Schlagwort: Gruppentherapie einer Generation

Haben wir Angst? – Die Generation Nina Pauer

Foto: S. Fischer Verlag

„Wie aus der Generation Golf die Generation Angst wurde“, schreibt die FAZ. „Kein Mut nirgends“ bringt es jetzt.de auf den Punkt. „Uns gehts nicht gut“ betitelt es das Missy Magazin. In allen möglichen Kulturteilen aller möglicher Zeitschriften und Tageszeitungen blitzte mir in den letzten Wochen ein Thema entgegen. Die Generation der in den 1980ern geborenen entsendet erstmals geballt ihre Botschafter in den deutschen Bücherherbst. Und die schreiben bevorzugt über die verflixt komplizierte Seelenlage ihrer Generation.

Eine Handvoll Intellektueller, die die üblichen Probleme junger Städter zur Psychose einer Generation hochstilisieren, dachte ich mir. Um was für verrückte Probleme mag es da gehen, fragte ich mich. Und kaufte mir das Buch der jungen Autorin, die mir am häufigsten begegnet war: Nina Pauer, freie Journalistin für ZEIT Feuilleton und ZEIT Magazin und Verfasserin von „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“.

Und ich stellte sehr schnell fest, Anna und Bastian, um die 30, die beiden grundverschiedenen Protagonisten in Pauers Buch sind mir gar nicht so unähnlich. Nur zu gut kenne ich Annas Gefühl des Hamsters, der im Agenturalltagsrad feststeckt, der tags und nachts und wochenends schuftet, seine Freunde und Familie vernachlässigt, und irgendwann völlig entkräftet und deprimiert vom Stängel kippt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf die banale Frage, wie es einem geht, in Tränen auszubrechen. Und ich kenne die Erkenntnis, dass die beinahe 30 Jahre ältere Mutter körperlich wesentlich fitter ist als man selbst. Aber auch Bastians Seite ist mir vertraut: Die Gunst des freien Studentenlebens nicht nutzen zu können, sondern durch die Option der Freiheit unangespornt in Lethargie zu versinken.

Zum Hineinversetzen prägnant zeichnet Nina Pauer das Portrait einer Generation, der es doch eigentlich so gut gehen müsste, wie keiner anderen zuvor, die stattdessen aber – wie im Fall von Anna und Bastian – auf dem Therapiesessel des Therapeuten Herrn G. landet. Dabei haben die Annas und Bastians dieser Welt keine Kriege erlebt, nie Hunger gelitten, sondern hatten von klein auf eigentlich alles. Sie sind vielfach im mittelständischen Wohlstand deutscher Bürgerlichkeit aufgewachsen. Haben eine gute Schulbildung genossen, sprechen mehrere Sprachen, haben studiert, waren im Ausland. Und bei alledem haben ihre Eltern ihnen immer vermittelt: Sucht Euch Euren eigenen Weg!

Diese Chance zur Selbstverwirklichung ist jedoch genau das Dilemma der Generation Nina Pauer. Aus dem Topf der unbegrenzten Möglichkeiten schöpfen die Annas und Bastians nämlich keinesfalls Selbstsicherheit, Glück und Lebensfreude, sondern zunehmende Verunsicherung und Angst.

Nina Pauer sagt, ihrer Generation gehe es eigentlich gut, sie habe eben nur fünf große Ängste: Die Angst unvermittelt von der Karriereleiter zu kippen und im beruflichen Nirgendwo zu verschwinden. Die Angst, in der Liebe zu viele Kompromisse einzugehen und sich an den erstbesten potenziellen Lebenspartner zu verschwenden. Die Angst erwachsen zu werden und vor dem Versorger-Rollentausch von Eltern und Kindern. Die Angst, im Gewimmel der virtuellen Freunde die richtigen und wichtigen Seelenverwandten aus den Augen zu verlieren. Und die Angst vor dem eindeutigen politischen Statement.

Und natürlich sind diese Ängste nachvollziehbar. Die Medienbranche, die typische berufliche Heimat der Annas und Bastians, bietet nicht gerade die Absicherung einer deutschen Beamtenlaufbahn. Die Halbwertszeit der deutschen Beziehung hat sich in den letzten 30 Jahren vermutlich halbiert. Das Rundumpaket an finanzieller und emotionaler Verpflegung, dass unsere Eltern uns quasi als „Flatrate“ seit Geburt zur Verfügung stellen, hat uns verwöhnt und auch ein wenig verweichlicht. Die schöne neue Facebook-Welt lenkt uns vom wirklichen Leben ab und das politische Statement ist tatsächlich unpopulär. Es geht uns einfach zu gut, als dass wir uns ernsthaft für eine politische Idee engagieren.

Dementsprechend lassen sich die Nöte von Anna und Bastian auch nicht einfach wegtherapieren. Die Generation Nina Pauer wird wohl auch in Zukunft permanent glücklich und unglücklich zugleich sein. Und das Buch begnügt sich einstweilen mit dem Fazit eines Etappensieges: Generationstherapeut Herr G. lobt Anna und Bastian am Ende des Buches für ihren Fortschritt. Denn „Thematisierung ist der erste Schritt zur Heilung.“ Das dachte sich wohl auch Nina Pauer als sie dieses in jeder Hinsicht polarisierende aber durchaus auch diskussionswürdige Generationsportrait verfasste.

Mein Fazit ist unterdessen optimistischer: Denn trotz meiner Seelenverwandtschaft mit Anna und Bastian, fühle ich mich nicht reif für den Therapiesessel. Natürlich kenne ich die kleinen Ängste des Alltags. Insbesondere mit leerem Magen zweifle ich manchmal an der ganzen Welt. Aber ebenso gut kenne ich auch die großen und kleinen Trostpflaster und Kraftspender, die meine Laune verlässlich vom Nullpunkt ins Stimmungshochgebirge versetzen. Diese Notfallmaßnahmen helfen zuverlässig – und so ist mein persönliche Résumé: Ich habe keine Angst!