Schlagwort: Mein sanfter Zwilling

Mein sanfter Zwilling: Ein Interview mit der Autorin

Foto: Ives Noir

Samstag spät vormittags auf der Frankfurter Buchmesse: Eine übermüdete Journalistin trifft eine übernächtigte Schriftstellerin. Nino Haratischwili, Autorin von Mein sanfter Zwilling und in diesem Moment nominiert für den Preis der Hotlist 2011, den deutschen Independence Buchpreis, den sie wenige Stunden später gewinnen wird. Hier werden vorläufig nur Augenringe verglichen und Kaffeeinfusionen verteilt. Und da sage nochmal jemand das Frankfurter Nachtleben sei keinen Besuch wert.

In meinem Fall: falsch. Ich habe letzte Nacht Nino Haratischwilis Buch gelesen. Fast 400 Seiten. Ich bin beeindruckt. Und habe es tatsächlich durchgelesen. Stolz, gut vorbereitet zu sein, stelle ich meine Fragen und außerdem fest: Zuhören, Mitschreiben, Mitdenken geht heute nicht parallel. Na prima, und wie soll das dann ein ordentliches Interview werden? Nino muss mir helfen, mich retten. Das tut sie. In einen dicken Schal gewickelt, mit einem Becher Kaffee in der Hand und ihren freundlichen, wenn auch müden, schwarzen Augen konzentriert in die Ferne blickend. Und spricht über ihren zweiten Roman.

Mein sanfter Zwilling ist ein mitreißendes Buch. Erzählt wird darin die Geschichte von Ivo und Stella, die keine Geschwister sind, aber wie Bruder und Schwester aufwachsen. Die sich so gut kennen, wie man sonst nur sich selbst kennt. Die sich lieben und hassen, begehren und zurückstoßen, sich stützen und verletzen und immer wieder voreinander weglaufen. Und die ein dramatisches Erlebnis aus ihrer frühen Kindheit aneinander kettet. Damals waren Ivo und Stella ungewollt Mitwisser der Affaire von Stellas Vater mit Ivos Mutter. Während ihre Eltern sich liebten, spielten Stella und Ivo im Garten. Bis eines Tages Ivos Vater unangemeldet nach Hause kam.

Und das ist eigentlich erst der Anfang eines gemeinsamen Lebensweges, der bis in beider Mitdreißiger hineinreicht und von Ich-Erzählerin Stella in Rückblicken aufgearbeitet wird. Stella, inzwischen 36, lebt anfangs ein scheinbar bürgerlich geordnetes Leben als verheiratete Journalistin mit verantwortungsvollem Ehemann und Sohn. Bis Ivo, inzwischen erfolgreicher Kriegsreporter mit exzessivem Lebenswandel, nach Jahren des Untertauchens plötzlich vor ihrer Tür steht und in kurzer Zeit jede Ordnung durcheinander und jede Vernunft zum Erliegen bringt.

Die Situation spitzt sich zu, der Leser erwartet den finalen Knall. Stattdessen stellt Nino Haratischwili der Geschichte um Ivo und Stella noch einen zweiten Handlungsstrang zur Seite. Dieser zweite Teil des Romans spielt in Georgien und erzählt von einer Familie, deren Geschichte im Kaukasus-Konflikt ihren Anfang nimmt und bis in die Gegenwart hineinreicht. Ivo recherchiert die Geschichte dieser Familie, reist nach Georgien, überredet Stella, nachzukommen. Will ihr zeigen, was er herausgefunden hat. Und sich versöhnen. Doch erst zu spät versteht Stella Ivos Anliegen.

Nino Haratischwili gelingt mit Mein sanfter Zwilling ein Werk voller Gegensätze: Eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama und ein Kriegsepos in einem. Die Figuren sind lebenshungrig und doch destruktiv. Sie können nicht miteinander und ebenso wenig ohne einander. Sind aufopfernd und doch egoistisch. Das Buch liest sich rasant und zugleich hat es Tiefe. Ein beeindruckender Roman, der zurecht den Preis der Hotlist 2011 gewonnen hat. Aber davon weiß Nino Haratschimili vorläufig noch nichts. Den Preis erhält sie erst abends. Vormittags gibt sie sie noch ganz bescheiden, fast desinteressiert, auf die Frage, ob sie mit einer Auszeichnung rechnet. Nein. Darüber denke sie nicht nach. Preise seien schön, aber nicht entscheidend sagt sie. Und ich frage weiter:

das Lesen ist schön (dLis): Ihre frühe Kindheit haben Sie in Georgien verbracht, später haben Sie mit Ihrer Familie in Deutschland gelebt. Zwischen 200o und 2003 haben Sie in Tiflis studiert, 2007  ihr Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg absolviert, seither schreiben und inszenieren Sie Theaterstücke in Georgien und Deutschland und haben zwei Romane verfasst. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Nino Haratischwili (NH): Meine Heimat ist definitiv Georgien, mein Leben findet aber heute in Deutschland statt. Bisweilen ist das eine Gratwanderung zwischen zwei Welten, ein wenig anstrengend aber auch eine Bereicherung.

dLis: „Mein sanfter Zwilling“ ist ein Pageturner und dennoch ganz und gar nicht seicht. Wie schreibt man ein Buch, dass man bereits nach wenigen Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann und das dennoch Tiefe besitzt? 

