Schlagwort: Wir haben keine Angst

Nina Pauer, der Social Sitter und ein neues Buchprojekt

Nina Pauers Erstlingswerk  hatte das Lesen ist schön ja bereits im Oktober vorgestellt. Vor zwei Wochen habe ich die Autorin von „Wir haben keine Angst“ jetzt persönlich getroffen – bei einer Lesung in ihrer Hamburger Heimatbuchhandlung Cohen&Dobernigg.

Im anschließenden Gespräch wird mir klar, auch wenn die These ihres Buches auf den ersten Blick zu drastisch klingt, um wahr zu sein, Nina Pauer ist sich ihrer Position sicher: Ihre Generation – die der heute um die 30jährigen – fühlt sich oft überfordert von den unbegrenzten Möglichkeiten, die ihnen der Wohlstand der deutschen Akademiker-Mittelstandselternhäuser bietet, in die sie hinein geboren sind. Denn sie hat bei den Vorbereitungen für ihr Buch nicht nur in sich selbst hineingehört, sondern auch Freunde und Bekannte interviewt und sich so manche Therapiesitzung schildern lassen.

Fazit ihrer Ermittlungen: Eine wichtige Rolle bei der großen Verunsicherung spielt auch das Doppelleben in sozialen Netzwerken, das beinahe jeder von uns heute führt. Im Feuilleton der Zeit zeichnet Nina Pauer dieser Tage ein Online-Zukunftsszenario, das die Besorgnisse ihrer Generation auf die Spitze treiben dürfte: Vorgestellt wird die Social Sitter App, die Urlaubsvertretung auf Facebook oder, wie Nina Pauer schreibt, „das digitale Lottchen“.

Das Konzept zur App stammt von der Werbeagentur Kolle Rebbe und ist angeblich die ideale Antwort auf die Frage: Wer vertritt mich im Netz, wenn ich mal gerade leben muss? So übernimmt die App wahlweise für einen Tag oder mehrere Wochen tatsächlich die Profilbetreuung des abkömmlichen Kontoinhabers, kommentiert stellvertretend Beiträge, betätigt den „Gefällt mir“-Button oder lädt Videos auf der Profilseite hoch.

Die Begeisterung der Facebook Community hält sich zwar derzeit noch in Grenzen – lediglich 100 Fans haben die App bisher „geliked“. Gruselig klingt es jedoch allein die Vorstellung, dass einige von uns in naher Zukunft womöglich eine App engagieren, um ihren lückenlosen Onlinelebenslauf zu sichern. Nina Pauer sieht das ebenso. Aus diesem Grund wird „das Online-Ding“, wie sie mir im Gespräch verrät, Thema ihres nächsten Buches sein. Da musste ich sogleich genauer nachfragen:

das Lesen ist schön (dLis): Nina, wie hältst Du es selbst mit dem Online sein? Bist Du reif für den Social Sitter?

Nina Pauer (NP): Ehrliche Antwort? Manchmal wünsch ich mir grad schon eine Pause vom ewigen Bespielen-Müssen dieser virtuellen Sphäre. Ich würde mir allerdings keinen Online-Sozialsitter buchen wollen, sondern eher gerne die Fähigkeit haben, das Ganze mal kurz ruhen zu lassen. Die Erfahrung zeigt ja, dass die Welt wider Erwarten gar nicht untergeht, wenn man das Handy mal ausstellt oder einen Tag offline bleibt. Trotzdem hat man das Gefühl, immer präsent sein zu müssen.

dLis: Wie wichtig ist Dir und Deiner Generation das Online-Image tatsächlich? Und hast Du das Gefühl, ein Großteil Deiner Bekannten bildet sich seine Meinung über Dich online?

NP: Ich glaube, es wird insgesamt schon sehr genau wahrgenommen, wie man sich online so gibt und darstellt und benimmt. Aber wirklich ausschlaggebend für die Meinung der besten Freunden und engeren Bekannten ist es nicht, was dort passiert, für diese Menschen zählt vor allem noch das Auftreten im „wirklichen“ Leben. Ich finde bei Facebook geht es vielmehr um das Gefühl zwischen dem „analogen“ Ich und seiner eigenen virtuellen Kopie. Sprich: Wir sind es vor allem selbst, die sich da verrückt machen. Definitiv ein Thema furs nächste Buch!

