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Lesenswertes aus Island: Steinar Bragi, Frauen

Foto: Verlag Antje Kunstmann

„Ein verstörender Roman, der wie ein konventioneller Thriller beginnt und sich langsam in einen surrealen Albtraum verwandelt“, sagt Kristof Magnusson, selbst Schriftsteller und Übersetzter von Steinar Bragis Frauen, über das Buch und bringt es auf den Punkt.

Bragis Roman ist ein „Pageturner“, aber nicht nur das. Frauen ist auch eine intelligente Darstellung des bis heute andauernden Genderdiskurses, den Bragi mit drastischen Mitteln zuspitzt.

Die junge Eva kommt aus Amerika nach Island, um den Vater ihres toten Kindes zurückzugewinnen. Sie ordnet alles der Idee unter, wieder mit Hrafn zusammenzukommen. Das Leben ohne ihn erträgt sie nur im Rauschzustand. Wie besessen von der Idee der gemeinsamen Zukunft, bedrängt sie Hrafn aber so sehr, dass er sich endgültig von ihr abwendet. Dass Steinar Bragi eine ähnliche Situation erlebt haben muss, ist auf den Seiten, in denen Eva Hrafn um seine Liebe anfleht, spürbar. Der Autor bejaht es im Interview.

Und Eva ist hilflos, fällt ins Bodenlose und schlittert dabei immer tiefer in einen Zustand zwischen Resignation und Rausch, der es ihr nicht ermöglicht, auf sich selbst aufzupassen.

So erkennt sie die luxuriöse Penthouse-Wohnung in Reykjavik, die Eva in Abwesenheit ihrer Besitzerin hüten soll, viel zu spät als eine Falle. Ein in New York arbeitender isländischer Banker hatte Eva die Wohnung überlassen, nachdem sie ihm auf der Suche nach Sponsoren für eine Kunstperformance ihre Geschichte erzählt hatte. In der Wohnung wird Eva zur willenlosen Gefangenen. Sie findet sich als Teil eines perfiden Kunstprojektes wieder, in dem sie wider Willen die Hauptrolle spielt.

Bragi zeichnet eine Horrorvision. Bei all den Medienberichten über die Wolfgang Priklopils und Josef Fritzls dieser Welt war ich nicht so entsetzt wie bei der Lektüre der letzten 80 Seiten von Bragis Roman. Grauenvoll macht die Geschichte auch der vermeintlich intellektuelle Unterbau, den Bragi dem Kunstprojekt verleiht, das Eva ihrer Freiheit beraubt. Denn Eva ist nicht einfach das Opfer eines hemmungslosen Triebtäters – der sie aus Angst entlarvt zu werden – gefangen hält. Evas Peiniger ist vielmehr ein zeitgenössischer und ausgerechnet deutscher Künstler, Joseph Novak, der sein Handeln mit einer Ideologie legitimieren will.

Joseph Novak, den Eva selbst lange Jahre für seine Radikalität und seinen Mut bewundert hat, ist ein bekennender Frauenverachter. Von ihm stammen Sätze wie „Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt, weist er sie nur darauf hin, wo sie in der Gesellschaft steht.“

Novak propagiert Sexismus als Geisteshaltung. Die naturgegebene untergeordneten Rolle der Frau soll sein Handeln rechtfertigen. Und das schlimme daran ist: Ein einflussreicher Gegenwartskünstler genießt eine Vorbildfunktion, hat Bewunderer und Nacheiferer. Und seine Ideologie zimmert auch ihnen die vermeintliche Legitimation für ihr Handeln. Die Gefährlichkeit einer solchen Taten umgesetzten Ideologie haben zuletzt die Ereignisse von Oslo gezeigt.

Seine Position erörtert Novak auch freimütig in einem Interview, das Evas Peiniger ihr zu lesen gibt. Novak verbannt Frauen unter die Vorherrschaft der Männer ins Haus. Er führt aus, dass der Mann die Frau im Grunde hasst, weil sein stärkster Trieb, die Sexualität, nicht ohne die Frau auskommt. Und spricht sich selbst und alle Männer in einem Atemzug von der Verantwortung für die Unterdrückung der Frauen frei.

