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Gut gemeint: Der Ökofimmel der Deutschen und was er wirklich anrichtet

Foto: Random House

Wäre es nicht so absurd, käme es mir fast lustig vor. Und zugegeben beim Lesen des Spiegel-Artikels „Deutschland – ein Ökomärchen“ musste ich einige Male lauthals auflachen. Und das obwohl mir Autor Alexander Neubacher in seinem Essay eigentlich genau das erzählt, was ich nicht hören möchte: Meinen kleinen, alltäglichen Beitrag zum Thema Umweltschutz kann ich getrost in die Tonne treten, der bewirkt herzlich wenig. Und  wir Deutschen sind meilenweit davon entfernt, besonders umweltbewusst zu leben, selbst die Grünsten unter uns.

Zunächst klingt es absurd, aber Neubacher macht mir schnell plausibel, warum zum Beispiel die deutsche Mülltrennung am Ende wertlos und verschwendete Liebesmüh ist. Wenn das duale System nämlich nur 36 Prozent des Plastikmülls „wertstofflich verwerten“ muss, die Müllfirma hingegen mit dem Rest verfahren kann, wie sie will und voraussichtlich den Weg wählen wird, mit dem sie das meiste Geld verdient, wird eben trotz all unseres Mülltrennungs-Engagements 64 Prozent des deutschen Plastikmülls verbrannt.

© Agentur Ostkreuz

Ein ebenso verqueres Beispiel ist die neue Energiesparleuchte, die EU-weit seit kurzem unsere alte Glühbirne ersetzen soll. Die verbraucht zwar deutlich weniger Strom als ihre Vorgängerin, dafür stecken in jeder einzelnen Sparleuchte fünf Milligramm Quecksilber und machen diese damit zu einem Fall für die Sondermülldeponie. Eine Nürnberger Entsorgungsfirma hat extra eine Maschine erfunden, die jede einzelne Birne vorsichtig aufsägt, den Leuchtstoff samt Quecksilber absaugt, das Gemisch luftdicht in Tüten verpackt, per LKW in den Harz fährt und dort in einem Salzbergwerk tief unter der Erde endlagert. Ein absurdes Szenario – vom Gesundheitsrisiko zerbrochener Birnen und der Umweltbelastung bei der Herstellung der Leuchten gar nicht zu sprechen.

Doch Spiegel-Redakteur und Träger des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises Alexander Neubacher kennt noch beunruhigend viele weitere Szenarien dieser Coloeur: Das Elektroauto, das mit herkömmlichem Strom betrieben mehr CO2 freisetzt, als ein Benzinfahrzeug. Und das Dosenpfand, das ausgerechnet die umweltfreundliche Mehrwegflasche aus dem Handel drängt, sind nur zwei Beispiele. Die Dinge sind eben manchmal komplizierter, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, so Neubacher abschließend. Da muss ich ihm zweifelsohne Recht geben. Und weil mich sein Artikel tatsächlich nachdenklich gestimmt hat, beschließe ich, sein neues Buch zu bestellen. „Ökofimmel – Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten, ist gestern bei Random House erschienen.