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Tiefenpsychothriller – Juli Zehs neuer Roman „Nullzeit“

Foto: Schöffling

Foto: Schöffling

Vor knapp einer Stunde hat Theo mal wieder versucht, mich umzubringen. Klingt wie der Anfang eines Krimis. Ist es aber nicht.“ Das erste, was mir an Juli Zehs neuem Roman „Nullzeit“ positiv auffällt, ist der Klappentext. Das ist angesichts der gängigen Textqualität deutscher Bücherklappen eher ungewöhnlich, aber leicht zu erklären. Denn diesen hat Juli Zeh selbst geschrieben, es ist ein Zitat aus „Nullzeit“. Und er bringt es auf den Punkt: Ebenso irre wie diese Zeilen klingen, ticken die Protagonisten des Buches, begreife ich beim Lesen. Doch ich irre mich: Es kommt noch schlimmer! 

Dabei fängt es harmlos an. Sven – der vor Jahren die Juristerei in Deutschland an den Nagel gehängt und auf Lanzarote eine Tauchschule eröffnet hat – beschreibt, wie er seine beiden Feriengäste Jolante Augusta Sophie von der Pahlen, genannt Jola, und Theo Hass vom Flughafen abholt. Das ungleiche Künstlerpaar aus Berlin ist ebenso attraktiv wie verhaltensauffällig. Doch für 1.000 Euro Tagesgage als Personal Tauch- und Insel-Guide sieht Sven darüber hinweg.

Vielmehr, Sven verliebt sich beim ersten Tauchgang im wahrsten Sinne des Wortes Hals über Kopf in seine schöne Schülerin. Daran kann auch seine Freundin Antje, mit der er eine merkwürdig pragmatische Beziehung führt, nichts ändern. Antje ist ihm vor Jahren ungefragt auf die Insel gefolgt. Seither führt sie mit Sven die Tauschschule, lebt mit ihm zusammen und ist dennoch in etwa so bedeutsam für ihn wie ein zweckmäßiges Möbelstück. „Antje ist wie der praktische Schrank den wir beim Einzug [..] günstig gekauft hatten.“ Ihrer Beziehung wegen hatte Sven sich bisher „für einen Menschen mit geringer Liebeskraft gehalten“. Jola überführt ihn des Irrtums.

Die ist jung, schön, von Haus aus reich, vernachlässigt, aber verwöhnt. Ein TV-Sternchen mit 384.000 Google-Treffern, wie Sven, der seine Nächte fortan schlaflos vor Jolas Telenovela am Computer verbringt, schnell herausfindet. Sie lebt in zerrütteter Beziehung zum 15 Jahre älteren Theo. Der wiederum hat nach einem zehn Jahre zurückliegenden, vielversprechenden Debütroman als Schriftsteller nichts mehr zustande gebracht. Dementsprechend destruktiv gibt er sich seiner Umwelt gegenüber. Der Urlaub soll Jola auf die Rolle der Taucherin Lotte Hass vorbereiten und nebenbei die Beziehung kitten.

Dass letzteres kein Strandspaziergang wird, sagt Jola selbst. Sie nennt Theo „den alten Mann“, verspottet ihn, beschreibt, wie er sie dominiert und sie es geschehen lässt. Das entnehme ich Jolas Tagebuch, das regelmäßig Svens Berichterstattung der Inselereignisse unterbricht und alles bisher gelesene auf den Kopf stellt. Denn aus Jolas Perspektive erzählt, ist die Geschichte eine andere. Mit Schaudern denke ich beim Lesen an Laetitia Colombanis „Wahnsinnig verliebt“. In der Hauptrolle brillierte Audrey Tautou als gestörte Angélique, deren Liebreiz den Effekt der unterschätzten Wahnsinnigen hinreißend verstärkte. Ähnlich schätze ich Jola ein: irre.

Sven ist da deutlich unbedarfter. Aber er hat sich auch mit seinem Weggang aus Deutschland vorgenommen: Keine Einmischung mehr in fremde Probleme. „Raushalten, ist das Fundament, auf dem ich meine Weltsicht aufbaute“. Die Warnung seines vermeintlichen Widersachers Theo – „Erste Regel im Umgang mit Frau von der Pahlen, glaube ihr kein Wort.“ – schlägt Sven arglos in den Wind. Lange glaubt er, die Situation im Griff zu haben, eine Eskalation verhindern zu können. Und als er endlich realisiert, dass er sich irrt, ist er überfordert: „Normalität war doch das Mindeste, was man vom Leben erwarten konnte“ – aber nicht von Jola und Theo!

Und während Jola sich in ihrem Tagebuch noch als Opfer stilisiert – „Opfer sein ist eine Kunst, die leicht fällt, wenn sich ein geeigneter Mitspieler findet. [..] Wer seinen eigenen Täter besitzt, muss sich nie wieder um die Opferrolle sorgen“ und „Ich werde immer wieder zum alten Mann zurückkehren, solange bis er mich vernichtet hat. Ich brauche Hilfe.“ und „Ich brauche einen Tauchlehrer an Land, einen der mir beibringt, an diesem beschissenen Leben nicht zu ersticken.“ – spitzt sich die Situation immer weiter zu und am Ende kommt es zum erwarteten Showdown unter Wasser und dabei doch ganz anders als man dachte..

Und das ist eigentlich das Allerbeste an Juli Zehs „Tiefenpsychothriller“: Obwohl man seinen Protagonisten so einiges an Wahnsinn zutraut, kommt die Auflösung überraschend. „Nullzeit“ ist aber nicht nur ein bis zur vorletzten Seite lesenswerter, verstörend beklemmender und hochspannender Psychothriller, es ist auch eine psychologisch interessante Dreiecksgeschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit, über Macht und Ohnmacht in Beziehungen, über Sex und Gewalt. „Nullzeit“ ist gesellschaftskritisch, natursensibel und tauchversiert. Und völlig unvermittelt zwischen seinen taktisch ausgefeilten Wendungen, schreibt Juli Zeh darin in wunderbarer Sprache weise Sätze über das Leben – lesen!