Wir sind gespannt!

Haben wir Angst? – Die Generation Nina Pauer

Foto: S. Fischer Verlag

„Wie aus der Generation Golf die Generation Angst wurde“, schreibt die FAZ. „Kein Mut nirgends“ bringt es jetzt.de auf den Punkt. „Uns gehts nicht gut“ betitelt es das Missy Magazin. In allen möglichen Kulturteilen aller möglicher Zeitschriften und Tageszeitungen blitzte mir in den letzten Wochen ein Thema entgegen. Die Generation der in den 1980ern geborenen entsendet erstmals geballt ihre Botschafter in den deutschen Bücherherbst. Und die schreiben bevorzugt über die verflixt komplizierte Seelenlage ihrer Generation.

Eine Handvoll Intellektueller, die die üblichen Probleme junger Städter zur Psychose einer Generation hochstilisieren, dachte ich mir. Um was für verrückte Probleme mag es da gehen, fragte ich mich. Und kaufte mir das Buch der jungen Autorin, die mir am häufigsten begegnet war: Nina Pauer, freie Journalistin für ZEIT Feuilleton und ZEIT Magazin und Verfasserin von „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“.

Und ich stellte sehr schnell fest, Anna und Bastian, um die 30, die beiden grundverschiedenen Protagonisten in Pauers Buch sind mir gar nicht so unähnlich. Nur zu gut kenne ich Annas Gefühl des Hamsters, der im Agenturalltagsrad feststeckt, der tags und nachts und wochenends schuftet, seine Freunde und Familie vernachlässigt, und irgendwann völlig entkräftet und deprimiert vom Stängel kippt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf die banale Frage, wie es einem geht, in Tränen auszubrechen. Und ich kenne die Erkenntnis, dass die beinahe 30 Jahre ältere Mutter körperlich wesentlich fitter ist als man selbst. Aber auch Bastians Seite ist mir vertraut: Die Gunst des freien Studentenlebens nicht nutzen zu können, sondern durch die Option der Freiheit unangespornt in Lethargie zu versinken.

Zum Hineinversetzen prägnant zeichnet Nina Pauer das Portrait einer Generation, der es doch eigentlich so gut gehen müsste, wie keiner anderen zuvor, die stattdessen aber – wie im Fall von Anna und Bastian – auf dem Therapiesessel des Therapeuten Herrn G. landet. Dabei haben die Annas und Bastians dieser Welt keine Kriege erlebt, nie Hunger gelitten, sondern hatten von klein auf eigentlich alles. Sie sind vielfach im mittelständischen Wohlstand deutscher Bürgerlichkeit aufgewachsen. Haben eine gute Schulbildung genossen, sprechen mehrere Sprachen, haben studiert, waren im Ausland. Und bei alledem haben ihre Eltern ihnen immer vermittelt: Sucht Euch Euren eigenen Weg!

Diese Chance zur Selbstverwirklichung ist jedoch genau das Dilemma der Generation Nina Pauer. Aus dem Topf der unbegrenzten Möglichkeiten schöpfen die Annas und Bastians nämlich keinesfalls Selbstsicherheit, Glück und Lebensfreude, sondern zunehmende Verunsicherung und Angst.

Nina Pauer sagt, ihrer Generation gehe es eigentlich gut, sie habe eben nur fünf große Ängste: Die Angst unvermittelt von der Karriereleiter zu kippen und im beruflichen Nirgendwo zu verschwinden. Die Angst, in der Liebe zu viele Kompromisse einzugehen und sich an den erstbesten potenziellen Lebenspartner zu verschwenden. Die Angst erwachsen zu werden und vor dem Versorger-Rollentausch von Eltern und Kindern. Die Angst, im Gewimmel der virtuellen Freunde die richtigen und wichtigen Seelenverwandten aus den Augen zu verlieren. Und die Angst vor dem eindeutigen politischen Statement.

