jahresgebühr von 12 Euro (für Erwachsene und 5 Euro für Kinder) steht mir der Comic-Himmel offen. In den Regalen stehen 15.000 Bände. Die antiquarischen Exemplare können nur vor Ort angesehen werden, alle anderen darf ich für zwei Wochen mit nach Hause nehmen. Und dabei habe ich die Auswahl zwischen Science Fiction, Abenteuergeschichten, Fanzines aus aller Welt, Comic-Kunst, Kindercomics, Sekundärliteratur oder graphischen Novellen. Meine Augen leuchten. Und ich verspreche umgehend Renate Comics weiterzuempfehlen…

Zugehört bei Jan Brandt

Soll ich wirklich eine Lesung besuchen ohne das Buch dazu jemals in Händen gehalten zu haben? Fragte ich mich gestern Abend auf dem Weg in die Hamburger Buchhandlung cohen+dobernigg und fühlte mich schlecht vorbereitet. Andererseits Jan Brandts beinahe 1.000-seitiges Debüt Gegen die Welt über eine Jugend in der deutschen Provinz hätte ich in der Zeit zwischen Anmeldung und Lesetermin ohnehin niemals bewältigen können. Und ich war doch so neugierig auf den 37-jährigen Autor, dem mit seinem Erstlingswerk gleich der Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelungen war. In den Feuilletons war er gefeiert worden, den Preis hatte am Ende dann doch Eugen Ruge gewonnen. Aber für Jan Brandt muss der Hype um sein Debüt doch trotzdem eine große Sache gewesen sein, dachte ich.

Doch Jan Brandt gibt sich lässig. Für ihn wäre der Buchpreis zu viel des Guten gewesen und hätte ihm jeden Ansporn weiter zu schreiben genommen sagt er – mit Augenzwinkern zwar, aber doch auch betont cool und abgeklärt. Er wirkt nicht wie einer, der sein Inneres nach außen kehren will. Sympathisch zwar, aber auch sehr kontrolliert. Er spielt geschickt mit seinen Zuhörern. Gibt sich ironisch, nimmt sich selbst auf die Schippe. Das funktioniert immer, auch bei mir: Ich finde ihn gleich noch etwas netter. Ob es ihm wohl Freude macht aus seinem Buch vorzulesen, frage ich mich. Ich weiß es nicht. Jan Brandt grinst, aber er lächelt nie.

Dass sein Durchbruch als Romanautor von langer Hand geplant war, sagt er. Seine bisherige journalistische Arbeit nennt er „gejobbt um sich die Schriftstellerei zu finanzieren“. Mindestens drei Tage pro Woche habe er an seinem Erstlingswerk geschrieben. Und dass es anfangs quasi nebenbei in Schreibpausen eines anderen Romans entstanden ist. (Ob dieser andere Roman wohl sein zweites Buch wird? Jan Brandt lässt das offen.) Und als er vorzulesen beginnt, verstehe ich schnell, wie er es geschafft hat, fast 1.000 Seiten zu schreiben. Jan Brandt hat selbst erlebt, wovon er spricht und offenkundig erinnert er sich noch gut an seine Jugend in der Kreisstadt Leer, in der niedersächsischen Provinz.

Detailliert beschreibt er Facetten und Nuancen der Bewohner des fiktiven Ortes Jericho in Ostfriesland. Aber auch Deutschland in den 80er Jahren, wie auch ich es als Schulkind erlebt habe. Und obwohl es ihm gelungen ist, sein Jugendtrauma in ein solides Fundament einer Schriftstellerkarriere umzuwandeln, hat man beim Zuhören doch den Eindruck, Jan Brandt knabbert immer noch an der Enge dieser kleinen Welt.

Optisch hat er sich jedenfalls demonstrativ von seiner Provinzjugend abgegrenzt. Ich stecke ihn auf den ersten Blick in die Schublade Berlin Kreuzberg. Mager ist er, der Typ Schreibtischtäter im Band T-Shirt, eher engerer Jeans und Turnschuhen. Schütteres Haar, dunkle Augen mit der obligatorischen halb eckigen schwarzen Nerdbrille. In Berlin lebt Jan Brandt übrigens tatsächlich. In die alte Heimat kann er spätestens nach diesem Buch ohnehin nicht mehr zurück, oder?

Doch. Denn die Buchpreis-Nominierung hat die Leeraner mit ihrem neuerdings deutschlandweit bekannten Abkömmling vollends versöhnt, beschreibt Jan Brandt das Phänomen, dass ihn die Bewohner seiner Heimatstadt „nicht steinigen wollten“ nachdem er Gegen die Welt publiziert hatte. „Aber“, so vermutet Jan Brandt, „wahrscheinlich haben die auch einfach noch nicht die entscheidenden Stellen im Buch gelesen“.

