Schlagwort: Johannes Boie

Mut zur digitalen Lektüre

Foto: dLis

Was macht man so am Sonntag Mittag, mit leichtem Kater von der Wiesn, wenn der Herbst Sommer spielt? Man setzt sich in den Garten, trinkt Kaffee und liest Zeitung. Und selbstverständlich lese ich ganz traditionell Zeitung. Mit schmerzenden Armen hoch über dem Kopf und nicht via Smartphone oder mit Laptop auf dem Schoß.

So kurz nach dem Aufwachen ist es doch auch ganz schön, mal nicht unbegrenzte Informationsmöglichkeiten zu haben, sondern einfach nur das lesen zu können, was auf dem Seiten 15 bis 24 der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende steht. Im Feuilleton-Teil nämlich, den ich grad über mir in die Luft halte.

Und: Johannes Boie, dem Autor des Leitartikels, geht es wie mir. Er kann sich auch noch nicht so recht vorstellen, in Zukunft immer digitaler zu lesen. Er mag Papier. Und vielleicht gehört auch er zu den Menschen, die in fremden Wohnzimmern immer erst einmal das Bücherregal scannen, um nach etwaigen gemeinsamen Lesevorlieben zu suchen.

Und so fragt auch er sich, im Zuge der Digitalisierung aller unserer Lebensbereiche und mit zunehmender Präsenz von E-Books, wird es künftig keine Bücherregale mehr geben? Und schwappt dann auch dieser Teil der Selbstdarstellung ins Internet über?

Ja, Bücherregale nennt Boie Mittel zur Selbstdarstellung. Sind sie das nicht auch? Hand aufs Herz. Ich gebe zu, ich habe ein doppelreihig belegtes Bücherregal im Wohnzimmer stehen. Aber bisher dachte ich nicht, dass es ein Vorzeigeregal wäre. Dass ich meinen Besuchern damit zeigen wollte, seht her, was ich alles gelesen habe. Sondern, dass ich damit nur meine Leidenschaft zur Schau stelle. Und meinen papierenen Freunden ein zu Hause gebe.

Aber vermutlich komme ich aus der Nummer so leicht nicht raus. Wenn ich meine gut 800 Bücher sichtbar in das Besuchszimmer meiner Wohnung stelle, will ich wohl auch mit ihnen gesehen werden.

Habe ich etwa nur deshalb so meine Schwierigkeiten mit E-Books? Und ist das analoge Lesen nicht auch nur eine romantische Verklärung von Leineneinband und Pappbuchdeckel? Halte ich nicht nur daran fest, um meinen kauzigen Buchrückentick zu pflegen? (Ich lese Taschenbücher mit dem unbedingten Vorhaben ihren Buchrücken nicht durch eine Längsfalte zu entstellen, stets nur halb aufgeschlagen in leicht verkrampfter Pose des Hineinlugens.)

Das sind doch keine vertretbaren Gründe für ein fortschrittsabgewandtes Denken. Das E-Book ist schließlich praktisch, da klein, handlich und mit schier unendlichem Bücherspeicherplatz bestückt. Ein Umstieg aufs digitale Lesen würde es mir glatt ermöglichen, 15 Quadratmeter Wohnfläche einzusparen. Von dem Weniger an Mietkosten, könnte ich mir viel Literatur aufs E-Book laden.

Bekäme ich mein SZ-Abo aufs E-Book, müsste ich auch nicht mehr einmal monatlich tütenweise Altpapier zur Tonne am Ende der Straße schleppen. Und wenn ich den PR-Manager eines großen japanischen Elektronikherstellers und E-Book-Anbieters auf der IFA richtig verstanden habe, kann ich inzwischen sogar ins elektronische Buch hineinkritzeln. Textpassagen unterstreichen. Anmerkungen an den Rand schreiben.

Also warum nicht mal etwas Neues wagen? Ein erster Schritt in Richtung Lesen der Zukunft: Meine Teilnahme am eBookcamp am 5. November in Hamburg. An sonnigen Sonntagmittagen lese ich aber auch in Zukunft am liebsten analog.