Und natürlich sind diese Ängste nachvollziehbar. Die Medienbranche, die typische berufliche Heimat der Annas und Bastians, bietet nicht gerade die Absicherung einer deutschen Beamtenlaufbahn. Die Halbwertszeit der deutschen Beziehung hat sich in den letzten 30 Jahren vermutlich halbiert. Das Rundumpaket an finanzieller und emotionaler Verpflegung, dass unsere Eltern uns quasi als „Flatrate“ seit Geburt zur Verfügung stellen, hat uns verwöhnt und auch ein wenig verweichlicht. Die schöne neue Facebook-Welt lenkt uns vom wirklichen Leben ab und das politische Statement ist tatsächlich unpopulär. Es geht uns einfach zu gut, als dass wir uns ernsthaft für eine politische Idee engagieren.

Dementsprechend lassen sich die Nöte von Anna und Bastian auch nicht einfach wegtherapieren. Die Generation Nina Pauer wird wohl auch in Zukunft permanent glücklich und unglücklich zugleich sein. Und das Buch begnügt sich einstweilen mit dem Fazit eines Etappensieges: Generationstherapeut Herr G. lobt Anna und Bastian am Ende des Buches für ihren Fortschritt. Denn „Thematisierung ist der erste Schritt zur Heilung.“ Das dachte sich wohl auch Nina Pauer als sie dieses in jeder Hinsicht polarisierende aber durchaus auch diskussionswürdige Generationsportrait verfasste.

Mein Fazit ist unterdessen optimistischer: Denn trotz meiner Seelenverwandtschaft mit Anna und Bastian, fühle ich mich nicht reif für den Therapiesessel. Natürlich kenne ich die kleinen Ängste des Alltags. Insbesondere mit leerem Magen zweifle ich manchmal an der ganzen Welt. Aber ebenso gut kenne ich auch die großen und kleinen Trostpflaster und Kraftspender, die meine Laune verlässlich vom Nullpunkt ins Stimmungshochgebirge versetzen. Diese Notfallmaßnahmen helfen zuverlässig – und so ist mein persönliche Résumé: Ich habe keine Angst!

Die Lesenswertliste der Woche

Platz 1. Josef Bierbichler, Mittelreich: Mein Buch der Woche, weil es ein Stück Geschichte meines Zuhauses erzählt.

Platz 2. Nina Pauer, Wir haben keine Angst: Weil ich wissen will, wie verquer meine Generation ist.

Platz 3Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Es ist phantastisch, wie viele Anregungen dieses Buch gibt, sich und die Welt in der man lebt, neu zu begreifen.

Platz 4. Tommie Bayer, Das Aquarium: Weil Bayer einer der wenigen zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren ist, der erotische Spannung auf hohem literarischen Niveau erzeugen kann.

Platz 5. Patricia McCormick, Verkauft: Weil es sehr direkt, ehrlich, realistisch und oft schockierend die Geschichte von Lakshmi in Nepal beschreibt. Manchmal habe ich Stellen nochmal gelesen, weil ich gar nicht glauben konnte, was dort stand und passiert ist.

Platz 6. William Gibson, Neuromancer: Weil es mit dem Cyberpunk die Zukunft voraussehen wollte, die heute schon Vergangenheit ist.

Platz 7. Patrick Rothfuss, Die Furcht des Weisen, Teil 1: Weil ich auf dieses Buch seit Monaten warte!!!

Platz 8. Jan Philipp Sendtkner, Das Herzen-hörenWeil es mir ein besseres Gefühl für Burma gibt, als jeder Reiseführer das könnte, und ich bald nach Burma reise.

Platz 9. Kenneth Rogoff, Dieses Mal ist alles anders: Weil acht Jahrhunderte Finanzkrisen alles andere als langweilig sind.

Platz 10. Stephen Hawking, Der große Entwurf: Weil Hawking ein lesbarer Fachautor ist, der spannend, differenziert, fachlich anspruchsvoll und doch gut lesbar über Naturwissenschaften bis hin zu philosophischen Betrachtungen schreibt, ohne anstrengend zu sein.