Und am Ende einer unterhaltsamen Lesung und eines netten Gespräches beschließe ich: Man muss nicht jedes Buch gelesen haben, manchmal reicht es auch, nur Ausschnitte zu hören. Aber Jan Brandt werde ich mir trotzdem merken.

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Josef Bierbichler, Mittelreich: Mein Buch der Woche, weil es ein Stück Geschichte meines Zuhauses erzählt.

Platz 2. Nina Pauer, Wir haben keine Angst: Weil ich wissen will, wie verquer meine Generation ist.

Platz 3Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Es ist phantastisch, wie viele Anregungen dieses Buch gibt, sich und die Welt in der man lebt, neu zu begreifen.

Platz 4. Tommie Bayer, Das Aquarium: Weil Bayer einer der wenigen zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren ist, der erotische Spannung auf hohem literarischen Niveau erzeugen kann.

Platz 5. Patricia McCormick, Verkauft: Weil es sehr direkt, ehrlich, realistisch und oft schockierend die Geschichte von Lakshmi in Nepal beschreibt. Manchmal habe ich Stellen nochmal gelesen, weil ich gar nicht glauben konnte, was dort stand und passiert ist.

Platz 6. William Gibson, Neuromancer: Weil es mit dem Cyberpunk die Zukunft voraussehen wollte, die heute schon Vergangenheit ist.

Platz 7. Patrick Rothfuss, Die Furcht des Weisen, Teil 1: Weil ich auf dieses Buch seit Monaten warte!!!

Platz 8. Jan Philipp Sendtkner, Das Herzen-hörenWeil es mir ein besseres Gefühl für Burma gibt, als jeder Reiseführer das könnte, und ich bald nach Burma reise.

Platz 9. Kenneth Rogoff, Dieses Mal ist alles anders: Weil acht Jahrhunderte Finanzkrisen alles andere als langweilig sind.

Platz 10. Stephen Hawking, Der große Entwurf: Weil Hawking ein lesbarer Fachautor ist, der spannend, differenziert, fachlich anspruchsvoll und doch gut lesbar über Naturwissenschaften bis hin zu philosophischen Betrachtungen schreibt, ohne anstrengend zu sein.

Nicht neu aber umso hörenswerter: Die Mittagsfrau von der Autorin gelesen

Foto: Der Hörverlag

„Blind am Herzen“ sei die Mutter, sagt die neun Jahre ältere Martha zu ihrer kleinen Schwester Helene. Mit dieser Beschreibung versucht Martha den Umstand zu erklären, dass Selma Würsich ihre jüngste Tochter ablehnt. Diese Ablehnung bekommt die kleine Helene schon früh zu spüren. Und auch die Totgeburt vierer Brüder und die schlesisch-jüdische Herkunft der Mutter, die sie in Bautzen als Ehefrau eines angesehenen deutschen Druckers zur Außenseiterin werden ließ, erklären dem kleinen Mädchen diesen Umstand nicht ausreichend.

Helene erschaudert jedes Mal, wenn sie im Laufe ihres Lebens ähnliche Züge an sich selbst erkennt. Und doch ist es Helene, die viele Jahre später im Prolog von Julia Francks Roman Die Mittgsfrau ihren siebenjährigen Sohn Peter, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, auf der Zugreise gen Westen beim Umsteigen am Bahnhof Pasewalk, zurücklässt. Erschüttert habe ich Julia Franck diese Passage ihres Romanes vorlesen hören und mich gefragt: Was kann es für Gründe geben, die so ein Verhalten rechtfertigen?

Diese Frage mag sich Julia Franck selbst gestellt haben, als sie die Idee für ihren Roman entwickelte, der 2007 den Deutschen Buchpreis gewann. Denn die Geschichte von Helene und Peter ist ihre Familiengeschichte. Ihr Vater erfuhr das Schicksal des von der Mutter ohne jede Erklärung zurückgelassenen Kindes. Wie der kleine Peter in Julia Francks Roman wuchs auch der Vater der Autorin bei Verwandten auf. Ebenso wie Peter entschied er sich, die Mutter nie im Leben wiedertreffen zu wollen. Und auch mit seiner Tochter sprach er nie über die Großmutter. Julia Franck recherchierte später, dass diese 1996 in Berlin starb und zeitlebens nie wieder über ihren Sohn gesprochen hatte.