NH: Oh vielen Dank. freut mich, wenn es so ist! Am Anfang steht natürlich immer der Wunsch, eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Die habe ich in einigen Monaten – von einer anfänglichen Idee ausgehend – entwickelt. Der Aufbau des Romans ist dann eine dramaturgisch bewusste Entscheidung, die natürlich mit Erwartungen spielt. Denn am Ende geht es ja nur vordergründig um die Tat der Eltern. Letztlich ist entscheidend was haben die Kinder getan. Und es ist natürlich eine Gradwanderung, wieviel man unterwegs verrät. denn ich möchte ja den Leser dazu anregen die Puzzlesteine selbst zusammenzusetzen.

dLis: In meinem Fall ist Ihnen das absolut gelungen. Aber muss eine Geschichte, die dem Leser erst Stück für Stück enthüllt wird, in der Entstehung nicht sehr genau konstruiert werden? 

NH: Ich konstruiere nicht, ich schreibe meine Texte zügig runter. Am sanften Zwilling habe ich ein Jahr gesessen, ein halbes Jahr hat das Lektorat gedauert. Am Anfang brauche ich nur einen Baustein. Entweder einen Anfang oder einen Endpunkt, auf den alles hinausläuft. Die Figuren sind noch nicht fertig ausgebaut. Ich folge ganz intuitiv dem, was entsteht. Ich bin nicht kontrolliert und finde das auch gut  so. Das heißt, wenn ich in einem Café sitze und es regnet, wird ein Text ganz anders, als wenn ich zu Hause bin oder die Sonne scheint. Das verändert eine Geschichte natürlich nicht total, aber die Nuancen der Persönlichkeiten und ihrer Handlung schon.

dLis: In ihrem Roman geht es um Liebe und Abhängigkeit, um Schuld, Gier und Groll. Was ist das Hauptmotiv? Der erste Baustein? Ihr Ausgangspunkt? 

NH: Mir ging es um die Frage: Wie schuldfähig ist ein Kind? Kann ein Kind überhaupt Schuld auf sich laden? Und ist es gerechtfertigt, sich selbst oder einem anderen ein bestimmtes Verhalten in der Kindheit vorzuhalten.

dLis: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

NH: Ich glaube, rein objektiv ist ein Kind nicht schuldfähig. Aber das Kind selbst – in diesem Fall Stella wurde immer wieder mit der Konsequenz ihrer Schuld konfrontiert, bis sie irgendwann die Schuld als einen Teil ihrer Identität annahm. Obwohl sie natürlich selbst weiß, dass sie damals „nur“ ein Kind war und letztlich nichts dafür kann, was geschehen ist, konnte sich Stella von dieser Schuld nie ganz frei machen.

dLis: Ich habe über fast 400 Seiten mit Stella gelitten. Und am Ende weiß ich gar nicht, wie ist das Ende des Romans gemeint? Mir kam es trotz aller Tragik fast positiv und versöhnlich vor.

NH: Auf eine Art ist es das, ja. Aber dann auch wieder nicht. Mir war das Ende lange Zeit nicht klar, ich habe hin und her überlegt. Das Traurige im zweiten Teil ist ja, dass Stella Ivo missversteht. Der sucht Versöhnung. Sie glaubt, er will sie mit ihrer Schuld konfrontieren. Und am Ende, als Stella herausfindet, worum es Ivo ging, ist es zu spät, um sich mit ihm auszusprechen. Und ich denke, Stella wird es sehr schmerzen, dass sie Ivo so falsch eingeschätzt hat.

dLis: Ihr Roman ist zweigeteilt. Im zweiten Teil stellen Sie Ivo und Stellas Geschichte eine zweite Handlung zur Seite, die Geschichte einer Familie im Kaukasuskonflikt. Welche Funktion übernimmt der zweite Teil des sanften Zwilling?

NH: Ich wollte das persönliche Leid von Ivo und Stella in einen größeren Kontext setzen. Dem persönlichen Schicksal ein politisch allgemeines gegenüberstellen.

dLis: Es ist viel Psychologie im Spiel, haben Sie sich darauf intensiv vorbereitet, viel recherchiert?

