Schlagwort: Lutz Seiler

Buchmesse Tag 1: Zusammenfassung einer Daheimgebliebenen

FBM_Logo_Datum_Ehrengast_Deutsch_Pfade_RGB_42466
Tag 1 der Frankfurter Buchmesse und ich bin nicht dabei. Nachdem ich vor einem Jahr noch mit dickem Bauch durch die Mainhattan Messehallen gewatschelt bin, hüte ich heuer daheim mein Baby, statt von Stand zu Stand zu flanieren. Die Ereignisse in Frankfurt verfolge ich nur vom Bildschirm aus. Glücklicherweise streamt meine WLAN-Verbindung seit neuestem brav auch Filmisches, so dass ich beinahe das Gefühl habe, mit dabei zu sein. Und es scheint mir sogar, dass man als Online-Beobachter leichter auf dem Laufenden bleibt, als der Otto-Normal-Blogger, der im Menschengewimmel so manche News doch erst arg zeitverzögert aufschnappt.

Trotzdem sitze ich etwas wehen Herzens zu Hause und beneide all jene, die heute vor Ort waren und in Händen halten duften, was ich nur in abgelichteter Form digital konsumieren konnte: all die neuen Herbstbücher, auf die ich mich schon so sehr freue. Als kleine Therapie gegen den Herzschmerz habe ich im folgenden ein kleines Update aus der Buchbranche verfasst, meine online beobachteten Eindrücke vom ersten Buchmessetag niedergeschrieben und eine kleine Linksammlung integriert. Gemäß der schönen ZEIT-Online-Aktion #1Buch1Satz, die Leser gestern aufforderte in Twitter-Manier ihr Lieblingsbuch in einem Satz zusammenzufassen und großartige Beiträge erhielt, bemühe ich mich um Kurzfassung.

Und gleich nochmal ZEIT Online: Die Wochenzeitungswebsite launchte rechtzeitig zur Buchmesse die Schriftsteller-Plattform „Freitext – Feld für literarisches Denken“, ein Forum für Autoren, über Politik, Kultur, Gesellschaft und ihr Leben zu schreiben und wie es dort heißt ihrer „literarischen Weltsicht Raum zu geben“. Bislang zu lesen sind Feridan Zaimoglu, Thomas Glavininc, Nora Bossong und Jo Lendle.

Zur Eröffnung der Buchmesse brachte auch Amazon seine Ebookflatrate nach Deutschland. Ab 9,99 Euro im Monat können Abonnenten künftig digital lesen. Dank der Buchpreisbindung ist diese News für die deutschen Verlage (die derzeit mit Ebooks rund 10 Prozent ihres Gewinns erwirtschaften und von denen mehr als 60 Prozent Ebooks im Sortiment haben, 100 Prozent der großen) weniger dramatisch, als für die etwa 6.000 deutschen Buchhandlungen. Entsprechend war die digitale Bedrohung auch heute einmal wieder Thema in Frankfurt.

Die digitale Antwort auf die Ebookflatrate und die Weiterentwicklung des Ebooks zum Social Book hat Sascha Lobo angekündigt. Am Freitag startet „Sobooks“, seine, wie er selbst sagt, „Autoren- und Verlagsplattform für die Zukunft des Buchstabenverkaufs“. Ich bin gespannt! 

Thema war heute auch der gestrige Tod des 88-jährigen bedeutenden deutschen Nachkriegsautoren Siegfried Lenz in Hamburg. Michael Jürgs erzählt auf Cicero Online von einem Hausbesuch bei Lenz.

Einen kleinen Skandal verursachte der Ausschluss der Wiener Literaturkritikerin Daniela Strigl aus der Jury des Ingeborg-Bachmann Preises. Die Frage, ob Strigl selbst abgesagt oder der ORF Kärnten, als Veranstalter der Bachmann-Tage, Strigl ausgeladen hatte, wird in der Berichterstattung nicht einheitlich dargestellt. Fest steht, innerhalb weniger Stunden formierten sich Hunderte Strigl Sympathisanten in Frankfurt, eine Unterschriftenliste zu ihren Gunsten kursiert.

Omnipräsent auf den Sofas der Messe war erwartungsgemäß Buchpreisträger Lutz Seiler, dem die FAZ bereits vor zwei Tagen das Kopieren des Erfolgsrezeptes Uwe Tellkamps vorwarf: Tellkamps „Der Turm“ sei, so hieß es, eine Art Folie für Seilers Buch“. Und heute mit dem provokanten Artikel: „Die DDR als sicherer Bucherfolg“ noch einen draufsetzt. Dass wir Wessis die Wende vielfach  in Selbstversunkenheit verpasst haben, wissen wir spätestens seit Sven Regners „Herr Lehmann“. Insofern habe ich mich über Lutz Seilers Buchtipp gefreut, der etwas Nachhilfeunterricht in Sachen DDR verspricht. Kürzlich im Pieper Verlag erschienen ist Roland Jahns „Wir Angepassten – Überleben in der DDR“.

Wie die taz schreibt, ist der vor zehn Jahren initiierte Deutsche Buchpreis heute eigentlich „ein Preis für Deutsche Geschichte“. Entsprechend waren auch Geschichte und Politik, insbesondere die aktuelle weltpolitische Lage Thema auf der Buchmesse heute. Ein von langer Krankheit gezeichneter Helmut Kohl bewarb sein neu aufgelegtes Buch über den Mauerfall. Die finnisch-estnische Schriftstellerin und Dramaturgin Sofi Oksanen warb als Botschafterin des diesjährgen Ehrengastes Finnland (hier gibt’s eine Liste finnischer Neuerscheinungen auf deutsch) schon gestern Abend bei der Eröffnung der Messe für Freiheit und sprach sich gegen Wladimir Putin aus. Historienschinkenschreiber Ken Follet, der dieser Tage sein neues Buch bewirbt, sprach im Interview über das Schottland-Referendum und seine Heimat Wales und sagte den – wie ich finde – recht bedenklichen Satz: „Wie alle intelligenten Waliser lebe ich in London“.

Einen deutlich sympathischeren Eindruck hinterließ bei mir die Hamburger Theaterautorin und Illustratorin Karen Köhler, deren Buch „Wir haben Raketen geangelt“, neun Ich-Erzählungen von Frauen, gerade im Hanser Verlag erschienen ist und von der Kritik geradezu gefeiert wird. Die Vierzigjährige Roman-Debütantin sagte im Interview auf dem Blauen Sofa, sie fühle sich sehr wohl als Neuling im Literaturbetrieb, denn sie habe die Erfahrung gemacht, dass dort sehr viel sanfter mit Text umgegangen werde, als beim Theater, wo es schon mal vorkomme, dass man bei der Premiere sein eigenes Stück nicht mehr wiedererkenne.

Jetzt bin ich gespannt auf Köhlers Erzählungen, die ich mir neben ein paar anderen Neuerscheinungen soeben per E-Mail in der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt habe. Ebenso bin ich gespannt auf morgen, den zweiten Messetag und den Literaturnobelpreis..