Schlagwort: Alles inklusive

Die Lesenswertliste der Woche

Damals mit 15 hat uns das „Jetzt-Magazin“ so manchen Beginn einer Schulwoche versüßt. Jeden Montag lag das Jugendmagazin (das heute nur noch online existiert) der Süddeutschen Zeitung bei. Hielten wir es in Händen, blättern wir zu allererst auf die letzte Seite. Dort veröffentlichte „Jetzt“ allwöchentlich die großen und kleinen Dinge, die das Leben damals lebenswert machten in einer Liste. Das Ranking bestimmten die Leser des „Jetzt-Magazins“ –  wir – die zu diesem Zweck ihre persönlichen Lebenswertlisten oder nur einzelne Punkte daraus per Fax oder Brief an die Redaktion schickten. Nicht nur einmal entdeckten wir unsere Vorschläge in der Liste wieder.

In Erinnerung an diese schöne Zeit und das leider schon vor vielen Jahren in dieser Form eingestellte „Jetzt-Magazin“ möchte ich ab sofort auf dieser Seite einmal in der Woche eine Lesenswertliste veröffentlichen und darin all die lesenswerten, hörenswerten und sehenswerten Texte und Bilder vorstellen, die für mich die letzte Woche lebenswert gemacht haben.

Gerne greife ich in Zukunft auch Eure Ideen in der Liste auf, drum kommentiert, postet oder mailt mir auch Eure persönlichen Lesenswert-Listen!

Meine Lesenswertliste der Woche:

Platz 1. Andri Snaer Magnason: LoveStar, mein Buch der Woche. Denn Magnasons schräges Zukunftsszenario erinnert mich an Orwell oder Huxley und ich bin gespannt, ob die Guten diesmal eine Chance haben, denn natürlich leisten auch hier zwei unerschrockene Idealisten Widerstand gegen den vermarkteten Tod und die organisierte Liebe

Platz 2. Lucky Luke: Das Greenhorn, denn die Ernennung Jean-Yves Ferris zum künftigen Asterix-Texter, hat mich daran erinnert, welch großartige Worte René Goscinny den unbeugsamen Galliern, aber auch dem einsamen Cowboy in den Mund zu legen vermochte

Platz 3. Das Hörbuch zu Julia Francks: Die Mittagsfrau, denn die Buchpreisgewinnerin von 2007 liest ihren Roman selbst vor – leise, pointiert und packend

Platz 4. Doris Dörrie: Alles inklusive, denn der neue Roman der Schriftstellerin, Theater- und Filmemacherin ist nicht nur eine manchmal komisch, manchmal tragisch anmutende und mit Wortwitz gespickte Lektüre, sondern eignet sich auch ausschnittsweise sehr gut zum Vorlesen

Platz 5. Kürzlich darüber gesprochen, jetzt wieder einmal hineingelesen: Armistead Maupin: Stadtgeschichten (in 5 Bänden). Eine bunte Soap Opera über eine im San Francisco der End-70er lebende Wohngemeinschaft

Platz 6. Diese Woche wiederentdeckt: Saskia Hula und Karsten Teich: Windig und Wolkenbruch. Ein herzerfrischendes Kinderbuch, das sich auch bestens als Geschenk für extremsport- und abenteuervernarrte Erwachsene eignet

Platz 7. Karl Valentin, Gerhard Polt, Toni Berger u.a.: Auf gehts zur Wiesn – Ein Oktoberfest-Spaziergang, zur Einstimmung aufs letzte Wiesnwochenende für dieses Jahr

Platz 8. Die kuriosesten Buchtitel 2011, ohne Worte!

Platz 9. Garon Tsuchiya, Nobuaki Minegishi: Old Boy, denn den japanischen Manga zum preisgekrönten Film legte ich einmal angelesen nicht mehr aus der Hand, bis zur letzten Seite. Doch dann der Schock, das Rätsel um Goto, der ohne zu wissen von wem und warum zuerst zehn Jahre eingesperrt und dann plötzlich freigelassen worden war, wird nicht aufgelöst. Denn Old Boy hat vier Bände. Und man bestellt sofort den nächsten..

Platz 10. Twitter. In dieser und vermutlich auch den nächsten Wochen unersetzliches Recherchetool und Quelle vieler witziger, skurriler, spannender, und informativer Inhalte, die mich zu Themenideen für diese Seite inspirieren

„Alles inklusive“, der neue Roman von Doris Dörrie

Foto: Diogenes Verlag

In den letzten Wochen habe ich mich in jeder freien Minute durch eine selbst verordnete Auswahl an aktuellen „Must reads“ geackert. Magnason. Bragi. Gudmundsson. Klingelt’s bei Euch? Nein? So ging’s mir auch. Aber ich habe auch beinahe nur Bücher von mir bis dahin völlig unbekannten Autoren gelesen. Fast ausschließlich Isländer, weil die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr den Schwerpunkt auf Island setzt und ich meinen Lesern doch auf dieser Seite nur das Neueste vorstellen will. Aber eins kann ich Euch sagen: Die ständige Suche nach Neuem kann ganz schön anstrengend sein.