Und doch zeichnet Julia Franck ein so liebenswertes Bild der Frau, die die familiäre Tragödie ihres Vater begründete, dass man unwillkürlich den Eindruck bekommt, sie wolle eine nachträgliche Versöhnung herbeiführen. Der Prolog ihres Romans endet mit der Verzweiflung des am Bahnsteig zurückgelassenen Kindes. Der Hauptteil beschreibt die Lebensgeschichte der Mutter, Helene Würsich, ihrer Großmutter. Der Epilog deutet an, dass Peter seiner Mutter diese Tat nie verzeihen wird.

Und schon nach den ersten Sätzen des Romans, die die aufgeweckte Helene beschreiben, die sich vertrauensvoll der Fürsorge ihrer älteren Schwester Martha hingibt, verliebe ich mich in das kleine zarte Wesen und wünsche mir Helene zur Tochter, zur Schwester, zu Freundin. Verzückt höre ich dem kleinen Mädchen zu, dass voller Hoffnung, Lebensmut und Vertrauen in sich selbst in die Zukunft blickt und die ihr unverständlichen Merkwürdigkeiten ihres Lebens still erträgt,

Und zugegeben dauert es eine Weile, bis ich die aufwachsende, kluge und vielseitig begabte Helene mit Peters Mutter – der vom Leben gezeichneten Alice – in Verbindung bringe. Die Namensänderung erklärt Julia Franck erst viel später. Anfangs fragte ich mich daher, wie Helene und Peter wohl in Verbindung stehen mögen. Mache als Gemeinsamkeit nur eine angedeutete jüdische Herkunft beider aus. Und vermute ganz falsch, der Roman stelle verschiedene jüdische Schicksale zueinander in Relation.

Aber vielleicht ist genau das Julia Francks Absicht: Eine Romanheldin zu schaffen, mit der man sich anfangs blindlings identifizieren kann. Um den Leser abzuholen, einzupacken und mitzunehmen auf den Lebensweg der Helene Würsich. Und unterwegs zu erklären, wie es soweit kommen konnte.

Und der Plan gelingt. Nach sechs CD’s Die Mittagsfrau, von der Autorin einfühlsam und beinahe zärtlich vorgetragen, verzeihe ich der Helene Würsich zwar nicht, dass sie sich von der Verantwortung erdrückt und überfordert fühlt und ihren kleinen Sohn nicht lieben kann, wie man es von einer Mutter erwarten könnte. Aber ich verstehe Helene. Ich verurteile sie nicht mehr wie am Anfang. Ich finde es nur noch traurig, wie ein Leben einem Menschen alle Kraft und Wärme rauben kann. Und doch begeistert mich Julia Francks Roman und ihre Lesung. Und ich bin gespannt auf ihr neues Buch, Rücken an Rücken, das am 21. Oktober erscheint.

Mein sanfter Zwilling: Ein Interview mit der Autorin

Foto: Ives Noir

Samstag spät vormittags auf der Frankfurter Buchmesse: Eine übermüdete Journalistin trifft eine übernächtigte Schriftstellerin. Nino Haratischwili, Autorin von Mein sanfter Zwilling und in diesem Moment nominiert für den Preis der Hotlist 2011, den deutschen Independence Buchpreis, den sie wenige Stunden später gewinnen wird. Hier werden vorläufig nur Augenringe verglichen und Kaffeeinfusionen verteilt. Und da sage nochmal jemand das Frankfurter Nachtleben sei keinen Besuch wert.

In meinem Fall: falsch. Ich habe letzte Nacht Nino Haratischwilis Buch gelesen. Fast 400 Seiten. Ich bin beeindruckt. Und habe es tatsächlich durchgelesen. Stolz, gut vorbereitet zu sein, stelle ich meine Fragen und außerdem fest: Zuhören, Mitschreiben, Mitdenken geht heute nicht parallel. Na prima, und wie soll das dann ein ordentliches Interview werden? Nino muss mir helfen, mich retten. Das tut sie. In einen dicken Schal gewickelt, mit einem Becher Kaffee in der Hand und ihren freundlichen, wenn auch müden, schwarzen Augen konzentriert in die Ferne blickend. Und spricht über ihren zweiten Roman.

