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Kurzfristiger Media Overload – Manchmal macht Lesen krank

An sich gehöre ich zu den Menschen, die sich bei jeder fünfminütigen innerstädtischen Busfahrt ins Lesen stürzen. Ständig trage ich zumindest ein Buch, eine Tageszeitung oder eine Zeitschrift bei mir. Ich lese im Stau, im Skilift und in jeder noch so kurzen Wartezeit. In Ermangelung anderer Lektüre lese ich die Texte auf den Verpackungen von Haarshampoos und Fertiggerichten. Ich lese jedes Straßenschild und jede kostenlose Postkarte.

Und ebenso halte ich es mit anderen Medien. Im Auto höre ich Radio oder Hörbuch, an der Ampel checke ich E-Mails, Twitter-News oder tippe SMS, beim Laufen höre ich Musik, während ich koche, sehe ich Nachrichten und zum Einschlafen amerikanische TV-Serien. Und sogar in die Sauna habe ich schon Bücher mitgeschleppt.

Ständig konsumiere ich Medien. Und seit neuestem gestalte ich in der wenigen freien Zeit, die neben Arbeit und diesen allgegenwärtigen multimedialen Mahlzeiten noch bleiben, selbst ein Medium. Da war es wohl nur eine Frage der Zeit bis zum ersten Media Overload.Der suchte mich heute heim.

Aber was meine ich überhaupt, wenn ich von Media Overload spreche? Typisches Symptom: Die Verweigerung jeder Mediennutzung, ich gebe mich gänzlich medienresistent. Weitere Symptome: Hyperaktivität, Melancholie, Langweile und universelle Unzufriedenheit. Kurz gesagt macht mich der Media Overload zu einem unerträglichen Zeitgenossen.

Über die konkrete Ursache kann ich nur spekulieren: Der Herbsteinbruch mag mitschuld gewesen sein. Wenn man an einem Wochenendmittag Ende Oktober erwacht, die drei Sonnenstunden des Tages bereits verschlafen hat und die Wetteraussichten der nächsten fünf Monate ziemlich genauso so grau sind, wie das Nieselregeneinerlei vor dem Fenster, verstimmt das zugegebenermaßen die innere Sonnenanbeterin etwas.

Meine Vorliebe fürs Nachtbloggen mag auch seinen Anteil beigetragen haben. Es mag nicht schaden, auch mal eine Tages- oder Nachtzeit ganz ohne Newsrecherche, Buchbesprechung oder Artikelverfeinerung für die eigenen Blogeinträge zu verbringen. Ich tue es aber doch so gerne..

Und es war womöglich auch nicht gerade hilfreich als filmische Untermalung eines solchen Herbstwochenendes ausgerechnet Lars von Triers Weltuntergangsdepressionsdrama Melancholia oder den Joe Wrights ebenso brutalen wie destruktiven Film um die kindliche Killerin Hanna auszuwählen. Wessen Idee war es nochmal, diese Filme anzusehen?

Viel wichtiger als der Auslöser meines heutigen Media Overloads ist ja auch eigentlich das Gegenmittel, die Medizin. Was hilft bei einem plötzlichen und heftigen Ausbruch? Das zum Glück ist kein Hexenwerk. Gegen Media Overload hilft jegliche Form der körperlichen Anstrengung. Marathonlauf. Besteigung eines Zweitausenders. Ärmelkanaldurchschwimmung. Oder in meinem Fall etwas tiefer gestapelt: Von Kopf bis Fuß in Funktionskleidung gehüllt, dem Niselregen trotzend zwei Stunden am Elbstrand entlang rennen. Das Hirn durchlüften. Alle Schichten durchschwitzen.

Das funktioniert garantiert und hilft sofort. So gut, dass ich nach einer Stunde Elbstrandrennen bereits wieder zum ipod griff und mir von Dirk Bach Walter Moers‘ Stadt der träumenden Bücher vorlesen lies – zur Einstimmung auf den neuen Walter Moers. Die Fortsetzung. Denn so schwerwiegend mir der Overload auch vorkam, so schnell verschwindet er bei richtiger Behandlung auch wieder. Und zurück bleibt ein glücklicher Medienjunkie.

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Jeffrey Eugenides, Liebeshandlung: Denn es ist unterhaltsam, wie der Autor versucht, als 50-Jähriger aus der Perspektive einer 22-jährigen College-Studentin zu schreiben. Da fallen dann zwar mal Sätze, wie „sie fragte sich, warum alle so gemein zu ihr waren“, aber der geneigte Leser darf Madeleine auch in ihre ersten Literaturseminare (Semiotik u.a.) begleiten und das ist fast ein bisschen so, als würde man Derrida und Kollegen noch mal neu kennenlernen.

