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In einer Woche startet die Frankfurter Buchmesse. Ehrengast in diesem Jahr ist Island.

Foto: Tide – Treibholz und Feinkost

Zugegeben im ersten Moment erschien mir der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse eine eher ausgefallene Wahl zu sein. Hatte ich doch unter Island bis zu meiner Recherche für diese Seite nur Asche speiende Vulkane, kollabierende Banken und eine eigenwillige Sängerin schräger Töne abgespeichert. Zum Thema Schriftstellerei und Island fiel mir wenig ein.

Doch damit stehe ich vermutlich nicht alleine. Wie viele Bücher isländischer Autoren hat Otto-Normal-Leser vor diesem Bücherherbst gelesen? Die Kriminalromane um Kommissar Erlendur Sveinsson von Arnaldur Indridason? Vielleicht. Die naturspirituellen Werke des Björk-Lied-Texters Sjón? Schon unwahrscheinlicher. Den sozial- und politikkritischen Roman „Atomstation“ von Islands Nobelpreisträger Halldór Laxness? Wohl eher nicht. Zu lange her. Augenscheinlich wird es Zeit, dass wir unser nordeuropäisches Nachbarland als Ehrengast auf unserer wichtigsten Buchmesse begrüßen.

Denn die Frankfurter Buchmesse mit ihren 7.400 Ausstellern und nahezu 300.000 Besuchern ist ganz großer Bahnhof. Allein der deutschsprachige Markt bietet fast 100 Millionen potenzielle Leser. Und mit dem Ehrengastauftritt kommen jetzt rund 200 neu übersetzte isländische Bücher in die deutschen Buchhandlungen. Darunter 80 Romane, Kurzprosa- und Lyrikbände, 20 Anthologien, sowie eine fünfbändige Neuausgabe der Isländersagas. Außerdem eine Vielzahl an Sachbüchern zur Geschichte, Politik, Sprache und Kultur Islands. Eine enorme Entwicklung, im Jahr 2000 waren gerade einmal neun isländische Titel ins Deutsche übersetzt worden.

Und bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Island dann auch als geradezu prädestiniert für den Auftritt auf der großen Bühne. Ist die isländische Literaturszene doch alles andere als eintönig. Angefangen mit der Edda (zweier Bände skandinavischer Götter- und Heldensagen) und den Sagas (der frühen Prosa des Mittelalters) mit ihren Göttern und Fabelwesen bis hin zur zeitgenössischen Belletristik bietet die Literaturgeschichte des nordeuropäischen Inselstaates sehr viel Lesenswertes.

Und gemessen an seiner Einwohnerzahl hat Island gar die weltweit größte Dichte an Literaten. Denn statistisch betrachtet schreibt jeder vierte Isländer in seinem Leben zumindest einen Roman oder Gedichtband. Und seit 1955 ist Island auch das Land mit der größten Literaturnobelpreisträger-Dichte weltweit.

Foto: Tide – Treibholz und Feinkost

Aus diesem Grund stellt das Lesen ist schön in den nächsten Tagen eine Auswahl der lesenswertesten Neuerscheinungen isländischer Bücher in deutscher Sprache vor. Darunter:

Steinar Bragi, Frauen: Ein verstörender Thriller. Eine junge Künstlerin reist dem Vater ihres toten Kindes nach Island hinterher, hütet in Reykjavík ein Luxusapartment, wird von ihrer großen Liebe zurückgewiesen, versinkt in Depression und Sucht und erkennt zu spät,  dass sie in eine Falle gelockt wurde.

Huldar Breidfjörd, Liebe Isländer: Eine Auszeit im isländischen Winter. Ein junger Reykjavíker kauft sich einen Jeep und fährt zwei Monate durch die entlegensten Winkel seines Heimatlandes, trifft die verschiedensten Menschen und findet ein Stückchen zu sich selbst.

Einar Már Gudmundson, Vorübergehend nicht erreichbar: Ein Buch wie eine Sitzung der anonymen Alkoholiker. Die Liebesgeschichte zweier Süchtiger, die einander Hoffnung und Kraft geben, gesund zu werden. Und eines Autors, der sich in seinen eigenen Roman mit hineinschreibt.

Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1.000 Grad: Die 80jährige Herbjörb lebt mit ihrem Laptop und einer alten Handgranate in einer Garage, surft durchs Internet und erinnert sich an ihr bewegtes Leben. Eine skurrile Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhundert vom Autor von 101 Reykjavík.

Andri Snaer Magnason, LoveStar: In einer Welt, in der ein Konzern den Tod vermarktet und die Liebe organisiert, leistet ein junges unerschrockenes Paar Widerstand und rettet eine Liebe, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Steinunn Sigurdardottír, Der gute Liebhaber: Nach 17 Jahren kehrt ein Mann zum Haus seiner ersten Liebe nach Island zurück, erkennt dass er zu spät kommt, geht wieder und landet im Haus einer anderen. Ein Buch über die mitunter mühsame Suche nach Liebe.

