Schlagwort: Elfriede Jelinek

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Nino Haratischwili, Juja: Eine Geschichte über die Bedeutung von Geschichten. Herausragend geschrieben.

Platz 2. Maxim Gorki, Kinder der Sonne: Zwei Wissenschaftler, ein Künstler, eine Kranke, ein Tierarzt, eine reiche Witwe und ein Hausmeister begegnen sich täglich und tauschen sich aus. Dabei kreisen sie um einander, um Liebe, Politik und den Sinn des Lebens, sind idealistisch und desillusionioniert – damals wie heute von bestürzender Aktualität.

Platz 3. Mohsin Hamid, Der Fundamentalist, der keiner sein wollte: Auf einem Platz in Lahore trifft ein Pakistani auf einen amerikanischen Reisenden und lädt ihn auf einen Tee ein. Es folgt eine einseitige Konversation mit ungewissem Ende. Klingt banal, aber was Hamid daraus macht ist sehr beeindruckend. Extrem geschickter Spannungsaufbau (anfangs merkt man es kaum), wunderbare Sprache und ein grandioses Ende, was dazu verführt das Buch gleich wieder zu lesen.

Platz 4. Tschingis Aimatow, Dshamilja: Wunderschöne Liebesgeschichte um eine selbstbewusste Frau.

Platz 5. Jörg Maurer, Niedertracht, das Hörbuch vom Autor gelesen: Sehr schöner Alpenkrimi mit viel Lokalkolorit, abgründiger, aber nicht zu gewalttätiger Handlung, glänzend vom Autor in den verschiedenen Idiomen des Alpenraumes gesprochen.

Platz 6. Haruki Murakami, 1Q84: Der wahrscheinlich populärste, weil westlichste japanische Autor der Gegenwart ist ein Meister der Verschmelzung von Alltagsbeschreibungen und phantastischer Literatur. Und weil er es außerdem schafft, uns seine liebenswerten Charaktere nahe zu bringen, gehören die drei Bände von 1Q84 auf jede Lesenswertliste.

Platz 7. Dieter Baake, Jugend und Jugendkulturen: Lesenswertes Sachbuch eines deutschen Wissenschaftlers und Professors für Pädagogik über Ursprünge und Inhalte von Jugendkulturen vom Beatnik bis zum Raver.

Platz 8. Fabio Volo,  Noch ein Tag und eine Nacht: Romantische Lovestory vor der Kulisse Manhattans. Sehr anrührend ohne kitschig zu sein. In einer Nacht verschlungen!

Platz 9. Anton Tschechow, Onkel Wanja: Pointierte Szenen aus einem trostlos gewordenen Landleben. Onkel Wanja hat sein Leben lang rechtschaffen gearbeitet und ein Landgut verwaltet, dessen Erträge er nicht eingenommen hat. Als er erkennt, dass der Eigentümer nicht das intellektuelle und integere Vorbild ist, was er vorgab zu sein, resigniert er und verfällt dem Alkohol.

Platz 10. Elfriede Jelinek, Der kleine Niko: „Es hat alles aufgehört. Da hört sich ja alles auf! Nein, nein, es hat schon aufgehört. Haben Sie das denn nicht gemerkt? Merken Sie sich, dass alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht“, schreibt Elfriede Jelinkek und meint damit die Pressefreiheit im Allgemeinen, die Unabhängigkeit des ORF im Besonderen und sieht nebenbei bereits das Ende der Sozialdemokratie voraus. „Die Sozialdemokratie als Maßschneiderei für Karrieren, so endet sie.“ Damit reagiert die österreichische Literaturnobelpreisträgerin auf die angekündigte Einsetzung des 25-jährigen Niko Pelinka – Sohn eines Chefredakteurs, Neffe eines Politikwissenschaftlers und quasi von klein auf SPÖ-Mitglied – als Büroleiter des ORF Generaldirektors Alexander Wrabetz. „Dieses Unternehmen wurde gegründet, damit uns die Wahrheit gesagt werden soll, aber wie geht das zusammen, die Wahrheit und das, was da ist?“, wundert sich Jelinek über das Vorgehen in der ORF-Generaldirektion und setzt diese mit einer Parteizentrale gleich. – Lesenswert, wenn auch nicht immer leicht zu lesen, aber zornig und sprachlich auf den Punkt.