So wünschte mich mir kurz vor dem Start meines Buchblogs noch eine bequeme Lektüre. Ein Buch eines alt bekannten und vertrauten Autors – quasi zur Entspannung. Ich kaufte mir Doris Dörries neuen Roman „Alles inklusive“. Und las los. Wie erwartet, hatte ich das Buch in den raren Pausen dreier Arbeitstage und ihrer Abende in aller Leichtigkeit verschlungen.

An einem grauen Spätsommertag buchte ich einen „All-inclusive-Urlaub“ in den sonnigen Süden – und wurde nicht enttäuscht. Dabei ist es gerade das „Glück all inclusive“, das den Protagonisten in Dörries Roman verwehrt bleibt. Auf den ersten Blick scheinen die vier völlig unterschiedlichen Frauentypen, um die sich die Handlung des Romans auf 244 Seiten dreht, nicht viel gemeinsam zu haben: Susi hat die Liebe ihres Lebens gefunden, ist optimistisch und selbstsicher, bis Ralf zum Pflegefall wird und Susis Familientraum sich in Luft auflöst. Die liebesbedürftige aber naive Apple hat schon zweimal den falschen Mann geheiratet. Seither versinkt sie in Selbstmitleid und Kummerspeck. Die Schuld an ihrem Scheitern gibt sie ihrer opportunistischen Hippie-Mutter Ingrid, die vor Jahren mit ihrer Sommerliebe zum attraktiven Karl eine Familie zerstört hat. Tim, Karls Sohn, trägt seit dem Tod seiner Mutter Frauenkleider, nennt sich Tina und hofft auf die große Liebe.

Die Handlung in „Alles inklusive“ dreht sich zwar um vier Frauen, die in abwechselnder Erzählperspektive über die Freuden und Leiden ihres Alltags berichten. Das macht Dörries Buch aber nicht zum Frauenroman, mit Friede, Freude Eierkuchen-Happy End und Ringtausch. Denn Doris Dörrie schreibt auch in ihrem gefühlt zehnten Roman ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und ist dabei unterhaltsam wie eh und je. Sie schreibt über die Nöte des Durchschnittsmenschen. Über kleine und große Enttäuschungen, über Tapferkeit, Selbstmitleid und die Sehnsucht nach dem sonnigen Süden. Aber sie tut das auf ebenso kluge wie amüsante und sprachlich erfrischende Art und Weise. Scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken beschreibt sie die Skurrilitäten des Alltags, die Zumutungen der Liebe und des Glücks, ohne zu urteilen, Partei zu ergreifen oder womöglich gerechte Strafen für ungebüßte Sünden zu verteilen. Ihren vier Hauptdarstellerinnen haucht sie mit so großer Leichtigkeit Leben ein, so dass man beim Lesen über die Besetzungsliste einer etwaigen Verfilmung nachzudenken beginnt. Ebenso facettenreich zeichnet Dörrie die Nebendarsteller ihres Romans, die Figuren der deprimierten Heike, des konfliktscheuen Karl, des von Krankheit gezeichneten Ralfs oder der drallen Angelina, deren Lebenstraum von sonnigen Süden im Eheleben mit einem ebenso heißblütigen wie unzuverlässigen Spanier zerplatzt ist. Dörries Protagonisten eint nicht nur ihr Hoffen auf eine glückliche Wendung, am Ende des Romans sind sie auch entschlossen, ihre Schicksale in die Hand zu nehmen.

Und als Leser fühlt man mit. Als die liebesbedürftige Apple ihren verzärtelten Mops zum Lebenspartner und Psychotherapeuten hochstilisiert und seiner Gesundung ihren Job, ihre Wohnung und ihre letzten Ersparnisse opfert, möchte man sie schütteln, damit sie zur Besinnung komme. Wenn Transvestit Tina von ihrer Liebe zum Transvestiten Diego erzählt, sie beschreibt, wie sie als Frau im Männerkörper ihr perfektes Gegenstück in einem lesbischen Mann mit Vagina und Brüsten findet, möchte man Dörrie umarmen für ihren Sinn für die Liebe jenseits aller Konventionen.

Und am Ende stelle ich nicht ganz unerwartet fest: Ein gutes Buch muss nicht schwer verdaulich sein. Leicht ist nicht gleich seicht. Und mit Doris Dörrie macht man selten etwas falsch.