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Gedicht am Ende des Tunnels

Foto: Schöffling Verlag

„Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden“, schrieb Theodor Adorno 1959 in seiner Theorie der Halbbildung. Und auch wenn der Frankfurter Soziologe und Philosoph damit wohl eigentlich auf den Verfall der Bildung hinweisen wollte, skizzierte er mit dieser Zeile zugleich auch einen Trend, der bis heute andauert.

Spätestens vor drei Monaten, als ein mir bis dahin gänzlich unbekannter Schwede den Nobelpreis für Literatur gewann, begriff das auch ich. Tomas Tranströmer gewann den Preis für sein Lebenswerk, 12 Gedichtbände. Tranströmer ist Lyriker. Und das ist womöglich auch der Grund, warum zumindest ich nie zuvor von ihm gehört hatte. Denn Lyrik ist in Deutschland heute mehr denn je Nische. Und das obwohl, wie die Feuilletonisten jubilieren, die junge deutsche Lyrikszene hochkarätig besetzt ist.

Ehrlich gesagt, wirklich intensiv habe ich mich zuletzt im Deutschunterricht mit Lyrik befasst. Mit den unterschiedlichen Dichtern der unterschiedlichen Epochen und das zugegeben mit sehr unterschiedlichem Interesse. Aber so mühsam ich auch in der Abiturvorbereitung barocke Sonette seziert habe, so begeistert habe ich später Gottfried Benn, Erich Kästner, Paul Celan und Christian Morgenstern auswendig gelernt.

Und ebenso wie es mir mit der neueren deutschen Prosa erging, erlebte ich die Lyrik: Je moderner, desto ansprechender. Robert Gernhardt habe ich verschlungen. Doch dann veränderte der Zeitgeist die Gedichte. Und die alte Regel galt nicht mehr. Plötzlich war es umgekehrt: Je zeitgenössischer ein Gedicht, desto schwerer der Zugang. Und ich verlor die Lyrik aus den Augen.

Denn ich hatte die gelenken Reime Erich Kästners, die charmant die Tragik des Lebens auf den Punkt dichteten, wirklich gemocht. Ich hatte mich für Christian Morgensterns scheinbar naive Parabeln in Reimform begeistert. Und ich kam mir plötzlich altbacken vor, wenn ich meine lyrischen Jugendidole mit zeitgenössischen Dichtern verglich.

Die großen deutschen Gegenwartslyriker, so lese ich, heißen inzwischen Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb, Michael Lentz. Die jungen Lyriker der Stunde Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann und Uljana Wolf u.a. Allesamt sind sie mir unbekannt. Ich lese ich ihre Gedichte und finde ich sie anstrengend. Ich verstehe sie nicht beim ersten Lesen. Und ihr Stil ermuntert mich nicht, es noch einmal zu versuchen. Ich wende mich ab. Ein imaginäres Vorhängeschloss verschließt mir den Zugang zur zeitgenössischen Dichtung.

Und nun? Vielleicht sehe ich mich erst einmal in der Musik nach Lyrik um? So abwegig ist das nicht. Immerhin galt Bob Dylan im vergangenen Oktober laut Ranking der Wettagentur Ladbrokes eine Woche lang als Favorit für den Literaturnobelpreis. Ob Bob Dylan tatsächlich zur Diskussion stand oder die Meldung nur eine Wettbüro-Ente war, weiß wohl nur das Stockholmer Nobelpreis-Kommitee zu beantworten. Ich mache derweil bei der Durchsicht meiner Buchmessen-Mitbringsel eine Entdeckung:

Dass Musik der Schlüssel zu moderner Lyrik sein kann, dachte sich nämlich auch die junge und schon vielfach preisgekrönte Lyrikerin Ulrike Almut Sandig  und vertonte ihre Gedichte (in Zusammenarbeit mit Marlen Pelny) in stimmungsvollem Sprechgesang mit Gitarrenbegleitung. Rhythmisch, aber auf eigenwillige Weise die natürliche Satzbetonung aushebelnd, gelingt es ihr zugleich die zentralen Aussagen ihrer Texte hervorzuheben und mich für ihre Texte gewinnen. Ich folgte ihr scheinbar mühelos in eine zugegeben sehr phantastische Welt.

Merkwürdig, dass der Musik so leicht gelingt, was gerade noch unerreichbar schien. Aber wie es scheint, funktioniert das Konzept nicht nur in diesem Fall. Zahlreiche Verlage werben bei genauerem Hinsehen mit Lyrikvertonungen. Denn so wenig lyrikaffin wie ich ist die Mehrheit der Deutschen. So ist für viele Verlage die Aufnahme von Gedichtbänden junger Lyriker in ihr Programm eine riskante Angelegenheit. Eine Auflage von 200 bis 300 Exemplaren ist scheinbar geradezu rekordverdächtig. Dementsprechend dankbar wird jede erfolgsversprechende Vermarktungsidee aufgegriffen.

Hier schließt sich der Teufelskreis. Nische ist Luxus für Elitäre. Und lebten wir nicht in einer Welt der digitalen Verbreitung, des Print on demand und der elektronischen Vertriebswegverkürzung, könnte sich der Literaturbetrieb womöglich bald keine Lyriker mehr leisten. Schon aus diesem Grund gelobe ich Besserung. Ich versuche es wieder mit der Lyrik.

Ulrike Almut Sandig derweil freut sich über das positive Echo ihrer jüngsten CD und sagt, sie schreibe ihre Gedichte natürlich nicht auf die Vertonung hin. „Es gibt Gedichte, die leben hundertprozentig von einer gewissen Stille, die kann man gar nicht vertonen.“ – Junge Fans hat die sympathische Leipzigerin, die bereits 2006 den renommierten Meraner Lyrikpreis gewonnen hat, mit ihrer Bühnenperformance dennoch hinzugewonnen, so auch mich. (Nächste Termine von Ulrike Almut Sandig) Ermutigt sehe ich mich nach einer Tranströmer Vertonung um.