Mein sanfter Zwilling ist ein mitreißendes Buch. Erzählt wird darin die Geschichte von Ivo und Stella, die keine Geschwister sind, aber wie Bruder und Schwester aufwachsen. Die sich so gut kennen, wie man sonst nur sich selbst kennt. Die sich lieben und hassen, begehren und zurückstoßen, sich stützen und verletzen und immer wieder voreinander weglaufen. Und die ein dramatisches Erlebnis aus ihrer frühen Kindheit aneinander kettet. Damals waren Ivo und Stella ungewollt Mitwisser der Affaire von Stellas Vater mit Ivos Mutter. Während ihre Eltern sich liebten, spielten Stella und Ivo im Garten. Bis eines Tages Ivos Vater unangemeldet nach Hause kam.

Und das ist eigentlich erst der Anfang eines gemeinsamen Lebensweges, der bis in beider Mitdreißiger hineinreicht und von Ich-Erzählerin Stella in Rückblicken aufgearbeitet wird. Stella, inzwischen 36, lebt anfangs ein scheinbar bürgerlich geordnetes Leben als verheiratete Journalistin mit verantwortungsvollem Ehemann und Sohn. Bis Ivo, inzwischen erfolgreicher Kriegsreporter mit exzessivem Lebenswandel, nach Jahren des Untertauchens plötzlich vor ihrer Tür steht und in kurzer Zeit jede Ordnung durcheinander und jede Vernunft zum Erliegen bringt.

Die Situation spitzt sich zu, der Leser erwartet den finalen Knall. Stattdessen stellt Nino Haratischwili der Geschichte um Ivo und Stella noch einen zweiten Handlungsstrang zur Seite. Dieser zweite Teil des Romans spielt in Georgien und erzählt von einer Familie, deren Geschichte im Kaukasus-Konflikt ihren Anfang nimmt und bis in die Gegenwart hineinreicht. Ivo recherchiert die Geschichte dieser Familie, reist nach Georgien, überredet Stella, nachzukommen. Will ihr zeigen, was er herausgefunden hat. Und sich versöhnen. Doch erst zu spät versteht Stella Ivos Anliegen.

Nino Haratischwili gelingt mit Mein sanfter Zwilling ein Werk voller Gegensätze: Eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama und ein Kriegsepos in einem. Die Figuren sind lebenshungrig und doch destruktiv. Sie können nicht miteinander und ebenso wenig ohne einander. Sind aufopfernd und doch egoistisch. Das Buch liest sich rasant und zugleich hat es Tiefe. Ein beeindruckender Roman, der zurecht den Preis der Hotlist 2011 gewonnen hat. Aber davon weiß Nino Haratschimili vorläufig noch nichts. Den Preis erhält sie erst abends. Vormittags gibt sie sie noch ganz bescheiden, fast desinteressiert, auf die Frage, ob sie mit einer Auszeichnung rechnet. Nein. Darüber denke sie nicht nach. Preise seien schön, aber nicht entscheidend sagt sie. Und ich frage weiter:

das Lesen ist schön (dLis): Ihre frühe Kindheit haben Sie in Georgien verbracht, später haben Sie mit Ihrer Familie in Deutschland gelebt. Zwischen 200o und 2003 haben Sie in Tiflis studiert, 2007  ihr Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg absolviert, seither schreiben und inszenieren Sie Theaterstücke in Georgien und Deutschland und haben zwei Romane verfasst. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Nino Haratischwili (NH): Meine Heimat ist definitiv Georgien, mein Leben findet aber heute in Deutschland statt. Bisweilen ist das eine Gratwanderung zwischen zwei Welten, ein wenig anstrengend aber auch eine Bereicherung.

dLis: „Mein sanfter Zwilling“ ist ein Pageturner und dennoch ganz und gar nicht seicht. Wie schreibt man ein Buch, dass man bereits nach wenigen Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann und das dennoch Tiefe besitzt? 

NH: Oh vielen Dank. freut mich, wenn es so ist! Am Anfang steht natürlich immer der Wunsch, eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Die habe ich in einigen Monaten – von einer anfänglichen Idee ausgehend – entwickelt. Der Aufbau des Romans ist dann eine dramaturgisch bewusste Entscheidung, die natürlich mit Erwartungen spielt. Denn am Ende geht es ja nur vordergründig um die Tat der Eltern. Letztlich ist entscheidend was haben die Kinder getan. Und es ist natürlich eine Gradwanderung, wieviel man unterwegs verrät. denn ich möchte ja den Leser dazu anregen die Puzzlesteine selbst zusammenzusetzen.

dLis: In meinem Fall ist Ihnen das absolut gelungen. Aber muss eine Geschichte, die dem Leser erst Stück für Stück enthüllt wird, in der Entstehung nicht sehr genau konstruiert werden? 

