Schlagwort: Die Mittagsfrau

Nicht neu aber umso hörenswerter: Die Mittagsfrau von der Autorin gelesen

Foto: Der Hörverlag

„Blind am Herzen“ sei die Mutter, sagt die neun Jahre ältere Martha zu ihrer kleinen Schwester Helene. Mit dieser Beschreibung versucht Martha den Umstand zu erklären, dass Selma Würsich ihre jüngste Tochter ablehnt. Diese Ablehnung bekommt die kleine Helene schon früh zu spüren. Und auch die Totgeburt vierer Brüder und die schlesisch-jüdische Herkunft der Mutter, die sie in Bautzen als Ehefrau eines angesehenen deutschen Druckers zur Außenseiterin werden ließ, erklären dem kleinen Mädchen diesen Umstand nicht ausreichend.

Helene erschaudert jedes Mal, wenn sie im Laufe ihres Lebens ähnliche Züge an sich selbst erkennt. Und doch ist es Helene, die viele Jahre später im Prolog von Julia Francks Roman Die Mittgsfrau ihren siebenjährigen Sohn Peter, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, auf der Zugreise gen Westen beim Umsteigen am Bahnhof Pasewalk, zurücklässt. Erschüttert habe ich Julia Franck diese Passage ihres Romanes vorlesen hören und mich gefragt: Was kann es für Gründe geben, die so ein Verhalten rechtfertigen?

Diese Frage mag sich Julia Franck selbst gestellt haben, als sie die Idee für ihren Roman entwickelte, der 2007 den Deutschen Buchpreis gewann. Denn die Geschichte von Helene und Peter ist ihre Familiengeschichte. Ihr Vater erfuhr das Schicksal des von der Mutter ohne jede Erklärung zurückgelassenen Kindes. Wie der kleine Peter in Julia Francks Roman wuchs auch der Vater der Autorin bei Verwandten auf. Ebenso wie Peter entschied er sich, die Mutter nie im Leben wiedertreffen zu wollen. Und auch mit seiner Tochter sprach er nie über die Großmutter. Julia Franck recherchierte später, dass diese 1996 in Berlin starb und zeitlebens nie wieder über ihren Sohn gesprochen hatte.

Und doch zeichnet Julia Franck ein so liebenswertes Bild der Frau, die die familiäre Tragödie ihres Vater begründete, dass man unwillkürlich den Eindruck bekommt, sie wolle eine nachträgliche Versöhnung herbeiführen. Der Prolog ihres Romans endet mit der Verzweiflung des am Bahnsteig zurückgelassenen Kindes. Der Hauptteil beschreibt die Lebensgeschichte der Mutter, Helene Würsich, ihrer Großmutter. Der Epilog deutet an, dass Peter seiner Mutter diese Tat nie verzeihen wird.

Und schon nach den ersten Sätzen des Romans, die die aufgeweckte Helene beschreiben, die sich vertrauensvoll der Fürsorge ihrer älteren Schwester Martha hingibt, verliebe ich mich in das kleine zarte Wesen und wünsche mir Helene zur Tochter, zur Schwester, zu Freundin. Verzückt höre ich dem kleinen Mädchen zu, dass voller Hoffnung, Lebensmut und Vertrauen in sich selbst in die Zukunft blickt und die ihr unverständlichen Merkwürdigkeiten ihres Lebens still erträgt,

Und zugegeben dauert es eine Weile, bis ich die aufwachsende, kluge und vielseitig begabte Helene mit Peters Mutter – der vom Leben gezeichneten Alice – in Verbindung bringe. Die Namensänderung erklärt Julia Franck erst viel später. Anfangs fragte ich mich daher, wie Helene und Peter wohl in Verbindung stehen mögen. Mache als Gemeinsamkeit nur eine angedeutete jüdische Herkunft beider aus. Und vermute ganz falsch, der Roman stelle verschiedene jüdische Schicksale zueinander in Relation.

Aber vielleicht ist genau das Julia Francks Absicht: Eine Romanheldin zu schaffen, mit der man sich anfangs blindlings identifizieren kann. Um den Leser abzuholen, einzupacken und mitzunehmen auf den Lebensweg der Helene Würsich. Und unterwegs zu erklären, wie es soweit kommen konnte.

Und der Plan gelingt. Nach sechs CD’s Die Mittagsfrau, von der Autorin einfühlsam und beinahe zärtlich vorgetragen, verzeihe ich der Helene Würsich zwar nicht, dass sie sich von der Verantwortung erdrückt und überfordert fühlt und ihren kleinen Sohn nicht lieben kann, wie man es von einer Mutter erwarten könnte. Aber ich verstehe Helene. Ich verurteile sie nicht mehr wie am Anfang. Ich finde es nur noch traurig, wie ein Leben einem Menschen alle Kraft und Wärme rauben kann. Und doch begeistert mich Julia Francks Roman und ihre Lesung. Und ich bin gespannt auf ihr neues Buch, Rücken an Rücken, das am 21. Oktober erscheint.