Und Novak scheut sich auch nicht, dem Interviewer eine bildliche Vorausschau auf sein Projekt „Frauen“ zu geben. Er zeigt seinem Interviewer ein Video dreier Frauen, das dieser in seinem Artikel beschreibt. Zwei der Frauen schlucken Tabletten. Die dritte geht umher und raucht. Doch Eva erkennt sich nicht als die dritte Frau. Stattdessen begehrt sie ein letztes Mal auf, versucht eine Flucht und scheitert.

Erst in diesem Moment, da ich als Leserin erkannte, dass die verbleibenden Seiten des Buches zusehends schrumpfen, ein zweiter erfolgreicher Fluchtversuch immer unwahrscheinlicher wird, erkennt auch Eva die Ausweglosigkeit ihrer Situation.

Spätestens in Erkenntnis dieser Ausweglosigkeit überkam mich als Leserin das Grauen und die Angst, selbst in die Fänge solcher Radikaler zu geraten. Und nach einer atemlosen Bahnfahrt, während der ich die letzten Seiten von Bragis Roman verschlungen hatte, nahm ich mir ein Taxi nach Hause, um nicht allein durch die Dunkelheit laufen zu müssen.

Foto: Verlag Antje Kunstmann

Ein paar Täge später, als sich das erste Grauen gelegt hatte, blieben Fragen an den Autor, die Steinar Bragi mir im Interview beantwortete:

Wie steht Steinar Bragi zu Ideologien? Wie ist seine Position in der hier radikal geführten Genderdiskussion? Und wie weit darf Kunst gehen?

Bragi gibt sich idealistisch. Auch er verweist auf Anders Breivik und nennt ihn als Beispiel, welch grauenvolle Folgen der Missbrauch von Ideologien haben kann.

„Beeing an Ideologue seem to be a predominantly male quality and can rach monstrous proportions as can be seen with the most terrorists, the Norwegian Breivik beeing the lastet example. The hated thi man has for feminists or Marxists, who he seems to regard as being synonymous with feminine, is no coincidence.“

Die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft sieht Bragi nicht in den Geschlechtern, sondern nennt sie Produkte ihrer Kulturgeschichte. Zugleich sieht in der dominanten Rolle des Mannes eine Ursache in den fortlaufenden Verfall unserer Gesellschaft.

„Male and feminine traits have nothing to do with the sexes and are mostly culturally generated. Our societies are collapsing because of the predominance of male qualities, not the least which is too much aggression, rewarding greed and anger, and an over-emphasis on rationality and Ideology, as opposed to caring, intuition – and balance.
When a nurse gets paid the same as an investment banker we´ll have a balanced society. Psychologically and economically. – And balance is the same as equality.“

Joseph Novak sieht Bragi als typisches Beispiel eines Künstlers, der einerseits eitel und auf die Wahrnehmung und Bewunderung durch die Außenwelt angewiesen ist, anderseits diese Abhängigkeit hasst und nicht für die Abgründe der Welt verantwortlich gemacht werden will. Denn so ein Künstler versteht sich selbst nur als Produkt seiner Umwelt, aus der er nicht ausbrechen kann.

„The psychology of artists is based on a great need for being approved and admired by others, while at the same time hating this dependency and wanting to dictate to others that actually they are the ones who are lacking. Or the world. For being so materialistic and vulgar. I´m quite good at transferring my faults onto the world, but he started it! This won´t alway be pretty and shouldn´t be.“

Eine Rechtfertigung für amoralisches Handeln kann die Kunst laut Bragi nicht liefern. Sein Anliegen ist es daher, mit Frauen, aufzurütteln und in unserer westlichen Gesellschaft zu mehr Verständnis und Liebe füreinander aufzurufen.

„My own justification for being amoral is this: I want to bypass the intellect of readers and move them to a greater understanding, and sympathy, with each other. Since most people, especially in the west, already hate themselves and thereby have difficulties in loving others, I feel this is a worthy task. – Best dealt with through violence and pain.
While proof-reading the paperback, I felt quite revulsed over some lines, and the overall cruelty. But it´s all necessary.“

Dieses Potenzial hat Frauen auf jeden Fall. Bleibt abzuwarten, ob Bragis Roman in Deutschland ebenso viele begeisterte Leser findet, wie in Island, wo er vom Publikum begeistert aufgenommen, von der Kritik euphorisch gelobt und für den Nordic Council Literaure Prize nominiert wurde.