Dichtung und Wahrheit

Foto: dLis

Während Deutschland lauthals über „Merkels Problempräsidenten“ debattiert, knabbert unser Nachbarland Österreich derzeit an einer selbst gebackenen Krise. Zugegeben ist diese im Grunde ganz ähnliche Debatte über Politik und Rundfunkfreiheit, die bereits vor Weihnachten hochkochte, völlig an mir vorbeigegangen. Bis sich Elfriede Jelinek mit einem öffentlichen Statement zu Wort meldete:

„Merken Sie sich, dass alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht“, schreibt die österreichische Literaturnobelpreisträgerin auf ihrer Website und meint damit die Pressefreiheit im Allgemeinen, die Unabhängigkeit des ORF im Besonderen und sieht in dieser Causa das Ende der Sozialdemokratie voraus. Damit reagiert sie auf die Einsetzung des 25(!)-jährigen Lobbyisten und Medienfunktionärs Niko Pelinka als Büroleiter des ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz.

Pelinka – Babyface, Gel im rotblonden Haar, charmant, wenn vielleicht auch noch etwas unerfahren – ist Sohn eines Chefredakteurs, Neffe eines Politikwissenschaftlers und quasi von klein auf SPÖ-Mitglied. Und Jelinkek trifft es in ihrer Streitschrift auf den Punkt, wenn sie schreibt, dass „der kleine Niko [..] Mitglied einer ganzen Sippe von Gekennzeichneten“ sei. Die Vetternwirtschaft untergräbt die Rundfunkfreiheit. Und das ist ein Skandal, so Jelineks zornig vortragender Tenor.

Zeit-Redakteur Joachim Riedl stimmt Jelinek zu. Er schrieb dazu passend gestern einen Nachruf auf den ORF. „Der ebenso dreiste wie dilettantische Postenschacher“ raube dem Unternehmen seine letzte Kraft, so Riedl. Der ORF „liegt im Koma.“ Denn „leider stimmt es, was dem Sender von allen Seiten vorgeworfen wird. An den Schalthebeln sitzen [..] Leute, die als Erfüllungsgehilfen von Parteibedürfnissen gelten.“

Und der junge Pelinka? Der weiß, wie man sich geschmeidig nach oben schlängelt. So gelingt ihm scheinbar Unmögliches: Er ist Statist seines eigenen Skandals. Im Kreuzfeuer der Kritik steht stattdessen ORF-Chef Alexander Wrabetz. Sogar Jelinek hält den „kleinen Niko“ für nett: Mit einem „entwaffnenden Grinsen“ tritt das Ende der Sozialdemokratie als „sympathischer junger Mann“ auf, schreibt sie in ihrer Streitschrift.

Einen Lösungsvorschlag bleibt Elfriede Jelinek leider schuldig. Im Jahr 2000 sagte sie: „Ich glaube, dass ein Schriftsteller absolut nichts bewirken kann, und ich spüre nicht nur die Ohnmacht, sondern auch die Lächerlichkeit.“ So ist „Der kleine Niko“ nur ein wütender Kommentar ohne Ideen zur Rettung der Sozialdemokratie. Und das, obwohl sie selbst sagt, ihr Antrieb zum Schreiben sei „die Wut über die Verhältnisse“.

Apropos Wirkung der Schriftstellerei, was sagen eigentlich Deutschlands Dichter und Denker zu den Entgleisungen des Bundespräsidenten? „Die Würde des Amtes klingt immer mehr nach Konjunktiv“ twitterte der Kolumnist und Schriftsteller Peter Glaser, wohlgemerkt ein in Deutschland lebender Österreicher. Was sagen Günter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz? Sie schweigen, während Christian Wulff, um Rückkehr zum präsidentialen Alltag bemüht, seinen Rücktritt weiter ausschließt. Dabei bräuchte Deutschland gerade jetzt dringend eine Stimme der Vernunft. Wer soll denn Vorbild sein, wenn es dem Präsidenten nicht gelingt?