Göran Tunström, Der Mondtrinker: Der Ich-Erzähler Pétur erinnert sich an seinen plötzlich verstorbenen Vater Halldór. Eine Kindheit in Island und eine außergewöhnliche Vater-Sohn-Beziehung.

– Herzlichen Dank an Tide – Treibholz und Feinkost für die wunderschönen Island-Bilder! –

Die Lesenswertliste der Woche

Damals mit 15 hat uns das „Jetzt-Magazin“ so manchen Beginn einer Schulwoche versüßt. Jeden Montag lag das Jugendmagazin (das heute nur noch online existiert) der Süddeutschen Zeitung bei. Hielten wir es in Händen, blättern wir zu allererst auf die letzte Seite. Dort veröffentlichte „Jetzt“ allwöchentlich die großen und kleinen Dinge, die das Leben damals lebenswert machten in einer Liste. Das Ranking bestimmten die Leser des „Jetzt-Magazins“ –  wir – die zu diesem Zweck ihre persönlichen Lebenswertlisten oder nur einzelne Punkte daraus per Fax oder Brief an die Redaktion schickten. Nicht nur einmal entdeckten wir unsere Vorschläge in der Liste wieder.

In Erinnerung an diese schöne Zeit und das leider schon vor vielen Jahren in dieser Form eingestellte „Jetzt-Magazin“ möchte ich ab sofort auf dieser Seite einmal in der Woche eine Lesenswertliste veröffentlichen und darin all die lesenswerten, hörenswerten und sehenswerten Texte und Bilder vorstellen, die für mich die letzte Woche lebenswert gemacht haben.

Gerne greife ich in Zukunft auch Eure Ideen in der Liste auf, drum kommentiert, postet oder mailt mir auch Eure persönlichen Lesenswert-Listen!

Meine Lesenswertliste der Woche:

Platz 1. Andri Snaer Magnason: LoveStar, mein Buch der Woche. Denn Magnasons schräges Zukunftsszenario erinnert mich an Orwell oder Huxley und ich bin gespannt, ob die Guten diesmal eine Chance haben, denn natürlich leisten auch hier zwei unerschrockene Idealisten Widerstand gegen den vermarkteten Tod und die organisierte Liebe

Platz 2. Lucky Luke: Das Greenhorn, denn die Ernennung Jean-Yves Ferris zum künftigen Asterix-Texter, hat mich daran erinnert, welch großartige Worte René Goscinny den unbeugsamen Galliern, aber auch dem einsamen Cowboy in den Mund zu legen vermochte

Platz 3. Das Hörbuch zu Julia Francks: Die Mittagsfrau, denn die Buchpreisgewinnerin von 2007 liest ihren Roman selbst vor – leise, pointiert und packend

Platz 4. Doris Dörrie: Alles inklusive, denn der neue Roman der Schriftstellerin, Theater- und Filmemacherin ist nicht nur eine manchmal komisch, manchmal tragisch anmutende und mit Wortwitz gespickte Lektüre, sondern eignet sich auch ausschnittsweise sehr gut zum Vorlesen

Platz 5. Kürzlich darüber gesprochen, jetzt wieder einmal hineingelesen: Armistead Maupin: Stadtgeschichten (in 5 Bänden). Eine bunte Soap Opera über eine im San Francisco der End-70er lebende Wohngemeinschaft

Platz 6. Diese Woche wiederentdeckt: Saskia Hula und Karsten Teich: Windig und Wolkenbruch. Ein herzerfrischendes Kinderbuch, das sich auch bestens als Geschenk für extremsport- und abenteuervernarrte Erwachsene eignet

Platz 7. Karl Valentin, Gerhard Polt, Toni Berger u.a.: Auf gehts zur Wiesn – Ein Oktoberfest-Spaziergang, zur Einstimmung aufs letzte Wiesnwochenende für dieses Jahr

Platz 8. Die kuriosesten Buchtitel 2011, ohne Worte!

Platz 9. Garon Tsuchiya, Nobuaki Minegishi: Old Boy, denn den japanischen Manga zum preisgekrönten Film legte ich einmal angelesen nicht mehr aus der Hand, bis zur letzten Seite. Doch dann der Schock, das Rätsel um Goto, der ohne zu wissen von wem und warum zuerst zehn Jahre eingesperrt und dann plötzlich freigelassen worden war, wird nicht aufgelöst. Denn Old Boy hat vier Bände. Und man bestellt sofort den nächsten..

Platz 10. Twitter. In dieser und vermutlich auch den nächsten Wochen unersetzliches Recherchetool und Quelle vieler witziger, skurriler, spannender, und informativer Inhalte, die mich zu Themenideen für diese Seite inspirieren