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Mein Buch und Island-Roman der Woche: Steinar Bragi, Frauen. Denn Bragis Buch ist zugleich Thriller und Künstlerroman, die Geschichte einer gescheiterten Liebe und einer Resignation angesichts der eigenen Hilflosigkeit. Grauenvoll großartig.

Platz 2. Island, diesmal nicht neu, sondern wieder ausgegraben: Judith Herrmann, Kaltblau in: Nichts als Gespenster. Man beginnt zu ahnen, wie sich Island im Winter anfühlen mag. Denn Judith Herrmann lässt in der Island-Episode ihres zweiten Buches eine junge Mutter im isländischen Winter an ihrer Beziehung zweifeln, aber einer Versuchung widerstehen. Und auf wenigen Seiten gelingt es ihr, die Atmosphäre der Kälte und Dunkelheit vom Schauplatz der Handlung auf ihre Protagonisten zu übertragen.

Platz 3. Island: Das Hörspiel zu Arnaldur Indridasons Krimi Todesrosen. Denn die Ermittlungen von Kommissar Erlendur durchleuchten immer auch ein Stück weit die isländische Seele.

Platz 4. Nochmal Island: Tilman Spreckelsen und Kat Menschik, Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas. Denn Tilmans Spreckelsens Übersetzung macht die Isländer-Sagas auch in Deutschland lesbar und lesenswert. Kat Menschiks Illustrationen sind prachtvoll und eine Auswahl kann als Siebdrucke bestellt werden.

Platz 5Mark Z. Danielewski, Das Haus. Weil man es auf jeder zweiten Seite nicht fassen kann.

Platz 6. Denkanstöße 2011. Das Buch für den Sonntagmorgen ohne Sonntagszeitung oder die in Hamburg rar gesäten Feiertage, wenn keine Tageszeitung informiert. In den Denkanstößen liest man Politisches wie Philosophisches, Naturwissenschaftliches und in diesem Jahr auch Musikalisches.

Platz 7. Das Hörbuch zu Daniel Glattauer, Alle sieben Wellen. Andrea Sawatzki und Christian Berkel als Emmy und Leo kann man stundenlang zuhören

Platz 8. Henri Charrière, Papillon. Denn die siebte Welle heißt Lisette und trägt den Helden des Romans auf einem Fass voller Kokusnüsse von der Teufelsinsel in die Freiheit.

Platz 9. Stéphane Hessel, Engagiert Euch! Nach Empört Euch jetzt der Aufruf zu mehr Engagement. Ein lesenswertes Interview.

Platz 10. Ein letztes Mal Island. Zur Buchmesse veröffentlicht derzeit beinahe jede Zeitung oder Zeitschrift eine Literaturbeilage. Eine sehr lesenswerte da umfangreiche und informative ist die Zeit Literatur, die Beilage der Zeit von dieser Woche. Am Kiosk.

In einer Woche startet die Frankfurter Buchmesse. Ehrengast in diesem Jahr ist Island.

Foto: Tide – Treibholz und Feinkost

Zugegeben im ersten Moment erschien mir der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse eine eher ausgefallene Wahl zu sein. Hatte ich doch unter Island bis zu meiner Recherche für diese Seite nur Asche speiende Vulkane, kollabierende Banken und eine eigenwillige Sängerin schräger Töne abgespeichert. Zum Thema Schriftstellerei und Island fiel mir wenig ein.

Doch damit stehe ich vermutlich nicht alleine. Wie viele Bücher isländischer Autoren hat Otto-Normal-Leser vor diesem Bücherherbst gelesen? Die Kriminalromane um Kommissar Erlendur Sveinsson von Arnaldur Indridason? Vielleicht. Die naturspirituellen Werke des Björk-Lied-Texters Sjón? Schon unwahrscheinlicher. Den sozial- und politikkritischen Roman „Atomstation“ von Islands Nobelpreisträger Halldór Laxness? Wohl eher nicht. Zu lange her. Augenscheinlich wird es Zeit, dass wir unser nordeuropäisches Nachbarland als Ehrengast auf unserer wichtigsten Buchmesse begrüßen.

