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Von Jenachdemern und inneren Leseropportunisten

Seitdem ich ausgewählte Bücher regelmäßig bei Wein und Käse mit meinem Lesekreis bespreche, reflektiere ich mein Leseverhalten und muss mir eingestehen: Ich war und bin bisweilen eine recht opportunistische Leserin. „Ein Opportunist“, sagt Wilhelm Busch, „ist ein Jenachdemer“. So wähle ich Bücher oftmals je nach dem wie mein persönlicher Seelenzustand gerade aussieht oder ich lese sie je nach dem was mich gerade im Leben bewegt, auf ganz bestimmte Fragen fokussiert. Ich grase sie nach Lösungen für verzwickte Probleme ab. Ich suche nach Protagonisten, die ähnlich denken, wie ich selbst, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden und ähnliche Entscheidungen treffen müssen. Taucht in einem Buch eine Person auf, die ich aus meinem Leben zu kennen glaube, verfolge ich ihr Tun und Denken besonders aufmerksam und versuche aus der Romanhandlung Rückschlüsse auf das wirkliche Leben zu ziehen. Und ich befürchte, bei alledem überlese ich vieles, was mir eben gerade nicht in den eigenen Kram passt.

Foto: dtv

Kürzlich, als ich F. Scott Fitzgeralds autobiographisch geprägten Roman „Tender is the Night“ las, ging es mir ebenso. Die Dreiecksgeschichte eines Psychiaters, seiner geisteskranken Frau und einer jungen Filmschauspielerin kritisiert den dekadenten Lebensstil der in Europa lebenden amerikanischen Finanzaristokratie. Zu Beginn der Handlung wies der junge Dick Diver eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem Protagonisten meines Lebens auf. Entsprechend aufmerksam verfolgte ich sein Denken und Handeln. Und entsprechend begeisterte mich Fitzgeralds Roman – der obendrein auf seinen ersten 200 Seiten atmosphärisch eindrucksvoll zwischen Depression, Hedonismus und Heiterkeit schwankt. Irgendwann in der Mitte des Buches jedoch, als dem anfangs so souveränen Dick Diver die Fäden der Handlung aus den Händen gleiten, flaute mein Interesse an seiner Geschichte abrupt ab. Diesen Menschen kannte ich nicht, entsprechend unsanft lies ich die Romanfigur fallen.

Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Fitzgeralds Roman damit wirklich Unrecht tue, denn seine zweite Hälfte hielt auch atmosphärisch nicht, was der Anfang versprach und sein plötzliches Ende war lediglich mittels der verbleibenden Seitenzahlen erahnbar. Dennoch, auch wenn dieses Beispiel vielleicht nicht exemplarisch ist, so frage ich mich manchmal etwas leicht beschämt, wie vielen Büchern ich mit meinem Leseropportunismus bereits Unrecht getan habe. Wie viele Protagonisten ich missverstanden habe. Ob ich überhaupt erfasst habe, worum es in manchen von mir sehr geliebten Büchern geht. Oder ob ich stets durch meine Opportunistenbrille lese und meinen Lesestoff verkenne. Und ich befürchte, immer wenn mir ein Buch der Analyse meines Lebens dient, verfremde ich es.

Foto: Random House

Manchmal steht mir der Sinn auch gar nicht nach Analyse, manchmal suche ich schlicht Trost in meinem Lesestoff – je nach dem wie es um das Seelenheil meines inneren kleinen Lesers gerade bestellt ist. Immer dann, wenn mich mein Seelenleben, an meinen Gemütszustand im Alter von 15 erinnert, verhalte ich mich altergemäß und greife zum Jugendbuch, gerne zur klassischen Coming-of-age-Geschichte, wie dem wirklich großartigen schwedischen Roman „Populärmusik aus Vittula“ von Mikael Niemi, die Geschichte einer Jugend in der nordschwedischen Provinz der 1960er Jahre. Wahrscheinlich sind Bücher über pubertierende Jugendliche einfach besonders tröstlich, weil ihre Protagonisten so viel stärker unter den Unwegsamkeiten ihres Lebens leiden und sie dennoch vielfach besser meistern, als es den vermeintlich Erwachsenen gelingt. Obendrein mutet dieselbe traurige Liebesgeschichte, aus der Perspektive eines Mitdreißigers erzählt, schnell übertrieben oder kitschig an, während der 15-jährige, im Überschwang des ersten Liebesgefühls, verklären und sich selbst bemitleiden darf, ohne dabei lächerlich zu wirken. So gibt es sprachlich eindrucksvolle zeitgenössische Jugendliteratur über Liebesleid und Leidenschaft, aber wer bitte schreibt heute Literatur über 34-jährige mit Liebeskummer?

Doch zurück zu Mikael Niemi. Sein pupertierendes Alter Ego Matti kommt ganz ohne Dramen aus. Pragmatisch und zugleich unbedarft berichtet er von seiner Jugend in Tornedal, dem äußerst nördlichsten Zipfel Schwedens, und den eigenwilligen Sitten und Gebräuchen seiner Bewohner. Von Gottesfurcht und Rattenplagen. Von Saunagängen, Trinkwettbewerben und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Vor allem aber erzählt Matti die Geschichte seiner Freundschaft zum schweigsamen Niila und ihrer gemeinsamen Liebe zur Musik. Er beschreibt, wie es ihnen gelingt weit entfernt von Swinging-Sixties, Memphis und Liverpool den Geist der Zeit aufzuschnappen und allem Mitschüler-Spott zum Trotz ihre eigene idealistische Musiker-Individualität auszuleben. So ist „Populärmusik aus Vittula“ Trost ganz ohne Selbstmitleid und somit mal wieder ideal geeignet für meinen kleinen inneren Leseropportunisten. Oder ist ein Buch wie dieses vielleicht sogar geschrieben, um zu trösten? Vielleicht sollte ich das mal den Autor fragen. – Einstweilen empfehle ich zum Zwecke des Trostes den gleichnamigen Film ..