Schlagwort: Coming-of-Age

Wie ein Nachtfalter im Voralpenland: Elias Wagner über das beschwerliche Erwachsenwerden im Paradies

Foto: Hoffmann und Campe

Foto: Hoffmann und Campe

Erzählt man davon, seine Jugend am Starnberger See verbracht zu haben, drückt einem die Welt sogleich einen Stempel auf und man wandert ohne Umschweife in die nächste Schublade: Dort findet man sich übersät mit Etiketten wie „hauptberuflich Sohn/Tochter“ oder „Papis Kreditkarte zahlt“ wieder. Diese Erfahrung teile ich mit Elias Wagner. Den 21-jährigen Jungschriftsteller und Medizinstudenten, der sein Erstlingswerk „Vom Liebesleben der Mondvögel“ letztes Frühjahr bei Hoffmann und Campe veröffentlichte, lernte ich zufällig 2012 auf der Buchmesse in Leipzig kennen. Und im Gespräch über gemeinsame Kindheitserinnerungen und die Jugend „am See“ sprudelte der Frust über das Schubladendenken nur so aus ihm heraus. In seinem Buch hat Elias Wagner sich diesen Frust von der Seele geschrieben.

Aber „Vom Liebesleben der Mondvögel“ ist viel mehr als die Verdauung einer abgestempelten Jugend im vermeintlichen Paradies der Sorglosigkeit. Denn Elias Wagner kann mit Worten Bilder malen und findet Wendungen, die mich bereits auf der zweiten Seite einfangen – und das obwohl ich nach unserem einstündigen Buchmessenplausch schon das Gefühl hatte, sein Buch gar nicht mehr lesen zu müssen, um es zu kennen, so eindrücklich berichtete er mir von der Idee, der Handlng und den eingesetzten Metaphern. Insbesondere erzählt er mir von den Insekten, für die sich Elias Wagners Protagonisten, den 15-jährigen Max, geradezu ekstatisch begeistert: Bei den titelgebenden „Mondvögeln“ handelt es sich nämlich nicht etwa um zwitscherndes Federvieh, sondern um eine Nachtfaltergattung.

Die Schmetterlinge instrumentalisiert Elias Wagner geschickt metaphorisch für die Wechselspiele von Max‘ Teenagerseele. Offenbar weisen die Lebensstadien von Nachtfaltern und Pubertierenden deutlich mehr Ähnlichkeiten auf als auf den ersten Blick gedacht: Die Tarnung, das Tot stellen, die Verpuppung, alles Zustände wie aus dem Leben eines 15-jährigen gegriffen. – Max versteckt sich nur allzu gerne vor der Welt (und vor den Mädchen) seit seine Mutter verschwunden ist, er allein mit seinem Vater lebt und der sich immer merkwürdiger benimmt. – Der Starnberger See und das umliegende Voralpenland mit seiner barocken Schönheit und seinem bisweilen morbiden Charme setzt dieser Metasphäre nur die Krone auf.

Elias Wagner nennt die Gegend daher „pubertäre Seelenlandschaft“ und geht der Frage auf den Grund, wie die Landschaft die Menschen prägt. Wie fühlt es sich an, in einem Postkartenmotiv aufzuwachsen? Elias Wagner sagt: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Denn die vermeintlich romantische Idylle ist auch geprägt von Überdruss und Todessehnsucht.“ – und spiegelt so erneut das typische Gefühlskarrussel der Teenagerseele wieder. Da schließt sich der Kreis! Insekten- und Landschaftsmetaphern korrespondieren perfekt und Elias Wagner gelingt in diesem Umfeld des Seelentaumels eine feinsinnige Coming-of-age- und Liebesgeschichte.