Denn die Frankfurter Buchmesse mit ihren 7.400 Ausstellern und nahezu 300.000 Besuchern ist ganz großer Bahnhof. Allein der deutschsprachige Markt bietet fast 100 Millionen potenzielle Leser. Und mit dem Ehrengastauftritt kommen jetzt rund 200 neu übersetzte isländische Bücher in die deutschen Buchhandlungen. Darunter 80 Romane, Kurzprosa- und Lyrikbände, 20 Anthologien, sowie eine fünfbändige Neuausgabe der Isländersagas. Außerdem eine Vielzahl an Sachbüchern zur Geschichte, Politik, Sprache und Kultur Islands. Eine enorme Entwicklung, im Jahr 2000 waren gerade einmal neun isländische Titel ins Deutsche übersetzt worden.

Und bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Island dann auch als geradezu prädestiniert für den Auftritt auf der großen Bühne. Ist die isländische Literaturszene doch alles andere als eintönig. Angefangen mit der Edda (zweier Bände skandinavischer Götter- und Heldensagen) und den Sagas (der frühen Prosa des Mittelalters) mit ihren Göttern und Fabelwesen bis hin zur zeitgenössischen Belletristik bietet die Literaturgeschichte des nordeuropäischen Inselstaates sehr viel Lesenswertes.

Und gemessen an seiner Einwohnerzahl hat Island gar die weltweit größte Dichte an Literaten. Denn statistisch betrachtet schreibt jeder vierte Isländer in seinem Leben zumindest einen Roman oder Gedichtband. Und seit 1955 ist Island auch das Land mit der größten Literaturnobelpreisträger-Dichte weltweit.

Foto: Tide – Treibholz und Feinkost

Aus diesem Grund stellt das Lesen ist schön in den nächsten Tagen eine Auswahl der lesenswertesten Neuerscheinungen isländischer Bücher in deutscher Sprache vor. Darunter:

Steinar Bragi, Frauen: Ein verstörender Thriller. Eine junge Künstlerin reist dem Vater ihres toten Kindes nach Island hinterher, hütet in Reykjavík ein Luxusapartment, wird von ihrer großen Liebe zurückgewiesen, versinkt in Depression und Sucht und erkennt zu spät,  dass sie in eine Falle gelockt wurde.

Huldar Breidfjörd, Liebe Isländer: Eine Auszeit im isländischen Winter. Ein junger Reykjavíker kauft sich einen Jeep und fährt zwei Monate durch die entlegensten Winkel seines Heimatlandes, trifft die verschiedensten Menschen und findet ein Stückchen zu sich selbst.

Einar Már Gudmundson, Vorübergehend nicht erreichbar: Ein Buch wie eine Sitzung der anonymen Alkoholiker. Die Liebesgeschichte zweier Süchtiger, die einander Hoffnung und Kraft geben, gesund zu werden. Und eines Autors, der sich in seinen eigenen Roman mit hineinschreibt.

Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1.000 Grad: Die 80jährige Herbjörb lebt mit ihrem Laptop und einer alten Handgranate in einer Garage, surft durchs Internet und erinnert sich an ihr bewegtes Leben. Eine skurrile Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhundert vom Autor von 101 Reykjavík.

Andri Snaer Magnason, LoveStar: In einer Welt, in der ein Konzern den Tod vermarktet und die Liebe organisiert, leistet ein junges unerschrockenes Paar Widerstand und rettet eine Liebe, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Steinunn Sigurdardottír, Der gute Liebhaber: Nach 17 Jahren kehrt ein Mann zum Haus seiner ersten Liebe nach Island zurück, erkennt dass er zu spät kommt, geht wieder und landet im Haus einer anderen. Ein Buch über die mitunter mühsame Suche nach Liebe.

Göran Tunström, Der Mondtrinker: Der Ich-Erzähler Pétur erinnert sich an seinen plötzlich verstorbenen Vater Halldór. Eine Kindheit in Island und eine außergewöhnliche Vater-Sohn-Beziehung.

– Herzlichen Dank an Tide – Treibholz und Feinkost für die wunderschönen Island-Bilder! –