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„Alles inklusive“, der neue Roman von Doris Dörrie

Foto: Diogenes Verlag

In den letzten Wochen habe ich mich in jeder freien Minute durch eine selbst verordnete Auswahl an aktuellen „Must reads“ geackert. Magnason. Bragi. Gudmundsson. Klingelt’s bei Euch? Nein? So ging’s mir auch. Aber ich habe auch beinahe nur Bücher von mir bis dahin völlig unbekannten Autoren gelesen. Fast ausschließlich Isländer, weil die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr den Schwerpunkt auf Island setzt und ich meinen Lesern doch auf dieser Seite nur das Neueste vorstellen will. Aber eins kann ich Euch sagen: Die ständige Suche nach Neuem kann ganz schön anstrengend sein.

So wünschte mich mir kurz vor dem Start meines Buchblogs noch eine bequeme Lektüre. Ein Buch eines alt bekannten und vertrauten Autors – quasi zur Entspannung. Ich kaufte mir Doris Dörries neuen Roman „Alles inklusive“. Und las los. Wie erwartet, hatte ich das Buch in den raren Pausen dreier Arbeitstage und ihrer Abende in aller Leichtigkeit verschlungen.

An einem grauen Spätsommertag buchte ich einen „All-inclusive-Urlaub“ in den sonnigen Süden – und wurde nicht enttäuscht. Dabei ist es gerade das „Glück all inclusive“, das den Protagonisten in Dörries Roman verwehrt bleibt. Auf den ersten Blick scheinen die vier völlig unterschiedlichen Frauentypen, um die sich die Handlung des Romans auf 244 Seiten dreht, nicht viel gemeinsam zu haben: Susi hat die Liebe ihres Lebens gefunden, ist optimistisch und selbstsicher, bis Ralf zum Pflegefall wird und Susis Familientraum sich in Luft auflöst. Die liebesbedürftige aber naive Apple hat schon zweimal den falschen Mann geheiratet. Seither versinkt sie in Selbstmitleid und Kummerspeck. Die Schuld an ihrem Scheitern gibt sie ihrer opportunistischen Hippie-Mutter Ingrid, die vor Jahren mit ihrer Sommerliebe zum attraktiven Karl eine Familie zerstört hat. Tim, Karls Sohn, trägt seit dem Tod seiner Mutter Frauenkleider, nennt sich Tina und hofft auf die große Liebe.

Die Handlung in „Alles inklusive“ dreht sich zwar um vier Frauen, die in abwechselnder Erzählperspektive über die Freuden und Leiden ihres Alltags berichten. Das macht Dörries Buch aber nicht zum Frauenroman, mit Friede, Freude Eierkuchen-Happy End und Ringtausch. Denn Doris Dörrie schreibt auch in ihrem gefühlt zehnten Roman ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und ist dabei unterhaltsam wie eh und je. Sie schreibt über die Nöte des Durchschnittsmenschen. Über kleine und große Enttäuschungen, über Tapferkeit, Selbstmitleid und die Sehnsucht nach dem sonnigen Süden. Aber sie tut das auf ebenso kluge wie amüsante und sprachlich erfrischende Art und Weise. Scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken beschreibt sie die Skurrilitäten des Alltags, die Zumutungen der Liebe und des Glücks, ohne zu urteilen, Partei zu ergreifen oder womöglich gerechte Strafen für ungebüßte Sünden zu verteilen. Ihren vier Hauptdarstellerinnen haucht sie mit so großer Leichtigkeit Leben ein, so dass man beim Lesen über die Besetzungsliste einer etwaigen Verfilmung nachzudenken beginnt. Ebenso facettenreich zeichnet Dörrie die Nebendarsteller ihres Romans, die Figuren der deprimierten Heike, des konfliktscheuen Karl, des von Krankheit gezeichneten Ralfs oder der drallen Angelina, deren Lebenstraum von sonnigen Süden im Eheleben mit einem ebenso heißblütigen wie unzuverlässigen Spanier zerplatzt ist. Dörries Protagonisten eint nicht nur ihr Hoffen auf eine glückliche Wendung, am Ende des Romans sind sie auch entschlossen, ihre Schicksale in die Hand zu nehmen.

Und als Leser fühlt man mit. Als die liebesbedürftige Apple ihren verzärtelten Mops zum Lebenspartner und Psychotherapeuten hochstilisiert und seiner Gesundung ihren Job, ihre Wohnung und ihre letzten Ersparnisse opfert, möchte man sie schütteln, damit sie zur Besinnung komme. Wenn Transvestit Tina von ihrer Liebe zum Transvestiten Diego erzählt, sie beschreibt, wie sie als Frau im Männerkörper ihr perfektes Gegenstück in einem lesbischen Mann mit Vagina und Brüsten findet, möchte man Dörrie umarmen für ihren Sinn für die Liebe jenseits aller Konventionen.

Und am Ende stelle ich nicht ganz unerwartet fest: Ein gutes Buch muss nicht schwer verdaulich sein. Leicht ist nicht gleich seicht. Und mit Doris Dörrie macht man selten etwas falsch.