NH: Ich konstruiere nicht, ich schreibe meine Texte zügig runter. Am sanften Zwilling habe ich ein Jahr gesessen, ein halbes Jahr hat das Lektorat gedauert. Am Anfang brauche ich nur einen Baustein. Entweder einen Anfang oder einen Endpunkt, auf den alles hinausläuft. Die Figuren sind noch nicht fertig ausgebaut. Ich folge ganz intuitiv dem, was entsteht. Ich bin nicht kontrolliert und finde das auch gut  so. Das heißt, wenn ich in einem Café sitze und es regnet, wird ein Text ganz anders, als wenn ich zu Hause bin oder die Sonne scheint. Das verändert eine Geschichte natürlich nicht total, aber die Nuancen der Persönlichkeiten und ihrer Handlung schon.

dLis: In ihrem Roman geht es um Liebe und Abhängigkeit, um Schuld, Gier und Groll. Was ist das Hauptmotiv? Der erste Baustein? Ihr Ausgangspunkt? 

NH: Mir ging es um die Frage: Wie schuldfähig ist ein Kind? Kann ein Kind überhaupt Schuld auf sich laden? Und ist es gerechtfertigt, sich selbst oder einem anderen ein bestimmtes Verhalten in der Kindheit vorzuhalten.

dLis: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

NH: Ich glaube, rein objektiv ist ein Kind nicht schuldfähig. Aber das Kind selbst – in diesem Fall Stella wurde immer wieder mit der Konsequenz ihrer Schuld konfrontiert, bis sie irgendwann die Schuld als einen Teil ihrer Identität annahm. Obwohl sie natürlich selbst weiß, dass sie damals „nur“ ein Kind war und letztlich nichts dafür kann, was geschehen ist, konnte sich Stella von dieser Schuld nie ganz frei machen.

dLis: Ich habe über fast 400 Seiten mit Stella gelitten. Und am Ende weiß ich gar nicht, wie ist das Ende des Romans gemeint? Mir kam es trotz aller Tragik fast positiv und versöhnlich vor.

NH: Auf eine Art ist es das, ja. Aber dann auch wieder nicht. Mir war das Ende lange Zeit nicht klar, ich habe hin und her überlegt. Das Traurige im zweiten Teil ist ja, dass Stella Ivo missversteht. Der sucht Versöhnung. Sie glaubt, er will sie mit ihrer Schuld konfrontieren. Und am Ende, als Stella herausfindet, worum es Ivo ging, ist es zu spät, um sich mit ihm auszusprechen. Und ich denke, Stella wird es sehr schmerzen, dass sie Ivo so falsch eingeschätzt hat.

dLis: Ihr Roman ist zweigeteilt. Im zweiten Teil stellen Sie Ivo und Stellas Geschichte eine zweite Handlung zur Seite, die Geschichte einer Familie im Kaukasuskonflikt. Welche Funktion übernimmt der zweite Teil des sanften Zwilling?

NH: Ich wollte das persönliche Leid von Ivo und Stella in einen größeren Kontext setzen. Dem persönlichen Schicksal ein politisch allgemeines gegenüberstellen.

dLis: Es ist viel Psychologie im Spiel, haben Sie sich darauf intensiv vorbereitet, viel recherchiert?

NH: Das stimmt, aber das war gar keine Absicht. Ich verstehe nicht besonders viel von Psychologie. Ich habe mich nur auf die Menschen konzentriert. Ich wollte dass man sich beim Lesen mit den Personen identifizieren kann und ihre Position versteht.

dLis: Ihr Buch erzählt eine sehr drastische Geschichte, mit vielen Extremsituationen. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

NH: Ich denke, das ist vor allem aus Empathie und Mitgefühl so entstanden. Die extremen Positionen haben sich automatisch entwickelt, als ich die Personen entwickelt habe.

dLis: Sie sind sehr produktiv, schreiben Theaterstücke, inszenieren diese vielfach selbst, veröffentlichen Stücke, haben in kurzer Zeit zwei Romane geschrieben. Woher nehmen Sie die Inspiration?

NH: Ich bin wie ein Sieb und lasse das Leben und all die Geschichten durch mich hindurchfliessen. Andererseits würde ich nie ungefiltert eine eigene private Geschichte verwenden. Beim sanften Zwilling hat nur der Krieg in Georgien, für dessen Darstellung ich intensiv recherchiert habe, eine dokumentarische Funktion.

dLis: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute Abend!

Und Nino Haratischwili bedankt sich zurück, gießt sich noch einen Kaffee in den Becher und denkt nicht an die Preisverleihung heute Abend. Das tue ich für sie.