Platz 2Asfa-Wossen Asserate, Draußen nur Kännchen: Weil der Autor, ein äthiopischer Prinz, der vor Jahren schon mit seinem ersten Buch Manieren in meinem Regal landete, ein besonderes Portrait seiner deutschen Wahlheimat zeichnet

Platz 3. Jan Brandt, Gegen die Welt: Denn stammen wir nicht alle irgendwoher aus der deutschen Provinz?

Platz 4. Alex Capus, Léon und Louise: Nicht unbedingt wegen der Geschichte empfehlenswert, denn die ist nicht neu. Aber diese Sprache… – von einfacher Klarheit und doch bezaubernder Poesie. In der Grauzone zwischen Roman und Dokumentation. Lesen!

Platz 5. Benno Pludra, Bootsmann, Lütt Matten und all die anderen – Die schönsten VorlesegeschichtenWeil dieses Buch verzaubert. In poetischen Erzählungen verwandelt sich der Autor in einen Märchenerzähler, lässt Tiere sprechen und Steine Wundersames vollbringen, so dass man sich am Ende verträumt die Augen reibt.

Platz 6. Banksy, Wall and Piece: Allein schon wegen des Zitats eines Metropolitan Police Sprechers auf der Rückseite: „There’s no way you’re going to get a quote from us to use on your book cover“ – ganz zu schweigen von den genialen Bildern

Platz 7. Josef BierbichlerMittelreichDas Hörbuch. Vom Autor gelesen. Denn Bierbichler ist Schauspieler und seine Lesung köstlich.

Platz 8. Walter Moers, Die Stadt der träumenden Bücher. Das Hörbuch. Gelesen von Dirk Bach: So stimme ich mich auf Walter Moers‘ neues Buch ein.

Platz 9. Heike Koschyk, Die Alchemie der Nacht: Denn die Autorin liest nicht nur live wunderbar vor und erinnert stimmlich an Ruth Maria Kubitschek, sondern ihr Buch ist auch eine gelungene Kombination aus sorgfältigst recherchierter Wissensvermittlung über das 18. Jahrhundert und einem spannenden Kriminalfall.

Platz 10. Peer Steinbrück, Unterm Strich: Denn der Autor versteht wovon er spricht und bringt es auf den Punkt.

Heute LIVE von der Buchmesse: die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Nino Haratischwiili, Mein sanfter Zwilling: Mein Buch der Woche, denn die Geschichte eines erschütternden Familiendramas, einer verlorenen Kindheit und einer großen Liebe packt einen schon auf der ersten Seite.

Platz 2. Tschingis Aitmatow, Dshamilja: Die schönste Liebesgeschichte der Welt

Platz 3Walter Moers, Das Labyrinth der Träumenden Bücher: Weil ich Zamonien liebe!

Platz 4. Ferdinand von Schirach, Der Fall Collini: Wer die kurzen Sachen mochte, wird den Roman lieben!

Platz 5. Jostein Gaarder, Das Kartengeheimnis: Eine bewegende, philosophische  Reise!

Platz 6. Ethan Nicolle, Axe Cop: Der 29jährige Zeichner Ethan Nicolle zeichnet Comics, deren Figuren und Abenteuer sein 5jähriger Bruder Malachai erfindet. Der hat eine ziemlich ausgeprägte Phantasie und sich zum Beispiel den den axtschwingenden und dinosaurierköpfenden Helden Axe Cop und dessen Partner, dem Dinosaurier-Mensch-Hybrid Flute Cop ausgedacht. lesenswert, weil Kinder eine art von Phanatsie besitzen, die wir verloren haben. auch wenn sie irgendwie spunghaft und ungeordnet ist. am Rande des Wahnsinns fast. aber gleichzeitig auch absurd komisch.

Platz 7. Dennis Gastmann, Mit 80 000 Fragen um die Welt: Weil man wieder sieht wie verrückt die Welt oft ist!

Platz 8. Florian Schröder, Offen für alles und nicht ganz dicht. Hier hat ein Comedian ein Buch geschrieben. Aber ein gutes. Denn Schröders Humor ist schwarz und er kennt uns so gut, denn er ist einer von uns.

Platz 9.  Reisen macht glücklich und eigentlich ist die ganze Welt eine Reise wert. Eine besonders schöne lässt sich nach Peru unternehmen. Land der hohen Berge, des Regenwalds, des kühlen Pazifiks, der dünnen Luft und der Lamas. Der passende Guide für Peru stammt von Frank Herrmann und im Stefan Loose Verlag erschienen. Kaufen, Flug buchen, los fahren!

Platz 10. Walt Becker, Missing Link: Sciene Fiction oder Menschheitsgeschichte? Beckers Theorien erinnern stark an Erich von Däniken und sind bisweilen ähnlich skurril, aber Missing Link ist gelungener da hochspannender Abenteuerroman, der zum Nachdenken anregt.