Schlagwort: Ein ungezähmtes Leben

Wie heißer Kakao mit Keks: Das Buch gegen Weltschmerz und Selbstmitleid

Foto: Random House

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Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon vor Monaten eine bemerkenswerte Frau vorstellen, die mich Anfang des Jahres, wann immer ich mit meinem Fahrrad durch Hamburgs Nieselregenwinter unterwegs war, als Heldin eines Hörbuchs, begleitet hat. Die Rede ist von Lilly Smith. Deren Lebensgeschichte – „Ein ungezähmtes Leben“, von ihrer Enkelin aufgeschrieben und von Sandra Borgmann vorgelesen – beförderte mich gedanklich ein ums andere Mal in den wilden Westen des beginnenden 20. Jahrhunderts, verwandelte meinen klappernden Drahtesel in einen störrischen Mustang und mich selbst in eine Rinderherden treibende Wildwest-Lady. So sehr sympathisierte, ja identifizierte ich mich, mit der Romanheldin.

Über 50 Jahre ihres Lebens habe ich Lilly auf meinem Fahrrad begleitet. Dabei habe ich ein kleines Mädchen kennengelernt, das als älteste Tochter einer verarmten texanischen Farmersfamilie in einer Lehmhütte haust, einen patenten Teenager, der seine kleineren Geschwister bei einem Hochwasser vor dem Ertrinken rettet und eine junge Frau, die ihren Traum, Lehrerin zu werden, auch dann nicht aufgibt, als ihr Vater sie mit 15 ohne Abschluss von der Schule nimmt, weil er das Schulgeld nicht länger aufbringen kann. Ich bin Lilly nach Chicago und in die Weiten Arizonas gefolgt, habe sie ihre Kinder aufziehen und ihre Enkelin Jeanette das erste Mal erblicken sehen. Und seitdem ich nichts mehr von ihr höre, fehlt sie mir auf dem Nachhauseweg.

Denn Lilly hat mir nicht nur die spannende Geschichte einer starken Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt, Respekt verschafft, erzählt. Es hat mich beeindruckt, wie unerschrocken sie den Unwägbarkeiten des Lebens tapfer die Stirn bietet. Lillys Leben erinnerte mich daran, dass es völlig normal ist, sich von Zeit zu Zeit auch einmal durchbeißen zu müssen, und worauf es überhaupt ankommt im Leben. Und letztlich hat mich Lillys Lebensgeschichte optimistisch gestimmt, weil ihre Protagonistin so lebensbejaend und positiv agiert, dass man des Öfteren beim Gedanken an sein eigenes Verhalten beschämt zur Seite blickt. Lillys Geschichte ist aufmunternd wie ein heißer Kakao und tröstlich wie ein Keks, den man darin eintauchen kann. Das Rezept gegen Weltschmerz und Selbstmitleid.

Und dabei erzählt Lilly immer nur das nötigste, beschreibt nüchtern die verrücktesten Situationen. Verliert sich nie in emotionalen Schilderungen. Ohne Umschweife schildert sie ihre Erlebnisse, schnörkellos, konzentriert auf das Wesentliche. Süffisant, trocken, pragmatisch. Lilly ist eine unerschrockene, starke Frau, eine Führungspersönlichkeit, hat ihren eigenen Kopf, pokert, reitet Pferde zu, trinkt Whiskey und will stets allen etwas beibringen. Insbesondere ihre Tochter Rosemary hat stark mit diesem Zug ihrer Mutter zu kämpfen und entscheidet sich für ein Leben an der Seite eines Schaumschlägers und Säufers, nur um ihrer Mutter zu entkommen.

Aber ich sagte eingangs, ich wollte eigentlich schon vor Monaten an dieser Stelle von Lilly Smith erzählen. Als ich mich aber hinsetzte um meine Eindrücke niederzuschreiben, recherchierte ich ein paar Details. Wie erwartet fand ich heraus, dass Jeannette Walls, Lillys Enkelin ist und „Ein ungezähmtes Leben“ als Hommage an ihre Großmutter geschrieben hatte. Doch, das war noch nicht alles: Lillys Geschichte erwies sich nämlich bereits als das zweite Buch der Autorin, die in New York lebt und als Kolumnistin für verschiedene amerikanische Tageszeitungen schreibt. In ihrem ersten Buch „Schloss aus Glas“, von dem ich nie zuvor gehört hatte, was aber wohl in Deutschland sehr viel bekannter ist, beschreibt sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Rosemary, Lillys Tochter, die als Obdachlose auf New Yorks Straßen endet.

Von dieser Wendung der für mich so positiven Lebensgeschichte der Lilly Smith war ich ziemlich betroffen. Hatte Lilly, die ich so bewundernswert und mutig fand, mit ihrer Dominanz die eigene Tochter auf die Straße getrieben? Ich kaufte mir „Schloss aus Glas“, las es und fragte mich: Kann ich meine Beurteilung der Lebensgeschichte der Lilly Smith angesichts dieser Fortsetzung überhaupt so stehen lassen? – Ja, ich denke, das kann ich. Denn das Leben ist keine stringente Kausalkette. Prägung ist wichtig, ich merke selbst jeden Tag, wie stark die Familie auf den eigenen Charakter abfärbt, aber andererseits ist gerade in der heutigen Zeit jeder seines Glückes Schmied und bei näherer Betrachtung ist die vermeintlich gescheiterte Rosemary doch recht zufrieden mit ihrem unkonventionellen Lebensentwurf. Aber lest selbst!