NH: Das stimmt, aber das war gar keine Absicht. Ich verstehe nicht besonders viel von Psychologie. Ich habe mich nur auf die Menschen konzentriert. Ich wollte dass man sich beim Lesen mit den Personen identifizieren kann und ihre Position versteht.

dLis: Ihr Buch erzählt eine sehr drastische Geschichte, mit vielen Extremsituationen. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

NH: Ich denke, das ist vor allem aus Empathie und Mitgefühl so entstanden. Die extremen Positionen haben sich automatisch entwickelt, als ich die Personen entwickelt habe.

dLis: Sie sind sehr produktiv, schreiben Theaterstücke, inszenieren diese vielfach selbst, veröffentlichen Stücke, haben in kurzer Zeit zwei Romane geschrieben. Woher nehmen Sie die Inspiration?

NH: Ich bin wie ein Sieb und lasse das Leben und all die Geschichten durch mich hindurchfliessen. Andererseits würde ich nie ungefiltert eine eigene private Geschichte verwenden. Beim sanften Zwilling hat nur der Krieg in Georgien, für dessen Darstellung ich intensiv recherchiert habe, eine dokumentarische Funktion.

dLis: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute Abend!

Und Nino Haratischwili bedankt sich zurück, gießt sich noch einen Kaffee in den Becher und denkt nicht an die Preisverleihung heute Abend. Das tue ich für sie.

Independence Buchpreis 2011 für Nino Haratischwili

Foto: Julia Bürhle Nowikowa

Diese Frau muss man sich merken. Nino Haratischwili ist gerade mal 28 Jahre alt und hat doch bereits 14 eigene Theaterstücke auf deutsche Bühnen gebracht. Am Samstag Abend hat sie mit ihrem zweiten Roman Mein sanfter Zwilling die Hotlist 2011 geknackt und den Buchpreis der unabhängigen Verlage gewonnen – nachdem sie nach 2010 bereits zum zweiten Mal für die Shortlist nominiert war. Das Lesen ist schön hat noch vor der Preisverleihung am Samstag Mittag mit ihr gesprochen. Auf die Frage, was sie sich für Siegchancen ausrechnet, den Independence Buchpreis zu gewinnen, gibt sich Nino Haratischwili ganz bescheiden..

Heute LIVE von der Buchmesse: die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Nino Haratischwiili, Mein sanfter Zwilling: Mein Buch der Woche, denn die Geschichte eines erschütternden Familiendramas, einer verlorenen Kindheit und einer großen Liebe packt einen schon auf der ersten Seite.

Platz 2. Tschingis Aitmatow, Dshamilja: Die schönste Liebesgeschichte der Welt

Platz 3Walter Moers, Das Labyrinth der Träumenden Bücher: Weil ich Zamonien liebe!

Platz 4. Ferdinand von Schirach, Der Fall Collini: Wer die kurzen Sachen mochte, wird den Roman lieben!

Platz 5. Jostein Gaarder, Das Kartengeheimnis: Eine bewegende, philosophische  Reise!

Platz 6. Ethan Nicolle, Axe Cop: Der 29jährige Zeichner Ethan Nicolle zeichnet Comics, deren Figuren und Abenteuer sein 5jähriger Bruder Malachai erfindet. Der hat eine ziemlich ausgeprägte Phantasie und sich zum Beispiel den den axtschwingenden und dinosaurierköpfenden Helden Axe Cop und dessen Partner, dem Dinosaurier-Mensch-Hybrid Flute Cop ausgedacht. lesenswert, weil Kinder eine art von Phanatsie besitzen, die wir verloren haben. auch wenn sie irgendwie spunghaft und ungeordnet ist. am Rande des Wahnsinns fast. aber gleichzeitig auch absurd komisch.

Platz 7. Dennis Gastmann, Mit 80 000 Fragen um die Welt: Weil man wieder sieht wie verrückt die Welt oft ist!

Platz 8. Florian Schröder, Offen für alles und nicht ganz dicht. Hier hat ein Comedian ein Buch geschrieben. Aber ein gutes. Denn Schröders Humor ist schwarz und er kennt uns so gut, denn er ist einer von uns.

Platz 9.  Reisen macht glücklich und eigentlich ist die ganze Welt eine Reise wert. Eine besonders schöne lässt sich nach Peru unternehmen. Land der hohen Berge, des Regenwalds, des kühlen Pazifiks, der dünnen Luft und der Lamas. Der passende Guide für Peru stammt von Frank Herrmann und im Stefan Loose Verlag erschienen. Kaufen, Flug buchen, los fahren!

Platz 10. Walt Becker, Missing Link: Sciene Fiction oder Menschheitsgeschichte? Beckers Theorien erinnern stark an Erich von Däniken und sind bisweilen ähnlich skurril, aber Missing Link ist gelungener da hochspannender Abenteuerroman, der zum Nachdenken anregt.