Die Lesenswertliste der Woche

Damals mit 15 hat uns das „Jetzt-Magazin“ so manchen Beginn einer Schulwoche versüßt. Jeden Montag lag das Jugendmagazin (das heute nur noch online existiert) der Süddeutschen Zeitung bei. Hielten wir es in Händen, blättern wir zu allererst auf die letzte Seite. Dort veröffentlichte „Jetzt“ allwöchentlich die großen und kleinen Dinge, die das Leben damals lebenswert machten in einer Liste. Das Ranking bestimmten die Leser des „Jetzt-Magazins“ –  wir – die zu diesem Zweck ihre persönlichen Lebenswertlisten oder nur einzelne Punkte daraus per Fax oder Brief an die Redaktion schickten. Nicht nur einmal entdeckten wir unsere Vorschläge in der Liste wieder.

In Erinnerung an diese schöne Zeit und das leider schon vor vielen Jahren in dieser Form eingestellte „Jetzt-Magazin“ möchte ich ab sofort auf dieser Seite einmal in der Woche eine Lesenswertliste veröffentlichen und darin all die lesenswerten, hörenswerten und sehenswerten Texte und Bilder vorstellen, die für mich die letzte Woche lebenswert gemacht haben.

Gerne greife ich in Zukunft auch Eure Ideen in der Liste auf, drum kommentiert, postet oder mailt mir auch Eure persönlichen Lesenswert-Listen!

Meine Lesenswertliste der Woche:

Platz 1. Andri Snaer Magnason: LoveStar, mein Buch der Woche. Denn Magnasons schräges Zukunftsszenario erinnert mich an Orwell oder Huxley und ich bin gespannt, ob die Guten diesmal eine Chance haben, denn natürlich leisten auch hier zwei unerschrockene Idealisten Widerstand gegen den vermarkteten Tod und die organisierte Liebe

Platz 2. Lucky Luke: Das Greenhorn, denn die Ernennung Jean-Yves Ferris zum künftigen Asterix-Texter, hat mich daran erinnert, welch großartige Worte René Goscinny den unbeugsamen Galliern, aber auch dem einsamen Cowboy in den Mund zu legen vermochte

Platz 3. Das Hörbuch zu Julia Francks: Die Mittagsfrau, denn die Buchpreisgewinnerin von 2007 liest ihren Roman selbst vor – leise, pointiert und packend

Platz 4. Doris Dörrie: Alles inklusive, denn der neue Roman der Schriftstellerin, Theater- und Filmemacherin ist nicht nur eine manchmal komisch, manchmal tragisch anmutende und mit Wortwitz gespickte Lektüre, sondern eignet sich auch ausschnittsweise sehr gut zum Vorlesen

Platz 5. Kürzlich darüber gesprochen, jetzt wieder einmal hineingelesen: Armistead Maupin: Stadtgeschichten (in 5 Bänden). Eine bunte Soap Opera über eine im San Francisco der End-70er lebende Wohngemeinschaft

Platz 6. Diese Woche wiederentdeckt: Saskia Hula und Karsten Teich: Windig und Wolkenbruch. Ein herzerfrischendes Kinderbuch, das sich auch bestens als Geschenk für extremsport- und abenteuervernarrte Erwachsene eignet

Platz 7. Karl Valentin, Gerhard Polt, Toni Berger u.a.: Auf gehts zur Wiesn – Ein Oktoberfest-Spaziergang, zur Einstimmung aufs letzte Wiesnwochenende für dieses Jahr

Platz 8. Die kuriosesten Buchtitel 2011, ohne Worte!

Platz 9. Garon Tsuchiya, Nobuaki Minegishi: Old Boy, denn den japanischen Manga zum preisgekrönten Film legte ich einmal angelesen nicht mehr aus der Hand, bis zur letzten Seite. Doch dann der Schock, das Rätsel um Goto, der ohne zu wissen von wem und warum zuerst zehn Jahre eingesperrt und dann plötzlich freigelassen worden war, wird nicht aufgelöst. Denn Old Boy hat vier Bände. Und man bestellt sofort den nächsten..

Platz 10. Twitter. In dieser und vermutlich auch den nächsten Wochen unersetzliches Recherchetool und Quelle vieler witziger, skurriler, spannender, und informativer Inhalte, die mich zu Themenideen für diese Seite inspirieren