Schlagwort: Hörbuch

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Jonathan Franzen, Freiheit: Die sozialpsychologische Familiensaga des Jahres.

Platz 2. Philip Roth, JedermannDas Hörbuch gelesen von Peter Fitz: Dieses (Hör)Buch (be)trifft jedermann, denn Roth erzählt, wie es ihm und uns allen geht – in Beziehungen, in der Familie, im Beruf und im Alter.

Platz 3. Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrigblieb: Die gesellschaftskritischen Betrachtungen eines Butlers, der sich Kritik nie erlauben würde, und zugleich eine traurigschöne Liebesgeschichte. Das Buch zum Film mit Emma Thompson und Anthony Hopkins. Wer beides noch nicht kennt, sollte das Buch wählen! Die Sprache ist sogar in deutscher Übersetzung ein Genuss.

Platz 4. David Sedaris, Schafft die Yaya raus, Hörbuch, gelesen von Harry Rowohlt, Gerd Haffmanns, Gustav-Peter Wöhler: Die schrägsten und besten Geschichten der Familie Sedaris.

Platz 5. Andrea de Carlo: Zwei von zwei: Mario und Guido lernen sich 1968 in der Schule in Mailand kennen und werden beste Freunde. Um die Ideale ihrer Jugend umzusetzen, schlagen sie unterschiedliche Wege ein. Die Geschichte einer Freundschaft und einer Generation. Einer der besten De Carlos überhaupt mit Figuren voller Lebenshunger und Gefühl.

Platz 6. Sarah Thornton, Sieben Tage in der Kunstwelt: Dass die Autorin deutlich länger als sieben Tage in der Kunstwelt unterwegs war, um diesen unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen zu verfassen, kann man aus jeder Seite herauslesen. Tatsächlich ist Soziologin Sarah Thornton ihrer Begeisterung für Gegenwartskunst gefolgt und hat beinahe sieben Jahre recherchiert, um das Hintergrundwissen für ihren vergnüglichen Sieben-Tages-Trip vom Auktionssaal, auf die Art Basel, in den Hörsaal einer Kunsthochschule usw. zu sammeln. 

Platz 7Morris, Lucky Luke – Die Erbschaft des Rantanplan: Der an chronischer Selbstüberschätzung leidende dümmste Hund des Wilden Westens in seiner größten Rolle.

Platz 8. Mario Vargas Llosa, Das böse Mädchen: Die Geschichte eines weiblichen Felix Krull und einer nicht immer gesunden Liebe in den 50er bis 80er Jahren des 20. Jahrhunderts auf drei Kontinenten.

Platz 9. W. Sommerset Maugham: Regen, Hörbuch, gelesen von Friedhelm Ptok, Hans Korte, Marietta Bürger, Werner Rehm: Mit scharfer Beobachtungsgabe verfasste Kurzgeschichten in klarem prägnanten Stil.

Platz 10. Jana Scheerer, Mein Vater, sein Schwein und ich: Eine liebevoll schräge Hommage an die Kindheit.

Nicht neu aber umso hörenswerter: Die Mittagsfrau von der Autorin gelesen

Foto: Der Hörverlag

„Blind am Herzen“ sei die Mutter, sagt die neun Jahre ältere Martha zu ihrer kleinen Schwester Helene. Mit dieser Beschreibung versucht Martha den Umstand zu erklären, dass Selma Würsich ihre jüngste Tochter ablehnt. Diese Ablehnung bekommt die kleine Helene schon früh zu spüren. Und auch die Totgeburt vierer Brüder und die schlesisch-jüdische Herkunft der Mutter, die sie in Bautzen als Ehefrau eines angesehenen deutschen Druckers zur Außenseiterin werden ließ, erklären dem kleinen Mädchen diesen Umstand nicht ausreichend.

Helene erschaudert jedes Mal, wenn sie im Laufe ihres Lebens ähnliche Züge an sich selbst erkennt. Und doch ist es Helene, die viele Jahre später im Prolog von Julia Francks Roman Die Mittgsfrau ihren siebenjährigen Sohn Peter, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, auf der Zugreise gen Westen beim Umsteigen am Bahnhof Pasewalk, zurücklässt. Erschüttert habe ich Julia Franck diese Passage ihres Romanes vorlesen hören und mich gefragt: Was kann es für Gründe geben, die so ein Verhalten rechtfertigen?

Diese Frage mag sich Julia Franck selbst gestellt haben, als sie die Idee für ihren Roman entwickelte, der 2007 den Deutschen Buchpreis gewann. Denn die Geschichte von Helene und Peter ist ihre Familiengeschichte. Ihr Vater erfuhr das Schicksal des von der Mutter ohne jede Erklärung zurückgelassenen Kindes. Wie der kleine Peter in Julia Francks Roman wuchs auch der Vater der Autorin bei Verwandten auf. Ebenso wie Peter entschied er sich, die Mutter nie im Leben wiedertreffen zu wollen. Und auch mit seiner Tochter sprach er nie über die Großmutter. Julia Franck recherchierte später, dass diese 1996 in Berlin starb und zeitlebens nie wieder über ihren Sohn gesprochen hatte.

Und doch zeichnet Julia Franck ein so liebenswertes Bild der Frau, die die familiäre Tragödie ihres Vater begründete, dass man unwillkürlich den Eindruck bekommt, sie wolle eine nachträgliche Versöhnung herbeiführen. Der Prolog ihres Romans endet mit der Verzweiflung des am Bahnsteig zurückgelassenen Kindes. Der Hauptteil beschreibt die Lebensgeschichte der Mutter, Helene Würsich, ihrer Großmutter. Der Epilog deutet an, dass Peter seiner Mutter diese Tat nie verzeihen wird.

Und schon nach den ersten Sätzen des Romans, die die aufgeweckte Helene beschreiben, die sich vertrauensvoll der Fürsorge ihrer älteren Schwester Martha hingibt, verliebe ich mich in das kleine zarte Wesen und wünsche mir Helene zur Tochter, zur Schwester, zu Freundin. Verzückt höre ich dem kleinen Mädchen zu, dass voller Hoffnung, Lebensmut und Vertrauen in sich selbst in die Zukunft blickt und die ihr unverständlichen Merkwürdigkeiten ihres Lebens still erträgt,

Und zugegeben dauert es eine Weile, bis ich die aufwachsende, kluge und vielseitig begabte Helene mit Peters Mutter – der vom Leben gezeichneten Alice – in Verbindung bringe. Die Namensänderung erklärt Julia Franck erst viel später. Anfangs fragte ich mich daher, wie Helene und Peter wohl in Verbindung stehen mögen. Mache als Gemeinsamkeit nur eine angedeutete jüdische Herkunft beider aus. Und vermute ganz falsch, der Roman stelle verschiedene jüdische Schicksale zueinander in Relation.

Aber vielleicht ist genau das Julia Francks Absicht: Eine Romanheldin zu schaffen, mit der man sich anfangs blindlings identifizieren kann. Um den Leser abzuholen, einzupacken und mitzunehmen auf den Lebensweg der Helene Würsich. Und unterwegs zu erklären, wie es soweit kommen konnte.

Und der Plan gelingt. Nach sechs CD’s Die Mittagsfrau, von der Autorin einfühlsam und beinahe zärtlich vorgetragen, verzeihe ich der Helene Würsich zwar nicht, dass sie sich von der Verantwortung erdrückt und überfordert fühlt und ihren kleinen Sohn nicht lieben kann, wie man es von einer Mutter erwarten könnte. Aber ich verstehe Helene. Ich verurteile sie nicht mehr wie am Anfang. Ich finde es nur noch traurig, wie ein Leben einem Menschen alle Kraft und Wärme rauben kann. Und doch begeistert mich Julia Francks Roman und ihre Lesung. Und ich bin gespannt auf ihr neues Buch, Rücken an Rücken, das am 21. Oktober erscheint.